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Gehe auf Seite 1.. 2.. 3.. 5.. 6.. 7.. 8.. Schock im "Anne-Frank-Haus" Im Zusammenhang mit der Gründung der ANS-Niederlande, die schon bald eigene Schlagzeilen machen sollte, besuchte ich unter sachkundiger Führung auch Amsterdam. Hier tobte gerade eine Straßenschlacht zwischen Hausbesetzern und der Polizei und alles war weiträumig abgesperrt. Damals führte ich allerdings immer einen österreichischen Presseausweis mit mir, sodaß wir das Geschehen dann auch hautnah miterleben konnten. Die Polizei hatte offensichtlich anderes zu tun, als die Echtheit eines österreichischen Presseausweises zu überprüfen und ließ uns nach kurzer Blickkontrolle durch die Absperrung. Viele der jugendlichen Gewalttäter waren dunkelhäutig, kamen aus Suriname und waren somit Spätfolge des niederländischen Kolonialismus. Ich befürchtete schon damals, daß Europa in ein multikulturelles Chaos gestürzt werden könnte, wenn sich die Ausländerpolitik nicht drastisch ändern würde. Hier bekam man schon mal Anschauungsunterricht, wie so etwas dann aussehen könnte. Nach diesen turbulenten Ereignissen stand mir der Sinn nach etwas Beschaulicherem und der neuernannte Chef der ANS-Niederlande schlug einen Besuch im Anne-Frank-Haus vor. Natürlich, das machen wir, wenn wir schon mal hier sind... Im Anne-Frank-Haus befand sich unten ein Foyer, wo man auch die Eintrittskarten bekam und bei deren Einlösung man dann das Haus besichtigen durfte. Großen Wert legte man seitens der Betreiber darauf, daß alles noch von damals war, also authentisch; wobei allenthalben kleine Tafeln mit Erklärungen angebracht waren. "Originalschrank", "Originalstuhl" und sogar "Originaltapete" konnte man lesen. Umso verwunderter war ich, als ich im ersten Stock eine Malerkolonne bei Renovierungsarbeiten sah. Auf meine Frage, was die denn da machen, erklärte mir der niederländische ANS-Chef: "Ach, die bringen da mal wieder eine neue "Originaltapete" an...!" Getreu unserem alten Motto: "Unauffälligkeit ist unsere Stärke!", verhielten wir uns weiterhin gesittet und wie normale Touristen, d.h. wir vermieden jede Provokation. Ich konnte ja nicht ahnen, daß unser pures Erscheinen schon zur Provokation geraten würde, jedenfalls hinterließen wir einmal mehr sprachloses Erstaunen und eine Aufsicht mit einem Gesicht weiß wie die Wand unter einer "Originaltapete". Mir war nämlich beim Betreten des Hauses gar nicht aufgefallen, daß in besagtem Foyer auch eine Ausstellung über "Neofaschismus in Europa" stattfand. Man hatte dort für die verschiedenen Länder Europas große Schautafeln aufgestellt und auf der für Deutschland befand sich ein übergroßes Bild von mir und zwar ausgerechnet mit dem Parka, der die großen schwarz-weiß-roten Aufnäher trug und den ich auch im Anne-Frank-Haus anhatte. Als wir die Treppe herunterkamen, sah ich nur, wie der Bedienstete wechselweise die Schautafel und dann wieder mich anstarrte. Dauernd wanderte sein Blick hin und her, so als könne er gar nicht begreifen, daß der Mann von der Schautafel urplötzlich wahre Gestalt angenommen hatte und durch "sein" Anne-Frank-Haus wandelte. So muß es Gespenstern ergehen, wenn sie uns Menschen erschrecken... Mit einem Lächeln auf dem Gesicht und der Andeutung eines unverfänglichen Grußes, passierte ich den Wachmann und verschwand mit der kleinen Gruppe ebenso schnell wie wir gekommen waren. Ich hoffe, der Mann hat sich zwischenzeitlich erholt... Später besuchten wir dann auch noch Rotterdam und da hatten die niederdeutschen Kameraden einen Geheimtipp für uns deutsche Bierliebhaber. In Rotterdam gab es damals die Kneipe mit dem größten Bierangebot der Welt. Sicher wurde dieser Rekord längst "geknackt", aber damals war der "Lokus" mit seinen über 800 verschiedenen Biersorten die Sensation. Eine Getränkekarte so dick wie "Mein Kampf" zierte die Tische. Das mußten wir natürlich gesehen haben. Ich erinnere mich noch, daß wir über eine steile Holztreppe eine Art Empore erreichten und ein künstlicher Kamin wohlige Wärme verbreitete. In diesem rustikalen Biertempel konnte man sich schon wohlfühlen und nach einigen Kostproben forderte die Blase ihr Recht auf Entleerung. Nun hieß die Kneipe nicht nur "Lokus", natürlich hatte sie auch einen. So begab ich mich also besagte Treppe hinunter und auf dem Rückweg wieder hinauf. Dabei kam mir eine Gruppe älterer Niederländer entgegen und als einer von ihnen meine auffälligen schwarz-weiß-roten Aufnäher am Oberarm meines Parkas entdeckte, sprach er mich auf deutsch aber mit hörbarem niederdeutschen Akzent an. Was das zu bedeuten habe?, wollte er wissen. Ich hingegen, mir meiner Schlagfertigkeit gewiß und durchaus nicht abgeneigt auch mal einen Niederländer zu schocken, erklärte militärisch knapp: "Das sind die alten Reichsfarben?" und ebenso schnell kam ein "Ach, gibt's jetzt auch neue?" zurück. Dazu fiel mir dann aber zugegebenermaßen nichts mehr ein... 007 greift ein
Auch über die Parisbesuche könnte man ein eigenes Buch schreiben, es war immer was los. So saßen wir zum Beispiel in einem Pariser Straßencafé nahe dem Eiffelturm. Zu Dekorationszwecken hatte der Betreiber auf einem Regal hinter der Theke Ein-Liter-Krüge aufgestellt. Kein Franzose kam auf die Idee einen kompletten Liter Bier zu bestellen; kein Franzose wohlgemerkt, wir schon. Auf mehrmaliges Bitten erklärte sich der Besitzer des Etablissements dann bereit für uns die Krüge zu füllen und so saßen wir um einen Tisch auf der Straße und ließen uns den Gerstensaft schmecken. Kühnen war gutgelaunt und entwickelte schon wieder diverse Pläne, als plötzlich das Geheule einer Unzahl von Martinshörnern (oder wie das französische Pendant heißen mag) losbrach. Diese komischen Mannschaftswagen der französischen Polizei, die aussahen, als habe man unter eine deutsche Gartenhütte aus Wellblech ein paar Räder geschraubt, kamen von allen Seiten auf uns zu. Eine nahegelegene Kreuzung wurde abgesperrt und eigentlich war uns allen klar, was jetzt kommen mußte. Man würde uns alle festnehmen, nach einer Personalienkontrolle abschieben und Michael Kühnen den bundesdeutschen Behörden übergeben. Das war's dann... Schnell bildeten sich Trauben von Schaulustigen, aber die Polizei kam nicht näher. Wir saßen auf einer abgesonderten Insel und überall rundherum pulsierte das Leben. Es mag sich wie Angabe anhören, aber wir alle waren in Deutschland schon so oft festgenommen worden, daß uns das Ganze nicht sonderlich imponierte und so waren wir fast schon ein wenig enttäuscht, als erkennbar wurde, daß das Ganze mit uns gar nichts zu tun hatte. Plötzlich fuhr auf der abgesperrten Straße und wenige Meter von uns entfernt ein LKW vorbei. Auf der Ladefläche eine Menschentraube und ein riesiger Scheinwerfer, der trotz des Tageslichts angeschaltet war und nach hinten leuchtete. Mit einer Eisenstange fest verbunden, zog der LKW einen in der Mitte durchgesägten Sportwagen hinter sich her. Wer sich jetzt sagt "Ich weiß zwar nicht, was der Brehl da genommen hat, aber die Hälfte hätte gereicht!", den muß ich enttäuschen: Ich bildete mir das nämlich weder ein noch war ich voll des oben zitierten Gerstensaftes. Was da im wahrsten Sinne des Wortes "gespielt" wurde, war mir schlagartig klar, als ich in dem abgesägten Cabriolet den britischen Schauspieler Roger Moore erkannte. Die drehten doch tatsächlich wenige Meter von uns entfernt eine Szene für den neuen James-Bond-Film, wer konnte das vorher ahnen? Als der Film später in den Kinos anlief, hatte ich die stille Hoffnung, wir wären vielleicht zu sehen. Nicht aus Eitelkeit, aber ich hätte es originell gefunden...
Der letzte Paris-Besuch wenige Monate später war dann leider auch der enttäuschendste. Wie immer waren wir am "Gare du Nord", dem Nordbahnhof verabredet, in meiner Begleitung befanden sich Christian Worch, Jürgen Mosler und Capitan Walter, der Mitbegründer der Wiking-Jugend, der nach langen Jahren des Exils in Spanien wieder nach Deutschland zurückgekehrt war und uns auf dieser Reise begleitete. Am verabredeten Treffpunkt erschien aber nur Michel Caignet, der sich bereits große Sorgen machte, weil er Michael Kühnen einfach nicht erreichen konnte. Wir ahnten nichts Gutes, aber solange wir auch warteten, wen wir auch anriefen, von Michael Kühnen keine Spur. In gedrückter Stimmung verabschiedeten wir uns von Caignet und verließen Paris wieder in Richtung Deutschland. Zu Hause angekommen brachten die Hauptnachrichtensendungen des Rätsels Lösung: Das was wir befürchtet hatten, war eingetreten. Die französische Polizei hatte Michael Kühnen festgenommen und ihn in ein Flugzeug nach Deutschland gesetzt. Dort angekommen, wurde er sofort verhaftet, denn mittlerweile waren mehrere Haftbefehle gegen ihn anhängig. Das hatten wir uns anders vorgestellt, zumal die Südamerikareise noch auf der Agenda stand, aber die war jetzt in weite Ferne gerückt, – von den Treffen und Gesprächen ganz zu schweigen. Ich würde Michael Kühnen erst wieder sehen, wenn er im Dezember 1984 erneut vor den Schranken einer Staatsschutzkammer stand. Diesmal vor der 23. Großen Strafkammer, ein Senat mit 3 Berufsrichtern und zwei Beisitzern. Vorsitzender Richter: Dr. Friedrich Lehr. Ich kannte ihn ja bereits... Mahnfeuer in der Rhön
Den Jahreswechsel 1984/85 erlebte ich wie auch in den Jahren zuvor als Teilnehmer am Mahnfeuer der Wiking-Jugend in der Rhön. Die Zusammenarbeit hatte sich gut eingespielt und wir kamen gerne zur Hilfe, da auch für die WJ der Wind immer rauher wehte, was allerdings weniger mit dem Klima in der Rhön zu tun hatte, als vielmehr an der innenpolitischen Wetterlage, bei der man als politisch aktiver Mensch tagtäglich spüren konnte, wie sich eine Republik langsam aber stetig nach links bewegt. Jetzt waren die Alt-68er am Ruder und tobten sich bei allen möglichen sozialen und kulturellen Experimenten aus. Auf der Strecke blieb dabei nicht nur ein Großteil der deutschen Jugend, sondern auch die Vernunft, der man offenbar den Krieg erklärt hatte. Vorbei die Zeiten des Empfangs der Wiking-Jugend durch die Honoratioren von Hilders oder Tann, genauso vorbei wie die Sonntagsreden selbst gestandener Sozialdemokraten wie Helmut Schmidt auf Versammlungen der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS. Wenigstens hatte dieser Schulterschluß der Volkstreuen geklappt; ich ließ mich da auch nicht lange bitten und gewährte Wolfgang Nahrath, dem Bundesführer der WJ, jede Unterstützung, die wir zu geben in der Lage waren. Aber für ein Kontingent von 120 bis 150 wehrfähigen Männern waren wir ja immer gut und so feierten wir mit der WJ auch ins Jahr 1985 hinein, nachdem wir an der innerdeutschen Schandgrenze das große Mahnfeuer entzündet hatten. Freilich hatten wir auch diesmal eine eigene Lokalität angemietet: Das Bedürfnis unserer Straßenaktivisten nach Volkstanz war gerade am Silvesterabend eher bescheiden ausgeprägt und so wie wir nicht so recht zu den von Frauen und kleinen Kindern dominierten Feiern der WJ paßten, so paßten die minderjährigen Knaben und Mädel nicht in eine Silvesterfeier der Kühnentruppe. Zweiter Kühnen-Prozeß Filmdokument zum Prozeßbeginn Nach dem legendären "Bückeburger-Prozeß" und unzähligen kleineren Verfahren, war die Verhandlung vor der Frankfurter Staatsschutzkammer das