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Der „Aufbauplan-Ost“

Im Zusammenhang mit der völlig neuen Situation bewies Kühnen einmal mehr, daß er wie kaum ein anderer über den Tellerrand blicken und politische Chancen nutzen konnte, wo andere ebenso staunend wie tatenlos daneben standen.

In fieberhafter Eile hatte Kühnen den legendären „Aufbauplan-Ost“ ausgearbeitet und bei dessen Durchführung kam uns die Mitgliedschaft vieler ehemaliger DDR-Bürger in unseren Reihen zupaß. Wir wußten ja nicht, was uns aus der Konkursmasse der untergehenden DDR erwartete? Gab es überhaupt einen Nährboden für unsere politische Idee? Oder gab die „antifaschistische“ DDR am Ende ein riesiges Reservoir für unsere Gegner von der ANTIFA frei? Nein, von allem was „links“ war, hatten die Menschen die Nase voll aber für rechte Thesen fanden sich viel mehr offene Ohren, als wir zu hoffen gewagt hatten.

Im Bestreben endlich wieder eine „eigene Partei“ zu haben, hatte Kühnen bereits im Mai des Jahres 1989 für eine von der Öffentlichkeit zunächst kaum wahrgenommene Organisationsgründung gesorgt. Kühnenanhänger lösten am 05.05.1989 den formell bestehenden FAP-Landesverband Bremen auf und gründeten die DEUTSCHE ALTERNATIVE (DA). 1. Bundesvorsitzender wurde Heinz Seeger (Ex-FAP-Landesverbandsvorsitzender). Das Programm war an das der Hamburger NL (NATIONALE LISTE) angelehnt, die von den Kameraden Worch und „Steiner“ angeführt wurde. Es gab kein eindeutiges NS-Bekenntnis, was aber nur einen Taktik- nicht aber Strategiewechsel bedeutete. Die meisten Anhänger der DA verstanden sich als Mitglieder der Kühnen-Truppe, bzw. der GdNF.

Im Rahmen der Umsetzung des „Aufbauplans-Ost“ reisten Kühnen und ich jetzt immer öfter in die de facto noch bestehende DDR. Zu der Beschwerde von Franz Schönhuber im Westfernsehen man habe ihn nicht einreisen lasse, erklärte Kühnen nur, daß der doch selber schuld sei, wenn er mit großem Gefolge über einen der bekanntesten Kontrollpunkte einzureisen versuche. Kühnen ließ seine Leute unauffällig und an getrennten Kontrollpunkten in die DDR reisen, er selbst wählte einen kleinen, unbedeutenden Grenzübergang und war drin.

Die Zustände für politische Agitation waren in dieser Zeit geradezu paradiesisch. Im Bestreben sich friedfertig zu zeigen und die Freiheitsrechte der Bürger zu achten, ließen die Sicherheitsbehörden fast alles durchgehen, bis hin zu „Hitlergruß“ und dem Verwenden anderer „verfassungsfeindlicher Kennzeichen“. Wir sangen das Horst-Wessel-Lied in Kneipen und die einzige Vorsicht, die wir dabei walten ließen, war die Christian Worch gegenüber, der immer und überall dagegen einnschritt, wenn das Horst-Wessel-Lied in angetrunkenem Zustand gesungen wurde. Womit er natürlich Recht hatte.

Auch die Preise in den Gaststätten waren ein Traum. Sie betrugen nur einen Bruchteil von dem, was für vergleichbare Portionen im Westen gezahlt werden mußte. Das war unser Pendant zum Begrüßungsgeld, das bundesdeutsche Behörden den DDR-Bürgern beim Betreten der BRD zahlten. Man hatte uns über Nacht in einen Traum katapultiert, anders kann ich es in der Rückschau kaum umschreiben.

Der „Aufbau-Ost“ wurde zu einer einzigen Erfolgsnummer. Wir führten Flugblattaktionen an der Grenze und in grenznahen Städten durch und als am 13.01.1990 der DA-Bundesparteitag stattfand, war bereits eine starke Delegation Dresdner Kameraden dabei. Noch im Jahre 1990 wurden überall Ortsverbände der DA gegründet und im Sommer 1990 hatte die DA allein 200 aktive Ostmitglieder und an einer Demonstration in Dresden am 20.10.1990 nahmen bereits 500 Mitglieder teil. Vor dem späteren Verbot von DA (Dezember 1992) und FAP (Februar 1995) hatten sich die Machtverhältnisse Dank Mauerfall völlig umgekehrt. Die von Friedhelm Busse geführte und vormals heiß umkämpfte FAP war auf c.a. 200 Mitglieder geschrumpft, während in der DA schon über 1.000 Aktivisten ihren Dienst versahen.

Es waren junge, dynamische Aktivisten wie Frank Hübner, die auf Anleitung Kühnens die Ostbewegung auf Vordermann brachten. Als Hübner dann DA-Vorsitzender wurde, hatte seine Partei in Cottbus bereits mehr Mitglieder als SED-PDS, SPD und CDU. Da wir sehr energisch vorgingen und uns nirgends ernsthafter Widerstand entgegengesetzt wurde, konnten vielfach unsere Kameraden die Meinungsführerschaft in Dörfern, Gemeinden und Stadtvierteln für sich reklamieren.

Hören wir dazu nochmal als Vetreter der Gegenseite den zerknirschten Herrn Kniest:

„Wesentlich für den Erfolg war, daß Kühnen durch seine von den Medien stark beachteten Auftritte unter Gesinnungsgenossen in den neuen Bundesländern einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte. Die Alltagserfahrungen der „Ost-Kameraden“ mit staatlichen Institutionen verliehen ihnen ein erfolgsverwöhnteres Selbstverständnis als ihren westdeutschen Gesinnungsgenossen. Einzelne Gruppen maßten sich an, anstelle der im Umbruch befindlichen staatlichen Organe für „Recht und Ordnung“ zu sorgen, z.B. der Zirkel um Rainer Sonntag, der im Dresdner Rotlichtviertel Selbstjustiz übte.“

 

Bilderserie mit Frank Hübner

 

Das Paderborn-Abenteuer

Die politische Aufbruchstimmung ließ mich die privaten Probleme aber immer nur kurz vergessen. Das Wohnen zweier erwachsener Personen auf engstem Raum bot reichlich Konfliktstoff und auch die Vermieterin von Michael Mager wies wiederholt darauf hin, daß das als „Übergangslösung“ etikettierte Unternehmen auch mal wieder sein Ende finden müßte.

In dieser Lage meldete sich Thomas Hainke aus Bielefeld bei mir. Ich kannte Hainke bereits aus ANS-Zeiten, war er doch der jüngste Kameradschaftsführer unserer Gemeinschaft gewesen. Mittlerweile hatte sich Hainke als Aktivist und Unterführer im Westen einen Namen gemacht. Er stand immer und bedingungslos zu Michael Kühnen und hatte sich sowohl in argumentativen als auch in körperlichen Auseinandersetzungen vielfach bewährt. Später sollte er als Kriegsfreiwilliger auf dem Balkan kämpfen und noch heute ist er -wenn auch nicht mehr so spektakulär- für rechte Interessen in Wien tätig.

Was Hainke mir anbot, konnte ich schwerlich ausschlagen. Eine große Doppelgarage in Paderborn mit Toilette, Dusche und großem Wohnraum, in dem auch die Kameradschaftsabende der örtlichen Gruppe stattfanden. Der bisherige Bewohner ziehe dieser Tage zu seiner Lebensgefährtin und dort könne ich also mein neues Hauptquartier aufschlagen. Ich war nicht in der Situation besonders wählerisch sein zu können und willigte daher ein. Anfang des Jahres 1990 zog ich mit Sack und Pack nach Paderborn, nach Fulda die „zweitschwärzeste“ Stadt Deutschlands. An die Macht der Katholen war ich ja von Kindesbeinen gewöhnt, weit mehr Probleme bereitete mir die örtliche Menthalität. Den Weggang aus meiner Haimatstadt Fulda und der damalige Umzug nach Langen, war mir weitaus leichter gefallen, denn ich blieb ja in Hessen. In Ostwestfalen aber lebte ein völlig anderer Menschenschlag, was sich besonders in der unterschiedlichen Auffassung über das, was man Humor nennt, niederschlug. Es ist dabei noch ein Unterschied, ob man bei gelegentlichen Besuchen eine politische Veranstaltung mit anschließendem gemütlichen Beisammensein zelebriert oder ob man vor Ort den Alltag bewältigen muß. Aber auch völlig ungeachtet unterschiedlicher Menthalitäten, begann das Paderborn-Abenteuer gleich mit einer Katastrophe. Völlig überraschend hatte sich der Mieter besagter Doppelgarage sozusagen über Nacht von seiner langjährigen Lebensgefährtin getrennt und brauchte den Wohnraum nun doch wieder selber. Notgedrungen zog ich erstmal zu zwei Brüdern, beide Mitglieder der örtlichen Kameradschaft und ausgesprochen hilfsbereit aber dennoch war sehr bald klar, daß ich mit dem Wegzug aus Langen ein Provisoirium gegen ein anderes eingetauscht hatte.

Trotzdem biß ich die Zähne zusammen und richtete mir ein kleines Büro ein. Von hier aus koordinierte ich einige Aktionen (so hatten wir zum Beispiel einen Mann bei der örtlichen DVU eingeschleust, der uns mit interessanten Informationen versorgte) und schrieb regelmäßige Berichte an Michael Kühnen. Mit Thomas Hainke wurde es überdies auch nie langweilig, auf seine Bitte hin machte ich Übungen in Formalausbildung mit den Kameraden und nahm auch an einigen Straßenaktionen teil, die uns ein paar brenzlige Situationen bescherten. Hainke war zwar bei weitem kein Vertreter der Gewaltschiene aber er suchte oft und gerne die Konfrontation mit dem politischen Gegner, wobei er es diesem überließ, ob diskutiert wurde oder man zu einer härteren Gangart überging. An Hainke konnte man eigentlich immer irgendwelche Kampfspuren entdecken und so erfreute er sich bei der örtlichen ANTIFA seit langem einer zweifelhaften Beliebtheit.

