Ein Reisebericht des Leiters der Abteilung "Kulturelle Fragen" des KDS


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Ho Chi Minh

Zu Beginn des Jahres 2006 besuchte ich die Sozialistische Republik Vietnam. Die Begeisterung für den tapferen nationalen Befreiungskampf des fleißigen Bauernvolkes unter Onkel Ho und General Vo Nguyen Giap (dem schlichtweg größten Strategen des antiimperialistischen Volkskrieges, den ein Kamerad einmal den "Rommel des Ostens" nannte, und dessen Ideen auch heute von den Patrioten etwa des Irak und Venezuelas als Bezug genannt werden) hatte mich zur Beschäftigung mit Kultur und Geschichte des Landes geführt und irgendwann stand der Entschluß, selbst einmal dorthin zu fahren.

Ein ehemaliger Klassenkamerad hatte mir brauchbare Einblicke in die Sprache gegeben, den Rest hatte ich mir mithilfe von Büchern und Kassetten selbst angeeignet. Schließlich möchte ich in einem fremden Land (auch als Tourist) den Menschen zeigen, daß ich ihre Kultur respektiere - wie ich es natürlich umgekehrt auch von Ausländern in Deutschland erwarte, aber das ist ein anderes Thema...

Meine wichtigsten Eindrücke möchte ich an dieser Stelle wiedergeben. Zuerst sind Touristen natürlich Freiwild, allgemein sind Ausländer nur mäßig beliebt - allerdings bringen sie Geld (anders als bei uns…), das ist ein Vorteil. Vor allem gehen sie auch wieder nach Hause! Nicht, daß Vietnamesen unfreundlich wären, ganz und gar nicht. Allerdings wird viel gelästert über die "Mui dai" ("Langnasen") und "Tây ba-lô" ("Rucksackwestler"). Vor letzterer Sorte werden die jungen Vietnamesinnen gewarnt: eine verbreitete Karikatur zeigt das schlanke, hübsche Mädchen und den Westler mit vollem Rucksack, im Folgebild den davoneilenden Westler mit leerem Rucksack, dafür das Mädchen mit dickem Bauch. Bei uns wäre dergleichen, mit einem Schwarzen als "Täter" und einer deutschen Frau, vermutlich bereits Volksverhetzung...

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Die vietnamesiche Währung: Vorder- und Rückseite

Die asiatische höflich-distanzierte Art weicht einer aufrichtigen und herzlichen Freundlichkeit, sobald man nur über einige Vietnamesischkenntnisse verfügt (damit werden auch plötzlich alle Waren viel, viel billiger...) und gewisse Anstandsregeln beachtet. Die dann zu erlebende Gastfreundschaft sucht vielleicht weltweit ihresgleichen, ist man erst einmal als Freund einer Familie akzeptiert, gibt es keine Rettung mehr vor Einladungen zu allerlei Festmahlen und Besäufnissen, wobei anzumerken ist, daß Alkoholismus tatsächlich eine Volksseuche darstellt, damit zusammenhängend Spielsucht und Gewalt gegen Frauen (wenn die Ehefrau sich etwa weigert, ihrem betrunkenen Gatten Geld für die Karaoke-Bar zu geben u.ä.). Darin liegt, wie ich erfahren konnte, der Hauptgrund, daß sich viele Mädchen nach einer Heirat mit europäischen Männern sehnen, denen allgemein ein höherer Respekt gegenüber der Damenwelt nachgesagt wird. Das Finanzielle spielt dabei eine eher geringe Rolle, zumal der durchschnittliche Lebensstandard gar nicht so übel ist. Natürlich darf bei dergleichen Überlegungen nicht allein nach dem Einkommen gegangen werden (ein häufiger Fehler), sondern vor allem nach den Lebenshaltungskosten. Mieten, Nahrungsmittel usw. sind spottbillig, und so mancher Gesprächspartner mußte aufhören, uns Deutsche für reich zu halten, wenn ich nur die Preise für Mieten, Strom, Speisen oder Fahrscheine zu den Löhnen in Beziehung setzte. Welcher deutsche Normalverdiener kann schon früh und mittags essen gehen? In Vietnam nicht unüblich.