zweite, wirklich große Gerichtsverfahren gegen Michael Kühnen. Das Medieninteresse war kolossal. Kamerateams aus dem In- und Ausland waren angereist und Dr. Lehr ließ sie sich erstmal "austoben", bevor er die Medien ausschloß, um mit dem Verfahren zu beginnen. Angeklagt war auch Arndt-Heinz Marx, da die Kühnen zur Last gelegten Straftaten aus ANS-Zeiten stammten und Marx in einige dieser Straftaten involviert gewesen sein soll. Marx und Kühnen zeigten sich solidarisch, vom anderthalb Jahre zuvor ausgefochtenen Streit drang nichts in die Öffentlichkeit. Diese uneigennützige Haltung rechne ich Arndt-Heinz Marx noch heute hoch an. Wir – Kühnens treueste Anhänger – folgten der Verhandlung hinter schußsicherem Panzerglas. Daß es hier nur wieder eine langjährige Haftstrafe geben konnte, war klar. Es handelte sich einmal mehr um eine Art Sammelverfahren, d.h. die Staatsanwaltschaft faßte allerlei Delikte in einem großen Verfahren zusammen: Entsprechend hart war dann die Gesamtstrafenbildung. Am Ende kamen wieder fast vier Jahre Haft zusammen, es würde also 1988 werden, bis wir Kühnen wieder an unserer Spitze haben würden. Rückblickend muß ich feststellen, daß wir damals bereits viel weiter waren als heute. Natürlich nicht, was die Quantität des Nationalen Widerstandes betrifft, aber sehr wohl, was die Wahrnehmbarkeit in der Öffentlichkeit anbelangt. Wir zeigten Gesicht, eine anonyme Revolution konnte und sollte es nicht geben und wir wollten uns ja auch nicht verstecken wie Kriminelle, denn wir waren ja nach unserem gesamten Selbstverständnis auch alles andere als kriminell. Kriminell hingegen waren die Zustände in Deutschland und dagegen gingen wir mit unseren bescheidenen Kräften vor. Das funktionierte aber nur, weil die Öffentlichkeit die junge und kleine Bewegung an Personen, an Namen und Gesichtern festmachen konnte. Obwohl Udo Voigt, um mal einen prominenten Rechten unserer Tage herauszugreifen, über das zehnfache an Menschen gebietet, kennt den außerhalb des Nationalen Widerstandes kaum jemand. Einen Michael Kühnen kannte damals wirklich jeder, der auch nur einen Hauch an Interesse gegenüber der politischen Entwicklung in diesem Land hatte. Es kracht in Dillenburg In der Zwischenzeit ging die politische Arbeit ungebremst weiter. Unter dem Schutz der FAP wurde rekrutiert, es wurden Wahlkämpfe organisiert und medienwirksam Parteitage abgehalten. Da die FAP mittlerweile einen Ruf hatte, wie ihn vorher nur die ANS/NA genossen hatte, bekamen wir's immer öfter mit militanten Gegnern zu tun. Mehr als einmal eskalierte die Situation, häufig gab es Verletzte, einige von ihnen schwer. Einer der größeren Zwischenfälle ereignete sich anläßlich der Gründung des Kreisverbandes-Dillenburg der FAP. Michael K., einst schon in der ANS, hatte zu dieser Gründung eingeladen und ca. 50 FAP-Mitglieder waren gekommen. Auch ich reiste mit den Fuldaern an, K. hatte mich darum gebeten, er befürchtete Schwierigkeiten. Seit der SPIEGEL einmal geschrieben hatte, Kühnen sei der Feingeist und Brehl mehr "der Mann für's Grobe", stand ich im Ruf Probleme auch mal auf die etwas rüdere Art zu lösen, wenn es sich denn nicht verhindern ließ. Dillenburg zeigte sich aber zunächst von seiner ruhigen Seite. K. hatte einen Raum innerhalb der Stadthalle angemietet, den wir auch alle unbeschadet erreichten. Von Gegendemonstranten hatte ich zunächst gar nichts wahrgenommen, obwohl die Nähe der Städte Gießen und Wetzlar mit Universität und Fach-Hochschule nichts Gutes verhieß. Im angemieteten Raum ging zunächst alles einen regulären Gang, die demokratischen Formalien wurden penibel eingehalten, schließlich war auch der Bundesvorsitzende Martin Pape mit von der Partie und als schon niemand mehr so recht an einen Zwischenfall glaubte, ging der Zinnober los. Heerscharen von Gegendemonstranten hatten sich, ohne viel Lärm zu schlagen, vor der Stadthalle eingefunden. Ein Teil von ihnen versuchte nun zu uns vorzudringen, wobei sie sich allerdings aufgrund ihrer Anzahl selbst im Wege standen. Leider konnte die Handvoll Polizisten von der Dillenburger Stadtwache die militanten Antifaschisten nicht daran hindern, irgendwann bis zu uns vorzustoßen. Die Ziehharmonikatür wurde aufgeschoben und schon quollen die ersten Gegendemonstranten in den viel zu kleinen Raum. Eine Hintertüre gab es nicht, wir saßen in der Falle. Instinktiv griff sich jeder etwas, das zur Verteidigung geeignet erschien, notfalls auch den Stuhl auf dem er saß. Daß wir uns so teuer wie möglich verkaufen würden, war allen Beteiligten klar. Die vordersten von uns und die vordersten Linken standen sich Auge in Auge gegenüber, Abstand maximal einen Meter. Aufgeheizt wurde die Situation von zwei roten Flintenweibern, von denen eine ständig laut schrie, als habe man sie angefaßt, obwohl ihr Äußeres nicht eben dazu einlud. Was könnte man nur machen, überlegte ich. Schließlich war die Stadthalle in Dillenburg nicht die Feldherrnhalle und auf den Blutorden war ich auch nicht unbedingt scharf, jedenfalls nicht im Zusammenhang mit einer FAP-Kreisverbandsgründung. Während ich noch angestrengt darüber nachdachte, wie wir vielleicht doch noch heil aus der Situation herauskommen könnten, ergriff ein Frankfurter Kamerad völlig unvermittelt die Initiative. Zu Recht sah er sich in einer Notwehrsituation und so ergriff er den schweren schmiedeeisernen Aschenbecher in seiner Nähe und schlug ihn der Krawallschachtel über den Kopf. Die sackte auch prompt und ebenso laut- wie bewußtlos in sich zusammen und für kurze Zeit wurde es mucksmäuschenstill in dem Raum. Als sich einige Linke anschickten der Verletzten zu helfen, sich bückten und uns für einen Moment aus den Augen ließen, rannten wir wie auf ein geheimes Kommando hin los, mit dem Erfolg, daß die weiter hinten stehenden Roten auseinanderspritzten, weil sie die Situation gar nicht überschauen konnten. Natürlich hielt der Überraschungseffekt nicht lange vor, es reichte aber, um alle Kameraden aus der Stadthalle ins Freie zu bekommen. Die völlig überforderten Polizisten flankierten uns und schlugen vor, uns zunächst mal zur Wache zu geleiten. Das hörte sich gut an, war aber leider nicht so einfach. Unser kleiner Zug wurde fortwährend attackiert, besonders an dessen Ende. Zwei Fahnenträger bildeten den Schluß unserer Kolonne und diese machten ausholende Bewegungen mit den Fahnenstangen, um sich die Gegner wenigstens weitgehend vom Leib zu halten. Immer wieder wurde von rechts und links auf uns eingeschlagen, die Ruhe war vorbei, ein infernalisches Gegröle begleitete unseren Weg. Ich gab die Parole aus, nur nicht ins Rennen zu verfallen, sondern den schnellen Laufschritt beizubehalten. Rennen ist in einer solchen Situation ganz schlecht, strauchelt einer oder fällt gar hin, ist er verloren und kein Kamerad kann ihn noch retten. So näherten wir uns nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, der Polizeiwache in Dillenburg. Hinter den hell erleuchteten (aber schußsicheren!) Scheiben erkannte ich einige Polizeibeamte, die ihren Augen nicht zu trauen schienen. So etwas hatten sie wohl noch nie erlebt und von weitem mag es an die Straßenkampfszenen erinnert haben, wie wir sie aus der Endphase der Weimarer Republik kennen. Als wir die Wache erreicht hatten, öffneten die Beamten die Türen, um sie sofort wieder zu verbarrikadieren, als der letzte von uns in Sicherheit war. Die Beamten wußten indes nicht, was sie machen sollten; vor der Wache formierte sich derweil ein grölender Mob, der womöglich sogar die Polizeiwache stürmen würde. Die Beamten riefen das Innenministerium an, das über Dillenburg schließlich den "polizeilichen Notstand" verhängte. Wir versorgten indessen gegenseitig unsere kleineren und größeren Wunden und nahmen uns des Getränkeautomaten an, der in der Wache stand. Noch wußten wir nicht, was passieren würde, mit den aufgeheizten Antifaschisten war nicht zu spaßen. Als sie sich aber nach ungefähr einer halben Stunde noch immer nicht dazu aufgerafft hatten, die Polizeiwache anzugreifen, schien das Gröbste überstanden. Die Dunkelheit und die Kälte taten ihr übriges und bald zeigte die Masse erste Auflösungserscheinungen. Als dann aber auch noch ein schweres Gewitter losbrach, war der antifaschistische Widerstand für diesen Tag am Ende. Ermüdet, hungrig, durstig, naß und frierend löste sich der Haufen auf. Trotzdem warteten wir auf Bitten der Polizeibeamten dann noch eine ganze Weile, bis man die Kraftfahrer zu den Fahrzeugen geleitete und als diese dann im Hof der Wache vorfuhren, fiel uns nochmal ein Stein vom Herzen. Den "Kessel Dillenburg" konnten wir jedenfalls lebend verlassen... Dauernd Randale
Das Jahr 1985 schien das Jahr der Straßenschlachten zu werden. Unter Dauerfeuer standen dabei die Kameraden in NRW und die in Frankfurt, wo es bereits im Februar wegen der FAP zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen war. Die Lage war auch in der Mainmetropole völlig außer Kontrolle geraten, die Polizei mußte Wasserwerfer einsetzen und blies dabei einfach alles über den Haufen, was ungünstig im Wege stand. Sogar einen Pfarrer hatte der gebündelte Wasserstrahl umgeworfen und mehrere Meter weit geschleudert, was zu erheblichen Verletzungen geführt hatte. Auch einen unserer Kameraden hatte es schwer erwischt. Gerald Hess, Sohn von Wolfgang und Bruder von Paul Hess, die allesamt Gefolgsleute Michael Kühnens waren, war von einem militanten Antifaschisten mit einer Eisenstange so schwer auf den Kopf geschlagen worden, daß er mit Schädelbruch ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Es gab mehrere Verletzte, die anderen glücklicherweise nur leicht. Frankfurt war schon damals – und blieb es bis heute – mit das heißeste Pflaster, das es für bekennende Nationalisten geben konnte. Ich verfolgte das Geschehen mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Jeder verletzte Kamerad war einer zuviel, aber das Toben und Schreien, wenn wir mal wieder in das Wespennest Frankfurt gestoßen hatten, zeigte uns, daß wir um diese deutsche Großstadt kämpfen mußten. Deshalb hatten wir der Presse auch unsere Wahlteilnahme angekündigt, worauf die Linken außer Rand und Band gerieten. Und wenn es aus heutiger Sicht nur Nadelstiche waren, so waren sie doch sichtbarer Ausdruck einer verzweifelten Jugend, die sich gegen die Überfremdung und sozialen Mißstände in ihrer Heimat zu Wehr setzte. Die vielen kleinen Gefechte und Rangeleien, die Überfälle gegen unseren Frankfurter Kameradschaftsabend und die Attacken gegen einzelne unserer Kameraden kann ich gar nicht mehr aufzählen, aber die großen Schlachten, wie die vom Februar 1985 in Frankfurt oder den Kessel von Dillenburg, blieben mir im Gedächtnis. Daß es in diesem Jahr eine noch größere Straßenschlacht geben würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, wohl aber war klar, daß wir zum 40. Jahrestag der Kapitulation der Wehrmacht öffentlich auftreten würden und daß es an diesem Tag noch mehr als sonst darauf ankommen würde, ein unübersehbares Zeichen zu setzen. Daß ich diesen Auftritt nicht würde mitplanen können, wußte ich noch nicht, auch nicht, daß ich mich zu jenem Zeitpunkt unfreiwillig im Neubau der Justizvollzugsanstalt Stadelheim befinden würde. Aber als es dann losging, im Mai 1985, war