Trotz aller Abwechslungen überkam mich bei Nachrichten aus Langen (Gerald Hess schrieb regelmäßig) stets das Heimweh. Hinzu kam die nach wie vor unbefriedigende Wohnsituation und so erfüllte mich anfangs gelegentlich, später immer öfter der Gedanke einfach nach Langen zurückzukehren und mich dort intensiv um eine eigene Wohnung zu bemühen. Als dann eines Tages ein Paderborner Kamerad in grober Richtung Langen aufbrach, packte ich kurzerhand meine Siebensachen und ließ mich von ihm ins heimatliche Südhessen mitnehmen, nicht ohne mich abgemeldet und von den Verantwortlichen verabschiedet zu haben.

Über die Ungewissheuit darüber, was jetzt kommen würde, tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß ich in Ostwestfalen nicht froh geworden wäre und im Nachhinein bin ich dem Schicksal auch überaus dankbar, daß es alles in andere Bahnen geleitet hat.

 

Notunterkunft Leukertsweg

Nun war ich also zurück und erneut wohnsitzlos. Nachdem ich einige Wochen weg gewesen war, konnte ich zunächst mal wieder für eine kurze Übergangszeit zu Michael Mager ziehen. Dieser Notzustand mußte aber baldigst wieder beendet werden, ich wollte mich nämlich nicht ernsthaft mit dem guten Michael zerstreiten, was sowieso sehr schwer war, denn er war eine Seele von Mensch. Aber dieses eingepfercht sein auf engstem Raum, konnte nicht lange gut gehen.

Ich hatte mich ja schon früher hilfesuchend ans Langener Wohnungsamt gewandt aber die hatten natürlich wenig Lust einem bekennenden „Neonazi“ zu Wohnraum in ihrer Gemeinde zu verhelfen. Auf dem freien Wohnungsmarkt war indes (ohne Geld) sowieso nichts zu machen. In Langen war nicht nur das weit über die Grenzen Deutschlands bekannte Paul-Ehrlich-Institut ansässig, sondern auch die Deutsche Flugsicherung und so war -nicht zuletzt auch weil alles aus dem nahegelegenen Frankfurt flüchtete- Wohnraum knapp und teuer.

Letzte Möglichkeit -leider keine sehr hoffnungsfrohe Option aber dennoch weitaus besser als die Obdachlosigkeit- war der Einzug in die Notunterkünfte im Langener Leukertsweg. Hier wurde man eingewiesen und bekam auch keinen Miet- sondern lediglich einen Nutzungsvertrag, der keinerlei Rechte aus der Mietgesetzgebung begründete. Leider weigerte sich die Stadt Langen auch hartnäckig, mich in eine dieser Notunterkünfte einzuweisen, die sich drolliger Weise auch noch genau schräg gegenüber der den Hauptgefechtsstand beherbergenden Trinkhalle befanden. Man stritt meine Bedürftigkeit einfach ab und so blieb nur der Gang vor´s Verwaltungsgericht.

Eine Klage gegen die Stadt Langen hatte ich lange Zeit gescheut. Zwar war ich bedingt durch die vielen Verfahren aufgrund meines politischen Engagements in rechtlichen Dingen einigermaßen bewandert aber Verwaltungsrecht war nunmal kein Strafrecht und der Stadt Langen stand eine komplette Rechtsabteilung zur Verfügung, während ich mir alles erst erarbeiten mußte. Trotzdem sah ich keine Alternative mehr und nach langem hin und her wurde die Stadt Langen per Gericht dazu verpflichtet, mir eine Notunterkunft zur Verfügung zu stellen.

Einige dieser kleinen Wohnungen kannte ich bereits, der FAP-Kandidat Horst Herrmann wohnte dort. Eigentlich waren es nur einzelne Zimmer, Toiletten und der Duschraum waren über´n Hof aber was man mir dann notgedrungen anbot, war wirklich der Gipfel der Frechheit. Ein kleines, schmales Stübchen, in das lediglich ein Bett, ein Stuhl und ein winziger Schrank paßten, dann war es bereits voll. Zu allem Unglück lag das kleine Stübchen noch im unmittelbaren Wohnbereich der „Katzenlady“, einer alten Frau, die so genannt wurde, weil sie stets von einer unüberschaubaren Zahl von Katzen umgeben war. Der Gestank war unerträglich und er führte dazu, daß ich beim Aufschließen der äußeren Tür immer tief Luft holen mußte, um über den Flur in mein kleines Zimmerchen zu gelangen. Dort war die Luft auch nicht gut aber besser als im Flur, von dem aus man in das Refugium der „Katzenlady“ gelangte.

Aber egal, ich hatte ein Dach über dem Kopf und einen flachen Elektroheizer an der Wand. Ich konnte über´n Hof Duschen gehen und der Hauptgefechtsstand lag in Rufweite. Die erste Hürde war genommen, jetzt konnte es nur noch bergauf gehen. Zuerst schaltete ich mal das Gesundheitsamt ein, denn die hygienischen Verhältnisse in der Wohnung der „Katzenlady“ waren gesundheitsschädlich, nicht nur für die alte Frau. Nun kann man als Privatmann das Gesundheitsamt gar nicht so einfach einschalten, man kann höchstens auf Mißstände hinweisen. Ich hatte aber im laufenden Verfahren (die Klage lief noch, da ich mir selbst unter einer Notunterkunft zumindest etwas Menschenwürdiges vorgestellt hatte) das Gericht über die Wohnsituation vor Ort informiert und der zuständige Richter hatte das Gesundheitsamt mit einer diesbezüglichen Untersuchung beauftragt. Das Ergebnis war für die Stadt niederschmetternd, die alte Frau wurde sofort in ein Pflegeheim gebracht, die Katzen eingefangen und die „Wohnung“ versiegelt. Trotzdem wurde die Luft erstmal nicht besser, zu tief hatten sich die Exkremente der Tiere in Boden und sogar Wände eingefressen.

Für mich war der ganze Vorgang dennoch ein großer Erfolg, denn unter den Bewohnern der Notunterkunft sprach sich rasch herum, daß da einer ist, der sich nicht alles gefallen läßt und sich nicht scheut auch gegen die Behörden vorzugehen.

 

Volksvertreter in Langen

In der Folge kamen immer mehr Bewohner des Leukertswegs zu mir und klagten mir ihr Leid wegen angeblicher oder tatsächlicher Ungerechtigkeiten seitens der Behörden. Ich schrieb unzählige Briefe, drohte auch mitunter mit Klage und konnte nach kurzer Zeit mit einer ganzen Menge Erfolge aufwarten, was meinen guten Ruf als „Anwalt der kleinen Leute“ begründete. Mit einem Mal war ich tatsächlich das geworden, zudem mich Michael Kühnen nach dem Verbot der NATIONALEN SAMMLUNG ausgerufen hatte: ein Volksvertreter in Langen.

Indes schwebte über dem gesamten „sozialen Brennpunkt“ bereits das Damoklesschwert des Abrisses. Dort sollte eine neue Wohnanlage entstehen und man war sich seitens der Stadt nicht einig, was aus den bisherigen Bewohnern werden sollte. Eigentlich waren wir rechtlos, man konnte uns willkürlich verpflanzen, denn wir hatten ja keine Mietverträge. Zukunftsangst machte sich breit und immer wieder wurde ich gebeten, irgendwas für die Betroffenen zu tun, schließlich sei ich ja selber einer von ihnen. Die Stadt suchte zu beschwichtigen, Bürgermeister Dieter Pitthan erschien höchstselbst, um die Leute zu beruhigen, dennoch machten wilde Gerüchte die Runde und es herrschte Angst und Unsicherheit.

Daß man weg mußte war schlimm genug aber plötzlich sickerte durch, daß man die Betroffenen erstmal weit weg und in Blechcontainern unterbringen wolle. Um die Leute zu beruhigen, organisierte die Stadt für alle Interessierten eine Busfahrt zu solch einer Containeranlage aber angesichts der dortigen Wohnsituation war die Stimmung nachher schlechter als zuvor.

 

Die „Bürgerinitiative Menschenwürdiges Wohnen“ (BMW):

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Ich witterte natürlich sofort die Chance, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Erstens würde ich den Menschen helfen, zweitens mir selbst und drittens konnte ich versuchen, mich auch politisch als Volksverteter zu etablieren. Kurzerhand gründete ich mit einigen Betroffenen die „Bürgerinitiative Menschenwürdiges Wohnen“, abgekürzt „BMW“. Nun war das natürlich kein Zufall, sondern gewollt, denn „BMW“ war in einem anderen Zusammenhang bekannt und in aller Munde und so hoffte ich im Stillen, der bayerische Automobilkonzern würde Wind von der Sache bekommen und uns verklagen, um uns gerichtlich die Verwendung dieser Abkürzung verbieten lassen. Diese Publicity hätte uns gut getan und zu holen war ja ohnehin nichts bei uns. Leider taten uns die „Bayerischen Motorenwerke“ diesen Gefallen nicht aber das Kürzel sorgte auch so für schnelle Bekanntheit, zumal sich die örtliche Presse für die Vorgänge interessierte und ich im Namen der Bürgerinitiative erste Interviews gab.

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Die meisten Bewohner der Notunterkunft waren Deutsche und viele von ihnen unverschuldet in Not geraten. Als die Presse vermeldete, daß die Stadt große Beträge für die Unterbringung von Asylbewerbern auszugeben bereit war, kanalisierte ich den hierüber auftretenden Unmut und gab ein enstprechendes Flugblatt heraus.

