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Der 1. Mai 1988

Für den 1. Mai hatte sich Kühnen natürlich etwas besonderes ausgedacht und nach dem durch Verbot beendeten ersten Versuch eine unabhängige, freie Gewerkschaftsbewegung ins Leben zu rufen (ANS/BO), wagte der Chef den zweiten Versuch. Die neugeründete FREIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG (Vorsitz: Heinz „Nero“ Reisz) hatte gleich mehrere Kundgebungen zum 1. Mai angemeldet, die aber allesamt verboten worden waren. Wir aber wollten nach Rheinhausen, einem Brennpunkt gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen mit der Großindustrie.

Doch lassen wir die Neue Front nochmal zu Wort kommen:

„…die Linken allerdings hatten von unserer Absicht gehört und liefen in hellen Scharen in Rheinhausen auf, allein fünfhundert Motorradfahrer aus dem Ruhrpott! Wir machten mal wieder alles ganz anders als erwartet und hatten damit Erfolg. Wir versammelten uns an einem Rastplatz in der Nähe von Bottrop, um von dort aus in eine vorher angemietete Kneipe zu fahren. Wiedermal waren Unmengen von Pressevertretern anwesend und alles schien nach Plan zu laufen. Im Saal verlief zunächst die Veranstaltung nach altem Muster, aber während Michael Kühnen zu den c.a. 80 Anwesenden sprach, sammelte sich draußen vor der Gaststätte die Kommune. DKP´ler hatten sich zusammengerottet, 50 etwa und Polizei folgte in großer Stärke. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, daß ein Kommando der Roten einen Vorderreifen von Steiners Wagen plattmachte. Wie gerne hätten wir jetzt unsererseits die Linken angegriffen, doch die Staatsmacht störte. Vergeblich forderte Kamerad Brehl die Beamten auf, Feierabend zu machen und den Rest uns zu überlassen aber sie durften wohl nicht. Wer nun aber geglaubt hatte, mit Saalveranstaltung und Gegendemonstration wäre der 1. Mai für uns erledigt gewesen, der irrte. Wir bestiegen die Fahrzeuge und fuhren mitten in den Stadtkern von Düsseldorf. An einem großen Parkplatz sammelten wir uns und marschierten anschließend in Kolonne mit Fahnen und Spruchbändern zum Kriegerehrenmal. Der Überraschungseffekt klappte: Von einem riesigen Presseaufgebot begleitet, hielt Michael Kühnen unter den überraschten Augen der Polizei noch einmal eine Rede an seine Kameraden. Es war für alle ein erhebendes Gefühl, an diesem 1. Mai mit unseren alten Fahnen auf der Straße zu stehen, allen Gegnern zum Trotz und dem deutschen Arbeiter zum Zeichen dafür, daß es jenseits der Gewerkschaften noch eine wirkliche Alternative für ihn gibt!“

Soweit die Neue Front in diesem zeitgenössischen -und was die Bedeutung unserer Gewerkschaftsinitiative betrifft, zugegeben propagandistisch eingefärbten- Bericht. Den Ablauf der Dinge beschreibt er aber dennoch korrekt und eines der Bilder, die an diesem Tage vor dem Kriegerehrenmal gemacht wurden, diente der taz als Illustration ihrer großen Serie über das europaweite Erstarken der Rechten unter dem Titel „Tatort Europa“.

Am 04. Mai reisten wir dann in den Bereich-Süd. Diesesmal nach Wundsiedel, denn hier fand ein Prozeß gegen den Kameraden Steiner statt. Erstens sollte er eine „unangemeldete Versammlung“ geleitet haben und zweitens gegen den § 86 StGB verstoßen haben, in dem er „verfassungsfeindliche Kennzeichen öffentlich verwendet“ habe. Was war geschehen? Bei Steiner war bei einer Durchsuchung ein NSDAP-Parteiabzeichen gefunden worden. Es war ein Andenken an seinen Großvater und er trug es immer bei sich. Es befand sich in seiner Geldbörse und die wiederrum in seiner Jackentasche, also von „öffentlicher Verwendung“ konnte keine Rede sein. Steiner wurde trotzdem verurteilt und zwar mit der sogar für bayerische Verhältnisse abenteuerlichen Begründung, daß jemand der ein NSDAP-Parteiabzeichen mit sich führe, das nur tue, um es zu gegebener Zeit auch öffentlich zu zeigen.

Also dazu fiel uns erstmal nichts mehr ein, doch die nächste Überraschung wartete schon. Denn als wir zu den Fahrzeugen zurückkamen wartete schon wieder ein großes Polizeiaufgebot auf uns. Ein „wachsamer Bürger“ hatte in einem der Fahrzeuge, dem gerade noch „böse Nazis“ entstiegen waren, einen zylindrischen Metallkörper entdeckt. Das konnte in der Vorstellung des „verständigen Durchschnittsbürgers“ nur ein Sprengkörper sein. Was für ein Gelächter selbst unter den Beamten, als Steiner die Pseudobombe als seine Thermoskanne identifizierte. Nach diesem neuerlichen Schock tranken wir erstmal jeder eine Flasche Bier in der Befürchtung, diese könnten vielleicht auch noch als „Schaumgranten mit Splitterwirkung“ beschlagnahmt werden.

Nun war es aber wirklich mal wieder Zeit für eine unserer gefürchteten Spontandemos aus der Abteilung „Unauffälligkeit ist unsere Stärke“. Wir schnappten eine der zufällig mitgeführten schwarz-weiß-roten Fahnen und marschierten los. An der Spitze Christian Worch und an der Fahne die Kameraden Michael Kühnen und Bernd Stehmann. Durch Wunsiedel geht es mit Polizeibegleitung in Richtung Friedhof, um das Grab unseres Friedensfliegers Rudolf Hess zu besuchen. Wir kommen tatsächlich bis zum völlig abgeriegelten Friedhof und dort geschieht ein kleines Wunder. Nicht als Demonstrationszug aber einzeln und der Würde des Friedhofs angemessen, dürfen wir ans Grab des Stellvertreters des Führers treten.

Daß sich Wunsiedel noch immer in einem Ausnahme- und Belagerungszustand befindet , wird nach einer erneuten Personalienüberprüfung deutlich. Bei schönstem Wetter sind wir noch in einem Wundsiedeler Gartenlokal eingekehrt und sofort nach unserem Erscheinen werden die restlichen Plätze durch Bereitschaftspolizisten besetzt. Ich unterhalte mich noch längere Zeit mit einem älteren Wundsiedeler Bürger, der mir zu verstehen gibt, daß die Masse der Einwohner nichts dagegen habe, daß volkstreue Kräfte hier den Rudolf Hess ehren würden. Grund zur ständigen Aufregung seien vielmehr die Massen an Polizeikräften, die noch immer dafür sorgten, daß einfach kein Alltag einkehren könne.

Am 6. Mai treffen wir uns mit einem Fernsehteam, das ein komplettes Portrait über Michael Kühnen drehen will. Denn der sei, so schleimt der Pressefritze, ja mittlerweile eine „Person der Zeitgeschichte“.

Tags drauf reisen wir nach Franken, wo unser Gauskretär, Kamerad Stefan M., ein kleines Gautreffen einberufen hat. Vor etwa 30 Aktivisten erläutert der Chef seine weiteren Pläne und die Konzeption einer Nationalen Sammlung, mit der er im Rhein-Main-Gebiet eine Durchbruchsschlacht führen und erstmals wieder bekennende Nationalsozialisten in ein Stadtparlament bringen will. Die fränkischen Kameraden zollen begeistert Zustimmung und erklären sich bereit, die Kameraden aus Frankfurt und Langen nach Kräften zu unterstützen.

Zunehmend wurde Michael Kühnen bestimmten Kreisen wieder ein Dorn im Auge und so wunderten wir uns kaum, als wieder „staatliches Störfeuer“ einsetzte, um den Chef in seinen Aktivitäten zu behindern. Am 11. Mai 1988 kam es zu einer Anhörung im hessischen Friedberg bezüglich seines Reisepasses und der Beschränkung der Gültigkeit seines Personalausweises auf den räumlichen Geltungsbereich des Grundgesetzes. Zwar hatte er seine Haftstrafe bis zum letzten Tag verbüßt und so konnte man ihm keine Auflagen machen aber da er angeblich „das Ansehen und den Bestand der Bundesrepublik Deutschland“ gefährdete, versuchte man ihn nun über das Paßgesetz Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Am 12. Mai 1988 besuchten wir den Obersalzberg und besichtigten bei herrlichem „Führerwetter“ die noch erhaltenen Bunkeranlagen. Einziger Wermuthstropfen an diesem Tage: Wir verpassen die letzte Seilbahn und müssen den ganzen Rückweg zu Fuß bewältigen. Das verschmitzte Lächeln einiger Münchner Kameraden ließ mich allerdings schon damals vermuten, daß die letzte Seilbahn vielleicht doch nicht so ganz zufällig verpaßt wurde.

Am Abend nehmen wir dann noch an einem Münchner Kameradschaftsabend teil, Michael Kühnen hält einmal mehr eine begeisternde Rede, ich selbst aber bin „wie erschlagen“, so einen Fußmarsch, wie den vom Obersalzberg, war ich einfach nicht mehr gewohnt.

Am 14. Mai 1988 findet dann auch endlich die Bereichskundgebung-Süd statt. Doch leider ohne Michael Kühnen, der kurz vor der Veranstaltung in einen „vorbeugenden Gewahrsam“ genommen wird, was wir wiederrum zum Anlaß nehmen, eine spontane Demonstration vor dem Polizeipräsidium in München zu inszenieren. Als man uns versichert, der Chef werde in Kürze wieder freigelassen, ziehen wir uns zunächst in ein Bierzelt in München-Giesing zurück und singen zu fortgesetzter Stunde unsere lustigen Lieder. Offenbar finden das nicht alls so lustig wie wir, jedenfalls kommt es zu einem großen Polizeieinsatz und wir müssen in einer großen Sammelzelle in der Münchner Ettstraße weitersingen.

Das alles sorgt natürlich fortwährend für Schlagzeilen und ich frage mich nach so langer Zeit wirklich ganz ernsthaft, was wir getan hätten, wenn man uns einfach ignoriert und nicht jede kleine Kneipenveranstaltung gleich zum Anlaß für polizeiliche Maßnahmen genommen hätte. Als durchschnittlicher Zeitungsleser mußte man ja zwangsläufig den Eindruck von unserer Allgegenwart bekommen. Kühnen in Hamburg, Festnahme in München, Spontandemo hier, Polizeikessel dort, eben Flensburg, morgen Garmisch…

Zwei Tage später sorgen wir erneut für Schlagzeilen, obwohl wir eigentlich nur einen Rundgang durch die Münchner Innenstadt mit anschließendem Mittagessen geplant hatten. Ein durchaus konstruktives Streitgespräch an einem Infotisch der GRÜNEN verläuft noch völlig undramatisch, der Chef diskutiert die Vertreter der Melonenpartei (außen grün, innen rot) in Grund und Boden aber es bleibt alles ruhig und so ziehen wir wenig später weiter. Plötzlich entdeckt Michael Kühnen mitten in der Münchner Fußgängerzone einen alten Brunnen. Völlig spontan erklimmt er dessen Rand und beginnt zu uns und zu allen neugierigen Bürgern zu sprechen. Einfach so, unangemeldet, spontan aber „friedlich und ohne Waffen“, wie es die BRD-Gesetze vorsehen. Während Kühnen mit der Obrigkeit der BRD hart ins Gericht geht, verteilen die Kameraden Flugblätter an interessierte Zeitgenossen. Bald schon taucht die Staatsmacht in Form zweier Streifenbeamten auf. Diese verhalten sich jedoch ruhig und besonnen, lasen sich lediglich ein Probeexemplar der verteilten Flugblätter aushändigen, machen ihrer Dienststelle per Funk Meldung und greifen ansonsten nicht weiter ein.

Als wir die spontane Kundgebung c.a. 20 Minuten später freiwillig beenden, sind höheren Orts wohl schon wieder die Entscheidungen gefallen, wie man auf unser Erscheinen zu reagieren habe. Zwar können wir den Ort des Geschehens noch verlassen, wir erreichen sogar noch das Speiselokal, in dem wir uns eigentlich nur stärken wollen, doch noch während wir bestellen, schlägt die Staatsmacht wieder zu. Wir werden alle vorläufig festgenommen, wieder bringt man uns ins PP in der Ettstraße. Ich werde zwar durchsucht, darf aber meinen Fotoapparat behalten und so mache ich sogar einige Bilder im Polizeigewahrsam.

Nach unserer erneuten Freilassung verabschieden wir uns von den Münchner Kameraden um Fred Eichner und besteigen unser Fahrzeug, um wieder Richtung Heimat zu fahren. Bereits früher waren mir die vielen Zeitungsautomaten in der Münchner Innenstadt aufgefallen. Hier werben AZ, TZ und die allgegenwärtige BILD um die Lesergunst. Um die Neugierde potentieller Leser zu wecken, wird die jeweils aktuelle Schlagzeile als Blickfang plakatiert. Eher beiläufig lasse ich den Blick über diese Presseplakate schweifen und im Vorbeifahren glaube ich den Namen „Kühnen“ gelesen zu haben. Ich bitte Michael mal etwas langsamer zu fahren und hoffe auf einen weiteren Zeitungsautomaten. Der läßt nicht lange auf sich warten und siehe da, ich hatte mich nicht getäuscht. In großen Lettern stand dort auf einem der Plakate zu lesen: „München – Neonazi-Führer Kühnen abgeführt!“ Welche Publizität wegen einer spontanen Rede vom Rand eines Brunnens. Wer noch -außer Michael Kühnen- konnte mit so wenig Aufwand solch ein Medienecho auslösen? Zumindest keiner der Leute, die sich völlig überflüssigerweise gegen ihn gestellt hatten…


„Staatspolitisches Gewicht“

Ich bin mir durchaus bewußt, daß viele Nachgeborene beim Lesen dieser Zeilen denken, daß gerade ich -als Stellvertreter Michael Kühnens- sehr daran interessiert bin, seine geschichtliche Rolle und politische Bedeutung propagandistisch aufzuwerten, um ihn „größer und bedeutender“ erscheinen zu lassen, als er letztlich war. Ich kann niemandem verübeln, wenn er meine Worte -obwohl ich versuche sie mit reichlich Dokumenten zu untermauern- kritisch wertet und dem von mir Geschriebenen mit Skepsis gegenübersteht. Aus diesem Grunde zitiere ich hier einmal ein Behördenschreiben und die Einschätzung, die hier zum Ausdruck kommt, mag manchen sehr viel eher zu überzeugen, als meine -zwar um Objektivität bemühte- dennoch aber immer parteiische und subjektive Darstellung.

Michael Kühnen hatte gegen den Einzug seines Reisepasses und die Beschränkung der Gültigkeit seines Personalausweises auf den räumlichen Geltungsbereich des Grundgesetzes Widerspruch eingelegt. Dieser Widerspruch wurde mit folgender Begründung verworfen:

„…er nimmt in neonazistisch einzuordnenden Kreisen eine zentrale Führungsrolle ein Aufgrund von ausführlicher Berichterstattung der Medien hat er einen erheblichen Bekanntheitsgrad nicht nur national, sondern auch international erreicht. Seit der Entlassung aus der letzten Haft hat er, wie auch die „Presseabteilung der Bewegung“ verkündete, seine Aufgaben wieder übernommen und insbesondere Kundgebungen abgehalten […]

Es liegen Tatsachen vor, die die Annahme begründen, daß der Widerspruchsführer sowohl die innere Sicherheit als auch erhebliche Belange der Bundesrepublik Deutschland gefährdet. […]

Der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland liegt aus den Erfahrungen des Dritten Reiches eindeutig eine Wertentscheidung gegen rechtsextreme Bestrebungen zugrunde. Insbesondere hat das Grundgesetz den -auch vom Widerspruchsführer geäußerten- Vorstellungen neonazistischer Kreise eine Absage erteilt, die die parlamentarische Demokratie beseitigen und stattdessen einen Führerstaat auf rassistischer Grundlage nach dem Vorbild Adolf Hitlers errichten wollen. Das Auftreten des Widerspruchsführers in Gegenwart und Vergangenheit zeigt deutlich, daß er sich zu diesem Gedankengut bekennt und er äußert sich in dieser Hinsicht auch klar, diese Vorstellungen verwirklichen zu wollen. […]

Danach liegt eine erhebliche Belangbeieinträchtigung, die die Versagung des Reisepasses rechtfertigt, vor, wenn nachhaltige Wirkungen der geäußerten Ansichten im Ausland zu befürchten sind. Das ist etwa der Fall, wenn die Meinung eines Auslandsreisenden einem breiteren ausländischen Publikum zugänglich wird oder wenn aufgrund der Stellung des Paßinhabers maßgebliche Einzelpersonen im Ausland den Eindruck gewinnen könnten, der Paßinhaber äußere eine bei den Deutschen noch vorhandene Ansicht. […]

So liegt es hier. Die Stellung des Widerspruchsführers im öffentlichen Leben ist aufgrund seines Bekanntheitsgrades so groß, daß seinen politischen Äußerungen in diesem Sinne staatspolitisches Gewicht zukommt. Es ist anzunehmen, daß sich der Widerspruchsführer im Ausland häufiger Einzelnen gegenüber äußern und dadurch oder gar auf andere Weise (z.B. auf Veranstaltungen) seine schädigenden Ansichten einem breiteren Publikum mitteilen wird, was in dieser Form nachhaltige Auswirkungen hat.“

Dem habe ich für den Moment nichts hinzuzufügen…


Reorganisation

Die Reorganisation unserer Truppe und ihrer wesentlichen Aktionseinheiten und Vorfeldorganisationen schritt in den kommenden Wochen weiter voran. Nachdem wir bundesweit wieder handlungsfähig waren, sollte auch die Europäische Bewegung wieder mit Leben erfüllt werden und auch die Deutsche Frauenfront nahm ihre Arbeit wieder unter kühnentreuem Führungspersonal auf. So wie Kühnen („Jugend führt Jugend!“) der Meinung war, daß man einer jugendlichen Kameradschaft möglichst einen Kameradschaftsführer aus der selben Altersklasse voranstellen sollte und keinen um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte älteren, so vertrat er auch die Auffassung, daß unsere Mädels zwar integraler Bestandteil der Gesamtbewegung sein müßten, dennoch aber eine eigene Struktur und Führungsebene entwickeln müßten. Kühnen war daher sehr froh, als sich mit Uschi Worch eine ausgesprochen engagierte, dynamische, ja resolute junge Frau zur Verfügung stellte, um die Arbeit der Deutschen Frauenfront an der Seite des Chefs fortzuführen.