ich aber wieder dabei. April, April... Wenigstens in Fulda herrschte relative Ruhe. Zwar hatten mir die Roten meinen Daimler demoliert, aber ein bißchen Schwund ist halt immer. Der Schaden hielt sich in Grenzen, die Frontscheibe war eingeschlagen, der Mercedesstern abgebrochen worden; na ja, das übliche könnte man fast sagen. Den gesamten Bürobetrieb (und vor dem Internet wurden noch ungeheuer viele Briefe geschrieben!) erledigte ich vom Hotel Hirsch aus. Der Inhaber war der Bruder des Betreibers der "Marktschänke" und der war – wie bereits erwähnt – Mitglied meiner Wehrsportgruppe gewesen. Auch spielte sich ein Großteil des Lebens der Fuldaer Kameradschaft im Gastraum des Hotels ab. Der Laden war nicht gerade am Brummen, so daß der Betreiber recht froh war, weil wir in seinen Berechnungen eine feste Bank bildeten. Auch Besucher anderer Kameradschaften wurden meistens im Hotel Hirsch empfangen, Von da aus ging es dann gewöhnlich zum Kloster Kreuzberg in der Rhön, wo die Mönche das dunkle Bier noch selber brauen. Auch an die Skatabende in diesem Haus erinnere ich mich immer noch gerne. Da es zu jener Zeit noch durchaus üblich war, sich in den April zu schicken, also kleine Aprilscherze auf Kosten anderer zu zelebrieren, war ich gewöhnlich etwas vorsichtiger als sonst und rechnete auch für dieses Jahr 1985 mit einem wie auch immer gearteten Aprilscherz meiner Kameraden. Wurde es spät oder wurde zuviel Alkohol getrunken, übernachtete ich auch ganz gern mal im Hotel Hirsch, so wußte ich meinen Führerschein in Sicherheit und ging kein unnötiges Risiko ein. So war es auch an jenem denkwürdigen 31. März 1985, wobei ich beim Zubettgehen finster entschlossen war, mich diesmal nicht in den April schicken zu lassen. Am 1. April 1985 wurde ich denn auch ungewöhnlich früh geweckt. Da stand jemand vor der Hotelzimmertüre und rief laut ich solle gefälligst öffnen, die Kripo sei da und ich sei verhaftet. Ja, natürlich, dachte ich, ihr Gauner, mich in den April schicken und dann auch noch zu dieser frühen Morgenstunde, nee ohne mich. Ich machte zunächst gar keine Anstalten die Türe zu öffnen, sondern überlegte mir angestrengt, wer denn da so seine Stimme verstellte, daß ich nicht dahinter kam, welcher meiner Kameraden es nun ist. Der Unruhestifter gab aber nun gar keine Ruhe, beharrte darauf von der Kripo zu sein und drohte mit empfindlichem Übel, sollte ich nicht schnellstens die Türe öffnen. Na ja, dachte ich, sollen sie ihren Spaß haben, aber ich würde lachend die Türe aufreißen und ihnen ein "Laßt Euch was Besseres einfallen!" oder ähnliches entgegenschleudern. Ich sprang also kurz in die Klamotten, rief ein "Ich komm' ja schon!" in Richtung Türe und riß diese dann mit einem ordentlichen Ruck und lächelndem Gesicht auf. Tja, was soll ich sagen? Mein Lächeln gefror und zu einem Spruch konnte ich mich auch nicht mehr aufraffen. Da standen doch tatsächlich mehrere fremde Personen vor der Tür, teils in Zivil, teils uniformiert und langsam dämmerte mir, daß das ja wohl ein bißchen viel Aufwand für einen Aprilscherz wäre. "Wir machen keine Scherze, auch am 1. April nicht!" bedeutete mir der Beamte und mit einem Male wußte ich, daß tatsächlich und allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, auch an einem 1. April Verhaftungen vorgenommen werden. Nun war ich ja kein Spießer, für den eine Verhaftung meistens einer Katastrophe gleichkommt, trotzdem war ich natürlich geschockt, war ich doch wenige Wochen vorher schonmal verhaftet worden. Damals allerdings abends – aber auch im Hotel Hirsch. Der Haftrichter hatte sich jedoch relativ schnell davon überzeugen lassen, daß ich keine Flucht beabsichtige und mich in jedem Fall dem gerade mal wieder gegen mich in Vorbereitung befindlichen größeren Verfahren stellen würde. Jetzt erfolgte eine erneute Verhaftung und ich ahnte schon, daß mich diesmal meine Sonntagsreden nicht würden retten können. Genauso war es. Auf der Dienststelle der Fuldaer Polizei angekommen, wo man mich erneut und zum x-ten Male einer ED-Behandlung unterzog, kam ich endlich mit Beamten ins Gespräch, die ich kannte und von denen ich wußte, daß sie uns in wohlwollender Neutralität gegenüberstanden. Einer dieser Beamten klärte mich dann auf, daß ich das ganze einem Münchner Oberstaatsanwalt namens Gräthfeld zu verdanken hatte. Der hätte schon in der Vergangenheit immer mal wieder bei den Fuldaer Behörden nachgefragt, ob sich denn der Brehl immer noch auf freiem Fuß befindet. Gut, mittlerweile lief ich mit zwei Haftbefehlen durch die Gegend, die beide gegen Meldeauflagen außer Vollzug gesetzt waren. Das war ungewöhnlich, aber auch nicht einmalig. Nur daß jetzt ausgerechnet ein Münchner Oberstaatsanwalt eine Privatfehde gegen mich führte, machte mich einigermaßen ratlos. Die erneute Einvernahme durch den Haftrichter änderte nun nichts mehr. Gegen mich sei eine Anklage in insgesamt fünf Anklagepunkten in Vorbereitung, man sei über meine vielfältigen Auslandskontakte informiert, es bestehe also akute Fluchtgefahr und ich würde bis zum Prozeßbeginn nach München verbracht. Nun hat sich vielleicht so mancher Leser meiner Lebenserinnerungen schon die Frage gestellt, wann denn der Staat ob unserer fortgesetzten Frechheiten endlich zurückschlagen, wann die wehrhafte Demokratie endlich reagieren würde und wer bisher glaubte man könne aus Jux und Tollerei zur eigenen Freude und folgenlos ein herrschendes System bekämpfen, dem dürfte spätestens jetzt klar geworden sein, daß auch hier der Krug nur solange zum Brunnen geht, bis er bricht. Jetzt hatte es eben mich erwischt und ich beklagte mich nicht. Die Spielregeln waren ja bekannt, das Risiko auch, die politische Arbeit würde auch ohne mich weitergehen und irgendwann würden sie mich schon wieder rauslassen. Schlimm war eigentlich nur die Ungewißheit, denn es konnte noch "ewig" dauern, bis überhaupt ein Prozeß anberaumt wurde. Ich legte zwar noch Rechtsmittel gegen den Haftbefehl ein, fand mich aber innerlich damit ab, vorerst auf unbestimmte Zeit hinter Kerkermauern zu verschwinden. Zunächst wurde ich mal ins örtliche Fuldaer Kittchen verbracht und hier kannte ich natürlich fast jeden. Hier saß keiner länger als zwei Jahre ein, ein richtiger Familienknast eben und die Knackis waren überwiegend "Eierdiebe", die mich entweder aus dem Fernsehen oder von diversen Trinkhallen oder Kneipen kannten. Ungewöhnlich war da schon eher, daß ich auch Zweidrittel des Wachpersonals kannte. Das waren nämlich durch die Bank ehemalige BGS'ler, die nach 12 Jahren Bundesgrenzschutz immer noch Hauptjäger gewesen waren und für die der Staat nur eine Verwendung hatte: Schließer in der JVA-Fulda. Schon als ich über den Hof geführt wurde, ging das Gegröle aus den Zellenfenstern los. "Mensch Thomas, was machst Du denn hier...?", so oder so ähnlich lauteten die Rufe und ich lachte und winkte zurück. Kaum auf der Zelle hatte ich auch schon eine Bombe* und einen Koffer* da stehen, Hauptjäger D. von der 1. Hundertschaft machte es möglich. (*"Bombe" und "Koffer" sind die Knastsynonyme für Kaffee und Tabak, die wiederum genauso wie Postwertzeichen das Zahlungsmittel im internen Knastbetrieb sind) Mit meiner Verschubung ließ man sich Zeit, immer wieder gingen Busse ab von Fulda, nie war ich dabei. Als wieder mal nach München verschubt wurde, fragte man nur, ob ich bereits einen Termin dort habe und als ich "Nein!" antwortete, hieß es lapidar, dann könne ich ja auch noch hier bleiben. Mit den anderen Knackis hatte ich keine Probleme, es gab zwar eine Gruppe Zigeuner, aber man ging sich eben aus dem Weg und vermied Provokationen. Anders verhielt sich ein NPD'ler, der wegen Zuhälterei einsaß. Der hatte mehrfach wider den Stachel gelöckt und war plötzlich nicht mehr da. Auf meine Nachfrage erfuhr ich dann, daß die Zigeuner ihn auf dem Weg zum Hofgang abgepaßt und ordentlich vermöbelt hatten, so daß er jetzt im JVA-Krankenhaus Kassel liegen würde. In knastinternen Auseinandersetzungen sah ich indes keinen Sinn, Politik wurde draußen gemacht; drinnen ging es nur darum, die Zeit so schnell und so sinnvoll wie möglich vergehen zu lassen. Nach zwei Wochen, es war jetzt Mitte April, war es dann doch so weit, ich wurde verschubt. Im großen Transportbus war die Stimmung recht gut, obwohl natürlich viele mit lockeren Sprüchen ihre Unsicherheit und ihre Angst vor der eigenen Zukunft kaschieren wollten. Zwischenhalt war dann in Offenbach, ein reiner Schubknast, hier saß keiner seine Strafe ab, hier war sozusagen ein "Umschlagplatz für Häftlinge". Offenbach hatte den Vorteil, daß wir Knackis aus einer öffentlichen Behördenkantine verpflegt wurden und somit ein wirklich schmackhaftes Essen auf den Tisch bekamen. Nächste Station war dann Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage und wieder war im Bus gute Stimmung. Auf die Frage, warum sie in Haft seien, zitierten die Häftlinge einfach den jeweiligen Paragraphen, was aus deren Mund wirklich spaßig klang. "Wer seinen Lebensunterhalt ganz oder teilweise....", so erklang der Zuhälterparagraph und der neben mir sitzende Italiener zitierte fast akzentfrei "Wer Banknoten nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte sich verschafft und in Verkehr bringt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft". Als die Reihe an mir war, gab's kein zurück. Ich wußte, daß das einigen nicht gefallen würde, aber letztendlich war ich nicht aus niedrigen Beweggründen zum "Verbrecher" geworden, sondern aus politischer Überzeugung, sodaß ich laut ausrief "Wer Propagandamittel, die nach ihrem Inhalt dazu geeignet sind, Bestrebungen einer ehemals nationalsozialistischen Organisation fortzusetzen, herstellt, verbreitet oder vorrätig hält,..." Kein Zwischenruf, kein Kippen der Stimmung, nur ein ungläubiges "...und deswegen sitzt Du?", was ein echter Verbrecher ist, der kann das kaum glauben... In Nürnberg saß ich dann nochmal fest. Noch immer gab es keinen Termin in München und so ließ man sich Zeit. Mittlerweile als Nazi bekannt, sorgte ich immer mal wieder mit ein paar flotten Sprüchen für Erheiterung. So forderte ich eines morgens "mindestens ein Stück Kuchen" und auf die Frage nach dem "Warum?" rief ich "Na, heute ist Führergeburtstag!". Da lachten alle durch die Bank, Knackis ebenso wie die Wachteln* (*Knastsynonym für Schließer). Nun saß ich bereits einen Monat, ohne die geringste Ahnung, was kommen würde. Daß ich der Freiheit schon wieder näher war als gedacht, ahnte ich nicht, als ich Anfang Mai endlich in München-Stadelheim ankam. Ich wurde in den Neubau eingewiesen, damals der Geheimtipp unter den Häftlingen. Nicht nur, daß alles neu war, es gab Einbauschränke in den Zellen und auf der Pritsche war man mittels Türspion nicht zu sehen. So sollte ein Hauch von Intimsphäre geschaffen werden, obwohl es Gegenstimmen gab, die eine erhöhte Suizidgefahr befürchteten. Ob diese Art der Unterbringung von Häftlingen die Zeiten überdauert hat, weiß ich nicht, damals war ich ganz dankbar dafür. Natürlich war es auch hier nicht das reine Zuckerschlecken; gleich zu Beginn rasselte ich mit einem der Wachteln aneinander. Der hatte mir die Post gebracht, einen Brief der damaligen HNG-Vorsitzenden Christa Goerth (HNG –Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V.), einer engen Freundin von Michael Kühnen und für mich immer der gute Geist der Bewegung. 