Das wiederrum machte die Stadt nervös, zu frisch waren noch die Erinnerungen der Stadtoberen an den Wahlkampf der NATIONALEN SAMMLUNG. Bürgermeister Pitthan erschien daraufhin erneut in der Notunterkunft und brachte eine Beruhigungstablette ganz besonderen Ausmaßes mit. Alle Bewohner des sozialen Brennpunkts im Leukertsweg, die sich den Maßnahmen der Stadt fügen würden, bekämen später eine reguläre Wohnung mit Mietvertrag. Das war in der Tat mehr als man erwarten konnte, zumal den Beteiligten in der Folge auch die Containerlösung erspart blieb. Ein Teil der Bewohner kam zunächst in das sogenannte „Alte Gefängnis“ in der Sehretstraße, ein Teil zog in ein städtisches Mehrfamilienhaus in der Fahrgasse und wieder andere teilten sich große Wohnungen im Sehring-Hochhaus am Bahnhof.

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Ich selber zog mit Beginn der Baumaßnahmen im Frühjahr 1991 in die Fahrgasse, um dann 5 Jahre später tatsächlich eine reguläre Wohnung mit Mietvertrag zu erhalten. Ich will auch die Aktivitäten der „BMW“ nicht größer reden, als sie waren. Vielleicht wäre am Ende auch ohne sie alles genauso gekommen wie es kam aber dennoch hatten wir mit eben dieser Initiative ein kleines Lichtlein entzündet, an dem sich die Benachteiligten, Ausgegrenzten und nahezu Mittellosen wärmen konnten. Noch heute habe ich in Langen den Ruf „Anwalt“ jener Leute zu sein, die sich im Umgang mit den oft übermächtig erscheindenden staatlichen Institutionen nicht selbst helfen können. Zwei Verwaltungsgerichtsverfahren sollte ich außer dem eigenen noch gegen die Stadt Langen führen und beide sollte ich gewinnen…

 

Ich werde angeklagt, Tatorwurf: Hochverrat!

Kaum hatte ich mich in der Notunterkunft etwas eingelebt, traf mich völlig unvermutet ein Ereignis wie ein Blitz und das tatsächlich aus dem sprichwörtlich heiteren Himmel. Mein Anwalt informierte mich darüber, daß die italienischen Justizbehörden einen großen Prozeß gegen Michael Kühnen und mich vorbereiteten. Tatvorwurf: Hochverrat! Italien? Dort war ich seit dem Kindesalter nicht mehr gewesen, es hatte in unseren Planungen auch nie eine große Rolle gespielt, da wir die zaghaften Kontakte zu italienischen Neofaschisten nicht durch die Südtirolfrage belasten wollten. Wir kämpften ja schon an so vielen Fronten und Kühnen sah keinen Sinn darin auch noch eine weitere zu eröffnen.

Nun waren es also die italienischen Justizbehörden, die diese Front eröffneten und das mit einer geradezu abenteuerlichen Anklage: Im Jahre 1985, also bereits 5 Jahre vor dem Prozeß- sollten Michael Kühnen und ich die -notfalls gewaltsame- Annexion Südtriols an Deutschland vorbereitet haben. Ich war ja -was Anklagen betraf- von der deutschen Justiz so einiges gewohnt aber was da aus der Ecke unseres ehemaligen Achsenpartners kam, war wirklich starker Tobak. Nicht genug, daß der von der Propaganda so genannte „Stahlpakt“ sich spätestens 1943 als „Blechpakt“ erwiesen hatte und mit der Landung der Alliierten auf Sizilien plötzlich angloamerikanische Truppen näher an der „Hauptstadt der Bewegung“ standen, als unsere Ostfront, nein, nun mußten die Kerle auch noch 45 Jahre nach Kriegsende ein weiteres Faß aufmachen. Ich war zwar über die Anklage wie geplättet, trotzdem aber in keinster Weise beunruhigt, denn ich hatte ein absolut reines Gewissen. Während meiner gesamten politischen Tätigkeit hatte ich keinen italienischen Boden betreten, das letzte mal war ich als Kind dort, mit meinen Eltern im Italienurlaub. Traute man mir zu, daß ich bereits im zarten Alter von 10 Jahren die gewaltsame Heimholung deutschen Landes ins Reich plante? Nein, das konnte ich nicht glauben und so ließ ich die Dinge erstmal treiben, nicht anders als Michael Kühnen, der dem Fall auch keine besondere Bedeutung beimaß.

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Daß das ganze aber seitens der Italiener mit ausgesprochener Ernsthaftigkeit betrieben wurde, bewies mir die Anklageschrift, die mich wenig später erreichte. Eine Bozener Rechtsanwältin namens Edda (sic!) Obexer war zur Pflichtverteidigerin bestellt worden und teilte mir mit, daß ich beschuldigt werde, „Südtirol und Friaul zugunsten eines nationalsozialistischen Großdeutschland“ annektieren zu wollen. Das sei nach italienischem Recht eine hochverräterische politische Verschwörung und mehrere Jahre Haft stünden auf dem Spiel. Das war mir neu und auch die ganzen aufgelisteten Taten hatten überhaupt keinen Bezug zu Kühnen oder mir. Da waren z.B. Aufkleber aufgetaucht, die das Logo der ANS/NA enthielten, Pressererklärungen waren bei italienischen Zeitungen eingegangen aber mit all dem hatten wir nichts zu tun, weder mittel- noch gar unmittelbar. Später kam heraus, daß dies alles ohne Kühnens Auftrag oder auch nur sein Wissen der ehemalige Kameradschaftsführer von Wetzlar-Dillenburg, ein Michael Krämer, angezettelt hatte. Der war aber nicht greifbar und so hatten wir „die Torte im Auge“.

Dank genauer Angaben zum „Tatzeitpunkt“ im Jahre 1985, versuchte ich zu ermitteln, wo ich damals gewesen war, jedenfalls nicht in Italien, das wußte ich. Der Zufall wollte es, daß ich an einem jener Tage, an denen die hochverräterischen Aufkleber in Südtirol aufgetaucht waren, eine Zeugenaussage in einer Verkehrssache vor einem Fuldaer Amtsgericht hatte machen müssen. Ein besseres Alibi konnte es kaum geben und so war ich finster entschlossen, mich dem Verfahren in Bozen zu stellen und die Anklage zu widerlegen. Ich informierte meine Pflichtverteidigerin vorab und rief sicherheitshalber auch noch meinen Frankfurter Anwalt an. Zu meinem Erstaunen riet er mir aber dringend ab nach Italien zu reisen und mich dem Verfahren zu stellen. „Verwechseln Sie italienische Verfahren nicht mit deutschen…“, beschwor mich RA Horst Loebe und das gab mir zu denken.

Den „Europäischen Haftbefehl“ gab es noch nicht, bliebe ich im Lande, könnte mir eigentlich nichts passieren und so zog ich diese sichere Version dem Abenteuer einer Italienreise vor. Wie gut ich daran tat, zeigte sich wenig später, als mich das Urteil erreichte, dem Edda Obexer auch noch einen Zeitungsartikel der Tageszeitung „Alto Adige“ vom 8. Mai (sic!) 1990 beifügte. Das italienische Schwurgericht hatte uns doch tatsächlich in Abwesenheit zu je 4 Jahren Haft verurteilt. „Verschwörung gegen den italienischen Staat durch Vereinigung“ hielt die Kammer für erwiesen und wir waren baff. Völlig unschuldig waren wir zu 4 Jahren Haft gekommen und zu der Einsicht, daß ein Italienurlaub für die nächsten 10-15 Jahre besser nicht auf dem Programm stehen sollte.

 

Die SA-Vereidigung

Im Juni 1990 wurde ich völlig überraschend zu einem Appell in die Gegend von München befohlen. Das war ungewöhnlich, besonders was die Geheimhaltung im Vorfeld betraf. Da der Befehl aber von Michael Kühnen persönlich gekommen war, versuchte ich auf die Schnelle einen Wagen mit Fahrer zu organisieren. Ich mußte auf das sympathisierende Umfeld zurückgreifen und sagte den Beteiligten auch gleich, daß sie sicher nicht an der kompletten Veranstaltung würden teilnehmen können. Das machte aber weder dem Fahrer noch einem weiteren Mitfahrer etwas aus, die Nähe von München war Anreiz genug und die Zeit würde man sich schon vertreiben können. Außer mir war noch ein weiterer Langener Mitstreiter als Kader für die Teilnahme an diesem Appell ausersehen, es war Heinz K., den ich seit 4 Jahren kannte und der sich stets durch besondere Einsatzbereitschaft und Mut zum persönlichen Risiko ausgezeichnet hatte. Auch Gerald Hess kannte ihn gut und vertraute ihm. Mit Heinz K. sollte ich auch später noch so manches Abenteuer erleben, sei es bei diversen Führergeburtstagsfeiern inclusive Festnahmen, sei es bei der Randale-Demo in Frankfurt am Main, wo am 1. Mai 2001 bürgerkriegsähnliche Zustände und der polizeiliche Notstand herrschten oder sei es bei einer Besprechung mit dem Kölner Polizeipräsidenten, an der Heinz K. als „Chef des Ordnerdienstes des KDS“ teilnahm, wovon natürlich noch zu berichten sein wird.