Und auch der Europäischen Bewegung konnte neues Leben eingehaucht werden. Mit Gerrit Et Wolsink etwa stellte sich ein Mann auf die Seite Michael Kühnens, dessen politische Tätigkeit als niederländischer Kriegsfreiwilliger in der Waffen-SS begonnen hatte. Durch Verbindungen der Familie bis ins Reichssicherheitshauptamt, konnte seine Geburt zurückdatiert werden, so daß er mit gerade mal 16 Jahren schon Angehöriger der nationalsozialistischen Elitetruppe wurde. Das Reichssicherheitshauptamt sorgte dann für seine Versetzung zu den „Brandenburgern“, einer Spezieleinheit der Wehrmacht, die für ihre geheimen Kommandounternehmen tief in Feindesland berühmt -und bei manchen auch berüchtigt- war. Wolsink war dreimal verwundet worden, darunter einmal schwer und war zuletzt Hauptmann in der „Divison Brandenburg“ und Hauptsturmführer in der Allgemeinen SS, der er ebenfalls angehörte. Viele abenteuerliche Geschichten und Anekdoten rankten sich um Et Wolsink, der -allerdings sehr vorsichtig- in einem Fernsehinterview zu seinen Kriegserlebnissen Stellung nahm. An diesem Treffen mit Medienvertretern nahmen auch Michael Kühnen und der niederländische ANS-Führer Eite Homann teil. Der Kontakt zu Leuten wie Otto-Ernst Remer, Otto Riehs, Florentine Rost van Tonningen, Leon Degrelle und auch Et Wolsink öffnete damals viele Türen, die anderen für immer verschlossen blieben. Hätten wir einen zweiten Mann vom Schlage Michael Kühnens gehabt und hätte sich dieser ausschließlich um den Aufbau der Europäischen Bewegung kümmern können, hätte sehr viel mehr aus diesen vielversprechenden Ansätzen werden können. So aber war die EB nur ein Nebenkriegsschauplatz, um den sich nur sporadisch gekümmert werden konnte, da die tagespolitischen Entwicklungen in Deutschland unsere ganze Aufmerksamkeit und Zeit erforderten.


Die Nationale Sammlung (NS) nimmt Gestalt an

Am 15. Juli 1988 gründeten Mitglieder und Sympathisanten der FAP gemäß den Vorgaben Michael Kühhnens die Nationale Sammlung (NS) als bundesweite Wählerinitiative der FAP. Satzung und Programm wurden beschlossen und als Hauptziel wurde die Teilnahme der Truppe an den im März 1989 in Hessen stattfindenden Kommunalwahlen beschlossen. Zudem wurden beim Registergericht die Unterlagen zur Registrierung als „Eingetragener Verein (e.V.)“ eingereicht. Unter der Bezeichnung „Förderkreis Rhein-Main“ wurden unter der Ägide von Kamerad Ritterkreuzträger Otto Riehs, jene -überwiegend ältere- Aktivisten zusammengefaßt, die aus unterschiedlichsten Gründen zwar nicht auf die Straße gehen, uns aber auf jede nur erdenkliche andere Weise unterstützen würden. Nicht zuletzt durch finanzielle Zuwendungen, denn der Wahlkampf würde für unsere Verhältnisse hohe Summen verschlingen.

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Meine Berichterstattung über das, was sich in den kommenden Wochen und Monaten nun abspielen sollte, mag jenen, die nicht dabei waren, wie pure Aufschneiderei vorkommen und so versuche ich auch hier alles so gut es geht mit Dokumenten zu untermauern. Das nationale und bald auch das internationale Medieninteresse war gewaltig und wir schafften es nicht nur -wie oben bereits kurz erwähnt- auf die Titelseite der „New York Times“, sondern auch auf die aller möglichen anderer europäischen und außereuropäischen Printmedien. Während das Höllenhaus zu einer Art ständigem Heerlager mutiert war und sich hier dauernd Trupps von Freiwilligen aus allen Teilen des Reiches aber auch des benachbarten Auslandes aufhielten, trafen wir uns mit den Medienvertretern aller Coleur lieber im gutbürgerlichen Ambiente von Neros Wohnung. Hier gaben sich die Journalisten des In- und Auslandes buchstäblich die Klinke in die Hand. So kam es vor, daß die Vertreter der türkischen „Hürryet“ (auch hier brachten es Kühnen und Reisz auf die Titelseite!) im Hausflur auf die Vertreter der größten japanischen Tageszeitung trafen. Während die deutschen Journalisten „ihre Hausaufgaben“ meist gemacht hatten und sich bisweilen ausgesprochen gut informiert zeigten, fragten uns die Japaner gleich zu Beginn des Interviews erstmal ob es zuträfe, daß die NATIONALE SAMMLUNG bereits die Pläne zum Bau neuer Konzentrationslager in Bereitschaft liegen habe? Meist war nach wenigen Minuten klar, daß man nicht damit gerechnet hatte, mit Michael Kühnen auf einen intelligenten, redegewandten und geschichtlich versierten Gesprächspartner zu treffen. Und während die meisten deutschen Medienvertreter ihre Ablehnung uns und unseren politischen Zielen gegenüber oft nur mühsam verbergen konnten, tauten die ausländischen Journalisten regelmäßig auf und es wurde viel gescherzt und gelacht.

Die örtliche Presse jedoch sprach nicht mit, sondern lediglich über uns. Aber auch das nahezu täglich und so bedauerte man es seitens der Stadt z.B., daß die Trupps zum Übermalen der rechten Parolen gar nicht mehr nachkämen. Hier waren allerdings auch eine ganze Reihe Trittbrettfahrer unterwegs, denn Kühnen hatte verboten, daß irgendwelches Privateigentum verunziert würde, schon gar nicht per Spraydose. „Jedes vollgesprühte Haus“, so Kühnen, „ist mindestens eine Stimme weniger für uns!“ Es braucht hoffentlich nicht sonderlich erwähnt zu werden, daß Kühnen und ich selbstverständlich nicht aus unserer Wahlkampfzentrale agierten, um die Kameraden die „Drecksarbeit“ machen zu lassen, sondern daß auch wir ständig im Außeneinsatz waren, um unser Werbematerial in die Briefkästen zu werfen oder unsere schönen Plakate aufzuhängen.

Eines Tages war ich mal wieder mit einer Plakatierkolonne unterwegs und da wir uns die ganz großen Plakate nicht leisten konnten, waren wir dazu übergegangen welche aus je 4 DIN-A-3-Teilen zusammenzusetzen. Die wurden erst am Zielort und auf dem entsprechenden Untergrund zusammengefügt, wir trugen also stets die Einzelteile und den Leimeimer mit uns herum. Fertig geklebt sahen die -bei umsichtigem Kleben- wie aus einem Guss aus und erreichten die Größe DIN-A-1.

Wir hatten schon reichlich geklebt und liefen gerade die Langener Neckarstraße entlang, als ich in einiger Entfernung hinter uns einen Polizeiwagen bemerkte, der offenbar auf der Suche nach den Plakatierern war, die sich einmal mehr anschickten Langen ihren politischen Stempel aufzudrücken. Noch bevor uns der Lichtkegel des Einsatzfahrzeuges erreichte, hatten wir den Leimeimer und die Tüte mit den Plakatteilen über den kleinen Jägerzaun gewuchtet, der den Bürgersteig begrenzte. Recht schnell näherte sich nun das Auto der Ordnungshüter, preschte an unserer Gruppe vorbei, um c.a. 10 Meter vor uns eine Vollbremsung hinzulegen. Völlig unbeeindruckt gingen wir weiter und schon stieg der Beifahrer aus und kam einige Schritte auf uns zu. Nun erkannte ich ihn, es war mein Bekannter aus Jugendtagen, der uns schon im „Krone-Prozeß“ eine goldene Brücke gebaut hatte. Als auch er mich erkannte, rief er seinem Fahrer zu: „Die kenne ich, das sind sie nicht…!“, eilte zum Fahrzeug zurück und brauste davon.


Nervenkrieg am Landgericht

In Frankfurt kämpfte die Staatsmacht da schon mit anderen Bandagen. Da wurde aus einer Ordnungswidrigkeit schnell mal ein politisches Strafverfahren „gezaubert“ und so wunderte ich mich nur wenig, als mich einige Wochen nachdem man mich in Frankfurt beim „wilden Plakatieren“ erwischt hatte, eine Anklage der Frankfurter Staatsanwaltschaft erreichte. Diesesmal ging´s um´s Eingemachte, denn die Verwendung des Kürzels „N.S.“ sollte als „Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen“ nach § 86a StGB plötzlich strafbar sein. Nun konnte man „NATIONALE SAMMLUNG“ sinnvollerweise nur mit „N.S.“ abkürzen, andernfalls befürchteten wir Ärger mit der us-amerikanischen Weltraumbehörde aber so etwas interessierte im „Kampf gegen rechts“ auch damals schon nicht und so wurde die Anklage tatsächlich zugelassen und das Verfahren vor der Frankfurter Staatsschutzkammer eröffnet. Ich wies die anderen Angeklagten an keine Aussage zu machen und nur mich reden zu lassen, denn mir war da was auf- und eingefallen und wenn diese Argumentation verfangen sollte, könnten wir eventuell heil aus der ganzen Sache herauskommen.

Fest stand nämlich, daß es die Abkürzung „N.S.“ im Dritten Reich so nicht gab und damals galt ja noch das Analogieverbot des Bundesgerichtshofes, wonach nur jene Symbole strafbar waren, die es so tatsächlich im Nationalsozialismus gegeben hatte. Hier witterte ich meine Chance, denn „N.S“ hieß im Dritten Reich wahlweise „Nationalsozialistische“, „Nationalsozialistisches“ oder „Nationalsozialistischer“ und dann fügte sich immer etwas hinzu, wie „Deutsche Arbeiterpartei“, „Fliegerkorps“ oder „Studentenbund“ o.ä., jedenfalls stand das „N.S.“ nie alleine, wie es aber bei uns der Fall war. Zwar war meine Strategie tatsächlich erfolgreich und die Kammer zeigte meinem Rechtsanwalt in der Verhandlungspause eine gewisse Bereitschaft zur Einstellung des Verfahrens, trotzdem entwickelte sich gerade dieser Prozeß nun zu einem Nervenkrieg ganz besonderen Ausmaßes, schließlich stand eine Haftstrafe zur Debatte, die bei meinen Vorstrafen diesesmal vermutlich ohne Bewährung ausgesprochen worden wäre.

Bei dem öffentlichen Druck der gerade auf der Staatsschutzkammer unter Dr. Lehr lastete, war die Bereitschaft der drei Berufsrichter und zwei Schöffen das Verfahren einzustellen schon ein kleines Wunder und nach dem die Staatsanwältin Frau Goy-Fink signalisiert hatte, sie selbst glaube nun auch nicht mehr an ein schuldhaftes Verhalten unsererseits, wähnte ich den Prozeß bereits in trockenen Tüchern. Um so erschrockener war ich, als mich mein Anwalt erneut beiseite nahm und mir erklärte, daß die Einstellung des Verfahrens nun doch an der Staatsanwaltschaft zu scheitern drohe und es eine Einstellung nach der Prozeßordnung nur geben könne, wen alle Prozeßbeteiligten damit einverstanden seien.

„Das kann doch gar nicht sein“, wandte ich ein, „Frau Goy-Fink hat doch selbst gesagt, daß sie meiner Argumentation folgen würde und nun nicht mehr von einem schuldhaften Verhalten ausgehe“. Das stimme auch aber die Staatsanwaltschaft erklärt sich trotzdem nicht mit der Einstellung des Verfahrens einverstanden, sondern sie fordert „Freispruch“! Das konnte ja wohl nicht wahr sein, ich stand plötzlich wie neben mir. Das war nun die mit Abstand kurioseste Situation, in der ich mich je vor Gericht befand. Die Kammer will einstellen, wir Angeklagten sind mit der Einstellung einverstanden und ausgerechnet die Anklagebehörde, die uns ja erst vor Gericht gebracht hatte, ist nicht mit einer Einstellung einverstanden, sondern fordert Freispruch. Freisprechen aber wollte die Kammer nicht, vermutlich dachte man an die Medienschelte, die dann zwangsläufig folgen würde und so gab es ein verbales Gerangel hinter den Kulissen, das sich für uns vor allem durch die nicht endenwollenden und daher nervenaufreibende Prozeßpause bemerkbar machte.

Hartnäckige Staatsanwälte sind mir für gewöhnlich ein Greuel aber in diesem besonderen Fall zahlte sich die Unnachgiebigkeit von Frau Goy-Fink am Ende aus. Müde des ewigen Ringens sprach das Gericht schließlich alle Angeklagten frei. Wie so oft begossen wir diese Entscheidung anschließend in der Gaststätte „Klapperfeld“ in unmittelbarer Nähe des Gerichts. Wieder einmal war ein Kelch an uns vorübergegangen…


Und wieder N.S.-Wahlkampf

Bericht und Interview im Hessen-Runkfunk
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Kühnen sammelte indes bereits wieder Ermittlungsverfahren und statt ihn wegen jedes Verstoßes vor Gericht zu zitieren, bereitete man lieber wieder eine große Sammelanklage gegen ihn vor, um ihn wieder für längere Zeit aus dem Verkehr zu ziehen. So verwundert es auch nicht, daß man mit Argusaugen und ebensolchen Ohren all das verfolgte, was wir in der Öffentlichkeit sagten oder in Form von Druckwerken verbreiteten. Ziel der Ermittlungen war in erster Linie unsere Wahlkampfzeitung „Der Sturm“, von der mehrere Ausgaben erschienen und die wir mit jeweils 12.000 Exemplaren an alle Langener Haushalte verteilten. Abendelang saßen wir im Höllenhaus und falteten diese Zeitungen. Nicht wenige von uns hatten zuletzt Blasen an den Händen aber das alles trat völlig in den Hintergrund, denn noch nie hatte eine kleine Gruppe von bekennenden Nationalsozialisten ein so gewaltiges mediales Echo erzeugt wie wir. Jeden Morgen pilgerten wir zu dem nahe dem Höllenhaus gelegenen Kiosk um die Tageszeitungen zu kaufen. Kaum ein Tag in dem Frankfurter Rundschau, Frankfurter Neue Presse oder auch die taz nicht über uns berichteten. Natürlich waren auch wir skeptisch, ob es tatsächlich zu schaffen war, einige von uns als Kommunalabgeordnete in das Langener Rathaus oder gar den Frankfurter Römer zu schicken und wir bekamen ja überwiegend nur die positive Resonanz unserer Sympathisanten zu Gehör, wie Langen wirklich wählen würde, war lange Zeit nur sehr schwer oder gar nicht einzuschätzen.

Da wir aber nicht die einzigen waren, die vorab schon gerne mehr gewußt hätten, führten Medienvertreter mehrere Umfragen unter den Langener Bürgerinnen und Bürgern durch und all diese Umfragen sahen uns schon sicher in der Bürgervertretung sitzen. Als selbst die Frankfurter Rundschau schrieb, nun gäbe es kaum noch eine realistische Chance den Einzug der Braunen ins Langener Rathaus zu verhindern, wandten sich die Stadtoberen einmal mehr hilfesuchend an die Bundesregierung. Zu diesem Zeitpunkt hofften wir noch inständig, daß sich das Bundesinnenministerium raushalten und uns in Ruhe lassen würde. Längst aber sah man in Bonn die Belange der Bundesrepublik berührt, immer mehr wurde das (relativ) große Deutschland mit dem kleinen Langen gleichgesetzt und es machte sich besonders im Ausland die Befürchtung breit, Langen könne nur der Auftakt zu etwas viel größerem sein. Diese Auffassung, die für die Herrschenden eine Befürchtung war, stellte indes unsere große Hoffnung dar. Es ging ja nicht nur darum ein paar Lokalpolitiker in ein Stadtparlament zu schicken, sondern es ging um einen Tabubruch, der hoffentlich viele andere nach sich ziehen würde und uns nationale Sozialisten endlich aus der politischen Isolation führen könnte.


Das Führerthing der Nationalen Sammlung

Anfang August 1988 rief Kühnen dann alle verantwortlichen Unterführer zu einem großen Kadertreffen zusammen. Da das Kamerateam der NEUEN FRONT auf Video mittlerweile zum ständigen Begleiter unserer wichtigsten Aktivitäten geworden war, verlegten wir dieses Führerthing formell in die Niederlande, da es hier keine Schwierigkeiten mit den einschlägigen Paragraphen geben würde. Sollte es in Deutschland wegen irgendeines Symbols, eines verbotenen Liedes oder einfach des falschen Grußes wegen zu einem oder mehreren Ermittlungsverfahren kommen, konnten wir darauf hinweisen, daß die Handlungen nicht „im räumlichen Geltungsbereich des Grundgesetzes“ stattgefunden haben und es somit keine Strafverfolgung geben würde. In Wahrheit trafen wir uns auf einem großen Gartengelände in der Nähe von Ulm. Ein älterer Sympathisant und Spender hatte uns diese Örtlichkeit zur Verfügung gestellt und dort konnten wir uns nach Herzenslust „austoben“. (Wir nannten tatsächlich eine „location“ damals noch Örtlichkeit und ein „Event“ war unser Führerthing allemal, wobei auch seinerzeit schon mal der Amerikanismus sein dreistes Haupt erhob und der Kameradschaftsführer von Bad Hersfeld, Klaus Bode, das Wort „Thing“ doch tatsächlich versehentlich mit dem englischen „th“ aussprach)

Das Treffen war nach einhelliger Meinung ein großer Erfolg, es traf sich hier die „braune Prominenz“, zumindest soweit sie auf der Seite Michael Kühnens stand und ich erinnere mich an die Teilnahme von Christian Worch, Thomas „Steiner“ Wulff, Christa Goerth von der HNG, Eite Homann aus den Niederlanden, Wolfgang Hess, Heinz „Nero“ Reisz, Thomas Hainke und viele, viele Kameraden, die sich auf örtlicher Ebene bereits einen Namen gemacht hatten wie Fred Eichner aus München. Ich war jedenfalls froh und glücklich, als ich dem Chef -gut zwei Jahre nach dem Putsch- eine hochmotivierte, in sich geschlossene Kadertruppe nationaler Sozialisten melden konnte, die nur auf seine Anordnungen und Befehle wartete.