20 Briefmarken hatte sie beigelegt, also würde ich endlich den wichtigsten Kameraden meinen Aufenthaltsort mitteilen können, so dachte ich. Aber weit gefehlt, genüßlich, wie in Zeitlupe, riß der Beamte eine einzelne Marke ab und sagte: "Pro eingehendem Brief erhalten sie nur eine Marke!". Das mag irgendeiner Bestimmung hinter irgendeinem Paragraphen entsprochen haben, hatte aber für mich allein durch Gestik und Mimik des Schließers den Status einer Schikane. Kaum hatte ich mich in Stadelheim ein wenig häuslich eingerichtet, als mich eines Morgens ein Schließer abholte, um mich zum Sektionsleiter des Zellenblocks zu bringen. Hahn hieß der Mann und ich wurde in sein Büro geführt, das wie eine Insel und rundherum verglast inmitten der Flure lag. Zu meiner völligen Überraschung erklärte mir Herr Hahn, daß meinem Rechtsmittel stattgegeben worden sei und ich erneut gegen Auflagen auf freien Fuß gesetzt werden sollte. Das Gefühl, welches einem angesichts so einer Mitteilung durchflutet, ist nicht in Worte zu fassen. Ich kam also erstmal wieder raus, wenigstens bis zum Prozeß, herrlich, prima, klasse! So als wolle er meinen emotionalen Höhenflug gleich wieder dämpfen, fuhr er fort, daß es dabei allerdings ein Problem gäbe. Ich müsse eine ganze Reihe Auflagen erfüllen (regelmäßiges Melden auf der Fuldaer Polizeistation, Sofortige Mitteilung bei Wohnungswechsel, keine Auslandsreisen usw.) und eine dieser Auflagen wäre die Abgabe meines Reisepasses. Bei den zur Habe genommenen Gegenständen würde sich kein Reisepass befinden und ohne den eingezogen zu haben, könne er mich nicht gehen lassen. Dem Höhenflug folgte der emotionale Absturz. Mist, der Reisepass befand sich in Fulda, genauer im Kofferraum meines Daimler und das erklärte ich Herrn Hahn. Von meiner heraufziehenden Verzweiflung gänzlich unbeeindruckt, erklärte der Sektionsleiter, daß er keinerlei Handlungsspielraum habe, "Entweder erfüllen sie die Auflage, dann können sie gehen oder sie erfüllen sie eben nicht, dann bleiben sie...!" das war die einfache Formel eines Verwaltungsbeamten, für menschliche Schicksale war da kein Platz. Ich versuchte noch allerlei Argumente ins Feld zu führen und sagte, man könne mich doch nicht dafür bestrafen, daß ich mir vor Jahren einen Reisepass hatte anfertigen lassen?! Hätte ich keinen, dürfte ich jetzt gehen, das sei doch ein Irrwitz! Aber Hahn hatte sich längst hinter seinen Vorschriften verschanzt, für einen Beamten der sicherste Ort der Welt. Mir mußte was anderes einfallen und zwar schnell. Ich spielte alle möglichen Szenarien durch und plötzlich hatte ich eine Idee. Man hätte mir – so erklärte ich Hahn – bei meiner Verhaftung auch eine kleine Summe Bargeld abgenommen und dann müsse sich das ja wohl bei meiner Habe befinden. Das sei korrekt, meinte Hahn, aber was habe das mit vorliegender Situation zu tun? Nun, sagte ich, es gäbe doch sicher keine Vorschrift, die es ihm verbietet, mich auf meine Kosten in Fulda anrufen zu lassen, oder? Leute wie Hahn, die sich in ihrem Revier wie kleine Könige fühlen, kennen sicher jede Menge Paragraphen, die anderen etwas verbieten. Aber ihnen selbst? Nein, natürlich nicht! Das lag also in seinem Ermessen und so sprang er dankenswerterweise darauf an. Na gut, sagte er, dann rufen's halt in Fulda an. Ich wurde zu einem Fernsprecher geleitet und durfte telefonieren. Hoffentlich waren Kameraden vor Ort, aber im Hotel Hirsch war eigentlich immer jemand zugegen. Ich erreichte Bodo N., der zwar nicht zu meinem politischen Umfeld gehörte, den ich aber von den Skatabenden gut kannte und erläuterte ihm in schnellen Worten die vertrackte Situation. Ich sagte ihm, man müsse den Reisepass irgendwie aus meinem Kofferraum bekommen, sonst säße ich in Stadelheim fest bis zum St. Nimmerleinstag. Wo denn der Schlüssel sei, fragte Bodo, aber den hatte man mir abgenommen und so befand er sich in Stadelheim bei meiner Habe. Macht das Ding irgendwie auf, notfalls sprengen, sagte ich halb im Scherz und schickt den Reisepaß um Himmels Willen nicht per Post nach Stadelheim, sondern bringt ihn auf die Fuldaer Polizeidienststelle. Die Beamten bittet ihr dann, in Stadelheim Bescheid zu geben. Bodo N. versprach mir alles in seiner Macht stehende zu tun und für mich begannen wiedermal zähe Minuten und Stunden. Würden die das auf die Reihe bekommen? War der Reisepaß auch wirklich im Kofferraum? Würde sich die Fuldaer Polizei auf diese Vorgehensweise einlassen? Und wie lange würde das alles dauern? Fragen über Fragen, aber ich hatte wenigstens alles versucht und konnte nur noch hoffen. Bei Hahn versicherte ich mich dann noch, daß ich tatsächlich freikäme, wenn die Fuldaer Polizei den Erhalt des Dokuments bestätigen würde. Völlig aufgewühlt wurde ich wieder in die Zelle geführt und jetzt erst wurde die Warterei beinahe unerträglich. Die theoretische Physik geht ja von der Relativität der Zeit aus und kennt das Phänomen der Zeitdilatation, also der Zeitdehnung. In dieser Situation hätte ich tausend Eide geschworen, daß es die Zeitdehnung wirklich gibt, da ich sie gerade am eigenen Leib erlebte. Später erfuhr ich dann, wie alles weitere abgelaufen war. Bodo N. hatte den Betreiber der "Marktschänke" alarmiert, der war gelernter KFZ-Mechaniker. Mit vereinten Kräften hatten dann mehrere Kameraden versucht, den Kofferraum meines 280er Daimler zu knacken, was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Das war deutsche Wertarbeit und man wünschte sich, ich hätte einen billigen ausländischen Wagen gefahren. Irgendwann war es aber gelungen und der Reisepaß lag tatsächlich bei den im Kofferraum befindlichen Sachen. Danach begab man sich zur Fuldaer Polizeistation in der Heinrichstraße und übergab das Dokument mit der entsprechenden Erklärung. Da man einen der uns wohlgesonnen Beamten erwischte, ging alles weitere recht schnell. Die Beamten riefen in Stadelheim an und Stadelheim rief zurück, um auszuschließen, daß sich jemand nur als Fuldaer Polizeibeamter ausgab. Nun lag also dem Herrn Hahn die gewünschte Bestätigung vor und er reagierte dann tatsächlich auch sofort. Ein Beamter öffnete meine Zellentür und sagte "Auf z'sammenpacken, es geht nach Hause!" Der 8. Mai nähert sich
Es war einer der ersten Maitage und bis zur Veranstaltung hatte ich noch Zeit und so entschloß ich mich, noch zwei, drei Tage in München zu bleiben. Mutter und Bruder des Münchner Kameradschaftsführers hatten mich in Stadelheim abgeholt, nachdem ich sie aus der erstbesten Telefonzelle angerufen hatte. Am Abend gab es eine Familienfeier und einen Besuch im Kloster Andechs leistete ich mir auch noch – aber dann ging's wirklich heim nach Fulda. Dort angekommen, gab's erstmal eine Riesenfeier, mein alter Kumpel Horst hatte mich am Bahnhof angeholt, um mich direkt ins Hotel Hirsch zu bringen. Unrasiert, aber froh und heiter, ließen wir die Kronkorken knallen; Stadelheim schien schon wieder so weit weg zu sein, als gehöre es zu einem anderen Sonnensystem.Randale in Aachen Zu meiner großen Freude hatte sich bereits kurz nach Wiederaufnahme meiner "Amtsgeschäfte" herausgestellt, daß die politische Arbeit nahtlos weitergegangen war und die Vorbereitungen für den 8. Mai abgeschlossen waren. Die "Waffenbrüderschaft" mit der Wiking-Jugend, die traditionell bisher immer zu Silvester ihre Feuertaufe erhielt, sollte sich auch am 8. Mai bewähren und so würden unsere Kontingente gemeinsam mit der WJ eine Großdemonstration in Aachen durchführen. Für mich blieb außer der Teilnahme nichts mehr zu tun. Anfänglich schien auch alles nach Plan zu verlaufen, die WJ hatte ein großes Grundstück zur Verfügung gestellt, dort konnten die Kameraden ihre Zelte aufstellen und die im Lagerleben geübten WJ'ler hatten die gesamte Logistik übernommen; es sollte an nichts fehlen. Gibt es ein "U-Boot"? Am Vorabend der Aktion standen wir im WJ-Lager um das große Lagerfeuer und unterhielten uns. Aus allen Teilen Deutschlands waren kleinere und größere Kameradengruppen angereist und der kommende Tag versprach ein denkwürdiger zu werden. Junge Deutsche würden dem Volk und dem System zeigen, daß sie nicht vom Schuldkult infiziert und auch nicht bereit waren, in Sack und Asche und mit gesenktem Haupt durch die Welt zu gehen. "8. Mai – Wir feiern nicht!" war die Devise. Viele der angereisten Kameraden kannten sich persönlich, aber natürlich nicht alle. So verwunderte es zunächst nicht, daß sich auch eine Gruppe mit dem illustren Namen "Odal-Austria" einfand, obwohl es schon befremdlich anmutete, daß deutsche Nationalisten aus der Ostmark das fremdländische Wort "Austria" benutzten. Etwas später bekam ich dann die Meldung, bei einem der angereisten "Österreicher" könnte es sich möglicherweise um den stern-Mitarbeiter Kromschröder handeln. Kromschröder, ein Meister der Verkleidung ("Als ich ein Türke war"), war für uns das Paradebeispiel des linken Hetzjournalisten; ihm und seinem Kollegen Warner Poelchau war kein Trick zu mies, um an eine brauchbare "story" zu kommen. Zu schön wäre es gewesen, einen der beiden nun als unseren persönlichen Gast begrüßen zu können. Vermieden werden mußte allerdings, daß sich der Zorn der anwesenden Kameraden an einem Unschuldigen entlud. Also wies ich mehrere Kameraden an, sich im Lager nach jemandem umzusehen, der Kromschröder zweifelsfrei und auch bei den schlechten Lichtverhältnissen würde identifizieren können. Tatsächlich fand sich ein Hamburger, der sich das zutraute und so schickte ich ihn zu der Gruppe, bei der der vermeintliche Systemjournalist gerade stand. Nach einer Weile kam besagter Hamburger zurück und erklärte mit dem Brustton der Überzeugung, das sei mit Sicherheit nicht Kromschröder, denn den kenne er von einem Interview, das noch nicht lange zurücklag. Für mich war die Sache damit erledigt. Ich konnte ja nicht wissen, daß es doch Kromschröder war und der Hamburger ihn schlicht verwechselt hatte. Kromschröder selber, alter Hase des investigativen Journalismus, hatte aber mittlerweile entweder gerochen, daß sich was zusammenbraute, oder wollte ohnehin verschwinden, bevor es kritisch werden könnte. Jedenfalls brauste der Kleinwagen der Gruppe "Odal-Austria" plötzlich mit affenartiger Geschwindigkeit davon und ich ahnte schon nichts Gutes. Sollte das wirklich die Systemjournaille gewesen sein, würden wir noch unsere Quittung bekommen und so kam es schließlich auch. Es geht zur Sache Am anderen Morgen war es dann so weit. Die Planung sah vor, daß sich mehrere kleine Gruppen von Kameraden sternförmig auf die Aachener Innenstadt zubewegen sollten. Da ich an der Organisation nicht beteiligt war, mischte ich mich zunächst auch gar nicht ein und als mir Ulf Nahrath, der Sohn von WJ-Bundesführer Wolfgang Nahrath bedeutete, ihm und seinem Vater zu folgen, dachte ich mir nichts weiter dabei. Wir bestiegen seinen weißen Mercedes und fuhren los. Das paßte mir schon nicht, denn ich kannte von Kühnen nur, daß sich die Führung tatsächlich auch an der Spitze der eingesetzten Kameraden aufhielt und nicht den Unterführern alles überließ. Es sollte aber noch doller kommen und meine Einstellung der Wiking-Jugend oder zumindest ihrer Führung gegenüber, würde sich an diesem Tag nachhaltig verändern.