Etwa hundert Kilometer von München entfernt, wurden wir in ländlicher Gegend zu einem Wald- und Wiesengrundstück gelotst, wo wir auf die anderen von Kühnen herbeorderten Kameraden trafen. Etwa 30 waren zusammengekommen, unter ihnen auch Gerald Hess und ich kannte sie alle. Es waren alles altgediente Haudegen, die Michael Kühnen auch in den härtesten Stunden unmittelbar nach dem Putsch nicht alleine gelassen oder gar verraten hatten. Im Nachhinein ist mir auch der tiefere Sinn der Aktion bewußt, hier wollte Michael Kühnen nochmal eine ganz besondere Auswahl aus seiner Gefolgschaft auf Idee und Bewegung einschwören. Im Sommer 1990 sah man ihm seine Krankheit zunehmend an. Er hatte stark an Gewicht eingebüßt und seine Wangenknochen traten hervor. Pflege und Ruhe hätte er jetzt gebraucht aber er schonte sich nicht, unermüdlich war er unterwegs, besonders in der ehemaligen DDR. Sein nahender Tod war im Kameradenkreis kein Thema und obwohl darüber nicht offiziell gesprochen wurde, machte sich doch jeder seine Gedanken über die Zeit nach Kühnen, die mit schnellen Schritten auf uns zuzueilen schien.

Filmausschnitt "Wahrheit macht frei": SA-Vereidigung

Kühnen war zu sehr Realist, um sich über seine eigene Situation nicht im Klaren zu sein. Natürlich hofft jeder Todgeweihte auf ein Wunder aber man würde sich nicht auf das Eintreten eines solchen verlassen können. Und weil Michael Kühnen unseren Einsatz für Volk, Reich und Bewegung auch über seinen Tod hinaus sicherstellen wollte, hatte er den harten Kern seiner Truppe in die Nähe von München befohlen, um ihnen einen Eid abzunehmen. Niemals hätte Kühnen die ihm in freiwilliger Disziplin ergebenen Kameraden auf seine Person vereidigt aber sehr wohl auf die von ihm so geliebte und verehrte Sturmabteilung der NSDAP, die SA. So standen wir 30 alte Kämpfer an diesem warmen Sommernachmittag 1990 vor unserem Chef, an dessen Seite sich der altgediente Bereichsleiter-Süd, Kamerad Fred Eichner aufgebaut hatte, um die Kameraden nunmehr einzeln aufzurufen und nach vorne zu bitten. Jeder einzelne von uns legte an diesem Tag seinen ganz persönlichen Eid auf die SA ab. Jeder einzelne grüßte den Chef mit dem Deutschen Gruß und wurde von ihm per Handschlag wieder in die angetretene Formation verabschiedet. Es war ein sehr feierlicher Moment und ich glaube nicht, daß auch nur einer der Beteiligten diesen Tag vergessen wird. Zum Abschluß sangen wir noch gemeinsam das Horst-Wessel-Lied und wir verabschiedeten uns danach in dem Bewußtsein, heute etwas ganz besonderes erlebt zu haben und als SA-Männer nunmehr einer kleinen kämpferischen Elite anzugehören und mit dem Auftrag alles Menschenmögliche zu tun, damit aus dieser kleinen, politischen Keimzelle dereinst doch wieder eine Massenbewegung werden könnte.

Von einigen weiß ich, daß sie heute noch dabei sind, zu anderen habe ich in den zurückliegenden 20 Jahren den Kontakt verloren, an einen Verräter aus diesem Kreis kann ich mich nicht erinnern.

Nach dieser Aktion aus der Abteilung „Konsolidierung nach innen“, widmeten wir uns weiter der altbekannten und nun auf das Gebiet der DDR ausgedehnten Politik der „Agitationspropaganda nach außen“ . Der DA-Parteitag in der Nähe von Cottbus sollte den Führungsanspruch der Kühnen-Truppe auch für Mitteldeutschland reklamieren.

 

Der DA-Parteitag in Kiekebusch bei Cottbus:

So bildete diese Zusammenkunft einen Höhepunkt bei unseren Aktivitäten in der immer noch real existierenden DDR. Wir trafen uns am 07.07.1990 in der Gaststätte „Kelch“ in Kiekebusch in der Nähe von Cottbus. Über 200 Kameradinnen und Kameraden waren zusammengekommen und warteten mit Spannung auf die Rede von Michael Kühnen, zu der es aber nicht kommen sollte. Kurz bevor die Veranstaltung beginnen sollte, bemerkte ich mit einem Blick durch´s Fenster der Gaststätte, daß sich starke Polizeikräfte anschickten unser Versammlungslokal zu umstellen. Kühnen reagierte völlig gelassen und professionell auf das Erscheinen der Staatsmacht. Er mahnte zur Ruhe („Kein zweites Lentföhrden!“) und ernannte Gottfried Küssel zum Versammlungsleiter für den Fall, daß er festgenommen würde und mit dem Auftrag die Veranstaltung dennoch stattfinden zu lassen.

So kam es dann auch, mit der Disziplin des Politischen Soldaten ließen wir die Polizei befehlsgemäß gewähren und es war tatsächlich ausschließlich Michael Kühnen, auf den sie es abgesehen hatten. Grundlage der polizeilichen Maßnahme war denn auch gar nicht der DA-Parteitag, zumal die DA ja auch zu diesem Zeitpunkt nicht verboten war, sondern man zauberte irgendeine Lappalie aus dem Hut, ich glaube es war ein Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz oder eine ähnliche Kleinigkeit. Mit der Festnahme Kühnens hatten die Medien bereits den ersehnten Aufhänger. „Brauner Parteitag mit Verhaftung des Chefs begonnen“ und „Neonazi Kühnen in Kiekebusch verhaftet“ titelten die Blätter am nächsten Tag. Jetzt drang die DA auch ins Bewußtsein weiterer Bevölkerungskreise der DDR und ein wesentliches Ziel der Veranstaltung war erreicht worden. Man hätte fast meinen können, daß wir bei der Polizei angerufen und gesagt hätten: „Könnt Ihr nicht den Michael Kühnen mal vorübergehend festnehmen? Wir hätten gerne ein paar Schlagzeilen…!“

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Einziger Nachteil: Uns war der Hauptredner abhanden gekommen und sowohl die anwesenden Kameraden, als auch die Medienvertreter hätten sich natürlich von dieser Veranstaltung mehr gewünscht. Ich kannte die Erwartungshaltung der Anwesenden nur zu gut und nahm daher Gottfried Küssel zur Seite. Ich sagte ihm, daß wir ungeachtet der Festnahme auf jeden Fall einen offiziellen Teil durchziehen sollten, vor allem mit Redebeiträgen der anwesenden Kader unserer Bewegung. Gottfried stimmte mir zu und so wurde diese Versammlung noch zu einem großen emotionalen Erlebnis, weil die Begeisterungsfähigkeit der mitteldeutschen Aktivisten, die ihrer Westkameraden noch überstieg. Neben Vertretern der schreibenden Zunft hatten wir auch wieder mal ein Fernsehteam dabei, das an einer Langzeitdokumentation arbeitete, die wenig später unter dem Titel „Die Wiedervereinigung der Neonazis“ im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt worden. Ich habe „totgeglaubte Parolen in den Saal gepeitscht“, „lobte“ mich die Dokumentation anschließend. Mit einem Altersdurchschnitt von geschätzten 20 Jahren war meine Zuhörerschaft denn auch weit davon entfernt zu den oft beschworenen „Ewiggestrigen“ zu gehören und hier stießen „totgeglaubte Parolen“ auf das offene Ohr einer begeisterungsfähigen deutschen Jugend. Zähneknirschend mußten das die Vertreter der Systemmedien zur Kenntnis nehmen.

 

Pessereaktionen auf den DA-Parteitag

 

Gerald Hess – ein Leben für Deutschland!

Von Gerald Hess wurde ja schon öfter gesprochen. Jeder in der Kameradschaft und weit darüber hinaus mochte den sympathischen, jungen und stets aktiven Kameraden. Michael Kühnen hatte ihm den gesamten Bereich-Mitte anvertraut und Gerald spielte eine immer größere Rolle in den Planungen des Chefs. Mein anfänglich sehr enger Kontakt zu Gerald hatte durch die äußeren Umstände etwas nachgelassen aber ich war immer froh ihn auf dem Kameradschaftsabend oder überregionalen Aktionen zu treffen. Mittlerweile hatte er sich verlobt, war aber noch nicht mit dem Mädel, das von außerhalb stammte, zusammengzogen, sondern bewohnte ein kleines Apartement im sogenannten Alfa-Hochhaus in der Nähe des Langener Bahnhofs.

Ich -und so ging es wohl den meisten Kameraden- kannte Gerald nur als geselligen, stets gutgelaunten und einem zünftigen Umtrunk nicht abgeneigten Vollblutaktivisten und kaum jemandem fiel auf, daß er sich verändert hatte. Immer öfter war er jetzt in sich gekehrt, antriebslos und offenbar voller Selbstzweifel. Auch er wußte um die Erkrankung Kühnens und konnte sich sicher nicht vorstellen, wie es ohne den Chef weitergehen sollte. Daß Gerald bereits in dieser Zeit mehrfach von Selbstmord sprach, erfuhr ich erst später, zu spät!

Irgendwann zwischen dem DA-Parteitag und den Vorbereitungen zum alljährlichen Hess-Marsch hatte ich vor dem Hauptgefechtsstand einige Kameraden verabschiedet, als plötzlich ein Fahrschulauto an uns vorüberfuhr. Am Steuer: Gerald Hess. Ich fand gut, daß auch er jetzt „den Lappen“ machte, Fahrzeugführer konnten wir nicht genug haben. Einige Tage später, es war der Abend des 25. Juli 1990, traf ich Gerald in einer kleinen Langener Kneipe wieder. Er war gut gelaunt, hatte gerade seinen Führerschein bestanden und lud mich auf ein Bier ein. Zwar mischte sich nach einer Weile eine Art Melancholie in die Worte Geralds, was mich immerhin zu der Äußerung veranlaßte, daß er ja wohl wisse, wie sehr wir ihn brauchen aber trotzdem schien nichts auf die dramatischen Ereignisse hinzudeuten, die die kommende Nacht für uns alle bereit hielt.