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Abgeschossener US-Bomber

Hauptsächlich war ich in Hanoi, wo ich von einem Bekannten jeden Tag auf dem Moped umhergefahren wurde. Überhaupt war alles voll von Mopeds, und daß es kein pausenloses Chaos gab, konnte ich mir nur mit der asiatischen Rassenseele erklären, welche weitaus mehr gemeinschaftsorientiert ist als die westliche. Wir besuchten das Ho Chi Minh - Mausoleum, welches am Leningrabmal in Moskau angelehnt ist, allerdings deutlich gewaltiger. Nicht mein Fall, übrigens auch gegen den Willen Onkel Hos gebaut worden, der seine Asche über die drei Teile seines Landes verstreut wünschte und jeden Begräbnispomp ausdrücklich ablehnte. Spannender war da schon das Militärmuseum, welches gleich einen ganzen Berg abgeschossener US-Terrorflieger zeigte und mich mit zahlreichen ergreifenden und schockierenden Bildern des Krieges zu bewegen vermochte. Kriegskrüppel sind übrigens recht häufig zu sehen. Schön waren natürlich vor allem die traditionellen Bauten, sowie einige der französischen Kolonialzeit, welche mit den schmalen Hanoier Häusern gut zusammenwirkten. Wirklich, eine großartige und aufregende Stadt!

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Bei einem alten Soldaten daheim

Weiterhin hatte ich das große Glück, zwei alte, hochdekorierte Soldaten von Dien Bien Phu, jener Schlacht, die das Ende der französischen Herrschaft bedeutete, kennenzulernen. War die erste Bekanntschaft eher distanziert ("Darf ich ein Foto machen?" "Sind sie Franzose?" "Nein, Deutscher." "Nun, von mir aus"), so die andere umso schöner. Denn der ältere Herr hatte mich auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt und zu sich eingeladen. Er war erfreut, einmal einen Deutschen zu treffen, der starke Sympathien für den Befreiungskampf Vietnams hatte. Bei den wichtigsten Themen, wie Antikapitalismus, Antiimperialismus und Vaterlandsliebe herrschte eine bemerkenswerte Übereinstimmung. Leider war es aufgrund meiner kurzen Aufenthaltsdauer nicht möglich, diese Bekanntschaft weiter auszubauen. Hoffentlich gibt es noch einmal eine Gelegenheit dazu. Ich jedenfalls werde diesen alten patriotischen Kämpfer nicht mehr vergessen.

Erwähnenswert ist vielleicht auch ein anderes Erlebnis. Mein Begleiter hielt mit mir vor der kubanischen Botschaft, und wir setzten uns an einen Stand, um Tee zu trinken. Ein Mann mit Schirmmütze begrüßte mich freundlich, wir wechselten ein paar kurze Worte, ich war allerdings gerade nicht besonders gesprächsfreudig. Schade, denn hinterher erfuhr ich, daß der Mann der kubanische Botschafter war.

Ein Tag führte unsere Reise zu einer bekannten Pilgerstätte im Gebirge, welches eine herrliche Landschaft darstellt. Abertausende Menschen fanden sich dort, darunter war ich allerdings der einzige Fremde, was dazu führte, daß ich mir etwas wie ein seltenes Zootier vorkam. Ich nahm es jedoch mit Humor und nutzte meinerseits jeden Kommentar, den ein meine Sprachkenntnisse nicht ahnender Einheimischer geäußert hatte, zu irgendeiner Bemerkung, was während des langen Weges zu manch lustiger Situation führte.
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Sieg im Volkskrieg

Ein kleines Mädchen hatte offenbar noch nie einen Europäer gesehen: "Papa, ist der Mann aus Laos?", was zu allgemeiner Heiterkeit führte. Beim Heiligtum selbst lernte ich mehrere buddhistische Lehrer kennen, mit denen sich interessante Gespräche ergaben. Einer von ihnen, der besonders liebenswert war, lud mich ein, den Gong für die Pagode zu schlagen, was ich als hohe Ehre betrachtete und gerne annahm. Mit einem anderen unterhielt ich mich lange. Er war ein großer Verehrer Deutschlands und meinte, wie sehr ich mein Land doch lieben müsse, dieses beste Land der Welt, mit der großartigsten Kultur und Wissenschaft! Ich sagte, daß ich mein Land sehr lieben würde, daß dies aber leider nicht üblich sei, da die Amerikaner einem Großteil unseres Volkes das Gehirn gewaschen hätten, welcher mehr an Disco und Geld als echten Werten interessiert sei. Etwas traurig stellte der Geistliche fest, daß diese Entwicklung in Vietnam leider auch stattfinde, eine Ansicht, die ich oft von älteren Menschen zu hören bekam und die bedauerlicherweise zum Teil der Wahrheit entspricht, auch wenn ein sehr gesunder Familiensinn, vor allem bei den Mädchen, noch so manches Übel zu mildern vermag. Zwei nette Studentinnen, die ich dort kennengelernt hatte, luden mich nach der Rückreise in das Studentenwohnheim ein, wo ungefähr acht Mädchen auf einem Zimmer lebten, was sie jedoch kaum als problematisch empfanden - wohl auch eine Mentalitätsfrage. Auf jeden Fall ein schöner und erlebnisreicher Tag.