Nach kurzer Fahrt hatten wir ein Haus erreicht, in dessen oberen Etagen Nahrath eine komplette Wohnung als "Hauptgefechtsstand" angemietet hatte. Ich fühlte mich beinahe in die Wolfsschanze, des Führers Hauptquartier bei Rastenburg in Ostpreußen, versetzt. Überall topographisches Material, eine große Generalstabskarte an der Wand, mehrere Telefone und von hier aus beabsichtigte die WJ-Führung, den brandgefährlichen Einsatz unserer Aktivisten zu leiten. Am meisten schockierte mich, daß die ihr Verhalten für völlig normal hielten: Die Führung müsse von einem sicheren Ort aus operieren, erklärte Ulf Nahrath und nötigenfalls seien auch "Bauernopfer" in Kauf zu nehmen. Mir reichte es; schließlich ging es hier auch um meine eigene Reputation und das Vertrauen, das die Kameraden in mich setzten. Ich sagte dem alten Nahrath klipp und klar, daß ich nicht in seinem "Führerhauptquartier" bleiben werde, wenn draußen die Kameraden ihren riskanten Auftrag erfüllten. Bei allen Veranstaltungen an der Seite Michael Kühnen sei ich stets am Ort des Geschehens gewesen und so werde ich es auch diesmal halten. Man möge mich bitte irgendwie in die Innenstadt bringen. "Dann kommen wir auch mit!", entschied Wolfgang Nahrath, der sich sicher keine persönliche Feigheit vorwerfen lassen wollte. So ließen wir das Hauptquartier hinter uns und begaben uns "an die Front". Hier war mittlerweile das Chaos ausgebrochen. Das nicht völlig unerwartete Auftreten von Neonazis zur gleichen Zeit, aber an unterschiedlichen Orten, hatte sowohl die Antifa, als auch die örtliche Polizei in heillose Konfusion gestürzt. Überall kam es zu kleineren und größeren Zwischenfällen, Aachen brodelte und unsere Aktivisten schlugen sich tapfer. Hatten sie sich gerade durch eine schnelle Fluchtbewegung in Sicherheit gebracht, tauchten sie schon im nächsten Viertel wieder auf. Das machte es den Linken unmöglich auch nur annähernd zu schätzen, wie viele der bösen Rechten denn nun auf der Straße waren. Immer wieder wurde größere Mengen Propagandamaterial unter's Volk gebracht. Es gab Verletzte, über 50 Festnahmen, aber auch ein riesiges Medieninteresse und das ungläubige Staunen der Spießbürger, die dem Nationalen Widerstand jener Tage eine solche Aktion nicht zugetraut hatten. Sowohl die beiden Nahraths als auch ich selber kamen ohne nennenswerte Blessuren davon, aber wir waren wenigstens dabei gewesen, zumal mitten in der Innenstadt und hatten damit der Truppe gezeigt, daß wir zu ihr gehören und uns nicht als "was Besseres" wähnten. Kromschröders Rache
Die befürchtete Quittung von Kromschröder folgte auf dem Fuße: neben einer völlig verlogenen Darstellung im "stern", hagelte es Strafanzeigen, weil Kromschröder behauptete, die Kameraden im WJ-Lager hätten sich alle mit dem verbotenen Deutschen Gruß begrüßt und verabschiedet. Auch ich bekam einen Strafbefehl. Vor Gericht hatten wir alle keine Chance, denjenigen, die den Strafbefehl angefochten hatten, wurde einfach nicht geglaubt, obwohl man bei der WJ traditionell mit dem erlaubten "Heil Dir!" begrüßt wurde. Die Richter sahen das, was Kromschröder behauptete, als erwiesen an und letztlich wurden wir alle zur Kasse gebeten. Eine Riesensauerei war auch der Bericht im "stern". Obwohl er ja nach der Aachener Aktion gar nicht mehr vor Ort war, sondern im Gegenteil bereits am Tag zuvor geflohen war, erfand Kromschröder einfach eine abschließende Lagebeurteilung durch mich und unterstellte mir, ich hätte noch größere Randale befürwortet und es habe leider "nicht richtig gerummst". Was sind das nur für Journalisten, die ohne jede Berufsehre das daherschreiben, was ihnen gerade opportun erscheint und sich gleichzeitig über die "gleichgeschaltete" Presse im Dritten Reich ereifern? Gedanken an Otto Riehs
Während ich diese Zeilen schreibe, ringt unser Ritterkreuzträger Otto Riehs mit dem Tode. Seine Lebensgefährtin hatte mich sofort davon unterrichtet, nachdem man ihn ins Krankenhaus eingeliefert hatte. Die Ärzte haben keine Hoffnung mehr. Mittlerweile im 87. Lebensjahr stehend, hat mich Otto Riehs durch fast 30 Jahre meiner politischen Tätigkeit begleitet. Immer war er zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Unvergessen, als er am Grabe von Hans-Ulrich Rudel die Worte sprach: "Lieber Kamerad Rudel, Du Tapferster der Tapferen! Wir Panzerjäger der Infantrie grüßen Dich - den fliegenden Panzerjäger der Luftwaffe!" Danach entbot Otto Riehs den Deutschen Gruß, wie er ja seit dem 20. Juli 1944 auch in der Wehrmacht Vorschrift war, nachdem Hermann Göring dem Führer diesen Vorschlag unterbreitet hatte. Hierdurch sollte nach dem mißlungenen Attentat von Stauffenberg die ganz besondere Verbundenheit der Wehrmacht mit Adolf Hitler zum Ausdruck gebracht werden. Das Bild ging durch die Weltpresse. Otto Riehs im langen Ledermantel, darunter weißes Hemd auf dem das Ritterkreuz so richtig zur Geltung kam. Natürlich hatte das juristische Folgen und Otto Riehs wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, aber er hatte ein Zeichen gesetzt und aus der Trauergemeinde erklangen Bravo-Rufe. Otto Riehs war aber auch auf unseren Straßenveranstaltungen oft genug an vorderster Front. In Bad Hersfeld z.B., als es zu schweren Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner kam aber auch bei der Gründung der ANS/NA war er zugegen und immer wieder kandidierte er auch für rechte Gruppierungen, wenn diese sich zur Wahl stellten. Für Kühnens NATIONALE SAMMLUNG ebenso wie für die NPD. Gleich nach dem Kriege war er an der Gründung der Sozialistischen Reichspartei beteiligt. Man sprach damals in rechten Kreisen von den "vier "R", nämlich Rudel, Remer, Rammke und Riehs. Bis vor wenigen Wochen noch, war Otto Riehs für die nationale Sache unterwegs, immer wieder sprach er auch vor kleineren Foren, bei verschiedenen Freien Kameradschaften, wie auch bei den Gautreffen des KDS oder auch vor größerem Publikum bei Demonstrationen oder dem alljährlichen Heldengedenken in Halbe. Wehmut erfüllt mich beim Gedanken an all die Aktionen, Aufmärsche, Demos und Feiern bei denen ich Otto Riehs traf oder zu denen ich ihn gelegentlich auch mitnahm. Denn es lag nahe ihn in Frankfurt abzuholen, wenn wir irgendwo in Deutschland eine Veranstaltung hatten. Bis zuletzt war er fit und als wir im Oktober 2006 gemeinsam Axel Reitz im Gefängnis besuchten und ich extra einen Fahrer mitgebracht hatte, ließ es sich Otto Riehs nicht nehmen, die Hin- und die Rückfahrt über selbst am Steuer zu sitzen. Im Taxi nach Hameln Anfang des Jahres 1986 führten wir eine der damals eindrucksvollsten Aufmärsche unter der Firmierung "FAP" durch und auch im Zusammenhang mit dieser Aktion muß ich an Otto Riehs denken. Der war damals noch berufstätig und zwar als Taxifahrer in Frankfurt. Den Aufmarsch in Hameln ließ er sich nicht nehmen und brachte dabei auch einen Teil der Frankfurter Kameradschaft mit. Die Frankfurter waren spät dran und wir hatten uns bereits auf der Straße versammelt, als das Taxi mit Frankfurter Kennzeichen um die Ecke bog. Der damalige Kameradschaftsführer Peter Müller hatte das Fenster der Beifahrerseite runtergekurbelt und rief und winkte einigen Kameraden zu. Kopfschüttelnd stand ein junger Aktivist neben mir und sagte: "Das gibt's doch gar nicht! Die müssen ja ein Geld haben, die kommen doch tatsächlich mit dem Taxi aus Frankfurt nach Hameln!" Die Otto und sein Taxi kannten, haben herzlich gelacht... "Sie kommen nicht zum Friedhof...!" Nach Hameln hatte es uns übrigens verschlagen, weil die Stadt öffentlich gemacht hatte, daß sie ein Gräberfeld einebnen wolle, auf dem auch sogenannte "nationalsozialistische Kriegsverbrecher" bestattet waren. Man wollte damit die alljährlichen Ehrenbezeugungen und Kranzniederlegungen verhindern, weckte aber dadurch schlafende Hunde und rief schließlich auch uns auf den Plan. Es werden wohl an die 200 Kameraden gewesen sein, die an diesem 8. März 1986 in Hameln zusammengekommen waren. Wir waren finster entschlossen den Friedhof zu erreichen und die Polizei war ebenso finster entschlossen, dies zu verhindern. Eine schwarz-weiß-rote Fahne fest in unseren Händen haltend, führte ich mit "Steiner" zusammen den Demonstrationszug an und als wir uns dem Friedhof näherten, hatte die Staatsmacht tatsächlich alles abgeriegelt. Da würden wir wohl auch mit Gewalt nicht durchkommen und eine Prügelei auf den Gräbern derer, zu deren Ehre wir ja gekommen waren, hätte ein verheerendes Bild in der Öffentlichkeit abgegeben. Fieberhaft überlegte ich, wie wir aus der bevorstehenden Niederlage noch einen Sieg machen könnten. Plötzlich tönte der Einsatzleiter per Megaphon, daß wir unbedingt unsere Fahrzeuge wieder besteigen sollten, das Betreten des Friedhofs sei uns verboten und so weiter und so fort. "Sie haben keine Möglichkeit auf den Friedhof zu gelangen!" tönte es immer wieder zu uns rüber und plötzlich kam mir eine Idee. Natürlich hatte der Mann Recht, wir würden nicht auf den Friedhof gelangen, aber warum sollten wir deshalb unsere Fahrzeuge besteigen und unverrichteter Dinge verschwinden? Wir hatten ein Anliegen und das bestand ja auch in der Aufklärung der Bevölkerung über die in unseren Augen skandalösen Vorgänge in Hameln und die pietätlosen Planungen der Stadtoberen. Ich flüsterte "Steiner" zu, daß wir einfach eine Kehrtwende machen und schnellen Schrittes Richtung Stadtmitte laufen würden. Schließlich war ich drei Jahre beim Bundesgrenzschutz und wußte, daß eine Polizeieinheit zunächst mal konfus reagiert, wenn nicht das eintritt, was nach Lage der Dinge zu erwarten ist. Und tatsächlich: Wir ließen den Einsatzleiter mitsamt seinen Friedhofswächtern einfach stehen, drehten rum und marschierten mit unseren Flugblättern, weiteren Fahnen und der großen schwarz-weiß-roten Fahne an der Spitze Parolen skandierend in die entgegengesetzte Richtung. Das hat den Mann dann nachhaltig schockiert, mit seinem Megaphon schrie er uns immer noch nach, daß wir keine Möglichkeit hätten, auf den Friedhof zu gelangen und hatte noch gar nicht kapiert, daß wir das plötzlich auch gar nicht mehr wollten. Es dauerte eine Weile, bis er "seine Truppen" wieder geordnet hatte, aber für das was wir taten, gab es offensichtlich keinen "Plan B". Und so flankierten letztlich zahlreiche Beamte unseren recht eindrucksvollen Demonstrationszug, ohne einzugreifen. Es herrschte eine tolle Stimmung in der Truppe, in unserer, versteht sich! Und auch "Steiner" und ich waren hochzufrieden, denn bei der Mobilisierung zu Demos in dieser Größenordnung ist es immens wichtig, daß die Kameraden ein Erfolgserlebnis mit nach Hause nehmen. Im Gegensatz zur "Bullerei" hatten wir einen "Plan B" aus der Tasche gezogen und als neben fotografierenden Journalisten auch noch ein Kamerateam vor Ort erschien, hatten wir unser Ziel erreicht. Die mediale Aufmerksamkeit transportierte unser Anliegen in die Wohnstuben der ahnungslosen Bundesbürger und auch die FAP war wieder in aller Munde. Und als wir am Ende wieder unsere Fahrzeuge bestiegen, dann taten wir das mit einem Gefühl der Genugtuung und weil wir es wollten, nicht aber, weil es uns irgendein Einsatzleiter per "Flüstertüte" befohlen hatte. "Operation Bazille" Zu Steiner, diesem alten Haudegen, fällt mir auch so die eine oder andere Geschichte ein und obwohl ich nicht so häufig in Hamburg war, wie beispielsweise im Süden, war die Hansestadt immer eine Reise wert. Ging es auf den Hamburger Kameradschaftsabenden immer ein wenig nordisch-kühl – um nicht zu sagen streng – zu, so war ein anschließender Zug um die Häuser – oder besser durch die Kneipen – ein Erlebnis für sich. Besonders die linken Szenekneipen hatten es uns angetan. Da verkehrte nun nicht gerade die militante Antifa, aber eine Menge linksgewickelter und vielfach kaputter Typen und Vorsicht war eigentlich immer geboten. Diese Pinten hatten dann auch szenetypische Namen wie zum Beispiel "Virus" und gerade diese Kneipe suchte ich dann gelegentlich gemeinsam mit "Steiner" auf. Wir nannten das biologisch nicht ganz korrekt, aber in Anspielung auf den Namen "Virus", immer "Operation Bazille" und obwohl sich natürlich niemand traute, uns körperlich zu attackieren, hatte ich schlagmäßig einen dicken Kopf nach jeder "Operation Bazille". In der Hafenstraße Selbstverständlich gab es aber auch eine ausgesprochen gewalttätige, linke Szene in der Hansestadt. Hamburg war dafür berühmt-berüchtigt und besonders die Hafenstraße hat bei Eingeweihten noch heute den Ruch von Hausbesetzungen, Krawallen, Barrikaden und brennenden Polizeifahrzeugen. Die ganze Republik kannte die Hamburger Hafenstraße, 99% allerdings nur vom Hörensagen, da sie einen festen Platz in den Nachrichtensendungen jener Tage hatte. Ich glaube, es war auf einer meiner Deutschlandfahrten und Kühnen saß bereits wieder in Haft, als ich Hamburg besuchte und Steiner eine Stadtrundfahrt vorschlug. Nun war es schon ein Unterschied, ob eine Gruppe bundesrepublikanischer Normalos eine Stadtrundfahrt machte oder wir, die wir zwar die Parole "Unauffälligkeit ist unsere Stärke!" auf unsere Fahnen geschrieben hatten, aber auch zu unserer Schwäche, Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erzielen, standen. Meistens nur, weil wir uns an den erschrockenen Gesichtern der systemnivellierten Spießbürger erfreuten; es war zu schön, sie sprachlos zu sehen.