Nachgeborene machen uns oft den Vorwurf wir seien „Hollywoodnazis“ gewesen, ein billiger Abklatsch, eine Karikatur vergangener Zeiten und rückblickend mag das auf die junge Generation so wirken. Wir aber verstanden uns nunmal als Politische Soldaten, wir trugen das Braunhemd gern und voller Stolz und die Führungskameraden hatten zum Großteil alle noch gedient, waren also mit militärischen Abläufen vertraut. So war es selbstverständlich, daß ich die Kameraden zu einer Art Appell vor Kühnen antreten ließ. Alle nahmen bei dem Befehl „Achtung!“ Grundstellung ein und ich trat aus der Formation heraus um Michael Kühnen die angetretene Truppe zu melden. Dann übernahm der Chef, befahl „Rührt Euch!“ und begann seine Ansprache. Wem natürlich jegliches militärische Zeremoniell komisch erscheint, kann unser Verhalten heute nachträglich belächeln. Es muß aus der Zeit heraus verstanden werden und hier weise ich auf die ersten Auftritte der alten ANS von Kühnen hin. Als diese martialisch gekleideten jungen Aktivisten mit zehn oder zwölf Mann aber einheitlich gekleidet und als kleiner Marschblock durch Hamburg marschierten, war zumindest damals niemandem zum Lachen zumute.

Kühnen erläuterte dann nochmal ausführlich seine Pläne und rief die anwesenden Unterführer dazu auf, den hessischen Kommunalwahlkampf in Frankfurt und Langen weiterhin nach Kräften zu unterstützen. Lange bitten brauchte man natürlich niemanden. Langen war Dank unserer Aktivitäten ja dauernd in den Medien präsent und viele Aktivisten rissen sich förmlich darum an dieser Propagandaschlacht teilnehmen zu können. Die wichtigsten Unterführer gaben dann im Anschluß an den offiziellen Teil für die NEUEN FRONT auf Video noch Stellungnahmen ab (so wurden „Statements“ damals noch genannt) und so wurden Geist und Inhalt der zweitägigen Zusammenkunft dank modernster Technik in die Wohnstuben all der Kameraden, Sympathisanten und Förderer transportiert, die an dem Treffen nicht hatten teilnehmen können.


Erster Jahrestag des Todes von Rudolf Hess

Mit dem Aufmarsch nationaler Kräfte zum ersten Todestag des Friedenfliegers Rudolf Hess wurde eine langjährige Tradition begründet, in deren Folge das alljährliche Gedenken nur zu oft vor Gerichten erst erstritten werden mußte. Im August 1988 stellte die Kühnen-Truppe mit rund 200 Aktivisten das größte Kontingent beim Trauermarsch durch Wunsiedel. Später sollten Tausende marschieren und das ehrende Gedenken an Rudolf Hess wurde zum festen Bestandteil eines jeden nationalen Veranstaltungskalenders.

Der vom „Wehr´ Dich!“-Herausgeber Berthold Dinter angemeldete Marsch war zunächst verboten worden, nach einer entsprechenden Klage machte jedoch das zuständige Verwaltungsgericht den Weg frei. Wieder einmal hatte sich die Gegenseite, also die Fraktion der Kühnen-Gegner, diese Gelegenheit zu einer Demonstration eigener Macht und Stärke entgehen lassen. Sie hatten sich bereits eine Woche zuvor mit c.a. 60 Leuten zu einer Saalveranstaltung in Wunsiedel getroffen, die natürlich den Nachteil hatte, daß sie von der Öffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen worden war. Anders bei uns. Als sich zunächst c.a. 100 Marschierer versammelt hatten, säumten bereits Tausende Schaulustige die Marschroute (die Presse schrieb später von c.a. 3000, das dürfte aber wie gewohnt noch reichlich untertrieben gewesen sein). Im Laufe der Veranstaltung sollten sich nicht wenige dieser Schaulustigen in unsere Marschkolonne einreihen, die militante Antifa war ohnehin nur mit geschätzten 50 Aktivisten vor Ort, eine Gruppe von etwa 30 sollte ich noch zu Gesicht bekommen.

Organisation und Stimmung waren hervorragend, alles sammelte sich auf dem sogenannten „Festplatz“, der ebenfalls schon voller Menschen war. Viele Medienvertreter des In- und Auslandes waren darunter, man erhoffte sich ein Spektakel und wartete natürlich einmal mehr auch auf Michael Kühnen. Die NEUE FRONT schreibt später hierzu: „Der Festplatz voller Menschen. Tausende säumen die Straßen an der vorgesehenen Marschroute! Dann kommt Kühnen, einige seiner engsten Mitarbeiter im Gefolge. Sofort kommt Bewegung in die Szene: Scharen von Pressevertretern stürzen in seine Richtung, Kamerateams aus aller Herren Länder umringen Kamerad Kühnen…“

Wir sind zwar später etwas enttäuscht darüber, daß die innerdeutschen Medien in der Folge beinahe eine Totschweigetaktik an den Tag legen aber wir erfahren Dank unserer zahlreichen Auslandskontakte sehr schnell, daß fast überall im europäischen Ausland ganz groß über Wundsiedel und unseren Aufmarsch berichtet wurde.

Auch wenn der Anlaß dieser Zusammenkünfte ja ein überaus trauriger war und ist, so wird Wunsiedel 1988 dennoch zu einem der schönsten Gemeinschaftserlebnisse der letzten Jahre. Nach einer kurzen Rede des Kameraden Dinter singen wir alle gemeinsam „Wenn alle untreu werden…!“, dann marschieren wir los. Plötzlich gibts verhaltenen Applaus und nach einer Weile wird vom Ende unserer Kolonne nach vorne gemeldet, daß sich mehr und mehr „neutrale Bevölkerungsteile“ in unseren Block einreihen und mit uns gemeinsam marschieren. In dieser Größenordnung habe ich das nie vorher und nie nachher nochmal erlebt. 7 Hundertschaften Bundesgrenzschutz und 5 Hundertschaften Bereitschaftspolizei bilden die unfreiwillige Kulisse für unsere Demonstration des ehrenden Gedenkens an Rudolf Hess und viele der Bürger, die hier hinter der schwarz-weiß-roten Fahne her marschieren, hätten das sicher kurz vorher selber noch für unmöglich gehalten. Man hätte fast Mitleid mit den gerade mal 30 Antifas haben können, die da völlig verzweifelt ihr Transparent „Nie wieder Nationalsozialismus!“ hochhielten und kaum hörbar „Nazis Raus!“ skandierten. Als später auch Christian Worch als Leiter der Ordnungskräfte eine kurze und bewegende Ansprache hält, hat er keinerlei Schwierigkeiten die paar Roten mittels Megaphon zu übertönen.

Immer wieder war allen Beteiligten eingebläut worden, daß es sich bei unserer Veranstaltung erstens ohnehin um einen Trauermarsch handelte und es zweitens von der disziplinierten Durchführung abhängen würde, ob wir auch in den folgenden Jahren vor den Gerichten obsiegen und damit weiter durch Wunsiedel marschieren dürften. Alle hielten sich an die Vorgaben und Auflagen und trotzdem beschlich mich das merkwürdige Gefühl, daß die Staatsmacht sicher den Auftrag hatte, nach Möglichkeit Verbotsgründe zu schaffen, um vielleicht doch noch „dem braunen Spuk“ ein Ende zu bereiten. Ich sollte mich nicht getäuscht haben, denn als wir nach der Abschlußkundgebung auf dem Festplatz das Deutschlandlied sangen und sich immer mehr Arme zum damals noch erlaubten Widerstands- bzw. Kühnengruß erhoben, schlug die Einsatzleitung zu und zwang ihre Ordnungstruppen zum völlig überflüssigen Einsatz. Noch während wir sangen, rissen plötzlich vorpreschende Greif- und Festnahmetrupps die singenden Kameradinnen und Kameraden aus unserem Block heraus. Noch ehe ich mich versah war auch ich an der Reihe und wurde mit brachialer Gewalt zurück und zu Boden gerissen. Sofort legte man mir Plastikhandschellen an und brachte mich zu den anderen Festgenommenen. Ich ärgerte mich über diese völlig unnötige Schikane, vor allem deshalb, weil wir wenige Minuten später ohnehin die Fahrzeuge bestiegen und Wunsiedel verlassen hätten. Schließlich hatten wir noch einen Saal in einer Kneipe etwas außerhalb angemietet und wollten dort einen zünftigen Kameradschaftsabend durchführen, quasi als krönender Abschluß dieses bewegenden Tages.

So aber ging´s erstmal in die Sammelzelle und ich sah allenthalben in bekannte Gesichter. Auch Wolfgang Hess war festgenommen worden, ebenso sein Sohn Gerald, damals stellvertretender Kameradschaftsführer von Frankfurt und der Leiter der ANS-Niederlande, Kamerad Eite Homann ebenfalls. Dann folgte das übliche pro cedere: Vernehmung, Durchsuchung, ED-Maßnahmen und ich bin zusätzlich erbost, als man uns getreu dem Grundgesetzartikel „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ zwingt, uns fast völlig zu entkleiden, letztlich nur, um uns zu demütigen. Sei´s wie es sei, für einen Revolutionär ist das halt das „täglich´ Brot“ und wir steckten sowas natürlich weg wie nichts. In solchen Situationen dachte ich auch immer wieder an die vielen rechten Reaktionäre, die nie mit uns auf die Barrikaden oder wenigstens zu friedlichen Trauermärschen gegangen wären. Hätte man einen Dr. Frey auch gezwungen sich bis auf die Unterhose zu entkleiden? Aber solche Leute suchte und sucht man natürlich an der wirklichen politischen Front vergebens. Der tote Rudolf Hess dürfte einem Herrn Frey ohnehin viel lieber gewesen sein, als der lebende. Der Medaillenverkauf florierte nach dem Tod des Friedensfliegers wie noch nie und so ist das Ableben von Rudolf Hess für Frey in erster Linie „bare Münze“ gewesen.

Der gemütliche Kameradschaftsabend hat dann nach unserer Freilassung natürlich trotzdem noch stattgefunden. Ich, der ich subjektiv den größten Durst hatte, durfte als Letzter den Gewahrsam verlassen. Als ich in den proppenvollen Saal kam und die ganze Meute sofort „Thomas, Thomas, Thomas…!“ skandierte, war alles andere vergessen und ich wußte: Wir kommen wieder!


Der Antikriegstag 1988

Wieder zurück in heimischen Gefilden bereiteten wir den „Antikriegstag“ vor. Dieser von Michael Kühnen ins Leben gerufene Mahn- und Gedenktag wird noch heute von weiten Teilen des Nationalen Widerstandes begangen. So marschierten z.B. im Jahre 2008 viele hundert Aktivisten anläßlich einer großen Demo in Dortmund auf. Im Gegensatz zu den „gesellschaftlich relevanten Gruppen“ der Republik, die noch heute an jedem 1. September mit dem „deutschen Überfall auf Polen“ in bewährter Weise die Vergangenheit „bewältigen“, legte Kühnen den Antikriegstag auf den 3. September, also den Tag, an dem aus dem deutsch-polnischen Grenzkonflikt ein zunächst europäisches und später erneut weltweites Ringen wurde, als nämlich Frankreich und England dem Deutschen Reich den Krieg erklärten.

Und so wie noch heute der Antikriegstag begangen wird, so wäre es zu wünschen, wenn auch der ebenfalls von Kühnen ins Leben gerufene und jeden 30. Juni begangene „Kampftag gegen die Reaktion“ eine Wiederbelebung erführe. Zu oft waren es innerdeutsche, reaktionäre Kräfte, die die kämpfende politische oder militärische Front ins Wanken brachten.

Doch zurück zum Antikriegstag des Jahres 1988:

Nur keinem Klischee entsprechen, das war wie so oft auch die Taktik in diesem Fall, denn die Revision der Geschichte war natürlich formell kein Thema, das die wählende Bürgerschaft in Frankfurt oder Langen interessierte. Und wen würde es kratzen, wenn „die bösen Nazis“ behaupteten, sie seien gar nicht schuld am 2. Weltkrieg? Da bedurfte es schon eines propagandistischen Knallers um die Leute zum Nachdenken zu bewegen. Dieser Knaller war ausgerechnet ein Zitat Josef Stalins, das von uns im großen Stil unter die Leute gebracht wurde. 1939 noch mit Deutschland verbündet, sah Stalin die Schuld am Kriege bei den Westmächten und er hatte dies auch unmißverständlich zum Ausdruck gebracht. So erschien am 29. November 1939 ein Artikel in der „PRAWDA“, in dem es wörtlich hieß:

„…Genosse Stalin hat die Frage des Chefredakteurs (der PRAWDA) folgendermaßen beantwortet:

1. Nicht Deutschland hat Frankreich und England angegriffen, sondern Frankreich und England haben Deutschland angegriffen und damit die Verantwortung für den gegenwärtigen Krieg auf sich genommen.

2. Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten hat Deutschland Frankreich und England Friedensvorschläge gemacht, und die Sowjetunion hat die Friedensvorschläge Deutschlands öffentlich unterstützt, weil sie dachte und immer noch denkt, ein rasches Ende des Krieges würde die Lage aller Länder und Völker radikal erleichtern.

3. Die herrschenden Kreise Frankreichs und Englands haben beide Deutschlands Friedenvorschläge und die Bemühungen der Sowjetunion nach rascher Beendigung des Krieges in verletzender Weise zurückgewiesen. Das sind die Tatsachen!“

Viele Bürger und besonders die nach dem Krieg geborenen, hörten bzw. lasen solche Worte zum ersten Mal. Bereits am 1. September hatten wir mit diesen Flugblättern das vom Langener DGB initiierte „Friedensfest“ aufgesucht. Mangels Masse hatte man sich aus dem ursprünglich für diesen Zweck angemieteten Festzelt in den kleinen Raum einer Langener Schule zurückgezogen und war natürlich völlig überrascht, als wir mit Michael Kühnen an der Spitze mit insgesamt 18 Mann aufliefen und anstatt zu randalieren, unsere Diskussionsbereitschaft bekundeten. Vermutlich fühlte sich niemand Michael Kühnen wirklich gewachsen und so verweigerte man uns das Gespräch. Man berief sich auf das Hausrecht und verwies uns des Raumes, obwohl man doch vorher „alle Langener Bürgerinnen und Bürger“ eingeladen hatte. Kühnen liebte solche Überraschungsbesuche beim politischen Gegner und wies die Kameraden vorher immer an, nur keine Straftatbestände zu erfüllen, denn dann sei so ein Auftritt immer ein Erfolg, völlig unabhängig davon, ob man nun mit uns spricht oder nicht. Man würde in jedem Fall anschließend über uns sprechen. Und manchmal konnte man den völlig überrumpelten Superdemokraten auch die eine oder andere bemerkenswerte Äußerung entlocken. Als Kühnen nämlich gegenüber dem DGB-Vertreter bemerkte, der DGB habe aber ein seltsames Demokratieverständnis, wenn er einen Andersdenkenden nicht zu Wort kommen lassen würde, meinte der DGB-Funktionär, man habe eben das selbe Demokratieverständnis wie wir. Das kann der unmöglich ernst gemeint haben…

Am 3. September -dem eigentlichen Antikriegstag- führten wir zwei größere Kundgebungen durch. Eine in Hannover und eine in Frankfurt. Die in Hannover leitete Kühnen persönlich, er hielt eine seiner packenden Reden und auch Christian Worch und Gerrit Et Wolsink sprachen. Anschließend wurde das Flugblatt mit dem Stalin-Zitat in der Innenstadt von Hannover verteilt und die dortige Ordnungsmacht sah wegen des disziplinierten Ablaufs der Veranstaltung keinen Grund zum Einschreiten.

In Frankfurt gingen die Uhren mal wieder anders. Die dortige Veranstaltung leitete ich und wir hatten bereits 2.000 unserer Flugzettel verteilt, als plötzlich ein starkes Aufgebot der Polizei mit einer richterlichen Anordnung auftauchte. Erstens würden wir eine unangemeldete Veranstaltung durchführen (was natürlich nur ein Vorwand war, denn Handzettelaktionen sind nicht anmeldepflichtig!) und außerdem würde „verbotenes Material“ verbreitet. Beiden Behauptungen fehlte jegliche Grundlage, sowohl inhaltlich als auch juristisch aber man nahm uns erstmal wieder in Gewahrsam, leitete Ermittlungsverfahren ein, fotografierte mich zum x-ten Male und wo man hierbei noch sagen muß, daß man sich natürlich im Laufe der Jahre äußerlich veränderte, so war die Abnahme der Fingerabdrücke, also das „Klavierspielen“ nur eine immer wieder gerne aufgelegte Schikane, die uns aber wie alle anderen nicht von unseren Vorhaben abbringen konnte. Kurze Zeit später würden wir nach Frankfurt zurückkehren, um unsere Wahlkampfzeitung „Frankfurt-Blitz“ (das Pendant zum Langener „Sturm“) zu verteilen.

Die großangelegte Festnahmeaktion zum Antikriegstag, die sofort wieder von reichlich Medieninteresse begleitet wurde auch wenn Michael Kühnen an diesem Tag nicht vor Ort, sondern an der „politischen Nordfront“ im Einsatz war, nutzte ich natürlich nach Kräften aus. Ich gab der „Frankfurter Neue Presse“ ein ausführliches Interview und transportierte auf diese Weise unser Anliegen in die Wohnstuben auch jener Bürger, die keines unserer Flugblätter erhalten hatten.