Mir war aufgefallen, daß es so gut wie keine übergewichtigen Menschen gab, obwohl das Essen einen enorm hohen Stellenwert im täglichen Leben hat, es wird viel und sehr gut gegessen. Als wir einmal eine ganze Gruppe übermäßig umfangreicher Jugendlicher sahen, waren dies natürlich Amerikaner, was in mir die Überzeugung verstärkte: "Lieber zehnmal Schlangenfleisch und Wasserspinat, als einmal Burger King!"

Natürlich kam das Gespräch auch manchmal auf den "Größten Bösewicht aller Zeiten". Ich konnte allerdings feststellen, daß meine Ansicht, Geschichte werde immer von Siegern geschrieben, und daß, wenn heute alles unter diesem Mann absolut verteufelt wird, obwohl er seinerzeit fast das ganze Volk irgendwie hinter sich gebracht hat, irgendetwas nicht stimmen könne, allgemein für richtig befunden wurde, zumal sich gerade die Älteren selbst noch gut an die Vorgehensweise des US-Imperialismus erinnern konnten...

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Sieg im Volkskrieg

Kurz vor Abreise gelang es mir noch, einen alten Freund zu treffen, der mir einst als Student in Deutschland begegnet war. Er berichtete von seiner letzten Reise nach Berlin, wo er dachte, er sei versehentlich in der Türkei gelandet. Sollte Berlin nicht die deutsche Hauptstadt sein? Warum wehren sich die Deutschen nicht? Ein ähnliches Gespräch fällt mir an dieser Stelle noch ein, und zwar mit einem sehr sympathischen Hanoier, der bis vor wenigen Jahren als Gastarbeiter in Sachsen tätig war, dann aber wegen der von ihm als zunehmend fremdenfeindlich empfundenen Stimmung zurückgegangen war. Was mich als Zeichen von Ehrlichkeit und Charakter beeindruckte, war seine klare Ansicht, daß die Deutschen, welche sich gegen Masseneinwanderung wehren, im Recht seien (abgesehen von gewalttätigen Auswüchsen, die er selbst erlebt hatte) und er die Bewahrung der nationalen Identität sogar als das wichtigste innenpolitische Problem Deutschlands erkannt hatte - ganz klar: kein Vietnamese würde sich je eine derartige Überfremdung gefallen lassen!

Eine Studentin, der ich die politische Situation und den Ausverkauf unseres Vaterlandes schilderte, sagte, daß doch die Zeit in Deutschland längst reif sei für eine Revolution! Ich versuchte, ihr zu erklären, daß unsere Volksgenossen leider durch die deutschfeindlichen Medien geprägt seien und unser Anliegen (noch) nicht verstehen könnten. Allerdings reichte ihre Phantasie (ein Zeichen geistiger Gesundheit) nicht so weit, sich die ganze Verdorbenheit der herrschenden Klasse der BRD wirklich vorstellen zu können...

Zusammenfassend möchte ich feststellen, daß es insgesamt eine grandiose Reise war, voll interessanter und bewegender Erlebnisse. Allerdings gelten die geschilderten Eindrücke nur für Nordvietnam, wo der Süden einen etwas dekadenten Ruf hat. Das Land hat eine spannende Geschichte, eine hochstehende Kultur, sowie fleißige und liebenswerte Bewohner. Es gibt aber zahlreiche Probleme, darunter den Alkoholismus vieler Männer, seit der Westöffnung auch Heroinsucht und Prostitution (sogar organisierten Kinderhandel), den zunehmenden Hedonismus der Jugend, sowie eine politische Führung, an deren Vaterlandsliebe so mancher Alte mittlerweile zu zweifeln beginnt. Das Land erlebt gerade einen berauschenden wirtschaftlichen Aufschwung, allerdings scheint gerade dieser zum Werteverfall beizutragen und gewisse liberalkapitalistisch und vaterlandslos gesonnene Elemente nach oben zu bringen... Schauen wir, was die Zukunft bringt.