So begaben wir uns nicht in Zivil und in einem geschlossenen PKW auf Stadtrundfahrt, sondern teiluniformiert und im offenen Kübelwagen. Mann, das war ein Spaß; alles drehte sich nach uns um, "Steiner" am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz und – soweit ich mich erinnere – Mosler und Malcoci auf dem Rücksitz. Auf diese Weise die gutbürgerlichen Stadtteile zu besichtigen, mag ja noch angehen, aber nun wollten wir Ortsfremde auch mal die Hafenstraße sehen. "Steiner" kannte da natürlich nichts und so fuhren wir anschließend in den Anarcho-Bezirk, um uns das mal in Ruhe anzusehen. Da standen also vier, nicht ganz unbekannte Rechtsextremisten in uniformähnlicher Kleidung im offenen Kübelwagen in der Hafenstraße und besichtigten die „No-go-area“ der Hansestadt. Ich kann mich noch daran erinnern, daß "Steiner" sinngemäß sagte: "So, und wenn jetzt die Karre nicht mehr anspringt, sind wir Geschichte!" Einmal in solch aufgekratzter Stimmung, wollten wir nun auch noch an der Gerichtsverhandlung gegen Steiners Bruder teilnehmen, die an diesem Tage stattfand. Ohne uns umzuziehen oder das Fahrzeug zu wechseln, fuhren wir zum Gericht und was in der Hafenstraße an linkem Personal gefehlt hatte, war offenbar vor's Gericht gezogen, um dem "Neonazi-Prozeß" beizuwohnen. Da hätten wir aber wirklich beinahe zu hoch gepokert. Durch den auffälligen, offenen Kübelwagen zogen wir natürlich sofort die Aufmerksamkeit auf uns. "Steiner" wurde nun auch sofort erkannt und ein riesiges Gegröle schallte uns von allen Seiten entgegen. Wir fuhren ja nur noch Schritttempo und schauten uns nach eigenen Leuten um und die Linken reagierten schnell. Wutentbrannt kamen sie aus der Umgebung des Gerichts gerannt und waren offenbar finster entschlossen das "Nazi-Auto" und seine Besatzung platt zu machen. "Steiner" tat das einzig richtige: Er beschleunigte als die ersten Anarchos das Fahrzeug fast erreicht hatten und brauste davon. Gegen den gesamten Mob hätten wir nicht die geringste Chance gehabt. "Steiner" schreibt zur damaligen Lage in Hamburg in einem e-Brief: "...der Kamerad war übrigens der Kam.-Führer der Nr.9 Hamburg-Rahlstedt. Er war später noch mit mir bei der BW. Wir standen auch beide neben Michael (Kühnen) am Tag nach dem Verbot. In der Wohnung von Carlus Bagoe. Im Hintergrund die Hakenkreuzflagge, Michael saß am Tisch wir beide links und rechts hinter ihm. Damals sagte er den bedeutsamen Satz " DER KAMPF GEHT WEITER !" zu einem Fernsehteam.... Ich glaube vom NDR. War ein guter Mann, der Rahlstedter. Was aus dem wohl geworden ist? Na ja. Interessant noch im Hinblick auf Hamburg und die FAP war ja, daß ich als einer der ersten im Norden eingetreten war und als Landesvorsitzender mit den Kameraden der Truppe dann die erste Landtagswahl für die FAP erreichte. Die NPD spielte gar keine Rolle in Hamburg und wir sicherten der Partei den Status. War schon ein hartes Stück Brot damals. Dann kam der unbedingt erwähnenswerte Wahlabend 1986. Ich war das erste Braunhemd seit 1945 ausgerechnet im Rathaus von Hamburg. Die gleichen Stiefel und die Breeches wie auf dem Bild nur eben nicht mit dem Braunhemd vom Film sondern mit dem Diensthemd unserer Truppe (hab ich übrigens noch hier). Die Sache endete im Tumult, mit dreitägiger Einweisung ins Krankenhaus, einer Verurteilung wegen Uniformierung und der Entlassung von meiner Arbeitsstelle – hat aber einen inneren Reichsparteitag gebracht! Übrigens der Kübel wurde später noch Opfer eines Brandanschlages, von denen ich insgesamt drei in Hamburg hatte. Machte aber nichts, da ich Schrauber bin, war immer wieder ein neuer Kübel zur Stelle....", soweit "Steiner" in einer kurzen Stellungnahme vom April 2008. Ich habe an diese Zeit eine durchweg positive Erinnerung. Wir hatten ein Verbot überstanden und waren politisch handlungsfähig geblieben. Wir hatten unseren Chef, Michael Kühnen, wenn auch inhaftiert, aber dennoch in Wartestellung. Wir hatten die FAP als legale Plattform und Wahlpartei und wir hatten das KAH für die interne Kaderbildung. Wir besaßen unsere fest umrissenen politischen Vorstellungen und wir hatten die Aufmerksamkeit der Medien, für die die FAP die ANS ersetzt hatte. Unter den gesellschaftlichen Bedingungen, unter den wir arbeiten mußten, dem ständigen Druck der Verfolgungsbehörden und der ewigen Geldnot, hatten wir wirklich das Beste aus der Situation gemacht. Ich wollte damals eigentlich nur eins: Michael Kühnen nach seiner Freilassung eine schlagfähige, funktionierende Truppe übergeben, mit der er die Verwirklichung seiner Nahziele würde in Angriff nehmen könnte. Nichts schien darauf hinzuweisen, daß sich am Horizont bereits gewaltige Gewitterwolken über der kleinen Bewegung zusammenbrauten. Nicht das kleinste Anzeichen ließ Risse in der seit Jahren erprobten und bewährten Kameradschaft erkennen. Wer würde denn auch diese Kampfgemeinschaft auseinanderdividieren oder gar zerstören können? Und doch – unaufhaltsam steuerten wir dem Vorabend des 20. Juli 1986 zu, einem Tag der von einer Sekunde auf die andere, alles auf den Kopf stellen und ehemals gute Kameraden zu erbitterten Feinden werden lassen würde. Der Putsch gegen Kühnen Für mich beginnt hier nun der schwierigste Teil meiner Lebenserinnerungen. Am liebsten würde ich die nun folgenden Ereignisse aus meinem Gedächtnis streichen oder hier einfach nicht erwähnen. Aber leider geht das nicht. Zu sehr hat dieser Sommer 1986 auf ungeahnte Weise in den Lauf der Dinge eingegriffen, zu schwer waren die Auswirkungen und zum Teil spüren wir sie noch heute. Viele der abenteuerlichsten Vorwürfe und Geschichten haben ihren Ursprung an jenem 19. Juli 1986. Ich stehe heute vor der schwierigen – ja nahezu unlösbaren – Aufgabe die Pflicht des Chronisten zu erfüllen, ohne die alten Gräben wieder aufzureißen oder den Feindschaften von damals neue Nahrung zu geben. Wer mich kennt, weiß, daß ich mich stets um die Einheit des Nationalen Widerstandes bemüht habe. Gerade das ist ja auch eine der Lehren aus jenen Tagen des Verrats, der Intrigen, des Hasses und der persönlichen Angriffe. Niemals sollte die mühsam errungene Einheit einer politischen Kampforganisation fahrlässig und auf dem Altar persönlicher Befindlichkeiten sinnlos geopfert werden. Rückblickend bleibt festzustellen, daß die Ereignisse, die mit dem 19. Juli 1986 begonnen haben, niemandem wirklich genutzt haben, außer dem System. Keinem der – in der Folge von mir als Putschisten bezeichneten – Vertreter der Anti-Kühnen-Fraktion gelang es, in dessen viel zu große Fußstapfen zu treten. Nur für eine kurze Phase der Resignation konnte die Gegenseite uns politisch lähmen, ein halbes Jahr später befanden wir uns bereits wieder im Angriff. Aber keinem der Männer, die sich völlig überraschend und quasi über Nacht gegen Kühnen stellten, ist es gelungen, auch nur annähernd seine Popularität zu erlangen, niemand konnte ihn langfristig verdrängen oder gar zur Aufgabe zwingen. Montelang waren die Emotionen so groß, daß es immer wieder zu Zwischenfällen mit Verletzten kam; daß es keine Toten gab, ist nur als glücklicher Zufall zu bezeichnen. Gerade in NRW, wo die Putschisten die Übermacht hatten, kam es zu hinterhältigen Übergriffen auf kühnentreue Kameraden, es gab Überfälle oder „Wohnungsdurchsuchungen“ und das alles unter vormaligen Kameraden, die gemeinsam so manchen Sturm überstanden hatten. Das ganze Geschehen entwickelte eine gefährliche Eigendynamik, erst später erfuhren wir, daß das in dieser krassen Form auch von den Initiatoren der Gegenseite gar nicht geplant war. Aber als erstmal alle Regeln der Kameradschaft und der gegenseitigen Achtung über Bord geworfen worden waren, gab es kein Halten mehr und für mich war der Höhepunkt des Irrsinns erreicht, als bekennende Nationalsozialisten gegen eine Veranstaltung ebenfalls bekennender Nationalsozialisten demonstrierten und die Teilnehmer an einer Veranstaltung des Kühnen-Flügels per Sprechchor angriffen und bedrohten. Hier mußte jedes Verständnis enden… Doch beginnen wir mit jenem verhängnisvollen Vorabend des 20. Juli (!) 1986. Wieder einmal war ein Gautreffen in NRW einberufen worden. Unter dem bewährten Schirm der FAP kamen viele Kader der verbotenen ANS/NA zusammen, so deren ehemalige Bereichsleiter-West, -Nord und -Süd und natürlich meine Wenigkeit, der ich wie gewohnt als Gastredner auftrat. Die Gautreffen gerade im Westen waren immer gut besucht, zwischen 120 und 200 Kameradinnen und Kameraden kamen da zusammen. Mal gab sich Generalmajor Otto-Ernst Remer die Ehre, oft aber auch gesellte sich Florentine Rost van Tonningen zu uns. Die von linken Kräften als „Schwarze Witwe“ bezeichnete und von uns liebevoll „Florrie“ genannte Altaktivistin war die Witwe des Chefs der niederländischen Zentralbank während der deutschen Besatzung, Meinoud Rost van Tonningen. Sie galt zu Lebzeiten als „Leitfigur der Rechtsradikalen und Revisionisten“, mit besten Kontakten auch ins außereuropäische Ausland. Ihr Trauzeuge war Heinrich Himmler gewesen, auch der Reichskommissar für die besetzten Niederlande, Dr. Arthur Seyß-Inquart, war häufiger Gast im Hause van Tonningen. Nach dem Krieg war sie maßgeblich an der Gründung der „Stillen Hilfe“ für verfolgte Nationalsozialisten beteiligt; sie galt somit als führender Kopf einer „braunen Internationale“. Nichts schien im Vorfeld darauf hinzudeuten, daß dieses Gautreffen sich wesentlich von vorangegangenen ähnlichen Veranstaltungen unterscheiden sollte. Wie beiläufig bekamen die Besucher am Saaleingang ein Faltblatt in die Hand gedrückt, von dem ich anfangs nur den Titel wahrnahm: „Der Kampf geht weiter!“. Ich war viel zu sehr mit Begrüßungen und Einzelgesprächen beschäftigt, als daß ich diesem Faltblatt größere Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Erst bei den Auftritten meiner Vorredner fiel mir auf, daß sie alle nur ein Thema hatten: die Homosexualität. Eine Ausnahme bildete lediglich „Steiner“ der lapidar bemerkte, daß man damit im Norden kein Problem habe. Ich selbst hatte, wegen des bevorstehenden Jahrestages des Attentats auf Adolf Hitler, eine Rede vorbereitet, die sich im wesentlichen mit der Person des Führers und dessen weltgeschichtlicher Rolle beschäftigte. Von der genannten Merkwürdigkeit abgesehen, verlief das Gautreffen wie gewohnt, ich erntete viel Beifall für meine Rede und war mir dadurch der Tragweite des gerade Erlebten noch gar nicht bewußt. Erst auf der Heimfahrt begann ich das alles zu verarbeiten und auch zu Hause beschäftigte mich in den kommenden Tagen die Frage nach dem „Warum?