Er warte auf seinen Vater und seinen Bruder, mit denen wolle er den Führerschein noch ausgiebig begießen und ich könne ja gerne mitkommen. Dankend lehnte ich ab, ich wollte die Familienatmosphäre nicht stören und hatte auch keine Lust auf irgendwelche Dachdeckergeschichten, die sicher wieder Thema waren, denn sowohl Vater Wolfgang, als auch die Söhne Paul und Gerald arbeiteten in der kleinen Dachdeckerfirma „Hess & Ziehl GmbH“, wo sie sich mehr schlecht als recht über Wasser hielten. Ob mein Mitkommen an den späteren Ereignissen irgendetwas geändert hätte, weiß niemand zu sagen, ich glaube aber eher nicht.

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Während Gerald kurze Zeit später mit Vater und Bruder entschwand, nahm ich noch ein paar Bierchen mit Angehörigen unserer Sympathisantenszene, bevor ich den Nachhauseweg antrat. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, daß wir damals fast alle gern und oft tranken. Nicht bis zur Bewußtlosigkeit aber doch regelmäßig und vergleichsweise große Mengen. Waren wir Alkoholiker? Na ja, mindestens „strake Trinker“, denn vom medizinischen Standpunkt aus gesehen, trank die Mehrzahl unserer Aktivisten zu viel. Es gab Ausnahmen, Michael Kühnen war eine von ihnen aber vor allem gab es Unterschiede bezüglich der Reaktion auf große Mengen Alkohol. Während man mir, der ich Schnaps mied und klassischer Biertrinker war, allgemein attestiere, daß man sich mit mir auch noch gesittet unterhalten könne, wenn ich eine Kiste Bier getrunken habe, neigten andere immer wieder zu Exzessen, was schon im Höllenhaus zu einigen Problemen geführt hatte. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als Michael Kühnen in ungewohnter Lautstärke einige Aktivisten „zur Sau“ machte, weil diese aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums nicht zu einer wichtigen Wahlkampfaktion gekommen waren. Auf den Einwand eines der Betroffenen, ich würde ja auch saufen, entgegnete Kühnen: „Ja, das stimmt, Thomas säuft auch aber er ist immer da, wenn ich ihn brauche!“

Doch zurück zum Sommer 1990. Am Morgen des 26. Juli wachte ich mit leichtem Brummschädel auf. Grund für das Erwachen, nicht für den Brummschädel, war eine lautstarke Unterhaltung, die direkt unter meinem Fenster stattfand und von der ich anfangs nur Wortfetzen mitbekam. Da war von einem „Sohn vom alten Hess“ die Rede, ich hörte Worte wie „alles voller Blut“ und „Kripo“ und „erschossen“ und daß „alle Hilfe zu spät“ gekommen sei. Schlagartig war ich wach, obwohl ich inständig hoffte noch zu träumen. Schnell zog ich mich an und traf auf dem Hof den Hausmeister der ganzen Anlage im Leukertsweg. Wegen seiner weißen Haare wurde er „Whitey“ genannt, er war einer unserer Sympathisanten und immer gut informiert. Ich fragte ihn, was denn los sei und er antwortete, so genau wisse er das auch nicht aber jener Sohn vom „alten Hess“, der im Alfa-Hochhaus wohne, sei wohl vergangene Nacht erschossen aufgefunden worden. Mir zog es den Boden unter den Füßen weg, das konnte doch nicht wahr sein. Gerald, doch nicht Gerald, ausgerechnet Gerald… ich konnte es nicht fassen und hoffte immer noch, es handele sich vielleicht doch um eine jener „Scheißhausparolen“, die gerade im sozialen Brennpunkt öfter mal die Runde machten. Eilig begab ich mich in Sonjas Trinkhalle, hier konnte ich telefonieren und leider bestätigte sich der schlimme Verdacht. Geralds Vater hatte seinen Sohn noch sterbend aufgefunden aber es war keine Rettung mehr möglich gewesen.

In der Anfangszeit streute gerade Wolfgang Hess das Gerücht, Gerald sei nicht von eigener Hand gestorben, sondern ermordet worden. Auf eigene Kosten ließ er Gerald von unabhängigen Gerichtsmedizinern untersuchen, immer wieder und bis nach München wurde der Leichnam verbracht, um auch dort genauestens untersucht zu werden. Das führte am Ende zu der skurilen Situation, daß wir Gerald, der sich im Hochsommer erschossen hatte, bei Schneetreiben beerdigten. Ein halbes Jahr lang setzte der alte Hess alles daran etwas zu beweisen, was nicht zu beweisen war, nämlich daß sein Sohn keinen Selbstmord verübt hatte, sondern von Mörderhand gemeuchelt worden war.

Kühnen glaubte übrigens auch nicht an die Mordthese und sprach das auch in der Sondernummer der NEUEN FRONT zum Tod von Gerald Hess deutlich aus. Ich selbst rekonstruierte die Ereignisse später wie folgt und diese Rekonstruktion dürfte der Wahrheit schon sehr nahe kommen:

Der seit Monaten unter schweren Depressionen leidende Gerald Hess hatte sich wie angekündigt noch mit Vater und Bruder auf einen Zug durch die Gemeinde begeben und dabei dem Alkohol reichlich zugesprochen. Als der Vater später ein Taxi rief, wartete Gerald dessen Erscheinen nicht ab, sondern begab sich zum kleinen Büro der gemeinsamen Dachdeckerfirma, wo der „alte Hess“ eine Schrotflinte „gebunkert“ hatte, von der Gerald wußte. Mit der Schrotflinte ging Gerald dann heim, legte eine Frank-Rennicke-Cassette in seinen Recorder und begann einige Zeilen niederzuschreiben. Dann rief er seinen Bruder Paul an, wobei ich zwar nicht weiß, was er diesem sagte aber immerhin klang das ganze so dramatisch, daß Vater und älterer Bruder sofort ins Büro fuhren, um zu sehen, ob die Flinte noch in ihrem Versteck war. Als man ihr Fehlen bemerkte, klingelten erst recht die Alarmglocken und man fuhr zu Geralds Wohnung, deren Tür unversehrt war und die man durch den Hausmeister öffnen ließ. In der Wohnung lag der schwer Verletzte zwar noch lebend aber bereits ohne Bewußtsein. „Gerald, was hast Du uns nur angetan?!“ war laut Hausmeister die erste Aussage von Wolfgang Hess, der damit indirekt bestätigt, daß er in Wahrheit auch von einem Freitod ausging.

Aus Geralds Aufzeichnungen sind wir nicht schlau geworden. Er bittet die Älteren mögen die Jungen nicht allein lassen, denn sie seien diejenigen, die für die Zukunft einstünden. Hier klingt ganz eindeutig ein Lied von Frank Rennicke an, in dem er sich auch über die mangelnde Solidarität der älteren Generation beschwert, die zwar Helden im Krieg waren, danach aber politisch versagt hätten. Gerald spricht auch von Verrat, von Spitzeln und nicht näher umrissenen Problemen aber es bleibt alles sehr vage, weder handelt es sich um einen klassischen Abschiedbrief, noch um eine konkrete Anklage gegen irgendeine Person.

Wenig später erhalte ich einen Anruf von Michael Kühnen. Er bittet mich zu einem vertraulichen Gespräch in der Gaststätte „Wienerwald“. Auch Kühnen ist fix und fertig. Als gäbe es nicht genug Probleme, jetzt also auch das noch. Er spricht es zwar nicht aus aber ich habe den Eindruck, daß er es Gerald verübelt, daß dieser ihn in der schwierigen politischen Lage allein gelassen hat, so kurz nach seiner Vereidigung auf die SA, so kurz nach dem DA-Parteitag, auf dem ja bereits zu erkennen war, welche gewaltigen Aufgaben in der DDR noch auf uns warteten. Mit diesem Kameraden hatte der Chef noch Großes vorgehabt und mit gerade mal 22 Jahren stand Gerald ja auch erst am Anfang einer politischen Karriere im Nationalen Widerstand. Ich besprach mit Kühnen die Sonderausgabe der NF und die organisatorischen Maßnahmen, die nun für den Bereich-Mitte fällig werden würden, dann machte ich mich wieder auf den Weg zurück in den Hauptgefechtsstand, in dem es natürlich auch kein anderes Thema gab als der völlig unerwartete Tod eines jungen Nationalsozialisten namens Gerald Hess.

 

Wunsiedel 1990

Die Trauer um unseren Gerald würde uns natürlich nicht davon abhalten, auch dieses Jahr wieder in Wunsiedel dabei zu sein. Es würde das letzte Mal sein, daß Michael Kühnen unter dem Jubel seiner Anhänger und dem Gegröle vieler Schaulustiger in der fränkischen Gemeinde zur Ehre von Rudolf Hess mitmarschieren kann. Waren es im Jahr davor c.a. 500 Aktivisten des Nationalen Widerstandes, so sind es diesmal dank Unterstützung auch durch mitteldeutsche Kontingente fast anderthalbtausend Frauen und Männer, die sich in diesem August 1990 zusammenfinden, um für den Friedensflieger auf die Straße zu gehen. Selbst die Medien sprechen von „über tausend“ Demonstranten und obwohl diesesmal auch mehr militante ANTIFA aufmarschiert, etwa 5.000 sollen es gewesen sein, verläuft der Versuch unseren Trauermarsch massiv zu stören und anzugreifen, so gar nicht nach Plan der Linken.