Als man dann noch den Fehler machte, uns nicht „bis 24°° Uhr des darauffolgenden Tages“ (so die gesetzliche Vorgabe, danach muß ein vorläufig Festgenommener entweder freigelassen oder dem Haftrichter vorgeführt werden) festzuhalten, sondern uns gegen 21°° Uhr auf freien Fuß setzte, fanden wir uns noch in unserem Sturmlokal ein und als gegen 22°° Uhr auch noch Michael Kühnen aus Hannover zurückkehrte, endete dieser ereignisreiche Aktionstag einmal mehr in einem zünftigen Kameradschaftsabend.


Wahlkampf – Jetzt wird´s ernst

Am 9. September machten wir dann endgültig ernst mit unserem Wahlkampf in Langen. Zwar hatte Kühnen die großangelegte Verteilung der Wahlkampfzeitung „Der Sturm“ in 12.000 Exemplaren am vorangegangenen Kameradschaftsabend für den Samstag Mittag angekündigt, doch da er mit Störungen von Polizei und/oder politischem Gegner rechnete, verlegte er die Verteilaktion kurzerhand um einen Tag vor und so fuhren die Kameraden vom Frankfurter Kam.-Abend direkt nach Langen, um dort in einer mehrstündigen Verteilaktion bis tief in die Nacht hinein unsere Wahlkampfzeitung in die Briefkästen sämtlicher Langener Haushalte zu stecken. Die Aktion verlief völlig störungsfrei und die Langener hörten nun endlich auch von uns selbst, daß nach dem Einzug unserer Kandidaten in den Stadtrat ein „Sturm der Erneuerung“ durch Langen wehen sollte…

In unserem Frankfurter Hauptquartier war indes rund um die Uhr „die Hölle los“, ständig kamen und gingen Kameraden auch von außerhalb. Endlich sah ich ein paar alte Haudegen wieder, die einfach erwähnt werden müssen, weil sie die Entwicklung des Nationalen Widerstandes über Jahre begleitet, wenn nicht geprägt haben. Einer dieser alten Kämpfer war Arnulf W. Priem aus Berlin. Von den Medien wegen seiner langen Haare ganz gern mal als „Nazi-Rocker“ bezeichnet, hatte Priem im Jahre 1988 schon eine bemerkenswerte Laufbahn im rechten Lager hinter sich. In der DDR inhaftiert und später freigekauft hatte sich Arnulf sehr früh rechten Zusammenhängen angeschlossen, bzw. eigene -wie die „Kampfgruppe Priem“ oder „Wotans Volk“- gegründet. Die erste gemeinsame Schlacht hatte ich mit Priem bereits im Jahre 1983 geschlagen als wir das Grundstück von Curt und Ursel Müller in Mainz gegen die rotfaschistische Belagerung verteidigt hatten, nun war auch er nach Frankfurt geeilt, um den Chef und seine Nationale Sammlung zu unterstützen.

Thomas Brehl und Arnulf Priem

Wie jeder, der sich mal ein wenig aus der Masse der Aktivisten herausgehoben hat, sah sich auch Priem über die Jahre immer wieder wüstesten Angriffen ausgesetzt. Mal war kolportiert worden, er habe in diversen Pornofilmen mitgespielt, mal neidete man ihm seine meist um einige Jahre jüngeren Freundinnen aber für uns antibürgerliche Revolutionäre war das „kalter Kaffee“, diese Masche hatten wir zu oft am eigenen Leib erlebt. Eine andere Qualität hatten da schon die Vorwürfe, Priem habe mit der Staatssicherheit der DDR gemeinsame Sache gemacht und sei „IM“, also inoffizieller Mitarbeiter gewesen. Als dann endlich auch für jeden Privatmann die Möglichkeit bestand über die damals so genannte „Gauck-Behörde“, die das Stasi-Erbe verwaltete, seine persönliche Stasiakte einsehen zu können, da ließ sich Arnulf W. Priem diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen und machte in der Folge seine Stasiakte allen interessierten Mitstreitern zugänglich, so auch mir. Aus den Unterlagen ging ganz klar und völlig unmißverständlich hervor, daß Arnulf W. Priem ein Opfer der Staatssicherheit war. Bespitzelt, gegängelt und letztlich eingesperrt für seine politischen Überzeugungen. So konnte wenigstens in dieser Hinsicht einigen „wohlmeinenden Kameraden“ das freche Lügenmaul gestopft werden.

Auch in der Folgezeit war Priem für Kühnen immer eine feste Bank in der Reichshauptstadt und selbst wenn man sich mal einige Wochen oder Monate aus den Augen verlor, so wurde man spätestens durch seine Medienauftritte immer wieder an den guten Arnulf erinnert. So z.B. im Zusammenhang mit der sog. „Briefbombenaffäre“, in die allerdings Arnulf ebenso wenig verwickelt war, wie die ursprünglich beschuldigten ostmärkischen Kameraden. Für eine reißerische Schlagzeile in der Berliner Presse reichte aber der an den Haaren herbeigezogene Verdacht allemal. Obwohl wir uns nun leider seit vielen Jahren nicht mehr getroffen haben, halte ich noch heute einen sporadischen Kontakt zu diesem Berliner Urgestein des Widerstandes, der sich allein aufgrund seiner langen Zugehörigkeit und nie versiegender Einsatzbereitschaft mit Stolz zur „Alten Garde“ der Bewegung zählen darf.


Eine schlechte Nachricht

Die schlechte Nachricht des Jahres 1988 ereilte mich völlig überraschend und in Form eines Briefes, den mir Michael Kühnen Ende Oktober auf dem Kameradschaftsabend der Frankfurter übergab. Kühnen hatte auf der Fahrt ins Sturmlokal noch die eingehende Post aus dem Postfach geholt und nahm mich gleich mal zur Seite, nachdem er eingetroffen war. Der Brief kam aus München und der schwarze Rand auf dem Couvert ließ bereits erahnen, um was es sich handelte. Und tatsächlich, Nelly Jordan, die Frau von Rudolf Jordan informierte mich in kurzen Worten, daß Ihr Mann -mein Großonkel- in der Nacht zum 27. Oktober im Klinikum Haar verstorben war. Mit Rudolf Jordan verstarb der einst „jüngste Gauleiter im Reich“ und mein zu diesem Zeitpunkt nächster Verwandter mit 86 Jahren. Zweimal für tot erklärt, hatte er sogar eine zehnjährige russische Gefangenschaft überlebt. Wieder einmal war einer jener Männer gegangen, die das Dritte Reich nicht nur erlebt, sondern aktiv mitgestaltet hatten. Meine Gedanken gingen wehmütig zurück in meine Jugend, als uns Rudolf des öfteren zu Hause besucht hatte. Ich dachte an die vielen Briefe die wir ausgetauscht hatten, das letzte persönliche Gespräch im Jahre 1978 und ich dachte an die Grußadresse zu seinem 80. Geburtstag, die 1982 auf der Sonnwendfeier bei Müllers in Mainz von über 100 Kameradinnen und Kameraden unterschrieben worden war und die ich ihm voller Stolz nach München geschickt hatte. Die Vorderseite zierte einer der beiden von Professor Schmidt-Ehmen gestalteten Monumentaladler aus der Luitpoldarena vom Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Ich war indes recht dankbar, daß mir der hektische Wahlkampf nicht viel Zeit zur Trauer ließ. Das Angebot von Kühnen „ein paar Tage Urlaub“ zu nehmen, lehnte ich dankend ab…


Kühnens Privatleben

Alles normale, ja alles unscheinbare ist immer ausgesprochen langweilig, weil uninteressant. Alles was von der Norm abweicht, läßt die Leute die Ohren spitzen und begierig alles aufsaugen, was von interessierter Seite in die Welt gesetzt wird. Und ist das Gehörte immer noch zu wenig sensationell, so erliegt mancher sehr schnell der Versuchung es durch weitere „Ausschmückungen“ zu ergänzen, ja regelrecht „aufzublasen“. So wurden auch Kühnen die abenteuerlichsten Präferenzen nachgesagt und vieles in die Welt gesetzt, nur um ihm zu schaden. Vor dem Hintergrund der ganzen Legenden werde ich noch heute oftmals nach dem Privatleben des Chefs gefragt und meist sehe ich in enttäuschte Gesichter wenn ich darüber berichte, denn mit Sensationen kann ich leider nicht aufwarten.

Noch heute ärgere ich mich über Artikel in denen Kühnen als „bekennender Homosexueller“ bezeichnet wird. Das ist sowas von daneben und ich kenne von Kühnen überhaupt nur ein einziges Bekenntnis zu seiner Sexualität und das war seine Verlobung mit der Wirtstochter „Lisa“ Simone Wohlschläger, die eigentlich Esther hieß und von uns auf einem Frankfurter Kameradschaftsabend „feierlich“ in Lisa umgetauft worden war, da sie weder rassisch noch religiös irgendetwas mit dem Judentum zu tun hatte. Sein allzu früher Tod verhinderte denn auch leider die Hochzeit Kühnens mit Lisa, die eigentlich schon fest eingeplant war.

Während der ANS-Zeit hatten wir Funktionsträger eigentlich alle kein Privatleben im klassischen Sinn, Kühnen schon gar nicht. Der war ja nur auf Achse und vorher und nachher knapp acht Jahre inhaftiert. Erst mit der Verlegung seines Wohnsitzes ins Frankfurter Höllenhaus gab es für Kühnen eine Art ruhenden Pol und wir -seine unmittelbare Umgebung- hatten irgendwann bemerkt, daß er und Lisa zunächst immer häufiger, später dann ständig zusammen waren und sie ihn immer öfter begleitete und umsorgte. Es wunderte uns daher auch nur mäßig, daß Lisa dann irgendwann ganz offiziell ins Höllenhaus zog und mit dem Chef ein Zimmer in der oberen Etage teilte. Die bald darauf stattfindende Verlobungsfeier gab diesem Verhältnis dann auch sichtbaren Ausdruck. Ich weiß ja nun nicht, ob es böse Absicht war oder man Kühnen tatsächlich soviel schauspielerisches Talent zutraute, daß er als angeblich „bekennender Homosexueller“ Tisch und Bett mit einer jungen Frau teilte und noch weniger wäre ja das Verhalten eben dieser jungen Frau zu verstehen, die quasi ihre besten Jahre opfert, nur um einem „Nazi-Führer“ eine Art Alibi für sein ansonsten ausschweifendes Leben zu verschaffen.

Sicher gab und gibt der frühe Aidstod Michael Kühnens Anlaß zu Überlegungen, wie es dazu kommen konnte. Ich gebe hierbei aber zu bedenken, daß Kühnen fast acht Jahre in der Hand seiner Gegner und ihnen in dieser Zeit völlig hilflos ausgeliefert war. Ich werde natürlich den Teufel tun und staatliche Stellen des Mordes an Kühnen bezichtigen. Das könnte ich ja auch nie beweisen aber ich bitte alle, die sonst ja auch nicht zögern Todesfälle von Repräsentanten des rechten Lagers als von interessierter Seite initiiert zu bezeichnen, eine vorsätzliche Infizierung Kühnens mit dem Aids-Virus zumindest nicht auszuschließen.


Der FAP-Parteitag vom 05.11.1988:

Die Gründung eigener Vorfeldorganisationen und hier besonders die von Kühnen ins Leben gerufene Nationale Sammlung ermöglichte uns eine reibungslose politische Alltagsarbeit. Dennoch konnte das nicht darüber hinwegtäuschen, daß es in der FAP, die wir zur Legalisierung unserer Arbeit ebenso benötigten wie die Gegenseite, drunter und drüber ging.

Friedhelm Busse

Zwar war noch immer der FAP-Gründer Martin Pape der nominelle Vorsitzende der Partei, zu melden hatte der aber von Anfang an nichts gehabt. Mit Friedhelm Busse betrat aber nun ein nicht zu unterschätzendes aktionistisches Schwergewicht die politische Bühne und seine Anti-Kühnen-Haltung sollte uns zunächst schwer zu schaffen machen. Ich habe ja an anderer Stelle bereits darauf hingewiesen, daß es später zu einer Versöhnung kam, nicht zuletzt, weil Friedhelm Busse eingesehen hatte, daß wir schon damals besser zusammen- statt gegeneinander gearbeitet hätten. Vorerst aber wurde mit harten Bandagen um eine Partei gekämpft, die eigentlich keiner haben wollte, die aber alle brauchten, um legal politisch arbeiten zu können. Ohne den Schutz der FAP wären alle Gründungen Kühnens sofort als Nachfolgeorganisationen der verbotenen ANS/NA eingestuft worden. So aber war selbst die Nationale Sammlung auf dem Papier eine „Wählerinitiative der FAP“.

Auch Martin Pape hatte sich mittlerweile gegen Kühnen gestellt, denn obwohl es ja eine geheime Absprache gegeben hatte, nach dem Verbot der ANS/NA massenweise deren Kader und Aktivisten in die FAP zu schicken, hatte sich Pape das im Ergebnis sicher anders vorgestellt. Er wollte in erster Linie seine unbeachtet dahindümpelnde Partei vergrößern, Kühnen hingegen wollte sicherstellen, daß im Verbotsfall völlig legal und ohne Bruch weitergearbeitet werden könnte. Im Ergebnis hatte das bedeutet, daß Martin Pape, der Parteigründer, zum „Grüßgott-August“ wurde, de facto aber nichts zu melden hatte. Den Putschisten hingegen schien Pape auch nicht zu trauen und so hatte er den längst fälligen Bundesparteitag immer wieder hinausgezögert. Nun aber wurde es eng und die Gefahr bestand, daß die FAP ihren Parteienstatus verlieren würde. Daran konnte keinem der Beteiligten gelegen sein und so mußte Pape irgendwann das Wagnis eine Bundesparteitages eingehen und am 05.11.1988 war es denn auch soweit.

Um das Risiko seiner Abwahl zu minimieren, hatte Pape sicherheitshalber zu keiner Mitglieder- sondern zu einer Delegiertenversammlung eingeladen. Im Vorfeld waren die kühnentreuen Delegierten entweder nicht anerkannt worden oder andere anerkannte wurden zu spät oder falsch informiert und kamen daher erst an, als die „Parteiwahlen“ schon im vollen Gange waren. Die Gegenseite -die einen Martin Pape ebensowenig brauchte oder wollte wie wir- ließ dann aber trotzdem den langjährigen Vorsitzenden einfach fallen und wählte Friedhelm Busse zum neuen Parteivorsitzenden. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, daß die Gegenseite hier ein bißchen „NPD“ spielen wollte, denn von der waren wir ja auch so einiges gewohnt aber solche Sperenzien konnte man mit Kühnen natürlich nicht machen, längst hatte er sich und die Truppe auf diesen wichtigen Tag vorbereitet.

So sahen wir in staunende Gesichter, als wir plötzlich mit knapp hundert Kameraden auf der „Delegiertenversammlung“ der Putschisten auftauchten, die sich mit gerade mal 20 Mann versammelt hatten. Kühnen vorneweg, danach meine Wenigkeit und die Kameraden Worch und „Steiner“, platzten wir in den Saal und wiesen die Anwesenden darauf hin, daß ihr gesamter „Bundesparteitag“ ungültig und die Wahlen rechtsunwirksam seien. Längst hatte Kühnen im Vorfeld ein weiteres Lokal angemietet und dafür gesorgt, daß unter den Kameraden der ihn begleitenden Hundertschaft sage und schreibe 70 stimmberechtigte FAP-Mitglieder waren. Kühnen lud alle stimmberechtigten Mitglieder -auch die der Gegenseite- dazu ein ihm in das andere Lokal zu folgen, denn dort würde ein Notparteitag der FAP stattfinden um sicherzustellen, daß die Organisation trotz der eben begangenen Formfehler nicht ihren Parteienstatus verlieren würde.

Völlig diszipliniert und ohne Pape und Busse wurde dann der Notparteitag abgehalten und mit Capitan Walter ein kühnentreuer Gefolgsmann zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. Stellvertreter wurde „Steiner“ und zweiter Stellvertreter der ehemals jüngste Kameradschaftsführer der ANS/NA, Kamerad Thomas Hainke. Beisitzer wurden der hessische FAP-Landesvorsitzende Renee (nicht Michel!) Friedmann und Uschi Worch, die Leiterin der Deutschen Frauenfront (DFF). Die Neue Front schrieb wenig später dazu:

„Alle nötigen Unterlagen wurden noch am Sonntagabend beim Bundeswahlleiter abgegeben, kurz darauf eine Pressemitteilung herausgegeben über die Zusammensetzung des neuen Bundesvorstandes und schließlich den Herren Pape und Busse per Einschreiben verboten, weiter im Namen der FAP aufzutreten…“

Das ganze war natürlich eine Aktion ganz nach dem Geschmack unserer Aktivisten. Kühnen hatte mal wieder bewiesen, daß er viel weiter über den Tellerrand blicken konnte als seine Gegner aber natürlich war damit der Streit um die FAP nicht beendet. Auch ohne Legitimation wollte die Busse-Gruppe weiter FAP-Vorstand spielen und Capitan Walter machte daraufhin das einzig richtige, in dem er verkündete, sein Ziel sei es möglichst schnell einen regulären und allgemein anerkannten Bundesparteitag durchführen zu wollen. Wir hatten einen Etappensieg erzielt aber der Kampf um die FAP ging weiter…


Das Jahr klingt aus

Neben unserer Dauerbetätigung im Wahlkampf spielte auch diesesmal der 9. November eine tragende Rolle. Da wir wußten, daß man von uns eine erneute Provokation zur „Reichskristallnacht“ erwartete, wir aber in keine gestellte Falle laufen wollten, machten wir es in diesem Jahr etwas anders. Die Demonstrationsroute im hessischen Langen führte die Antifaschisten kurz vor der Dieburger Straße, wo sich die Reste der alten Synagoge befinden, an einem Hochhaus in der Rheinstraße vorbei. Der Hausmeister des für Nichtmieter stets verschlossenen Gebäudes war ein Sympathisant von uns und gewährte einem Trupp unserer Aktivisten Einlaß. Die Kameraden fuhren in eines der oberen Stockwerke und ließen -als der Demo-Zug das Haus passierte- hunderte von kleinen gelben Zetteln der „Antizionistischen Aktion“ auf die Marschierer herabregnen. Die Reaktionen waren zum Teil hysterisch und schnell versuchten einige Militante ins Haus zu gelangen, um der Urheber der Wurfzettelaktion habhaft zu werden. Das mißlang aber, weil nicht nur das Haus selber, sondern auch der Zugang durch ein Eisentor verschlossen war, zu dem nur die Bewohner den Schlüssel hatten. Als es schließlich doch einigen Linken gelang in das Haus einzudringen, waren unsere Kameraden längst schon weg und als die Polizei begann die „üblichen Verdächtigen“ zu überprüfen, saßen wir alle bei Nero gegenüber in einer griechischen Kneipe, deren Wirt auch zu unseren Sympathisanten zählte und wußten von nichts.