“ Wir hatten Feinde zu Hauf, die uns das Leben schwer machten. Das System und seine Organe, die militante Antifa, die Medien, eigentlich alle „gesellschaftlich relevanten Gruppen“, warum – um Himmels Willen – setzten die plötzlich den Kampf gegen Homosexuelle ganz oben auf die Agenda? Und warum hatte man nicht im Vorfeld mit mir darüber gesprochen? Die letzte Frage war noch am einfachsten zu beantworten: Man wußte natürlich, daß Kühnen diesen Anti-Schwulenkurs niemals mittragen würde. Zu tief saß noch der Schrecken um den Mord an Johannes Bügner, einem Angehörigen der alten Hamburger ANS. Dieser war von vermeintlichen „Kameraden“ aus einer Gaststätte gelockt und außerhalb Hamburgs von Friedhelm Enk ermordet worden. Als Grund für das Verbrechen war Bügners Homosexualität angegeben worden. Aber auch der Jubel selbst der härtesten „Schwulenfresser“ war verstummt, als herauskam, daß Enk nur das Werkzeug gewesen war und der Anstifter Michael Frühauf in den Diensten des Verfassungsschutzes gestanden hatte. Für Kühnen, der damals bereits im Knast in Celle saß, war das ein geradezu traumatisches Erlebnis. Einen zweiten „Fall Bügner“ wollte er unter allen Umständen vermeiden. Hinzu kam die politische Nähe zu Ernst Röhms Plänen einer „Zweiten Revolution“, die Kühnen den Titel zu seinem eigenen grundlegenden Werk geliefert hatten. So muß festgestellt werden, daß Kühnen einen „Anti-Schwulen-Feldzug“ für überflüssig, unsinnig, ja sogar kontraproduktiv hielt. Die uns aufgezwungenen Kämpfe waren schwer genug, als daß man nun auch noch ohne Not eine weitere Front eröffnen mußte. Die Brisanz des Themas hatte aber Kühnen wohl doch unterschätzt. Zwar war er der Meinung, man könne, ja müsse jedes nur erdenkliche Thema emotionslos und sachlich diskutieren, aber ausgerechnet bei diesem per se ja unpolitischen Thema erwies sich das als Unmöglichkeit. Der Verdacht Kühnen könne selber schwul sein, bekam durch seine kompromisslose Haltung in dieser Frage immer wieder neue Nahrung. Aber er war nunmal nicht der Mann, der aus tagespolitischen Erwägungen sein Fähnchen in den Wind hielt und schon gar nicht einer, der nur um aus der Schußlinie zu kommen, nun vielleicht selbst in den immer lauter klingenden „Anti-Schwulenchor“ einstimmen würde. Dabei spielten auch persönliche Erfahrungen eine große Rolle. Kühnens Exil in Frankreich, das rasche Knüpfen von Verbindungen bis hin zu Leon Degrelle, wären ohne die tatkräftige Hilfe eines altbewährten Aktivisten der europäischen Bewegung nicht möglich gewesen. Es war Michel Caignet, der für Quartier und Geld gesorgt hatte und über die notwendigen Verbindungen verfügte. Bei einem Überfall, mutmaßlich von der JDL verantwortet, der Jüdischen Verteidigungsliga, war ihm – wie berichtet – mit Schwefelsäure das Gesicht für immer entstellt worden. Zwar war Caignet schwul und machte keinen Hehl daraus, Kühnen war aber nicht bereit, jemanden mit solchen Verdiensten und erduldeten Leiden nur wegen dessen sexueller Präferenzen fallen zu lassen. Daß er eine kulturelle Schwulenzeitschrift mit Namen „Gaie France“ herausgab, machte ihn in den Augen mancher Eiferer zur Unperson und so wurde später immer wieder der „Fall Caignet“ als Auslöser für den gegen Kühnen gerichteten Putsch genannt, obwohl ich mir sicher bin, daß man sich in Ermangelung eines „Fall Caignet“ bestimmt auch sehr schnell andere Gründe geschaffen hätte. Verschiedentlich wird noch heute kolportiert, Kühnen selbst habe die Maßnahmen gegen sich und seine Getreuen ausgelöst, indem er die Schrift „Nationalsozialismus und Homosexualität“ herausgegeben habe und des weiteren dies eine Bekenntnisschrift sei und damit Kühnens eigene Homosexualität unwiderlegbar erwiesen. Hiergegen helfen nur knallharte Fakten: 1. ist besagte Schrift keine Bekenntnisschrift, sondern lediglich der Versuch sich dem brisanten Thema ruhig und sachlich zu nähern, indem man das Phänomen in einen entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang rückt und 2. hat die Herausgabe der Schrift den Putsch nicht ausgelöst, sondern umgekehrt wird ein Schuh daraus. Erst die mit dem 19. Juli 1986 ausgelösten Ereignisse veranlassten Kühnen zur Veröffentlichung seiner Gedanken zu diesem heiklen Thema. Noch aber saß ich zu Hause in Fulda und überlegte mir, wie es weitergehen sollte. Mittlerweile hatte ich auch das Faltblatt „Der Kampf geht weiter!“ gelesen und war über dessen Intension und Tonfall regelrecht erschrocken. Beim Lesen konnte und sollte man wohl auch den Eindruck bekommen, daß Schwule das Grundübel menschlicher Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart seien und daß man notfalls mit brachialen Mitteln gegen dieses Übel vorgehen müsse. Spätestens jetzt wurde mir klar, daß Kühnen diesen unwissenschaftlichen, emotionsgeladenen Blödsinn in Bausch und Bogen verdammen würde, konnte er von einfachen Gemütern ja geradezu als Einladung für einen neuen „Fall Bügner“ verstanden werden. Selten fiel es mir so schwer Worte für das Geschehen zu finden, aber ich mußte es Kühnen in die Haft schreiben. Man konnte unmöglich den Versuch machen, zur Tagesordnung überzugehen. Da ich um Worte rang, verzögerte sich mein Schreiben an den Chef um einige Tage und so hatte er zwischenzeitlich bereits von anderen Teilnehmern die ihn alarmierenden Meldungen erhalten. Kühnen tat mir richtig leid. Da saß er zur weitgehenden Untätigkeit verdammt in langjähriger Gesinnungshaft und nachdem draußen trotz allem alles so prächtig gelaufen war, kamen nun ein paar Spinner daher und setzten das alles auf´s Spiel. Ich selber war ungeheuer wütend, mit welchen Kleingeistern, so dachte ich damals, hast Du eigentlich die ganze Zeit gekämpft? Das darf doch alles gar nicht wahr sein… Während ich immer noch hoffte, man könne um der Sache willen irgendein Arrangement treffen, war es Kühnen, der sofort nach diesen Meldungen wußte, daß es da nichts mehr zu arrangieren gab. Er zog sofort und knallhart die Konsequenzen, legte alle Ämter nieder und zog sich aus der Gesinnungsgemeinschaft, die nicht mehr die seine war, augenblicklich zurück. Erst allmählich begriff ich nun, was geschehen war. Die junge und in bescheidenem Rahmen durchaus erfolgreiche politische Bewegung hatte sich – aus völlig unpolitischen Motiven – selbst liquidiert. Ob das das Ziel der Putschisten war? Hatten sie diese Reaktion Kühnens befürchtet oder gar erhofft? Glaubten sie wirklich, ohne Kühnen besser zu fahren als mit ihm? Das konnte ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Oder wollte man Kühnen nur „ein bißchen kaltstellen“, um ihn wieder zu aktivieren, wenn man ihn brauchte? All dies wußte ich nicht und die Putschisten wußten es wohl zu diesem Zeitpunkt selber nicht. Was ich aber wußte war, daß ich nach dem Rückzug Kühnens keinen Sinn mehr in der Fortsetzung des Kampfes sah. Nein, das große Ziel sah ich natürlich nach wie vor! Es ging um die Rettung Deutschlands vor dem drohenden Volkstod, es ging um den gesamten Kulturraum Europa, es ging um die Beendigung der verhängnisvollen Nachkriegsordnung und um eine Revision der Geschichte in wesentlichen Teilen. Nur sah ich ohne Kühnen und gegen die Meuterer keinen Platz mehr für mich persönlich. Was sollte ich denn nun noch machen? Der Zorn wich allmählich einem resignativen „…dann macht doch euren Dreck alleine!“ Und das machten die natürlich auch. Sie gaben die als „persönlicher Rundbrief an meine Kameraden“ von Michael Kühnen konzipierte „NEUE FRONT“ einfach weiter heraus und weil sie im Besitz der gesamten Adressenlisten waren, hatten sie so die einzige und alleinige Informationsquelle für die gesamte Truppe in ihrer Hand. Ich war zur Untätigkeit verdammt und mein Rückzug aus der politischen Arbeit war nur die logische Konsequenz aus dieser absoluten Hilflosigkeit. Umso überraschter war ich, als sich wenig später die „neue Führungsriege der Bewegung“ zu einem Besuch in Fulda anmeldete. Zu den oben bereits angedeuteten Auswüchsen war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gekommen und so empfing ich die ehemaligen „Kameraden und Mitstreiter“ in der Wohnung eines befreundeten Ehepaars. Da ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich keine weiteren politischen Pläne hatte und das den Putschisten auch so sagte, bot man mir an auch in Zukunft kein böses Wort über Kühnen oder mich zu verlieren, im Gegenteil, sie würden in ihrer „NEUEN FRONT“ unseren Rückzug vermelden und auf unsere Verdienste um den Aufbau der Bewegung verweisen. Zwar war mir klar, daß hier nicht plötzlich verschüttet geglaubte Regungen von Kameradschaft oder gar politischer Verantwortung zu Tage traten, sondern es sich hier um den leicht zu durchschauenden Versuch handelte Ruhe zu schaffen und die Anhängerschaft Kühnens nicht gegen sich aufzubringen, trotzdem war mir das zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal. Ja, dann macht halt mal…, dachte ich und war froh, als dieser Besuch wieder seiner Wege ging. Die nächsten Wochen beschränkten sich meine in weitestem Sinne politischen Aktivitäten auf einen intensiven Schriftwechsel mit Michael Kühnen. Die unvorhersehbare Entwicklung hatte auch ihn wütend und traurig gemacht, aber je länger die Ereignisse zurücklagen, desto mehr verdichtete sich in mir das alte Motto von Reichsjugendführer Artur Axmann: „Das kann doch nicht das Ende sein!“ Besonders ärgerten mich Berichte, daß Anhänger von Kühnen, besonders im Westen, zunehmend drangsaliert und grundlos angegriffen wurden. Inwieweit da das Bundesamt für Verfassungsschutz involviert war, läßt sich nur erahnen, aber selbst wenn die Behörde keinen unmittelbaren Einfluß auf den Putsch gehabt haben sollte, so war das ganze Szenario bestimmt ganz nach ihrem Geschmack. Wenn Du denkst, es geht nicht mehr… „Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her…“, sagt der Volksmund und einmal mehr behielt er Recht. Völlig überraschend erhielt ich im Spätsommer (oder war es früher Herbst?) 1986 einen Anruf der Frankfurter Kameraden. Frankfurt hatte damals eine der größten Kameradschaften bundesweit und die Aktivisten standen fest zu Michael Kühnen. Ob sie mich nicht mal besuchen könnten, sie hätten da eine Idee, fragte mich einer der Frankfurter und weil mir dieser Besuch weitaus angenehmer zu werden schien als der der Putschisten, stimmte ich zu. Wenig später kam dann eine Wagenbesatzung nach Fulda, um mir besagte Idee zu unterbreiten. Einer der Frankfurter, sein Name war Harry Fischer, hatte ein paar Mark auf der Hohen Kante und war bereit dieses Geld zu investieren, um Michael Kühnen und mir einen politischen Neuanfang zu ermöglichen. Er schlug vor, mich durch´s gesamte Bundesgebiet zu fahren, so daß ich jede einzelne Kameradschaft aufsuchen und vor ihr sprechen könnte. Auch wichtige Einzelaktivisten könnten wir besuchen und ihnen die Frage nach ihrer Treue zu Michael Kühnen stellen und auch den Darstellungen der Gegenseite in deren „NEUER FRONT“ wäre ja entschieden zu widersprechen. Die Bereitschaft des Kameraden seine ganzen Ersparnisse für ein Projekt ohne Erfolgsgarantie zu opfern, rührte mich. Nur hielt ich diese Idee für völlig daneben. Erstens hatte die Gegenseite längst die Samthandschuhe ausgezogen und gerade in NRW wurden immer wieder kühnentreue Aktivisten attackiert, zweitens wußten wir ja gar nicht, wem überhaupt noch zu trauen sein würde und wo wir möglicherweise in eine gestellte Falle laufen könnten. Es war an den Fingern abzuzählen, wie die Putschisten auf die Wiederaufnahme meiner politischen Aktivitäten im Sinne Michael Kühnens reagieren würden. Bevor wir uns also unter einem für unsere Verhältnisse erheblichen finanziellen Aufwand in ein Abenteuer mit höchst ungewissem Ausgang stürzen würden, mußte es für die bereitgestellte Summe auch andere Formen zum Wiederaufbau einer Michael Kühnen verpflichteten Gesinnungsgemeinschaft geben. Und plötzlich hatte ich eine Idee. Auch wir hatten ja noch die Bezieherlisten der NEUEN FRONT gebunkert und könnten daher in einer „Operation Paukenschlag“ eine kühnentreue Ausgabe der NF verschicken und zur Treue Michael Kühnen gegenüber aufrufen. Das schien mir der richtige Weg zu sein und als der Kamerad sich bereit erklärte, seine Ersparnisse auch für dieses Projekt zu opfern, war der Fall schon unter Dach und Fach. Als Operationsbasis für den nun geplanten Gegenschlag war allerdings Fulda denkbar ungeeignet. Ich brauchte eine starke Hausmacht und am besten auch einen zentralen Aufenthaltsort. Das Rhein-Main-Gebiet bot sich da natürlich an. Hier hatte die Gegenseite keine eigenen Kräfte, hier befand sich mit der Frankfurter Kameradschaft eine der aktivsten und größten Gruppen unserer Gemeinschaft. In Langen, nahe Frankfurt, gab es zudem eine ebenfalls recht starke Truppe, die sich allerdings als integraler Bestandteil der Frankfurter Kameradschaft verstand. Rückgrat des Langener Aktivistenkreises war die Familie Hess. Vater Wolfgang hatte seine beiden Söhne Paul und Gerald ganz im volkstreuen Sinne erzogen, sie waren Mitglieder der Wiking-Jugend aber auch schon in den Reihen der FAP aktiv. Gerald hatte kurz vor seinem 18. Geburtstag eine eigene Wohnung bezogen; dort konnte ich erstmal mein Aktionsbüro einrichten und von dort aus wollte ich den Gegenschlag koordinieren. Anfangs pendelte ich noch zwischen Fulda und Langen hin und her und konnte mir gar nicht vorstellen, meiner Heimatstadt endgültig den Rücken zu kehren, aber bald wurde die Herumreiserei lästig, sie kostete Zeit und Geld und so schlug ich Ende 1986 meine Zelte endgültig im hessischen Langen auf.