Von Anfang an liegt Ärger in der Luft, man kann es förmlich spüren. Ich halte mich während des gesamten Marsches immer in unmittelbarer Nähe von Kühnen auf aber es stehen natürlich auch noch andere wehrfähige Kameraden bereit, sollte es zu Zwischenfällen kommen. Während wir vorne an der Spitze des Zuges marschieren, schaue ich mich immer wieder um und freue mich über die anderthalbtausend Mitdemonstranten, die ein unübersehbares Zeichen setzen und ein -man ist versucht zu sagen ungewohntes- Gefühl eigener Stärke vermitteln. Zwar ist die Stadt wie immer auch voller Bereitschaftspolizei und Bundesgrenzschutz, trotzdem kommen uns die Linken gerade an der Spitze des Zuges immer näher. Aus den Augenwinkeln beobachte ich mehrere Militante, die versuchen immer näher an Kühnen heranzukommen. Ich bereite mich innerlich auf eine körperliche Auseinandersetzung vor, die Luft scheint wie elektrisch aufgeladen. Während sich die Wunsiedeler Bevölkerung sowohl mit Mißfallens- als auch Solidaritätsäußerungen eher zurückhält, schallen uns immer wieder Haßparolen der Antifa-Meute entgegen. Als wir gerade dabei sind eine Querstraße zu passieren, knallt es und viele von uns ziehen instinktiv den Kopf ein. Eine außer Rand und Band geratene Meute linker Gegendemonstranten schießt plötzlich mit Leuchtmunition auf unseren Zug, auch Steine und Flaschen fliegen. Sofort eilen Kameraden mit den Pappschildern auf denen Hess-Plakate aufgeklebt sind nach vorne, um den Hagel abzuwehren. Nein, einen Zug von anderthalb Tausend politischen Soldaten greift man nicht ungestraft an. Ohne daß es eines besonderen Befehls bedurft hätte, lösen sich immer stärker werdende Kräfte aus unserem Demozug und setzen zum Gegenangriff an. Damit haben die Linken, die sich selbst im Angriff wähnten, überhaupt nicht gerechnet. Dazu haben sie den Nachteil, daß sie bergauf rennen müssen, um uns anzugreifen, unsere Kameraden aber strömen den Berg hinunter, laut schreiend und vorallem in einer viel größeren zahl, als es der Gegner erwartet hätte.

Wir waren angegriffen worden und handelten in Notwehr, so viel stand fest und daß wir die Lage bereits wieder fest im Griff hatten, als Polizei und BGS eingriffen, ist ebenfalls eine Tatsache, die für die Nachwelt festgehalten werden muß. Während also die Staatsmacht in Verfolgung der Störer wieder für jene Ordnung sorgte, die wir eigentlich durch eigene Kräfte bereits wieder hergestellt hatten, kehrten unsere „Fronttruppen“ wieder in absoluter Ruhe und Disziplin in den Marschblock zurück. Nicht die Linken hatten -wie vorher großspurig angekündigt- „die Nazis durch die Stadt gejagt“, sondern der Nationale Widerstand hatte die linksfaschistischen Störer in ihre Schranken verwiesen und das war einmal mehr der Beweis, daß die Roten bei gleicher Stärke oder selbst bei erheblicher Übermacht an unserem Abwehrwillen scheitern mußten. Nicht etwa, weil alle Linken Feiglinge oder per se schwächer gebaut wären als die Rechten, sondern ganz einfach, weil das Prinzip des Politischen Soldatentums und das Einhalten soldatischer Regeln auch einer kleinen Gruppe einen nicht zu unterschätzenden Vorteil im Falle militanter Auseinandersetzungen bietet.

 

Bilderreihe zum Hess-Marsch in Wunsiedel 1990

 

Kühnen und Brehl d.u.

In dieser Zeit waren Kühnen und ich wieder d.u., also dauernd unterwegs. Nachdem mich die Neue Front zum „Reichsredner“ ausgerufen hatte, erreichten mich immer wieder Bitten vor kleineren und größeren Kameradengruppen zu sprechen. Bei Übernahme der Reisekosten scheute ich auch weitere Wege nicht und so sprach ich am 30. November 1990 auf Einladung des Politischen Informationsclubs in München. Auch Kühnen war zu dieser Zeit in Süddeutschland unterwegs und so verabredeten wir, daß ich mit dem Zug in die bayerische Landeshauptstadt fahren und auf der Veranstaltung sprechen sollte, der Chef würde dann anschließend dazustoßen und mich mit zurück ins heimatliche Langen nehmen.

Ein Jahr nach dem Mauerfall war schon abzusehen, daß man zwar in Mitteldeutschland auch keine nationale Revolution würde lostreten können, daß aber das zentrale Thema der Überfremdung hier mit ganz anderen Augen wahrgenommen wurde. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob über Jahrzehnte immer mehr Ausländer ins Land geholt werden, oder ob man sich quasi über Nacht mit einer Situation konfrontiert sieht, die befürchten läßt, man könne zur Minderheit im eignen Land werden. Überall in der ehemaligen DDR gingen Jugendliche auf die Barrikaden, stürmten -wie in Lichtenhagen- sogar Wohnhäuser mit Emigranten, wobei Staatsschutz und Medien vergbelich versuchten, die mitteldeutschen Aufständigen als „von Westnazis aufgehetzt“ zu verkaufen. Hier brauchte nichts inszeniert zu werden und das Öl gossen die Herrschenden selbst ins Feuer, als sie die einheimische Bevölkerung Mitteldeutschlands mit dem ungewohnt großen Zuzug fremder Menschen schlichtweg überforderte. Zwar machten die Prozentzahlen ausländischer Mitbürger oft nur einen Bruchteil derer im Westen aus aber hier war der Wandel über Nacht gekommen und erschreckte und verunsicherte die Menschen. Für diese und ähnliche Gefühlsregungen hatten aber die Regierenden schon damals ebensowenig Verständnis wie heute. Die Ausländer, mit denen es unsere Politiker zu tun haben, sind entweder selber Politiker oder aber Ärzte, Akademiker, Unternehmer oder Diplomaten. Was es heißt als alte deutsche Frau in einem von jugendlichen Ausländern dominierten Plattenbau zu wohnen, wissen sie nicht und wollen sie auch nicht wissen.

Durch den erfolgreichen Aufbau der DA ermuntert, wollte ich meiner westdeutschen Zuhörerschaft Mut machen und ging deshalb ausfürhrlich auf die Lage in Mitteldeutschland ein, die hier im Süden der Republik weitgehend unbekannt war. Grund zur Hoffnung gab es auch jenseits einem politischen Zweckoptimismus, denn während wir nach dem Verbot von ANS/NA und Nationaler Sammlung im Westen irgendwie an unsere Grenzen geraten waren, war plötzlich die Mauer gefallen und das hatte uns völlig neue Betätigungsfelder eröffnet. Meine ehrliche Begeisterung über die hoffnungsvolle Entwicklung übertrug sich auf meine Zuhörer und so wurde ich immer wieder von Beifall unterbrochen. Unter der bewährten Versammlungsleitung von Thomas Hoffmann fand anschließend noch eine Fragestunde statt und ich beantwortete die Fragen des interessierten Auditoriums nach bestem Wissen und Gewissen. Danach wurde der offizielle Teil für beendet erklärt aber wir blieben noch sitzen, während sich der Versammlungsraum langsam leerte. Plötzlich trat ein alter, weißhaariger Mann auf mich zu, er hatte bereits seinen Mantel angezogen und war im Gehen begriffen. Er dankte mir nochmal ganz herzlich für meine aufmunternde und hoffnungstiftende Rede, drückte mir ganz fest die Hand und verließ das Lokal. Nach einer Weile kam Thomas Hoffman auf mich zu und fragte mich, ob ich denn wisse, wer das eben gewesen sei? Nein, antwortete ich, leider nicht! „Das ist einer der letzten noch lebenden Blutordensträger gewesen. Er war beim Marsch auf die Feldherrnhalle dabei und ist über 90, er lebt hier in München.“ Hätte ich das doch nur vorher gewußt, zu gerne hätte ich mich mit diesem Alten Kämpfer noch etwas länger unterhalten. Nachdem aber nun bereits wieder zwanzig Jahre vergangen sind, darf bezweifelt werden, daß es überhaupt noch einen lebenden Blutordensträger gibt, obwohl diese hohe Auszeichnung der Partei nicht nur an die Teilnehmer der Erhebung vom 9. November 1923, sondern in Ausnehmefällen auch später noch bei „besonderen Verdiensten um Staat und Reich“ verliehen wurde.

Ich blieb noch einige Zeit in München, schließlich mußte ich auf Michael Kühnen warten und so nahmen mich die Münchner Kameraden zu einem ganz besonderen Stammtisch mit, der in München fester Bestandteil der Arbeit des Nationalen Widerstandes geworden war und als Beispiel auch für andere Städte taugen würde. Auch in der Hauptstadt der Bewegung gab es eine Vielzahl kleiner Gruppen und Kameradschaften und es herrschte bisweilen das aus allen Teilen des Reiches bekannte Hauen und Stechen, wenn auch nur im übertragenen Sinne. Aber immerhin war es in München gelungen einen Stammtisch ins Leben zu rufen, bei dem sich die Vertreter aller Gruppen trafen, den Dialog suchten und in vielen Fällen auch ein gemeinsames Vorgehen besprachen. Da saßen wir dann gemütlich beisammen und zu später Stunde erschien auch Michael Kühnen, um mich abzuholen. Obwohl ich ihn ja öfter sah, war ich über seinen erneuten Gewichtsverlust erschrocken. Auf Kameraden, die ihn lange nicht gesehen hatten oder nur aus der Presse kannten, muß der Anblick noch erschreckender gewirkt haben. Er schien sich auch nicht sonderlich wohl zu fühlen und so machten wir uns auf den Nachhauseweg. Unterwegs spielte ich ihm einen Mitschnitt meiner Münchner Rede vor, er zeigte sich zufrieden und ich rechnete mit einer ereignislosen Heimfahrt. Was mir Michael allerdings dann offenbarte, schockte sogar mich, seinen langjährigen Stellvertreter. Der Chef plante einen letzten Coup, etwas bisher noch nicht dagewesenes und die Vorbereitungen dazu liefen bereits auf Hochtouren. Keine vier Wochen später sollte auch die überraschte deutsche Öffentlichkeit davon erfahren.