Diese Aktion hatte natürlich nur lokale Bedeutung, bundesweite politische Erschütterungen löste an diesem 9. November allerdings der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger aus. Bei seiner Rede zur „Reichspogromnacht“ hatte er das Bild des Dritten Reiches aus der damaligen Zeit heraus gezeichnet und immer wieder in Frageform die Gemütslage der Zeitgenossen deutlich gemacht. „War es nicht wirklich so, daß Hitler 1938 von vielen als der größte Staatsmann der deutschen Geschichte gesehen wurde?“ so oder so ähnlich formulierte es Jenninger bei seiner Rede im Plenarsaal des Bundestages. Er sprach vom Dritten Reich als „Faszinosum“, er sagte es gäbe noch heute keine Parallele zu dem Triumphzug Hitlers in den ersten Jahren seiner Regierung. Das alles war schon höchst bemerkenswert und für demokratische Ohren sicher grenzwertig. Als Jenninger dann aber auf die Juden zu sprechen kam, überspannte er den Bogen und letztendlich kosteten ihn Sätze wie dieser seinen Job:

„Und was die Juden anging: hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt, die ihnen nicht zukam? Mußten sie nicht endlich mal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken verwiesen zu werden? Und vor allem: Entsprach die Propaganda - abgesehen von wilden, nicht ernst zu nehmenden Übertreibungen - nicht doch in wesentlichen Punkten eigenen Mutmaßungen und Überzeugungen?“

Der Skandal war perfekt, die jüdische Schauspielerin Ida Ehre hatte erschüttert den Plenarsaal verlassen und es schien einen Moment lang so, als wolle ein Tumult ausbrechen. Die Systemmedien zogen später folgende Bilanz:

Die Jüdin Ida Ehre

"Am 10.11.1988 hielt der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger im Bundestag die Gedenkrede zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. Die Feierstunde endete mit einem Eklat. Schon während der Rede des Bundestagspräsidenten entstand Unruhe im Plenum. Schließlich verließen viele Abgeordnete der SPD und der Grünen sowie einige der FDP den Plenarsaal" (FAZ 11.11.1988, 3). Gleich nach der Rede traten die Fraktionen zu getrennten Beratungen zusammen. Am nächsten Tag waren heftige Reaktionen in der Presse die Folge. Die Gedenkrede geriet zum "Skandal im Bundestag". Damit das Amt - wie er sagte - keinen Schaden erleide, trat Philipp Jenninger daraufhin von seinem Amt zurück. Er fügte hinzu, "seine Rede sei von vielen nicht so verstanden worden, wie er sie gemeint habe" (FAZ 12.11.1988, 1).

Das einzige, was wir in diesen Tagen nicht verstanden, war die Tatsache, daß ein Berufspolitiker wie Jenninger, der bereits 4 Jahre das zweithöchste Staatsamt der Bundesrepublik bekleidete, so blöd sein konnte, derart fahrlässig mit dem sensibelsten Thema unserer Zeit umzugehen, daß es ihn seinen hoch dotierten Job kosten würde.


Und wieder Wahlkampf…

Noch im alten Jahr hatten wir die Unterschriftenlisten bekommen und wer es schon mal mitgemacht hat, weiß, daß es ein undankbares Geschäft ist Leute zu finden, die durch ihre Unterschrift die Wahlteilnahme einer verfemten Partei oder Wählergruppe ermöglichen sollen. Für Langen wurden 100 Unterstützungsunterschriften benötig, für die Wahlteilnahme in Frankfurt sogar 200. Natürlich bekamen wir die auch zusammen und die Abgabe der Listen beim Wahlleiter geriet einmal mehr zum Medienereignis, denn ein Kamerateam hatte Michael Kühnen zur Behörde begleitet.

Hoch erfreut nahmen wir in diesen Tagen auch zur Kenntnis, daß uns der Reichsverband Deutscher Soldaten (RDS) zu seiner Heldengedenkfeier eingeladen hatte. Der offiziellen Einladung folgten rund 20 unserer Kameraden, darunter auch ich, der ich an diesem Tage auch Frank Hübner kennenlernte, der später noch eine größere Rolle in den Planungen Kühnens spielen sollte und der im Jahre 2008 als Kommunalabgeordneter der NPD in den Stadtrat seiner Heimatstadt Cottbus einzog.

Als weise Voraussicht hatte sich auch Kühnens Entscheidung herausgestellt, mit dem SKS, dem „Sonderkommando Sicherheit“ eine kleine mobile Einheit zum Schutz unserer Aktivitäten, Wohnungen und Versammlungslokale einzurichten. Zum Leiter dieses SKS wurde Wolfgang Hess ernannt, sein Stellvertreter wurde Rainer Sonntag. Dieser mitteldeutsche Haudegen aus Dresden war genau der richtige Mann für diese Aufgabe. Von stämmiger Statur und durchtrainiert war Sonntag mit allen möglichen Kampfsportarten vertraut und sammelte zügig eine kleine Gruppe wehrfähiger und hochmotivierter Männer um sich. In der Folge sollte es noch reichlich zu tun geben, für die Männer des SKS und ihren de facto Chef Rainer Sonntag, an dessen lustige, kameradschaftliche Art ich mich auch heute noch gerne zurückerinnere. Leider kommt dabei auch Wehmut auf, denn Rainer Sonntag überlebte den Chef nur kurz. Er, der wieder in seine mitteldeutsche Heimat zurückgekehrt war, um Dresden von all den zwielichtigen Typen noch zwielichtigerer Herkunft zu säubern, wurde von zwei südländischen Zuhältern auf offener Straße erschossen. Der Trauermarsch für Rainer Sonntag, auf dessen Abschlußkundgebung mein Langener Mitstreiter Heinz „Nero“ Reisz eine bewegende Rede hielt, war der größte rechte Aufmarsch, den Dresden nach dem Mauerfall erlebte.

Im Januar 1989 würde das SKS seine bisher größte Bewährungsprobe bestehen müssen. Da versuchten nämlich rotfaschistische Elemente mehrere Brandsätze unter Neros Auto zu platzieren. Sie waren aber einem unserer Posten aufgefallen und der hatte sofort Alarm gegeben. Die linke Bande flüchtete und Sonntag nahm mit einigen Männern des SKS die Verfolgung auf. Filmreife Szenen boten sich den Langener Bürgerinnen und Bürgern als die Fahrzeuge mit quietschenden Reifen über Bürgersteige und Vorgärten preschten. Schließlich wurden zwei der Täter gestellt und vorläufig festgenommen, um sie anschließend der mittlerweile auch herbeigeeilten Polizei zu übergeben.

Im November und Dezember kam es dann zu je einem Überfall auf unser Sturmlokal. Beim ersten Mal waren es Punker aus dem nahegelegenen Jugendzentrum, die sich frecherweise etwas zu weit vorwagten. Sie scheiterten ebenso an Sonntag und seiner Truppe, wie jene Türken, die es am 09.12.1988 versuchten. Hinter sich die militante Antifa, waren einige der Jungtürken in das Lokal eingedrungen, wo sich ihnen sofort Rainer Sonntag in den Weg stellte. Draußen hatte einer der Störer mit einer Gaspistole auf einen unserer Kameraden geschossen und deshalb war auch die Polizei schnell zugegen, was uns aber gar nicht mal so recht war. Denn mit diesen Burschen und vor allem mit den in sicherer Entfernung wartenden Antifas hätten wir uns schon ganz gern selber unterhalten.

Aber nicht nur unser Sturmlokal, auch die Wahlkampfzentrale -das Höllenhaus- war Ziel militanter Angriffe. So saß ich in der Nacht vom 06. auf den 07. Dezember 1988 mit einem Langener Kameraden in meinem Büro und während wir genüsslich einige Flaschen „Äbbelwoi“ (Apfelwein, eine Frankfurter Spezialität) leerten und uns über den Wahlkampf unterhielten, setzte in den frühen Morgenstunden plötzlich Sturmgeläut der besinnlichen Vorweihnachtsstimmung ein jähes Ende. Ich tippte sofort auf die Polizei und hier natürlich auf eine der zahlreichen Hausdurchsuchungen, denen unsere Zentrale immer wieder ausgesetzt war. Wir hatten zwar die zwei Hunde der Frau Sipf übernommen und besonders mit dem alten Schäferhund „Tristan“ war nicht gut Kirschen essen und auch Dackel „Hexe“ war immerhin noch für lautes Gebell gut, trotzdem begab ich mich ganz vorsichtig zur Haustüre, um erstmal die Lage zu sondieren. Im fahlen Schein des Hoflichtes erkannte ich aber alsbald mehrere uniformierte Beamte, die für das Dauerschellen verantwortlich waren. Ich trat ans Hoftor und der Einsatzleiter fragte mich gleich kopfschüttelnd, ob wir denn nichts bemerkt hätten in den letzten 20 Minuten? Wahrheitsgemäß antwortete ich „Nein!“ und so klärte er mich darüber auf, daß er und seine Kollegen angerückt seien, weil ein Anrufer aus der Nachbarschaft einen Brandanschlag auf unser Haus gemeldet habe. Wir hatten ja tatsächlich nichts gehört und so begleiteten wir die Beamten zur Stirnseite des Hauses, wo wir die Bescherung sahen. Offenbar war ein Molotow-Cocktail an das Gebäude geworfen worden. Ein riesiger Rußfleck erstreckte sich von der Grundmauer bis hin zum oberen Stockwerk. Das hätte böse ausgehen können und Brandanschläge auf bewohnte Gebäude werden mittlerweile von der Staatsanwaltschaft grundsätzlich als „versuchter Mord“ behandelt. Überflüssig zu erwähnen, daß die Täter in diesem Fall natürlich nie ermittelt wurden.

Unvergessen: Rainer Sonntag

Ich erinnere mich auch einen Vorfall bei dem Rainer Sonntag einmal mehr seine ihm eigene Ruhe und Selbstsicherheit an den Tag legte. Unser Sturmlokal war schon gut gefüllt, als mich Rainer nach draußen auf den Parkplatz bat, da er mir noch ein paar unterschriebene Listen übergeben wollte, die er in seinem Kofferraum mit sich führte. Die Fahrzeuge standen ca. 50 Meter vom Lokal entfernt in Sichtweite und als wir sein Auto erreicht hatten, näherten sich einige vermummte Gestalten offenbar um uns anzugreifen. Während ich mich innerlich schon auf einen Schlagabtausch einstellte, wohlwissend daß mich die im Lokal Versammelten ohnehin nicht hören würden, wenn ich jetzt Alarm geben würde, blieb Sonntag völlig gelassen. Diese Ruhe strahlte auch auf mich aus und meine anfängliche Nervosität legte sich wieder. Ich zählte mich damals noch durchaus zu den wehrfähigen Kameraden und mit Rainer Sonntag an der Seite, sollten wir einen Angriff der heruntergekommenen Gestalten schon parieren können. Das befürchtete wohl auch der Gegner, denn die Typen stoppten plötzlich und einer warf unerwartet und mit voller Wucht mit einer Flasche Bier nach uns. Ganz knapp flog sie an uns vorbei, -bei Rainer waren es wohl nur wenige Zentimeter- und zerschellte auf dem Parkplatz. Langsam bewegten wir uns jetzt in Richtung Sturmlokal und es flogen weitere Flaschen, die uns allerdings nicht mehr so nahe kamen, wie die erste. Als wir nur noch wenige Meter vor der Kneipe standen, sagte Sonntag völlig ruhig zu mir: „Thommy, geh´ Du rein und hol´ die anderen, ich wart´ hier solange!“ Das tat ich dann auch auf etwas ungewöhnliche Weise. In der Gaststätte herrschte gehobene Stimmung, die Musik war laut und nach einem vergeblichen Versuch mir Gehör zu verschaffen, zückte ich meinen Gasrevolver und schoß Richtung Decke. Plötzlich hatte ich die Aufmerksamkeit der Anwesenden und ich schrie: „Die Linken greifen an und draußen steht der Rainer…“. Sofort stürmte ich wieder raus, ein Gefolge einsatzbereiter Kameraden im Schlepptau. Angesichts der plötzlich veränderten Mehrheitsverhältnisse gaben die Roten zügig Fersengeld, während unsere Aktivisten noch ein wenig hinterherstürmten.

Nun neigte sich das ereignisreiche Kampfjahr 1988 dem Ende zu. Wir konnten mit der Entwicklung insgesamt rundherum zufrieden sein. Zwar hatte uns die Langener Volks-(?)Bank sämtliche Konten gekündigt, bei mir sogar unter Hinweis auf meine im „Sturm“ angekündigte Wahlkandidatur, aber das waren nur Petitessen, die uns nicht entmutigen konnten. Wir hatten wieder eine bundesweit einheitliche und schlagkräftige Bewegung aufgebaut, wir dominierten die Medienberichterstattung und wir schickten uns an das Langener Rathaus zu „stürmen“. Die Aktivisten -keine ferne „Machtergreifung“, sondern erreichbare Nahziele vor Augen- waren hoch motiviert. In dieser Situation machte uns auch noch die Gegenseite ein Jahresabschlußgeschenk und stellte die Herausgabe ihrer ebenfalls als „Neue Front“ bezeichneten Publikation endgültig ein. Auch hier hatten wir den längeren Atem bewiesen und nicht ohne Pathos lobte mich Michael Kühnen nochmal als denjenigen, ohne den diese Entwicklung nicht möglich gewesen wäre. Unter der Überschrift „Es gibt nur eine NEUE FRONT“ schrieb Kühnen:

„Diese Entwicklung ist vor allem das Verdienst eines einzigen Mannes, der in scheinbar hoffnungsloser Lage im Oktober 1986 die Entscheidung traf, eine kühnentreue NEUE FRONT wieder ins Leben zu rufen – Kamerad THOMAS BREHL! Ihm gilt unser Dank und unsere Anerkennung in diesem historischen Augenblick, in dem es unbestritten nur noch eine NEUE FRONT gibt – nämlich die, die er im Oktober 1986 wieder ins Leben rief und die nun mit ihrer Nummer 61 in den 7. Jahrgang geht. Thomas Brehl hat sich um die Bewegung verdient gemacht!“

Sowas ging natürlich „runter wie Öl“, war aber gleichzeitig auch Auftrag und Verpflichtung für die nun kommende Phase. Denn „…wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht…“, so ein gern gebrauchter Satz Michael Kühnens, „…der trägt sie an der falschen Stelle!“


Was bringt das Kampfjahr 1989?

Mit zwei Ereignissen des Jahres 1989 konnten wir zum Jahreswechsel fest rechnen, einmal die Kommunalwahl, bei der erstmals nach dem Kriege bekennende Nationalsozialisten in ein bundesdeutsches Stadtparlament einrücken wollten und zum anderen der 100. Geburtstag Adolf Hitlers, den weltweit sehr viel mehr Menschen feiern würden, als den Herrschenden lieb war.

Daß allerdings noch ein weiteres historisches Großereignis bevorstand, in dessen Folge auch für uns die Karten nochmals völlig neu gemischt werden würden, ahnte nicht nur in nationalen Kreisen noch niemand, auch die etablierte Politik sollte letztlich völlig überrascht werden. Schon lange hatten sich die „gesellschaftlich relevanten Gruppen“ in beiden Teilen Deutschlands von dem Gedanken einer „Wiedervereinigung“ entfernt. Und während die CDU/CSU wenigstens noch formell an diesem „Verfassungsauftrag“ festhielt, forderten besonders linke Kreise immer unverhohlener mit diesem „weltfremden Quatsch“ endlich Schluß zu machen und zuzugeben, daß es niemals mehr zu einer Vereinigung von „DDR“ und „BRD“ kommen könne.

Selbst unter volkstreuen Kräften nahm die Zahl derer, die eine (Teil-)Wiedervereinigung für historisch nicht mehr möglich hielten mit jedem Jahr zu. Eine kleine Gruppe deutscher Patrioten aber hielt die Wiedervereinigung nicht nur für möglich, sondern auch für nötig, sozusagen als erster Schritt zur Überwindung der in ihren Augen ungerechten Nachkriegsordnung. Zu dieser kleinen Gruppe zählten auch wir. Viele Jahre hatte ich die Silvesternacht frierend in den Schneegestöbern der unwirtlichen Hochrhön verbracht, um gemeinsam mit der Wiking-Jugend das große Mahnfeuer zur deutschen Einheit abzubrennen. Jedes Jahr hatte der Bundesführer der WJ, Wolfgang Nahrath, feierlich in die kalte Nacht gerufen, daß Deutschlands treuesten Töchter und Söhne solange an dieser Schandgrenze aufmarschieren würden, bis sie eines Tages gefallen sein würde und für mich gab es da auch kein zurück. Auf die vielfältigen Argumente, die die Unmöglichkeit einer Wiedervereinigung Deutschlands untermauern sollten, hatte ich nur eine Antwort parat: Die deutsche Frage ist solange offen, wie das Brandenburger Tor zu ist!

Zu Beginn des Jahres 1989 wies allerdings noch nichts auf die sich Ende des Jahres überstürzenden politischen Ereignisse hin. Wir fieberten der Kommunalwahl entgegen und waren siegessicherer denn je.


Endlich: „Waffenstillstand“

Gleich zu Beginn des Jahres 1989 kam es durch den Abschluß eines Abkommens mit der Gegenseite endlich zu einem „Waffenstillstand“ und damit zu einem Ende der Feindseligkeiten, die viel zu lange unsere ganze politische Arbeit tangiert hatten.