 

Kühnens letzter Coup:

Im Bewußtsein, daß ihm jetzt unaufhaltsam die Zeit davonlief, hatte Michael Kühnen einen letzten großen Coup geplant. Im Januar 1991 platzte dann die Bombe, mitten in den Vorbereitungen hatten die Medien Wind von der Sache erhalten und überschlugen sich vor Interesse und gespieltem Entsetzen. Am 23. Januar 1991 titelte dann die Münchner AZ „Deutsche Neonazis wollen als Söldner für Hussein kämpfen“ und enthüllte im Innenteil Kühnens Pläne zur Aufstellung eines Freiwilligenverbandes für den irakischen Staatschef Saddam Hussein. Anfängliche Skepsis auch im Kameradenkreis wich blankem Erstaunen als bekannt wurde, daß Kühnen nicht nur bereits mehrfach in der irakischen Botschaft vorgesprochen hatte, sondern daß sogar schon ein Papier unterschriftsreif war, das Kühnen einen militärischen Offiziersrang zuwies und genaue Angaben über Größe, Mobilisierung und Einsatzzeitpunkt des Freiwillgenkontingents enthielt. Die Zeit drängte, nachdem am 15. Januar das Ultimatum der Amerikaner abgelaufen war, ohne daß sich die irakische Armee aus dem ursprünglich zum Irak gehörenden Kuwait zurückgezogen hatte, war am 17. Januar die Operation „Wüstensturm“ gestartet worden, in der die USA mit geballter Macht zuschlug und Saddam letztlich in der von ihm ausgerufenen „Mutter aller Schlachten“ aus Kuwait vertrieb. Noch aber konnte niemand wissen, daß die Amerikaner nicht -wie von aller Welt erwartet- weiter nach Bagdad marschieren und Hussein entmachten und vertreiben würden.

Über zehn Jahre später würden sich die Irakis noch an Michael Kühnen und seinen verwegenen Plan erinnern und erneut würden nationale Sozialisten, die sich ganz bewußt in Kühnens Tradition gestellt hatten, zu Gast in der irakischen Botschaft sein. Wieder würde eine für beide Seiten höchst fruchtbare Vereinbarung an den US-Amerikanern scheitern und diesesmal würden die Imperialisten von der Ostküste nicht ruhen und nicht rasten, bis das volkssozialistische System Saddam Husseins und seiner Baath-Partei mit Stumpf und Stil ausgerottet sein würde. Mit übelsten Lügen und Verleumdungen würde Amerika die übliche Welt zum Stillschweigen über diesen ungleichen und völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zwingen. Aber ob Recht oder Unrecht, unter´m Strich bleibt die Tatsache, daß Saddam Hussein noch 500 Jahre an der Macht hätte bleiben können, ohne auch nur annähernd soviele unschuldige Opfer verantworten zu müssen, wie die Amis durch ihre verbrecherische Intervention innerhalb weniger Jahre auf ihr Gewissen geladen haben.

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Doch zurück ins Jahr 1991, wo Kühnens Vorhaben immer größere Kreise zog und immer mehr Einzelheiten der Geheimvereinbarung nach außen drangen. Schuld daran waren die Iraker selber, die die Freiwilligenlegion für ihre Propaganda gut gebrauchen konnten. So konnten sie ihrer Bevölkerung sagen, seht her, nicht der gesamte Westen folgt blind Amerika, sondern es gibt auch in Europa und gerade in Deutschland junge Freiwillige, die bereit sind in Kuwait oder dem Irak selber gegen den us-amerikanischen Imperialismus zu kämpfen. Kühnen hatte indes nichts zu verlieren und pokerte hoch. 500 Kämpfer hatte er den Irakern zugesagt, sie sollten sich „Die Legion“ nennen, in Anlehnung an die „Legion Condor“, also jenem deutschen Freiwilligenverband der auf Francos Seite im spanischen Bürgerkrieg gekämpft und gesiegt hatte. Sie sollten reguläre irakische Uniformen mit einem eigens dafür entworfenen Legionsabzeichen tragen und für heikle Spezialaufträge eingesetzt werden. Aber nicht nur der sich rapide verschlechternde Gesundheitszustand Michael Kühnens, auch die raschen militärischen Erfolge der us-amerikanischen Invasionsverbände, ließen das Projekt in letzter Sekunde scheitern. Angaben, wonach ein erstes Kontingent den Irak noch erreicht und sich sogar an Kämpfen beteiligt hat, kann ich nicht bestätigen, ausschließen kann ich es aber auch nicht, da der Sammelpunkt in Dänemark lag und von dort aus das Eintreffen der ersten Freiwilligen gemeldet worden war, darunter auch Schweden, die unter dem Namen „Legion Wasa“ antreten wollten.

 

Das Ende der „Ära Kühnen“:

Noch einmal hatte Michael Kühnen die Aufmerksamkeit der internationalen Medienwelt auf sich gezogen. Virtuos beherrschte er noch immer das alte Spiel von der Instrumentalisierung der Medien für seine politischen Zwecke. Dafür inszenierte er eine Unternehmung, die von der Journaille gar nicht totgeschwiegen werden konnten, dafür opferte er die letzten ihm noch verbliebenen Kräfte. Am Ende zog er sich mit seiner Verlobten Lisa nach Mitteldeutschland zurück und mehrfach schlug ich Angebote von Kameraden ab, mich mitzunehmen, wenn sie ihn besuchten. Ich wußte von Gesprächen mit Aktivisten aus seinem Umfeld, in welch erbarmungswürdigen Zustand er sich mittlerweile befand, das wollte ich ihm und mir ersparen. So saß ich eines Tages an meinem Schreibtisch, nachdem ich im Bereich des sozialen Brennpunktes eine größere Bleibe zugewiesen bekommen hatte und hörte Radio. Und obwohl ich auf alles vorbereitet war, schockierte mich dann doch die Meldung, die am 26. April 1991 über den Rundfunk kam: Neonaziführer Kühnen ist am gestrigen Tage in einem Kasseler Krankenhaus verstorben! Vor meinem geistigen Auge spulte sich nochmal das Geschehen der vergangenen Jahre ab und mir wurde bewußt, wieviel ich gemeinsam mit diesem Michael Kühnen erlebt hatte. Ja, er hatte in bescheidenem Rahmen Geschichte geschrieben. Nie würde die Entwicklung des Nationalen Widerstandes in Deutschland erzählt werden können, ohne seinen Namen zu nennen. Ich war stolz, ihn bei so vielen wichtigen Anlässen begleitet zu haben und im Nachhinein war ich auch sehr froh, daß ich fünf Jahre zuvor den Kampf mit den Putschisten aufgenommen hatte, letztlich um dem Chef eine Rückkehr an die politische Front zu ermöglichen. Das alles war jetzt Geschichte, aus und vorbei… aber vielleicht sollte man es ja irgendwann mal aufschreiben, nicht jetzt, 1991, aber vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren, wer weiß…

 

Die Nachfolge

Als ich wenige Tage später zur Aussegnungsfeier in Kassel fuhr, war ich froh, dort auch auf Gottfried Küssel und Christian Worch zu treffen, ihnen erklärte ich mich und sie zeigten Verständnis für meine Haltung, zumal ich mich ja nicht von der Bewegung verabschiedete, sondern lediglich meine Betätigungsfeld wechselte.

Ich war froh, daß Michael Kühnen noch zu Lebzeiten die Frage seiner Nachfolge geklärt und Gottfried Küssel zu seinem politischen und Christian Worch zu seinem persönlichen Nachlaßverwalter bestimmt hatte. Ich habe meine Rolle nie in der Funktion eines „Naziführers“ gesehen. Ich war sicher ein ganz brauchbarer Stellvertreter oder auch Büroleiter oder Sekretär, nie aber hätte ich die Kühnen-Truppe führen können, wenn es den Chef nicht mehr gab. Mit dem Tod Michael Kühnens war ich auch an organisatorischer Arbeit nicht mehr interessiert. Alles was wir machen würden, war Kopie und damit schlechter als das Original. Ich war Kühnen gefolgt, weil er die besten Ideen hatte, er der charismatischste unter den jungen Führern der Bewegung war. Neue Impulse waren stets von ihm gekommen, ich hatte nichts diesbezügliches auf Lager und auch nicht die Ambitionen, mich nun mit Ellenbogen oder schwereren Waffen auf einem Posten zu behaupten, der einen unweigerlich irgendwann in den Knast bringen mußte. Nein, ich hatte alles auf die Karte Kühnen gesetzt und mit seinem Tod waren auch meine diesbezüglichen Hoffnungen gestorben. Ich konnte ganz gut reden, ganz gut schreiben, ganz gut organisieren und so würde ich meinen Platz im Nationalen Widerstand schon finden aber eilig hatte ich es nicht damit, zu tief saß der Schock über den viel zu frühen Tod meines politischen Leitbildes…

Verunsichert waren aber auch all die Aktivisten in den vielen Stützpunkten und Kameradschaften und Gottfried Küssel würde versuchen ein Auseinanderbrechen der Gemeinschaft zu verhindern. Ich wollte ihm dabei helfen, so gut ich konnte und wenn ich -wie am 25.05.1991 in Duisburg- mit Gottfried zusammen auftrat, war der Tenor meiner Rede immer der, daß ich keinerlei Führungsansprüche anmelden würde und die Kameraden darum bat, dem letzten Willen des Chefs gemäß, nunmehr Gottfried Küssel zu folgen.

Es war in jenen Jahren ja nicht immer leicht Gefolgsmann des Chefs zu sein und ich rechne es Gottfried Küssel noch heute hoch an, daß er an seinem Bild von Kühnen über all die Jahre festhielt, obwohl ihn das sicher auch in bestimmten Kreisen einiges an Sympathien gekostet haben dürfte. Wie ernst es Gottfried Küssel mit seiner Treue zu Michael Kühnen war und ist, bewies er einmal mehr in einem Interview im Jahre 2004. Wörtlich sagte Küssel:

"Nach wie vor halte ich Michael Kühnen für einen der genialsten politischen Köpfe, die der völkische Kreis in der Nachkriegszeit hervorgebracht hat. Er war und ist in seiner Auswirkung nach wie vor ein Tabubrecher, der aus der deutschen Ohnmacht wie ein Eisberg aus dem Meereswasser herausragt. Wer seine Werke und seine Schriften je gelesen hat weiß, welche Auswirkungen seine klaren und folgerichtigen Gedanken nach wie vor haben. Wie sehr auch manche Formulierungen sich änderten, so stehen seine Gedanken und seine Ideen, aber auch der Mut sich gegen reaktionäres Gehabe zu stellen nach wie vor inmitten aller, die heute als revolutionäre Nationalisten im Ringen um Deutschlands Freiheit stehen. Alleine die Enttabuisierung des Begriffes "Nationalsozialismus" und sein klares immerwährendes Bekenntnis dazu, haben teilweise den linken und antideutschen Begriffsterror gebrochen."

Gottfried Küssel entwickelte in den folgenden Monaten und mit tatkräftiger Unterstützung durch Christian Worch eine Menge Aktivitäten, die mit einer anstrengenden Reisetätigkeit einher gingen. Auch er war -wie weiland der Chef- dauernd unterwegs, besonders in Mitteldeutschland und in der Reichshauptstadt, wo es in der Weitlingstraße zur ersten spektakulären Hausbesetzung durch nationale Sozialisten gekommen war. Das Haus war heiß umkämpft und kam nicht mehr aus den Schlagzeilen, der spätere Aussteiger Ingo Hasselbach war zu diesem Zeitpunkt einer der maßgebenden Männer und arbeitete eng mit Gottfried Küssel zusammen. Über ein Jahrzehnt später schrieb Küssel zu den Ereignissen des Jahres 1991:

Die Sache mit der Weitlingstraße hat sich ganz gut angelassen. Und es ging ja nicht nur um das Haus, sondern ich hatte ja namens der „WOSAN – Verein zur Wohnraumsanierung" einen unbefristeten Mietvertrag und das Vorkaufsrecht für den gesamten Wohnblock in der Tasche. Das war ja auch der Grund warum 1991, nachdem das angeblich besetzte Haus durch die Polizei gestürmt worden war und alle Anwesenden verhaftet wurden, wenige Stunden später die tatsächlichen Besetzer, nämlich Polizei und Berliner Behörde, das Haus wieder räumen mussten und alle Festgenommenen auf freien Fuß gesetzt wurden. Das Scheitern des Projektes lag darin begründet, dass die meisten, die darin wohnten überhaupt keinen Bezug zu den möglichen Auswirkungen hatten und lediglich eine große Spaßkommune zum Nulltarif darin sahen. Jene Berliner Kameraden, die versuchten das ganze Projekt „auf Vordermann" zu bringen aber, konnten sich gegenüber der Masse nicht durchsetzen. Somit wurden die anstehenden Sanierungsarbeiten nicht durchgeführt usw. Damit verlief sich die ganze Sache dann im Sande. Schade d´rum, da hätte man wirklich was daraus machen können.“

KüsselIch nahm zwar Anteil an all diesen Dingen und hielt auch Kontakt zu allen wichtigen Kameraden, an der Spitze Gottfried selbst aber ich hatte vorerst keine Ambitionen wieder aktiv ins Geschehen einzugreifen. Auch der neue Stern am hessischen Polithimmel des Nationalen Widerstandes, Michael Petri (später ebenfalls Aussteiger), konnte mich nicht dazu überreden, Mitglied in einer der zahlreichen neu entstehenden Organisationen zu werden. Mehrfach hatte Petri mich in Langen aufgesucht und mich beschworen der „DN“ („Deutsche Nationalisten“) beizutreten, deren Bundesvorsitzender er war. Auch beim „Deutschen Hessen“, das eng mit Petris „DN“ zusammenarbeitete, wurde ich kein Mitglied, obwohl der Vorsitzende mein alter Kampfgefährte Heinz „Nero“ Reisz und unser Ritterkreuzträger Otto Riehs Ehrenmitglied war. Zur Gründungsversammlung des „Deutschen Hessen“ am 08.06.1991 hatte ich sogar die Lokalität angemietet und auch an der Veranstaltung teilgenommen. Mitglied wurde ich aber nicht, ich sah keinen Sinn darin, mich in so eine kleine örtliche Gruppe einzubringen, der man womöglich gerade vor dem Hintergrund meiner Mitgliedschaft attestieren würde, sie sei Nachfolgeorganisation von ANS oder NS.

KüsselSelbst an einem der größten Aufmärsche jener Jahre nahm ich nicht teil. Als am 01.06.1991 in Dresden Rainer Sonntag von Zuhältern erschossen worden war und im Anschluß eine riesige Demo durch Dresden durchgeführt wurde, auf der Ewald B. Althans, Christian Worch und „Nero“ Reisz sprachen, war ich nicht dabei. Aus ihm einen „Blutzeugen der Bewegung“ zu machen, hielt ich bei allem Verständnis für die propagandistische Auswertung seines gewaltsamen Todes für reichlich gewagt. Sonntag hatte offenbar bei seinen Aktivitäten im Rotlichtviertel hoch gepokert und verloren. Längst wurde kolportiert, daß er Polizeispitzel gewesen war und Schutzgelder erpreßt habe und auch daß er schon im hessischen Frankfurt als „Nuttenbetreuer“ tätig gewesen war. Ich habe mich damals nicht an diesen Spekulationen beteiligt und will es heute noch viel weniger tun, mir war Rainer Sonntag stets ein guter Kamerad und Mitkämpfer gewesen und ich hatte keine Sekunde an die Möglichkeit geglaubt er habe im Jahr zuvor Gerald Hess erschossen, weil er ihm noch Geld schuldete, daß er -Rainer Sonntag- aber nicht zurückzahlen konnte. Auch solche Geschichten waren verbreitet worden, für mich war das nichts als „heiße Luft“ aber als moralische Instanz hatte Sonntag sich nun selber nie begriffen, als politischer Saubermann schon gar nicht, eher als ein „Mann für´s Grobe“. Aber der frühe Tod eines politischen Kämpfers fördert nunmal die Legendenbildung und das nicht nur auf der rechten Seite…

Kühnen und Küssel
 

Frank Rennicke

Auf ein Bier mit Frank Rennicke, Februar 1996

Es war eine Musikcassette von Frank Rennicke, die Gerald Hess kurz vor seinem Tode gehört hatte und so hatte ich bereits ein emotionales Verhältnis zu dieser Musik, bevor ich Frank dann endlich kennenlernen durfte. Es war ein Frankfurter Bankierssohn der den Kontakt herstellte und so freute ich mich sehr auf Franks ersten Besuch in Langen, der im April 1993 stattfand. Da war der aus der Wiking-Jugend kommende Liedermacher schon im gesamten Widerstand eine bekannte Größe und beinahe so oft in den Medien, wie ich einige Jahre zuvor.

Überrascht war ich von der Unkompliziertheit und dem sehr lockeren, kameradschaftlichen Umgangston, der das erste Kennenlernen sehr erleichterte und mich sofort auch für den Menschen Frank Rennicke einnahm. Seine Musik hatte ohnehin einen festen Platz in meinem Herzen und noch heute höre ich sie gern. Da Frank Rennicke bei mir übernachtete, hatten wir reichlich Zeit für einen Gedanken- und Meinungsaustausch, bei dem wir viele Gemeinsamkeiten feststellten und zu meiner Überraschung war Frank auch einem kühlen Weizenbier nicht abgeneigt. Im gleichen Haus wohnte ja nicht nur Michael Mager, sondern im mittleren Stockwerk hatte ein ebenfalls aus dem sozialen Brennpunkt stammender Bekannter mit seiner Lebensgefährtin und späteren Frau eine kleine, nicht öffentliche Bar eingerichtet. Das war natürlich ein Mordshallo, als Frank Rennicke sich spontan zu einem kleinen privaten Auftritt überreden ließ und voller Begeisterung in die Saiten seiner mitgebrachten Gitarre griff. Alle Beteiligten werden diesen Abend wohl stets in angenehmer Erinnerung behalten.

In der Folge kam es aber auch zu einer ganz konkreten Zusammenarbeit, in dem Frank Rennicke mir bei der Herausgabe meiner Broschürenreihe „…wider den Zeitgeist“ behilflich war. Frank hatte die Möglichkeit auch größere Mengen von Material zu kopieren und so schickte ich ihm immer die Druckvorlage meiner Hefte, um kurze Zeit darauf meine Broschüren als lose Blattsammlung zurückzubekommen. Dann saß ich stundenlang im Hauptgefechtsstand und sortierte, heftete und schnitt meine kleine Kampfschriftreihe.

Fotos von Rennickes Besuchen bei Thomas Brehl

Als ich drei Jahre später eine neue Wohnung bezog, gehörte Frank Rennicke zu den ersten Besuchern aus dem Kameradenkreis und auch diesesmal führten wir höchst interessante Gespräche, u.a. auch mit der ehemaligen HNG-Vorsitzenden Christa Goerth, die ebenfalls bei mir zu Gast war. Auch wenn es ihn nicht oft in meine Gegend verschlägt, so wird Frank Rennicke bei mir stets eine offene Tür finden…


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