Es war wohl Kühnens Geniestreich mit dem Notvorstand der FAP, der die Anti-Kühnen-Fraktion letztlich zum Einlenken bewegte. Der Status der Partei stand auf der Kippe, der Bundeswahlleiter hatte sich geweigert noch irgendwelche Unterlagen konkurrierender Vorstände anzunehmen und verschickte auch keine Unterlagen der Partei mehr an interessierte Bürger. Wir alle brauchten die Partei und auch die Gegenseite sah nun die Zeit für eine Übereinkunft für gekommen. Auch sie war nach zweieinhalb Jahren müde der ewigen Grabenkämpfe und war deshalb wohl zu einem Einlenken bereit. Natürlich nicht zum Nulltarif, es war klar, daß beide Seiten die eine oder andere Kröte würden schlucken müssen. Was Kühnen wollte, war klar: Eine gemeinsame Erklärung, daß gegenseitige Angriffe der Vergangenheit angehören und sowohl die jeweilige Führung als auch deren Anhängerschaft auf ebendiese Angriffe auch zukünftig verzichtet. Diese Erklärung sollte öffentlich abgegeben, das heißt nach Unterzeichnung publiziert und im Kameradenkreis verbreitet werden. Was Kühnen zu bieten hatte? Die Anerkennung eines neuen FAP-Bundesvorstandes unter Friedhelm Busse und damit der Rücktritt des Notvorstandes unter Capitan Walter.

Dank der unermüdlichen Vermittlertätigkeit von Christian Worch, den der Chef mit den Verhandlungen betraut hatte, konnte dann tatsächlich eine gemeinsame Erklärung vorgelegt werden, die -das war mein ganz persönlicher Triumph- auch jener Mann der Gegenseite mit unterschrieb, der noch vor wenigen Monaten ausgeschlossen hatte, daß es jemals ein Dokument geben könne, das sowohl seine als auch meine Unterschrift tragen würde.

So trafen wir uns Anfang Januar 1989 auf dem neutralen Boden der Anwaltskanzlei von Jürgen Rieger in Hamburg und unterzeichneten die entsprechende Erklärung. Jürgen Rieger hatte auch ganz wesentlich zu diesem „Waffenstillstand“ beigetragen und fungierte in der Folge als eine Art „Oberster Parteirichter“, in dem er über die Einhaltung der Vereinbarung wachte und von beiden Seiten angerufen werden konnte, wenn man der Meinung war, das Abkommen sei einseitig gebrochen worden.


Das System schlägt (erneut) zurück

Die Wahlkampfaktivitäten der Truppe hatten sich gut eingespielt und mit Edgar Schultheiß und Gerald Hess, mit Heinz „Nero“ Reisz, Renee Friedmann und Wolfgang Hess, mit Otto Riehs und Rainer Sonntag standen fähige Unterführer und treue Parteisoldaten zur Verfügung, die die ungebremste Fortsetzung unserer Anstrengungen garantierten, auch wenn Chef und Stellvertreter mal einige Tage unterwegs waren.

So ging ich Anfang des Jahres 1989 mal wieder mit Michael Kühnen auf Reisen und am Donnerstag, den 9. Februar trafen wir in München ein. Da München im Dritten Reich den ehrenden Beinamen „Hauptstadt der Bewegung“ erhalten hatte und die Systemmedien dank unseres so vorher nie gekannten Wahlkampfes unseren hessischen Schwerpunkt Langen wiederholt als „neue Hauptstadt der Bewegung“ bezeichnet hatten, machten wir uns einen Spaß daraus, die Münchner Kameraden grundsätzlich mit dem Spruch „Die neue Hauptstadt der Bewegung grüßt die alte Hauptstadt der Bewegung“ zu begrüßen. Bestens gelaunt waren wir in der bayerischen Landeshauptstadt angekommen und mit Manfred Geith begrüßte uns einer der örtlichen Führungskameraden. Manfred Geith und Fred Eichner waren schon zu ANS-Zeiten aktiv gewesen und galten seit jeher als sicherer Aktivposten unserer Truppe im Süden.

Manfred Geith begrüßte uns mit ungewohnt ernstem Gesicht aber ich kannte ja „unsere Münchner“ und rechnete eher damit veralbert zu werden, als daß tatsächlich irgendetwas Unangenehmes passiert sein könnte. „Die Bullen sind grad weg…“, begann Manni Geith das Gespräch, „…die NATIONALE SAMMLUNG ist verboten worden!“. Ich glaubte immer noch an einen Scherz und auch Michael Kühnen machte einen zweifelnden, nicht aber verzweifelten Eindruck. Als Manfred uns allerdings die Verbotsverfügung überreichte, war klar, daß es sich leider nicht um einen Scherz gehandelt hatte. „Ich hab´s befürchtet…“, sagte Kühnen, „…wir waren zu dicht dran!“ Man kann die Gefühle, die einen angesichts solch einer Nachricht übermannen wirklich nicht mit Worten beschreiben. Monatelanger ununterbrochener Wahlkampfeinsatz, Tag ein, Tag aus volles Programm. Festnahmen, Hausdurchsuchungen, Angriffe des politischen Gegners, viel Streß, wenig Schlaf und immer das Ziel vor Augen: der Wahlabend, der nun doch noch ohne uns stattfinden würde. Ich wunderte mich über mich selber, denn ich empfand keinen Zorn. Nicht mal auf „Bundeszimmerminister Innenmann“, wie wir den Zimmermann seit Jahren nannten. Auch keine richtige Trauer, eher schon Stolz auf das Geleistete und die Gewissheit, daß wir ihnen diesesmal tatsächlich gewaltig nah auf die Pelle gerückt waren. Die Appelle der Langener Stadtverordnetenversammlung ans Innenministerium hatten zuletzt wirklich die Titulierung „Hilferufe“ verdient. Und Bonn, damals noch Bundeshauptstadt, hatte geholfen…

Den Nachmittag und den frühen Abend verbrachten wir mit weiteren Münchner Kameraden vor dem Fernseher. Wieder einmal waren wir die Topmeldung des Tages. Um uns diesen Platz streitig zu machen, hätte schon der Papst sterben müssen. Immer wieder sah ich im fernen München mein Frankfurter Büro mit dem Führerbild und den Hakenkreuzfahnen. Ein Fernsehteam hatte den Polizeieinsatz im Frankfurter Lupinenweg begleitet und noch einmal -und zum letzten Mal in seiner bewegten Geschichte- war das Höllenhaus das Zentrum bundesweiten Medieninteresses.

Am Abend begaben wir uns dann ins Sturmlokal der Münchner, die Nachrichten brachten sowieso immer nur die selben Bilder und noch zum Ausklang des Tages präsentierte Kühnen seine neue Idee: Die „Initiative Volkswille“!

Die Situation war ja auch juristisch für uns ungleich besser als beim ANS-Verbot im Dezember 1983. Diesesmal war -man ist versucht zu sagen „nur“- die Nationale Sammlung verboten worden. Die FAP blieb von diesem Verbot völlig unberührt. Das lag natürlich nicht daran, daß man „auf dem rechten Auge blind“ war oder uns nicht völlig zerschlagen wollte. Es lag einzig und allein daran, daß die FAP den Parteienstatus hatte und nicht -wie die NS- vom Bundesinnenminister als Verein verboten werden konnte. Nur das Bundesverfassungsgericht war hier zuständig und so gab es also weitaus höhere Anforderungen, die die Kompetenzen eines Innenministers weit überstiegen.

Die politische Weiterarbeit war also gesichert und mit dem 100. Führergeburtstag näherte sich bereits wieder ein historisches Datum, in dessen Vorfeld es reichlich Organisationsarbeit zu leisten gäbe. Trotzdem konnte das alles nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir eine Menge Frust unter den Aktivisten und Unterführern zu kompensieren hatten. Die großen Hoffnungen, die sich ja lange Zeit völlig zu Recht mit der Nationalen Sammlung verbunden hatten, waren mit einem Paukenschlag zertrümmert worden. Bundesweit hatte Kühnen für eine „Durchbruchsschlacht“ getrommelt, die es so nun nicht mehr geben würde. Man hatte uns nach Monaten der stetigen Konsolidierung einen schweren Schlag versetzt, das war nicht zu leugnen und es würde eine Menge Überzeugungsarbeit kosten, die enttäuschten Kameraden wieder aufzurichten.

Kühnen entfaltete in der Folgezeit sofort wieder die vielfältigsten Aktivitäten und es erschien ihm wichtig durch eine ganze Reihe Veranstaltungen auch dem System und der Öffentlichkeit zu beweisen, daß uns das Verbot nicht von unserer Arbeit abhalten oder uns langfristig ausbremsen konnte. Er ging dabei äußerst geschickt vor und führte die erste große Veranstaltung der „Initiative Volkswille“ gemeinsam mit dem hessischen Landesparteitag der FAP durch. Würde also die Staatsmacht die Versammlung seiner „Initiative Volkswille“ stürmen oder -ähnlich wie im Jahre 1984 nach dem Verbot der ANS/NA- gar behaupten wollen, hier würde die verbotene Nationale Sammlung illegal fortgesetzt, so hätten wir einfach geltend gemacht, daß es sich bei der Zusammenkunft um den hessischen Landesparteitag der FAP (mit Gästen) handelte, die erstens nicht verboten und zweitens zur turnusmäßigen Abhaltung solcher Landesparteitage nach dem Parteiengesetz verpflichtet war.

Während wir also 1983/84 zunächstmal nicht wußten wie es tatsächlich weitergehen konnte und bei dem Versuch das Verbot beharrlich zu ignorieren sogar verhaftet wurden, hatten wir diesesmal unsere Hausaufgaben gemacht und zum Unmut des Innenministers machten wir einfach weiter, als sei nichts geschehen. Die öffentliche Wirkung war natürlich für Herrn Zimmermann verheerend. Zwar hatte er unsere Wahlteilnahme und damit den Einzug bekennender Nationalsozialisten ins Langener Stadtparlament verhindert, das war aber für das „unübersehbare Zeichen im Kampf gegen rechts“ reichlich dünn. Denn Kühnen verschwand nicht einen Tag von der Bildfläche, sondern trat sofort wieder zum Angriff an. Das beschränkte sich natürlich nicht nur auf die „Initiative Volkswille“, auch das KAH, von dem ja auch jeder wußte, daß wir dahinter stecken, war nicht faul und so hatten wir im März bereits 60.000 der kleinen gelben Aufkleber mit den Initialen „AH“ und der „100“ verbreitet. Dazu wurde gesprüht und plakatiert, aus Spanien hatten uns vollfarbige Aufkleber mit dem Bildnis Adolf Hitlers erreicht und so mögen sich die Stadtoberen gerade von Langen trotz des erfolgten NS-Verbotes gefühlt haben, als seien sie vom Regen in die Traufe gekommen.

Kühnen war darauf spezialisiert immer wieder was Neues aus dem Hut zu zaubern. Das war nicht immer erfolgreich aber keinesfalls nur blinder Aktionismus, sondern stets durchdacht und es geschah immer vor dem Hintergrund möglicher Reaktionen des Staates. „Organisationen kann das System verbieten, Ideen und Personen aber nicht“, sagte Kühnen, gründete für Langen einen „Freundeskreis Heinz Reisz“ und rief den Nero und mich mal eben zu „Volksvertretern in Langen“ aus. Er nutzte damit die Popularität von Heinz „Nero“ Reisz, der sich in Langen großer Beliebtheit erfreute, gerade auch weil er die Etablierten im Rathaus ständig herausforderte und sich dabei als Anwalt der kleinen Leute verstand.

Doch zurück zur ersten Veranstaltung der „Initiative Volkswille“, die bereits am 11.03.1989 im nordhessischen Eschwege stattfand und für die der in diesem Raum beheimatete Altaktivist Wilhelm Koeberich (genannt „der Kampfhahn“) die Lokalität besorgt hatte. Ich muß zugeben, daß ich am Anfang skeptisch war. Erstens was die Reaktion des Staates aber auch was die Beteiligung der durch das NS-Verbot ja doch irgendwie enttäuschten Kameraden betraf. Doch Kühnen behielt mit seiner optimistischen Einschätzung der Lage recht. Es kamen rund hundert Aktivisten zusammen und sie lauschten begeistert den Worten des Chefs, der die weitere Marschrichtung vorgab. Auch ich sprach an diesem Tag aber auch Capitan Walter war gekommen und hielt ebenso eine mitreißende Rede wie die beiden Bereichsleiter Ostmark und Niederlande, die Kameraden Küssel und Homann. Und auch das Medieninteresse war ungebrochen: Vier Kamerateams und eine Unzahl schreibender Journalisten gaben sich die Ehre und dokumentierten so die schallende Ohrfeige, die Kühnen mit dieser politischen Manifestation dem Innenminister Zimmermann verpaßt hatte.

Natürlich wußte Kühnen, daß man eine Truppe nicht ständig unter höchster Einsatzbereitschaft und damit unter Hochspannung halten kann, ohne irgendwann Ermüdungserscheinungen zu riskieren. Auf dem „Zweiten Führungsthing der Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ wurde daher am 08.04.1989 beschlossen, daß den Monaten der provokativen Öffentlichkeitsarbeit nunmehr eine Phase der Konsolidierung nach innen folgen sollte. Es wurde zwar örtlichen Gliederungen freigestellt, sich z.B. an Wahlkämpfen zu beteiligen, Kühnen stellte aber klar, daß diese das dann in Eigenregie und mit eigenen Kräften bewerkstelligen müßten.

Ich muß in der Rückschau einräumen, daß sich natürlich auch in Folge der medienwirksamen Auftritte unserer Truppe eine ganze Menge „Grobzeug“ bei uns eingefunden hatte. Eine innere Stärkung und weltanschauliche Schulung schien dringend geboten, jetzt -wo wir nicht mehr alles und jeden brauchten- wollte Kühnen die Spreu vom Weizen trennen und setzte den Führungskameraden ein neues Ziel, nämlich „den Aufbau einer revolutionären, schlagkräftigen Elite- und Kaderpartei bis Ende 1990“.

Obwohl Kühnen zu diesem Zeitpunkt wieder der unumstrittene Führer der Gesinnungsgemeinschaft war, konnte er sich nicht mit allem durchsetzen. So lehnte es das Thing mehrheitlich ab, die vor der Auflösung stehende „Deutsche Frauenfront“ durch Bereitstellung von Arbeits- und Finanzkraft männlicher Kameraden künstlich am Leben zu erhalten. Autonome Frauenarbeit sei zwar weiterhin das Ziel innerhalb unserer Gemeinschaft, jedoch nur, wenn die entsprechenden Mädels und Frauen dies aus eigener Kraft bewerkstelligen können. „Die Kampfgefährtin“, das Organ der Frauenfront stellte ihr Erscheinen ein, die DFF selber bestand auf dem Papier weiter, um jederzeit wieder zum Leben erweckt werden zu können, sollten sich mutige Kameradinnen finden, um das Werk fortzusetzen.


Das Aus für´s „Höllenhaus“

Neben den politischen Problemen plagten mich zu Anfang des Jahres 1989 auch erhebliche private Sorgen. Bedingt durch die unsichere Finanzlage seines Dachdeckerunternehmens, war Wolfgang Hess zu den monatlichen Mietzahlungen für´s „Höllenhaus“ nicht mehr in der Lage. Wie schlimm die Situation wirklich war, erfuhren Michael Kühnen und ich aber erst nach und nach und die immer häufigeren Besuche des Gerichtsvollziehers ließen nichts Gutes erahnen. Da mag es Wolfgang Hess zupass gekommen sein, daß ihn ein befreundeter Flugkapitän zu einem Jagdausflug ins afrikanische Kamerun einludt, nur ließ er nicht nur uns, sondern auch seine junge Verlobte, die kurz zuvor von einem gemeinsamen Kind entbunden hatte, ziemlich ratlos zurück. Während „der alte Hess“ also für uns und die Behörden unerreichbar durch Afrika turnte, sahen wir uns eines schönen Tages der Zwangsräumung des „Höllenhauses“ ausgesetzt. Dadurch wurde ich über Nacht de facto obdachlos, denn in die kleine Wohnung bei Nero, bei dem ich gemeldet war, konnte ich unmöglich ziehen, zumal auch noch die beiden Söhne dort wohnten. Auf dem nächsten Kameradschaftsabend boten mir zwar Kameraden aus Wiesbaden und Mainz eine Bleibe an, ich wollte aber unbedingt in Langen bleiben, wo ich mich inzwischen gut eingelebt und einen großen Kameradenkreis gefunden hatte. In Langen gab es jedoch nur eine Möglichkeit übergangsweise unterzukommen. Im Kleingarten von Neros Schwiegersohn stand eine kleine Gartenhütte, hier würde ich zunächstmal übernachten können, zum Duschen und Wäschewaschen konnte ich zu Wolfgang Hess´ Kompagnon gehen, der war tagsüber sowieso unterwegs und brauchte seine Wohnung auch nur zum schlafen. So hauste ich also mehrere Monate in einer Gartenlaube, während der Politbetrieb natürlich weiterging und sich der 100. Führergeburtstag mit schnellen Schritten näherte.


Politische Zweifel

Die unsichere und in vielen Bereichen auch unangenehme private Situation ließ in dieser Zeit auch erhebliche Selbstzweifel gedeihen, vor allem auch vor dem Hintergrund der schweren Erkrankung Kühnens, von der ich seit längerer Zeit wußte. Aber auch ein gesunder Kühnen mußte zwangsläufig irgendwann an seine Grenzen geraten. Seine Truppe befand sich eigentlich seit ihrer Gründung im permanenten Ausnahmezustand und große Erfolge, die die Aktivisten für ihren Einsatz zweifellos verdient hätten, waren Dank staatlicher Maßnahmen ausgeblieben. Daß mittlerweile nicht nur an einer Anklage wegen „Fortführung einer verbotenen Organisation“ gebastelt wurde, sondern man sicher wieder ein großes Sammelverfahren gegen Kühnen führen wollte, konnten wir uns an allen Fingern abzählen. Kühnen war auch zur Verbüßung einer dritten mehrjährigen Haftstrafe bereit und setzte gerade deshalb auch auf Konsolidierung nach innen, statt auf Aktivismus nach außen. Nur fehlte dieser inneren Stabilisierung die Aura des großen Abenteuers, für den normalen Aktivisten war das langweilig, keine Wahlteilnahme, keine medienwirksamen Auftritte, es wurde schwer, die Kameraden bei der Stange zu halten.

Aber auch organisatorisch war kein Land in Sicht. Nach der offen nationalsozialistisch auftretenden Kaderorganisation ANS/NA, hatten wir alle Kraft und Hoffnung in die Wahlpartei „Nationale Sammlung“ gesteckt und waren erneut durch ein Verbot ausgebremst worden. Nun gab es zwar die bemerkenswerte Aussage des Generalbundesanwalts, daß sich auch Personen verbotener Organisationen wieder in organisierter Form zusammenfinden dürfen aber nur, wenn die Zielsetzung eine andere sei. Gut, die ANS/NA hatte die Aufhebung des NS-Verbotes gefordert und die Wiederzulassung der NSDAP als legaler Partei in Deutschland. Dagegen war die NS eine Wahlpartei gewesen, die sich zumindest formal an die demokratischen Spielregeln hielt und mit Forderungen wie „Ausländerbegrenzung“ oder „Umweltschutz“ eine Massenbasis erringen wollte. Was aber sollte nun kommen? Wir konnten ja unsere Gesinnung nicht dermaßen „weichspülen“, daß wir am Ende jede Radikalität einbüßen und zur besten NPD werden würden, die es je gab.

Noch gelang es Kühnen mühelos die Medien zu instrumentalisieren, noch immer kamen sie in Scharen, wenn der Chef irgendeine öffentlichkeitswirksame Aktion (auf die natürlich auch in der Konsolidierungsphase nicht völlig verzichtet wurde) ankündigte. Aber auch hier war vermutlich irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht. Irgendwann war jede Provokation schon mal dagewesen und das womöglich besser und aufsehenerregender.

Auch die FAP war keine sichere Bank mehr, weder für uns, noch für die Putschisten. Sie hatten den schwachen und mit seinem schwäbischen Dialekt fast lächerlich wirkenden Martin Pape durch Friedhelm Busse ersetzt und dieser betrieb von Anfang an ganz ernergisch seine eigene Politik und ließ sich von keiner Seite instrumentalisieren. Inoffizielle Treffen wie das von Kühnen, Reisz und Busse in München am 25.10.1989 änderten daran nur wenig. Hatten die Putschisten noch geglaubt mit der Einrichtung eines Generalsekretariats der FAP und die Besetzung des Generalsekretärsposten mit dem Anführer der Anti-Kühnen-Fraktion, ihr Schäfchen im Trockenen zu haben, löste Busse das Generalsekretariat kurzerhand wieder auf und die Putschistenmannschaft stand ohne Hausmacht da. Auf großen Widerstand stieß Friedhelm Busse da schon nicht mehr, die Putschisten ignorierten zwar zunächst die Entscheidungen Busses und fochten sie als rechtswidrig an aber später ergaben sie sich in ihr Schicksal und versuchten sich mit eigenen Organisations- und Parteigründungen. Diese scheiterten aber oder wurden („Nationale Offensive“) verboten. Wir waren da schon eine Nummer cleverer. Kühnen war realistisch genug zu sehen, daß wir einen Kampf um die komplette FAP gegen Busse nicht führen konnten, ohne die Partei in eine Zerreißprobe zu manövrieren, die entweder mit ihrer Liquidierung oder zumindest mit dem Verlust des Parteienstatus einhergegangen wäre. So vergeudeten wir keine Kräfte im Kampf um die Bundes-FAP, sondern konzentrierten uns ausschließlich auf den starken, hessischen Landesverband, der fest in unserer Hand und für die Bundespartei von großer Bedeutung war. Zur Legalisierung unserer Arbeit reichte das allemal und so erhoben die Justizbehörden auch später zu keiner Zeit den Vorwurf, wir hätten mit der FAP die verbotene ANS/NA oder NS fortgesetzt. Dazu hatten sich die Staatsanwaltschaften in Stuttgart und Frankfurt das KAH ausgeguckt und gerade im Stuttgarter Bewegungsverfahren, das sich über Monate hinzog und Millionen kostete, wurden erhebliche Haftstrafen ausgesprochen, die aber allesamt die Gegenseite betrafen, da das Kühnen, Worch und mich betreffende Verfahren von Frankfurt aus betrieben wurde.

So lag ich denn im Frühjahr 1989 so manche Nacht sinnierend auf meinem Feldbett in einer Langener Gartenhütte und dachte darüber nach, was denn jetzt werden solle. Zwei Ereignisse des Jahres 1989 machten mir Mut, denn hier würden wir nochmal alle Register medienwirksamen Auftretens ziehen und vor den Augen der Öffentlichkeit unsere Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen können und ihr unser trotziges „Trotz Verbot nicht tot!“ entgegenschleudern. Einmal der 100. Führergeburtstag und dann der Hess-Marsch in Wundsiedel, der zu einer der größten Manifestationen des Nationalen Widerstandes werden sollte. Für danach sah´s trübe aus, so dachte ich jedenfalls zu diesem Zeitpunkt und konnte doch nicht ahnen, daß ausgerechnet dieses Jahr 1989 ein historisches Ereignis mit sich bringen würde, in dessen Folge die Karten nochmal völlig neu gemischt und sich ganz neue politische Betätigungsfelder auftun würden.


Der 100. Führergeburtstag 1989

Fünf Jahre hatte das KAH (Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag Adolf Hitlers) bereits bestanden und bei seiner Gründung schien dieser 100. Jahrestag noch so unendlich weit entfernt zu sein, doch nun näherten wir uns mit schnellen Schritten jenem historischen Datum, wobei klar war, daß besonders die bundesdeutschen Behörden alles daran setzen würden, öffentlichkeitswirksame Aktionen zu verhindern.

Was wir gerne gemacht und seit 1984 geplant hatten, war eine zentrale Kundgebung irgendwo in Deutschland. Aber mit Herannahen des Stichtages entwickelte sich eine Medienhysterie ganz besonderen Ausmaßes und gerade die Boulevardblätter überboten sich mit den abenteuerlichsten Geschichten, die sie natürlich alle „aus sicherer Quelle“ hatten. Aber auch die Sicherheitsorgane des Staates waren nicht untätig, zu groß war die Angst des Systems vor Aktivitäten, die dem „Ansehen der Bundesrepublik im Ausland“ geschadet hätten. Nun konnte eigentlich kommen was wollte, wir würden zumindest federführend an Aktionen im Ausland beteiligt sein aber wir wären ja nicht wir, wenn wir nicht wenigstens den Versuch einer entsprechenden Veranstaltung auch in Deutschland gemacht hätten.

Zu Ostern hatte unser Kamerad Capitan Walter schon in Spanien eine entsprechende Veranstaltung durchgeführt. Unter dem Dach der von Walter gegründeten und lange Jahre geführten spanischen WIKING-JUGEND hatten sich Angehörige der FALANGE (Bewegung spanischer Faschisten) und Veteranen der BLAUEN DIVISION (spanische Kriegsfreiwillige an der Ostfront) zusammengefunden, um Adolf Hitler zu gedenken. Am 23. April führte dann die CEDADE (spanische NS-Bewegung) mit immerhin 500 Beteiligten in Madrid ein enstprechendes Treffen durch, auf dem als Vertreter Deutschlands unser alter Kamerad Thies Christophersen fungierte und mit Leon Degrelle der Schirmherr des KAH eine bewegende Rede hielt.

Einen Tag zuvor hatte in Großbritannien ein Treffen von etwa 100 Nationalsozialisten stattgefunden, das von der BNSM (British national-socialist Movement) ausgerichtet worden war. Auch hier war das KAH durch den Kameraden Et Wolsink vertreten, der nicht nur Ehrenmitglied der niederländischen ANS, sondern auch der deutschen GdNF (Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front) war. Obwohl die GdNF über keine feste Mitgliederstruktur verfügte, vergab Kühnen in seltenen Fällen Ehrenmitgliedschaften, die sehr begehrt waren.

Die meisten Feiern waren zwecks besserer Mobilisierung der Beteiligten von den jeweiligen Organisatoren auf das folgende Wochenende verlegt worden, denn der 20. April 1989 war ein Donnerstag und damit ein Werktag. Wir aber wollten eine Punktlandung hinlegen und uns direkt am 20. April versammeln, egal wie die Staatsmacht darauf zu reagieren gedachte. In Niedersachsen fand an diesem Tag ein kleineres Treffen statt, als Vertreter des KAH sprach ein alter Gefolgsmann Michael Kühnens, der Revisionist Edgar Geiß, der einige Jahre zuvor in einer eindrucksvollen Dokumentation viele der sogar in Schulbüchern verwendeten Fotos als Fälschungen entlarvt hatte („Bilddokumente für die Geschichtsschreibung?“).

Zwei unerwartete Ereignisse ließen jedoch die für Hessen geplante große Kundgebung bereits im Vorfeld als gescheitert erscheinen. Völlig überraschend mußte Kühnen wegen eines Blindarmdurchbruchs ins Krankenhaus und ebenso überraschend hatte die linke Zeitschrift „TEMPO“ zwei Tage vorher einen Teil unserer Planungen enthüllt.

Die Organisation der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers lag also letztlich in meiner Hand und ich war froh, mit Gottfried Küssel einen bewährten, zuverlässigen Kämpfer an meiner Seite zu wissen. Am Vorabend des 20. April 1989 gab ich mit Küssel eine Pressekonferenz, bei der wir den uns eigenen Optimismus versprühten und den Medien versicherten, daß wir allen Gegenmaßnahmen zum Trotz finster entschlosen seien, eine Veranstaltung zum Ehrentag des Führers durchzuführen. Das war ja auch genau das, was die Kerle hören wollten und Gottfried und mir blieb sowieso nichts anderes übrig, als auf unser Organisations- und Improvisationstalent zu setzen und zu hoffen, daß uns das Glück, das uns in ähnlichen Situationen schon so oft aus der Patsche geholfen hatte, erneut auf unserer Seite stehen würde.

Entgegen unserer sonstigen Gepflogenheit die Kameradinnen und Kameraden zunächst an einem zentralen Ort zu sammeln, um sie dann geschlossen in enstprechende Räumlichkeiten umzuleiten, sorgten wir diesesmal dafür, daß jeder Ankommende sofort wieder auf die Reise geschickt wurde und es so zu keiner verdächtigen Menschenansammlung kommen konnte. Als die Staatsmacht dann so gegen 13.30 Uhr zuschlagen wollte, stieß sie mit diesem Versuch bereits ins Leere. Auch Nachforschungen, wo denn auffällig viele Rechte vorzufinden seien, verliefen erfolglos und zwar deshalb, weil wir die Leute alle für sich allein oder in ganz kleinen Gruppen in die verschiedensten Richtungen geschickt hatten und sich deshalb den ganzen Nachmittag über keine rechte Kundgebung oder Versammlung ausmachen ließ. Fahrzeugführer hatten zudem den Auftrag, verdächtige PKWs nach Möglichkeit abzuhängen, notfalls durch stundenlanges Umherfahren im Odenwald. Erst zu einem viel späteren Zeitpunkt am Abend hatten sich die eingewiesenen Aktivisten in einer unscheinbaren Lokalität einzufinden, erst dann wurde die in Bereitschaft gehaltene Presse dazugerufen.

Ich konnte es selbst kaum glauben, daß es doch tatsächlich noch gelungen war, an diesem sensiblen 20. April 1989 -wie betont einem Werktag- eine Saalveranstaltung durchzuführen. Und als knapp 100 Personen zusammengekommen waren, eröffnete ich die Kundgebung des KAH, indem ich den Versammelten zunächst die Grüße unseres Chefs und seine Wünsche für ein Gelingen unseres Treffens überbrachte.

Obwohl ich noch immer jeden Moment mit dem Auffliegen der Türen und dem Hereinströmen eines Sondereinsatzkommandos rechnete, würden wir die Veranstaltung bis zum Eintritt eines solchen Ereignisses planmäßig durchführen. So recht glauben mochte ich nicht, daß es ruhig blieb. Hier saßen ja nicht nur namenlose Aktivisten zusammen, sondern eine Menge „braune Prominenz“. Heinz „Nero“ Reisz war da, der Bereichsleiter-Ostmark, Kamerad Küssel, den ich bereits erwähnt habe. Dann der Chef der ANS-Niederlande, Kamerad Eite Homann und als weiterer Redner neben Küssel und mir unser allseits beliebter Kamerad Ritterkreuzträger Otto Riehs. Zu meiner nicht endenwollenden Verwunderung öffneten sich die Saaltüren nur für die emsigen Kellnerinnen, die uns mit Getränken versorgten und so konnten alle Redner ihre Vorträge halten, ohne daß es zu einer Störung durch Sicherheitsorgane des Staates gekommen war.

Spiegel-Ausschnitt

Wie immer wenn etwas gut lief, neigte ich auch diesesmal dazu noch einen drauf zu setzen. Nach kurzer Rücksprache mit Gottfried Küssel fiel die Entscheidung: Wir würden unsere mitgebrachten Fahnen aufnehmen, die ebenfalls mitgeführten Fackeln entzünden und so als geschlossene Formation zu einer nahegelgenen Burg marschieren. Unter Begleitung zahlreicher Medienvertreter zogen wir also am 100. Geburtstag Adolf Hitlers unter freiem Nachthimmel mit Fahnen und Fackeln zu einer weiteren kurzen Kundgebung vor der Kulisse einer mittelalterlichen Burg. Niemals hätte ich für möglich gehalten, daß dies an solch einem Tag überhaupt möglich sein würde. Noch einmal sprachen Gottfried Küssel und ich zu den in feierlicher Runde versammelten Aktivistinnen und Aktivisten. Es war unmöglich sich der bewegenden Stimmung dieses Augenblicks zu entziehen und so marschierten wir später aufgewühlt, froh und mit übervollen Herzen wieder zu unserem Versammlungslokal zurück. Noch immer völlig ungestört schloß sich nun der inoffizielle und damit gemütliche Teil des Treffens an. Daß die Polizei an diesem Tage fast überall ähnliche Veranstaltungen und Aktivitäten unterbunden hatte, wußten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wir aber hatten mit starkem Willen und noch größerem Glück eine in unseren Augen würdige Führergeburtstagsfeier durchgeführt. Auch Michael Kühnen würde stolz auf uns sein…

Jahre später vermerkte der ehemalige Chef von Frankfurts Politischer Polizei, Karl Kniest, ein wenig zerknirscht über das KAH:

„Als Resümee kann dennoch konstatiert werden, daß Kühnen mit der KAH-Kampagne einen propagandistischen Coup gelandet hatte. Allein die Ankündigungen, symbolhafte Aktionen, Aufmärsche etc. durchzuführen, hatten ausgereicht, Angst und Schrecken in der Bevölkerung, vor allem unter den ausländischen Mitbürgern, zu verbreiten und die „Bewegung“ wieder einmal in das Zentrum öffentlichen Interesses zu rücken. Der politische Erfolg bestand insbesondere in der defensiven Reaktion Betroffener und weitgehender Passivität der deutschen Bevölkerung“

 

…und wieder Wunsiedel

Schon zum dritten Mal traf sich im Spätsommer 1989 der Nationale Widerstand in Wunsiedel. Waren es im Todesjahr c.a. 100 Aktivisten und im Jahr darauf etwa 250, so kamen diesesmal bereits über 500 Kameradinnen und Kameraden zusammen, um des Friedensfliegers zu gedenken und an sein Jahrzehnte währendes Martyrium im „alliierten Kriegsverbrechergefängnis“ zu erinnern.

Auch für dieses Großereignis fiel Kühnen, der vom Pech verfolgt schien, aus. Wegen eines Leistenbruchs lag er erneut im Krankenhaus, was aber uns -seine Anhänger- nicht daran hindern konnte, in Wunsiedel dabei zu sein und für die Kühnen-Truppe Flagge zu zeigen. Auch diesesmal war der Marsch von Berthold Dinter, dem Kriegsfreiwilligen der Waffen-SS, angemeldet worden. Christian Worch hielt die Hauptrede und beim anschließenden Marsch durch die kleine fränkische Gemeinde war die Stimmung ausgesprochen gut, wenn auch dem Anlaß angemessen keineswegs ausgelassen. Ich marschierte neben Gottfried Küssel, der an diesem 19. August ebenso dabei sein wollte, wie die Kameraden der ANS-Niederlande unter Eite Homann. Trotz großer, bundesweiter Mobilisierung bis in Gewerkschaftskreise hinein, hatten die Linken auch nur ungefähr 500 Leute zusammengetrommelt, so daß uns eine etwaige Auseinandersetzung nicht sonderlich beunruhigen mußte. Zwar kam es am Rande der Demonstration mehrfach zu kleineren Reibereien, das riesige Polizeiaufgebot verhinderte aber eine Eskalation.

Während die Teilnehmer an nationalen Gedenkmärschen oder ähnlichen Veranstaltungen heute anschließend meist ihrer Wege gehen, bzw. die Heimreise antreten, bildete damals in der Regel ein zünftiger Kameradschaftsabend mit geselligem Beisammensein den Schlußpunkt erfolgreicher Aktivitäten. Und so fand sich auch diesesmal ein illustrer Kreis nationaler Aktivisten zu einem Liederabend der besonderen Art zusammen. In einer Gaststätte namens „Waldfrieden“ vor den Toren Wunsiedels, griff Kamerad Küssel in die Saiten seiner mitgebrachten Gitarre und da die meisten unserer Mitstreiter auch dort übernachten würden, durfte dem Alkohol recht ungehemmt zugesprochen werden, was die Stimmung zusätzlich verbesserte. Den einzigen Wermutstropfen an diesem Abend verkörperte der Journalist Michael Schmidt, der ziemlich dreist Film- und Tonaufnahmen machte und mir mit seiner Penetranz zunehmend auf die Nerven ging. Zwar war ich wie Kühnen der Meinung, daß man die Medien instrumentalisieren müsse und wer will bestreiten, daß ein Teil des Erfolges von Kühnen auf seine offensive Pressearbeit zurückzuführen war aber mit Schmidt hatten wir uns eine Laus in den Pelz gesetzt, denn sowohl in seinem Buch („Heute gehört uns die Straße“), als auch in seinem Film („Wahrheit macht frei!“), ließ er die angekündigte Neutralität vermissen und versuchte uns nach Strich und Faden in die Pfanne zu hauen. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man einem Journalisten mal eben ein Interview gibt und ihn einige Filmaufnahmen machen läßt oder ob man es zuläßt, daß ein erklärter Gegner unserer Weltanschauung nahezu unkontrolliert monatelange Recherchen machen und Kilometer von Filmmaterial drehen darf. Trotzdem verdanken wir ihm einige Momentaufnahmen dieses Wundsiedeler Kameradschaftsabends, der sonst wohl längst der Vergessenheit anheim gefallen wäre…

 

Wie soll´s weiter gehen?

Wie später noch so oft, setzte der Termin für den Rudolf-Hess-Marsch auch den Schlußstrich unter den jeweilgen Sommer, der sich von da ab unwiederbringlich seinem Ende zuneigte. Noch hielt ich es aus, in meiner Gartenhütte und bis in den Herbst hinein würde ich dort wohl noch gefahrlos übernachten können. Wenn aber der Winter hereinbrach und vielleicht noch ungewöhnlich kalt werden sollte, war es aus mit der Gemütlichkeit und ich würde mir endlich eine tragfähige Lösung einfallen lassen müssen.

Aber auch die politischen Aussichten waren nicht sonderlich hoffnungsvoll. Sicher, der Putsch war überwunden, die Kühnentruppe bundesweit aufgestellt und auch nach dem Verbot der Nationalen Sammlung bis über die Grenzen der BRD aktionsfähig. Die Medien interessierten sich nach wie vor am ehesten für Kühnen und seine Aktivitäten, keiner seiner „innerparteilichen“ Gegner erhielt nur annähernd die selbe Aufmerksamkeit und auch ein Michael Schmidt hatte sich ja für seine Dokumentation ganz bewußt die Gruppe um Michael Kühnen ausgesucht. Trotzdem konnte der Eingeweihte gleich ein ganzes Arsenal von Damokles-Schwertern ausmachen, die bedrohlich über uns schwebten. Und Kühnens Krankheit war nur eines davon. Die Strafverfolgungsbehörden arbeiteten auf Hochtouren, was dem Innenminister mißlungen war, sollte nun die Justiz bewerkstelligen, nämlich Kühnen und seine wichtigsten Unterführer für längere Zeit aus dem Verkehr ziehen. Sollten Kühnen, Worch und ich zur gleichen Zeit in den Bau wandern, wäre die Gruppe sicher nicht überlebensfähig. Klar, einige würden die Fahne hochhalten, manche Kameradschaft würde weiter existieren. Vielleicht würde auch Gottfried Küssel die Truppe eine zeitlang zusammenhalten können aber wie es nach einer mehrjährigen Haftstrafe aussehen würde, stand in den Sternen und ich war wenig optimistisch, was sicher auch mit meiner angespannten persönlichen Situation zusammenhing. Hatten wir sonst immer sehr offen über alles gesprochen, so vermied ich es jetzt Kühnen auf die Zukunft anzusprechen. Automatisch wäre seine Krankheit dann zum Thema geworden und ich wollte es nicht sein, der ihn schmerzhaft daran erinnerte. In der Folgezeit sollte übrigens Gottfried Küssel eine immer wichtigere Rolle in den Planungen Kühnens einnehmen, bis er schließlich als Nachfolger ins Gespräch kam. Das schien erneut ein geschickter Schachzug Kühnens zu sein, denn wir dachten großdeutsch, während das System kleindeutsch dachte und handelte, ja handeln mußte, denn für die Bonner Regierung war Österreich Ausland. Für uns war die Alpenrepublik aber nach wie vor die Ostmark und die war Teil des Deutschen Reiches. Warum sollte die bundesdeutsche Bewegung nicht von einem Ostmärker geführt werden? Für die deutschen Kameraden war diese Vorstellung jedenfalls kein Problem.

Es mag sogar sein, daß den österreichischen Behörden die bundesdeutschen Bestrebungen des Gottfried Küssel weitgehend egal waren, dies traf allerdings nicht auf die vielfältigen Aktivitäten zu, die er auch in seiner Heimat entfaltete. Und mit dem „Wiederbetätigungsverbot“ hatte die österreichische Regierung ein noch viel schärferes Schwert in der Hand, als ihr bundesdeutsches Pendant mit den gegen nationalsozialistisches Gedankengut gerichteten Paragraphen des Strafrechts. Gottfried Küssel sollte das wenige Jahre später heftigst zu spüren bekommen, als man ihn zunächst zu zehn, nach seiner Berufung sogar zu elf Jahren Freiheitsentzug verurteilte.

 

Der „Hauptgefechststand“

Mittlerweile war der Sommer endgültig vorbei und es begann unangenehm kalt zu werden. Da ich mich nur zum Schlafen in der Gartenhütte aufhielt und meistens erst nachts dort eintraf, kam regelmäßiges Heizen nicht in Frage. Tagsüber hielt ich mich im „Hauptgefechtsstand“ auf, das war der hintere Bereich einer Langener Trinkhalle, die seit langem ein Anlaufpunkt nicht nur für örtliche Gesinnungsgenossen war. Aus allen Teilen des Reiches kamen immer wieder Kameraden zu Besuch und so war der Ruf dieser -man ist versucht zu sagen „exterritorialen Enklave“- bald legendär. Ob Wahlkampfbesprechung mit Michael Kühnen, ob Liederabend mit Gottfried Küssel, ob kameradschaftliches Beisammensein mit auswärtigen Besuchern, alles fand im „Hauptgefechtsstand“ unter Ausschluß der Öffentlichkeit und damit völlig ungestört statt.

Vorne lief ein völlig normaler Trinkhallenbetrieb ab, im hinteren Bereich und damit in einem gesonderten Gebäude hatten einige handwerklich begabte Kameraden und ich mit Genehmigung der Betreiberin der Trinkhalle ein gemütliches Domizil eingerichtet. Wir hatten Platten verlegt, die Wände gestrichen, einen Teppichboden verlegt und gemütliche Möbel besorgt. Später renovierten wir auch noch die Außenfassade, für die ich handgemalte Stadtwappen jener Kameradschaften anfertigte, die hier am häufigsten zu Gast waren.Um hier Einlaß zu finden, mußte der Betreffende einen eigens von mir entworfenen und hergestellten Ausweis mit Lichtbild vorzeigen. So hielten wir den Laden „sauber“.

Schon der ursprüngliche Betreiber der Trinkhalle -der verstorben war kurz bevor ich nach Langen zog- hatte aus seiner Sympathie für Adolf Hitler und das Dritte Reich keinen Hehl gemacht. Er war den meisten Langenern unter seinem Spitznamen „Hitler-Karl“ bekannt und sorgte immer mal wieder für Aufsehen, wenn er zum Beispiel am Führergeburtstag in der Trinkhalle Kampflieder abspielte und nur jene Kunden bediente, die vorher stramm mit „Heil Hitler!“ gegrüßt hatten. Es war zwar auch ab und zu mal zum Einschreiten seitens der Staatsmacht gekommen aber in jenen Jahren wurden diese Dinge in einer kleinen Gemeinde noch mit einem Augenzwinkern und damit „auf dem kleinen Dienstweg“ gelöst. Da mahnten die Polizeibeamten zu mehr Ruhe und der Fall war erledigt.

Immer Dienstags ließ sich der „Hitler-Karl“ von einem Stammgast (Spitzname „Kempka“) in einen Frankfurter Bordellbetrieb fahren und in dieser Zeit übernahm dann die Sonja das Regiment in der Trinkhalle. Nach Karls plötzlichem Ableben (er war auf dem Weg ins Bordell einem Herzschlag erlegen) übernahm dann die Sonja den Kiosk als Betreiberin und obwohl sie zu keinen lautstarken Manifestationen ihrer politischen Überzeugungen neigte, wußten Eingeweihte sehr wohl, daß auch sie als „extrem rechts“ zu verorten war. Als junges Mädchen hatte Sonja bei der Frankfurter Post gearbeitet und in dieser Funktion einige Personen der Zeitgeschichte näher kennen gelernt. So lag zum Beispiel die Wohnung des Frankfurter Gauleiters Jakob Sprenger in ihrem Zustellbezirk und hier war sie sogar mal mit Dr. Robert Ley zusammengetroffen, der zu Besuch in der Gauleitung weilte. Nach dem Krieg hatte sie einen ehemaligen Angehörigen der LAH (Leibstandarte-SS Adolf Hitler) geheiratet, mit dem ich mich ab und zu unterhielt, wenn er seine Frau abends nach dem Schließen der Trinkhalle abholte. Er hatte im Krieg mehrere Wochen lang als Fahrer bei Sepp Dietrich (SS-Oberstgruppenführer und Chef der LAH) gedient und bestätigte mir das überaus positive Bild, das mir schon „Gestapo-Ilse“ in Fulda von dem alten Haudegen vermittelt hatte.

Gelegentlicher Gast in der Trinkhalle war ein gewisser Michael Mager, der auch mit Gerald Hess gut bekannt und mit einigen anderen Kameraden befreundet war. Er zählte zwar nicht zur Langener Kameradschaft aber sehr wohl zum sympathisierenden Umfeld. Ihn traf ich eines Abends in einer Langener Kneipe und er sprach mich an, weil er von meiner immer mißlicher werdenden „Wohnsituation“ gehört hatte. Er bewohne zwar selber nur ein winzig kleines Zimmerchen im Langener Vorort Oberlinden aber bevor ich noch erfrieren müßte, könnte ich übergangsweise eine zeitlang bei ihm unterkommen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und so zog ich zunächst mal in die von der Vermieterin selbst so genannten „Katakomben“ im Kellerbereich ihres Wohnhauses. Dieser Zustand konnte nicht von Dauer sein aber als Notlösung war es weitaus besser als der „Kühlschrank“ namens Gartenhütte.

 

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus

Nach wie vor lief der sogenannte „Eiserne Vorhang“ durch Europa und damit durch unsere Heimat Deutschland. Der fälschlicherweise Churchill zugeschriebene Terminus vom „Eisernen Vorhang“ stammte indes von keinem Geringeren, als vom ehemaligen Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Gauleiter von Groß-Berlin, Dr. Joseph Goebbels. Beim Bundesgrenzschutz hatte man zunächst von der „Demarkationslinie“ gesprochen, später dann von der „Zonengrenze“ und zuletzt hieß das im besten Amtsdeutsch „IDG“, für „innerdeutsche Grenze“. Bei uns im Widerstand hieß das Monstrum schlicht „Schandgrenze“ und Wolfgang Nahraths in ungezählten, eiskalten Silvesternächten in der Rhön so oft erneuerter Schwur, wir würden an eben dieser Schandgrenze antreten, bis sie verschwunden sein würde, sollte sich tatsächlich noch zu unseren Lebzeiten erfüllen.

Zunächst deutete allerdings wenig darauf hin. Zwar hatten bereits im Mai 1989 rund 1.000 Menschen in Leipzig gegen „Wahlfälschungen“ demonstriert, nachdem die Einheitsliste mal wieder 98,85% Prozent erhalten hatte aber schon die militärische Niederschlagung des friedlichen Protests auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ im chinesischen Peking am 4. Juni des selben Jahres, hatte deutlich gemacht, wie man im Ostblock mit noch so kleinen Volkserhebungen umzugehen gewohnt war. Daß also in Leipzig 1.000 Menschen demonstriert hatten und 100 davon festgennommen worden waren, wurde in der BRD allenfalls als Randnotiz zur Kenntnis genommen.

Bedeutender war da schon die Tatsache, daß die Außenminister von Österreich und Ungarn (die K.u.K.-Monarchie läßt grüßen) bei einem gemeinsamen Besuch ihrer Staatsgrenzen den Stacheldrahtzaun symbolisch durchschnitten und einen Abbau der Grenzanlagen verkündet hatten. Tausende von DDR-Bürgern flüchteten daraufhin im Sommer 1989 über Ungarn und Österreich in den Westen, zu weiteren Zufluchtsstätten wurden die BRD-Botschaften in Ostberlin (Ständige Vertretung), Prag und Budapest.

Als nach dem obligatorischen „Friedensgebet“ in der Leipziger Nikolaikirche dann am 4. September die vierte „Montagsdemonstration“ stattfindet, marschieren bereits mehrere hundert Demonstranten mit und fordern „Reisefreiheit“. Am 2. Oktober sind dann schon c.a. 20.000 Marschierer unterwegs, bei Zusammenstößen mit der Volkspolizei gibt es mehrere Verletzte. Mit dem „Neuen Forum“ und dem „Demokratischen Aufbruch“ gründen sich auch ganz offiziell oppositionelle Gruppen.

Zwei Tage später reisen die rund 7.500 DDR-Bürger, die sich in die Prager Botschaft geflüchtet hatten mit Sonderzügen durch die DDR in die BRD.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, soll der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow gesagt haben, nachdem am 7. Oktober neben den offiziellen Feiern zum 40. Jahrestag der DDR auch zahlreiche inoffizielle Demonstrationen für Reformen stattfinden. Er zeigt damit jedenfalls mehr Weitsicht, als Alt-Genosse Honecker, der seiner Überzeugung Ausdruck verleiht, die Mauer würde auch „in hundert Jahren“ noch stehen. Sie stand keine 100 Tage mehr…

Am 9. Oktober 1989 sind es bereits 70.000 Teilnehmer der Montagsdemonstration in Leipzig, die Sicherheitskräfte greifen nicht ein. Nur eine Woche später skandieren die mittlerweile 120.000 Teilnehmer in Sprechchören „Wir sind das Volk!“ Erneut zwei Tage später wird der DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker entmachtet, sein glückloser Nachfolger wird Egon Krenz.

Zunächst ganz langsam hatte eine Entwicklung begonnen, die nicht mehr aufzuhalten war. Mittlerweile fanden sich auch prominente Schriftsteller, Künstler und Geistliche unter den rund eine Million Menschen, die am 4. November 1989 an der Montagsdemo teilnahmen.

Es sollte aber einmal mehr der 9. November sein, der schon so oft in der deutschen Geschichte politisch bedeutende Ereignisse oder Umwälzungen markiert hatte (9. November 1918: Abdankung des Kaisers, 9. November 1923: Marsch auf die Feldherrnhalle, 9. November 1938: Reichskristallnacht und bei der Gedenkveranstaltung zum 9. November 1923 im Jahr darauf -1939- das Attentat von Georg Elser auf Adolf Hitler). Ich selbst hatte ja meine erste eigene und zugegeben bescheidene Organisationsgründung „Bewegung 9. November“ genannt, obwohl ich da noch gar nicht ahnen konnte, daß es noch einmal der 9. November sein würde, der zu einem bemerkenswerten Datum in der Geschichte meines Volkes werden würde.

An diesem 9. November 1989 jedenfalls fiel die Mauer, nachdem Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz eine neue Reiseregelung angekündigt und auf Nachfrage erklärt hatte, das gelte ab sofort. Noch am selben Abend machen sich Abertausende Ostberliner auf den Weg in den Westen. Unbeschreibliche Szenen spielen sich ab und wildfremde Menschen liegen sich weinend in den Armen. Jetzt gibt es kein zurück mehr…

Am 1. Dezember 1989 streicht die Volkskammer den Führungsanspruch der SED aus der DDR-Verfassung am 17. Dezember benennt sich die SED in SED-PDS um. Am 22. Dezember eröffnen DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (SED-PDS) und Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) den Grenzübergang am Brandenburger Tor, das damit erstmals seit 1961 wieder durchschritten werden kann.

Den Jahreswechsel 1989/90 feiern die Deutschen rund um das Brandenburger Tor nun auch wieder gemeinsam. Die wichtigste Entscheidung jener Tage fällt aber hinter verschlossenen Türen und ausgerechnet am Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung. Am 30. Januar 1990 spricht sich Michail Gorbatschow bei einem Staatsbesuch Hans Modrows in Moskau für die deutsche Einheit aus. Die Würfel sind endgültig gefallen.

Die Übergangszeit bis zur endgültigen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wird -was unsere politischen Aktivitäten betrifft- völlig unerwartet zu einem einzigen Abenteuer. Zeitweise scheint die Macht in Mitteldeutschland herrenlos zu sein. Alles ist möglich und kaum ein Verstoß gegen geltendes BRD-Recht wird in der untergehenden DDR geahndet. Die Polizeikräfte sind oft völlig überfordert. Die Beamten wissen meistens gar nicht was erlaubt und was verboten ist und aus Angst unerwünschte Erinnerungen an die gerade überwundene Unfreiheit zu wecken, lassen uns selbst höhere Polizeiführer immer wieder einfach gewähren.

Kurz nach dem Mauerfall, am 11. November 1989, hatte Kühnen eine Spontandemo durch Langen angeführt. Wir hatten uns am Bahnhof getroffen und waren mit fast 100 Mann und Fahnen und Fackeln durch die Bahnstraße bis hoch zum Lutherplatz marschiert. Nie hätten wir gedacht, so weit zu kommen aber nachdem die Sicherheitsbehörden in der DDR nicht einschritten, wenn ihre Bürger „Wir sind das Volk!“ skandierten, wollte man wohl der Öffentlichkeit nicht das Bild bieten, daß man im Westen Leute festnahm, die das gleiche riefen. Alle waren plötzlich von einer nie gekannten Um- und Aufbruchsstimmung erfaßt, meine Lethargie war samt meinem Pessimismus verflogen. Wir marschierten für die deutsche Einheit, ein Thema das plötzlich alle interessierte, wo man doch einige Monate zuvor ausgerechnet damit keinen Hund hinter dem Ofen hätte vorlocken können. Stolz sangen wir das alte Lied „Die Mauer muß weg…!“ und riefen: „Wir wollen keine Super-BRD, wir wollen das Reich!“ und ernteten spontanen Applaus von Mitbürgern, die die Straßen säumten. Plötzlich schien alles ganz anders zu sein, eine bleierne Zeit war zu Ende. Und Kühnen zitierte im Hinblick auf das Kommende wiederholt Mussolini, der angeblich vor dem „Marsch auf Rom“ zu seinen Mitstreitern gesagt hatte: „Ich weiß zwar nicht was kommen wird aber es wird sehr interessant!“


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