Kurz danach lernte ich auch Heinz „Nero“ Reisz, seine Frau Renate und ihre vier Kinder kennen. Die Eltern und ihre beiden Söhne waren regelmäßige Besucher unserer Kameradschaftsabende und Veranstaltungen und beteiligten sich an diversen Aktionen. Eine der Töchter nahm mit ihrem Ehemann ebenfalls an unseren Aktivitäten teil. Nero war ein alter Haudegen ganz nach unserem Geschmack und er ist es noch heute. Ständig auf Kriegsfuß mit der bürgerlichen Gesellschaft und in Langen bekannt wie der buchstäbliche „bunte Hund“. Ende der sechziger Jahre hatte er schon mal für die NPD im Langener Stadtrat gesessen und so kannte er die Langener „Nomenklatura“ bis hin zum Bürgermeister, mit dem er per Du war. Von ihm wird hier noch öfter zu sprechen sein… Wir greifen wieder an… Auf einer alten Schreibmaschine hatte ich dann auch bald die Kopiervorlage für die erste, neue kühnentreue NEUE FRONT fertig. Die NF erschien in ungefähr 500 Exemplaren und wurde in einem großen Frankfurter Kopierladen vervielfältigt. Dies übernahm der Frankfurter Kameradschaftsführer Edgar Schultheiß, dem heute noch dafür gedankt werden muß, daß er diese aufwändige Arbeit alle vier Wochen auf sich nahm. Den Titel der NF zierte der Spruch „Unsere Ehre heißt Treue zu Michael Kühnen“. Als alle ca. 500 Exemplare versandt worden waren, begann das zermürbende Warten. Wie würden die Reaktionen ausfallen? Wie viele Einzelaktivisten oder gar Kameradschaften würden sich zu Michael Kühnen bekennen? Wie würde die Gegenseite reagieren? Den Putschisten gegenüber hatte ich jedenfalls kein schlechtes Gewissen. Sie hatten sich des Treuebruchs gegenüber Michael Kühnen schuldig gemacht, nicht ich. Sie hielten sich auch nicht an die Versicherung, es werde nicht gehetzt oder verleumdet werden. Im Gegenteil, im Westen war das Bekenntnis zu Michael Kühnen mittlerweile eine mutige Tat, auf Veranstaltungen halsbrecherischer Leichtsinn. Jeden Morgen begab ich mich nun bangen Herzens mit dem Kameraden Gerald Hess zur Langener Hauptpost, um sein Postfach zu leeren. Und tatsächlich, mehr und mehr erreichten uns begeisterte Briefe und Treubekundungen für den Chef. Sicher waren es nicht gleich hunderte, aber es war absehbar, daß die Frankfurter Kameraden keinesfalls alleine dastanden. Es zeichnete sich das Wiederentstehen einer handlungsfähigen Truppe ab und die daraus resultierende Erkenntnis lautete für mich: Wir haben nach wie vor eine bundesweite Basis zur Wiederaufnahme der politischen Arbeit im alten Geist. Jetzt mußte nur Michael Kühnen selbst noch überzeugt werden, aber da war ich guter Dinge. Sein ganzes Leben war ja die Politik, sein ganzes Trachten war auf die Veränderung der gesellschaftlichen Realität im Nachkriegsdeutschland gerichtet. Der bodenlosen Enttäuschung über das Verhalten eines Teils seines alten Unterführerkorps, sollte die Freude über die Treue eines ansehnlichen Teils seiner alten Anhängerschaft folgen. Gebündelt schickte ich ihm die kopierten Zuschriften ins Gefängnis, auch ihn hatten viele, viele Briefe erreicht und die meisten mit dem Tenor: Bitte mach weiter, wir stehen hinter Dir! Meine eigene Seelenlage spiegelt mehr als tausend Wort Prosa ein Gedicht wider, das ich zu dieser Zeit schrieb. Es richtete sich an die Putschisten und trug den Titel „Ihr brecht mich nicht!“ Nach längerer Suche fand ich es wieder in meinem Archiv und will es der Leserschaft nicht vorenthalten: Ihr brecht mich nicht!
Mit mir an einem Tisch gesessen,
Jetzt richten wollen über mich? Ihr brecht mich nicht!
Mit mir die Feinde angeklagt, Jetzt zeigt Ihr Euer wahr´ Gesicht! Ihr brecht mich nicht!
Mit mir durch deutsche Gau´n gereist, Das alles hat nun kein Gewicht? Ihr brecht mich nicht!
Mit mir riskiert sogar das Leben, Und jetzt mich schelten einen Wicht? Ihr brecht mich nicht!
Mit mir gekämpft auf allen Wegen, Nun plötzlich gilt die neue Sicht? Ihr brecht mich nicht!
So sei Euch eines prophezeit, Ihr steht im Dunkeln, ich im Licht! Ihr brecht mich nicht! Ihr nicht!
Jeder einzelne Kamerad, der sich erneut zum Chef bekannte, war wichtig; von großer propagandistischer Wirkung aber waren die in unseren Kreisen prominenten Vertreter des nationalen Sozialismus. Der im Frühjahr 2008 von uns gegangene Kamerad Ritterkreuzträger Otto Riehs schlug sich erwartungsgemäß auf Kühnens Seite. Auch Capitan Walther, Hauptmann der Deutschen Wehrmacht und Mitbegründer der Wiking-Jugend bekannte sich zum Chef. Auch „Steiner“ ließ nach einiger Zeit keinen Zweifel an seiner Zugehörigkeit, vor allem aber Christian Worch, einer der ältesten Gefolgsleute Kühnens, bekannte sich öffentlich und durch Herausgabe einer kleinen Schrift zu seinem alten und neuen Chef. In „Die Farbe der Treue“ stellte er sich nicht nur einmal mehr hinter Kühnen; er schrieb auch, daß die Zeit des Wartens nun vorbei sei und jeder solle sich nun bitteschön entscheiden und nicht länger verharren, um sich am Ende vielleicht doch einfach nur die stärkere Seite herauszusuchen. Und auch bezüglich des Themas „Homosexualität“ sprach Worch deutliche Worte. Die sexuellen Präferenzen seiner Mitstreiter seien ihm egal, es interessiere ihn als Fleischesser auch nicht, ob einer seiner Kameraden Vegetarier ist. Das waren mutige und vor allem klare Worte. Und das alles wog schwer und sicher war Worchs kleine Schrift für viele der letzte Anstoß, sich nun doch wieder dort einzufinden, wo man ja vor dem 19. Juli 1986 ohnehin gestanden hatte: als Politischer Soldat in der von Kühnen geführten Gesinnungsgemeinschaft der NEUEN FRONT. Zur Freude nun wieder politisch handlungsfähig zu sein, gesellte sich diese seltsame Mischung aus Trauer und ohnmächtigem Zorn darüber, was sinnlos von den ehemaligen Kameraden angezettelt worden war. Denn trotz großer Zustimmung für Kühnen war damit die Spaltung der Bewegung keineswegs überwunden. Auch die Gegenseite verfügte über eine ansehnliche Hausmacht und war ebenfalls bundesweit handlungsfähig. Das soll hier nicht verheimlicht oder gar weggelogen werden. Nun hatten wir also die kuriose Situation, daß sich eine von allen gesellschaftlichen Gruppen der Bundesrepublik geächtete, verleumdete und bekämpfte politische Minderheit ihrerseits gespalten hatte, wobei die zwei Blöcke über Wochen und Monate die meiste Kraft darauf verwenden mußten, den jeweils anderen zu bekämpfen. Unter dem Vorwand für Sitte und Moral zu streiten, kippte man kübelweise Schmutz über Michael Kühnen und die Seinen. Immer abenteuerlichere Geschichten machten die Runde und wurden leider von vielen geglaubt. Gegen anonyme Hetze im großen Stil ist auch einfach kein Kraut gewachsen. War irgendeine „Räuberpistole“ widerlegt, veränderte man einfach Schauplatz und/oder Datum und erzählte die leicht gewandelte Geschichte von Neuem. Anfänglich wehrten wir uns mit Eidesstattlichen Versicherungen, sogar mit Verleumdungsanzeigen, all das kostete viel Kraft und war letztlich vergebens. Im Kölner „Mutterhaus“ des Verfassungsschutzes hat man sich in jenen Tagen vermutlich scheckig gelacht, über „die blöden Rechten“, die sich auch noch gegenseitig „zerfleischten“. Um sich wieder voll auf die politische Arbeit konzentrieren zu können, entschied Michael Kühnen dann sehr bald, daß wir auf die Anwürfe besagter Art gar nicht mehr eingehen sollten. Keine Dementis mehr, keine Eidesstattlichen Versicherungen und überhaupt keine Erklärungen mehr zu unpolitischen Angriffen unter die Gürtellinie. „Wer mir meine 99. Erklärung nicht glaubt, glaubt mir auch die 100. nicht…“ sagte Kühnen und so ließen wir sie hetzen und drohen und keifen; es prallte fortan an uns ab. Diese Art des Nichtreagierens habe ich mir bis heute beibehalten, sie hat sich bewährt und wenn sich heute manchmal ein Mitstreiter fragt: Warum dementiert der Brehl das oder jenes nicht, warum gibt er keine Gegendarstellung ab?, dann hat diese Vorgehensweise ihren Ursprung in den Wochen und Monaten nach dem Putsch. Ich werde von mir aus kein „Faß ohne Boden“ mehr öffnen, wer mit mir zusammenarbeitet, kennt mich und weiß daher aus eigenem Erleben, was er von unqualifizierter Hetze gegen mich zu halten hat. Darüberhinaus wird ja keiner zur Zusammenarbeit mit mir gezwungen: Wer nicht will, der hat schon… Es gab aber auch Ausnahmen, weil es mir in seltenen Fällen und bei bestimmten Personen doch nicht gleichgültig war und ist, was sie über mich denken und vielleicht weiterverbreiten unter dem Hinweis, ich habe dem ja nicht widersprochen. So einen Fall bildete die Geschichte um SS-Siggi, mit bürgerlichem Namen Siegfried Borchardt, noch heute eine prominente Größe im Nationalen Widerstand und in seiner Heimatstadt Dortmund bekannt wie ein bunter Hund. Im Jahre 2007 war mir zugetragen worden, daß Siggi mir meine Haltung vor Gericht zum Vorwurf machte und ich dachte dabei zunächst an das Stuttgarter Bewegungsverfahren, über das noch zu sprechen sein wird. Hier war ja die skurrile Situation entstanden, daß ich als Zeuge gegen die Putschisten aussagen sollte. Es war die einmalige Gelegenheit alte Rechnungen zu begleichen. Da saßen all die Gegner Kühnens und auch die Putschistenriege von 1986. Man warf ihnen die Fortführung der verbotenen ANS/NA vor und ich hatte kein Zeugnisverweigerungsrecht, weil ich wegen desselben Tatvorwurfs bereits in Frankfurt rechtskräftig zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden war. Ich focht damals einen schweren inneren Kampf aus. Was hatten uns diese Kerle alles angetan, wie mies hatten sie sich verhalten! Besonders an mir hatten sie kein gutes Haar gelassen und nun könnte ich es ihnen heimzahlen! Ich brauchte ja nur die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu bestätigen. Und doch – mit der Systeminstitution „Gericht“ würde ich keine gemeinsame Sache gegen die Ex-Kameraden machen, obwohl ich mir sicher war, daß diese Herrschaften umgekehrt keine ähnlichen Skrupel gehabt haben würden. Doch von all dem wird später noch zu sprechen sein, denn es erwies sich bald, daß SS-Siggi gar nicht jenes Verfahren meinte, bei dem auch er angeklagt war, sondern im Gegenteil jenen Prozeß, bei dem man mich in Frankfurt wegen des gleichen Tatvorwurfs angeklagt und verurteilt hatte.
Das ganze kam mir auch gleich spanisch vor, weil ähnliche Behauptungen bereits kurz nach der Verhandlung aufgetaucht waren. Ich habe – so der Vorwurf – mit der Staatsanwaltschaft „gemeinsame Sache“ gemacht, um billiger aus dem Verfahren zu kommen. In der Tat: Es hatte eine Absprache gegeben, was in Strafverfahren keine Seltenheit, sondern eher die Regel ist. Und so war in einer Prozeßpause mein Anwalt an mich herangetreten und hatte mir das Angebot der Kammer unterbreitet, den – ähnlich wie das Stuttgarter Verfahren – bereits auf Monate terminierten Prozeß dadurch abzukürzen, indem ich alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft einräumte. Ansonsten stünde allein eine wochenlange Beweisaufnahme bevor. Ganze Jahrgänge der NEUEN FRONT sollten verlesen, Filme gezeigt und Unmengen Zeugen gehört werden. Nicht nur für mich, besonders für die mitangeklagten Münchner Kameraden wäre dies – allein wegen der langen Anreise – zu einer ungeheuren Belastung geworden. Diejenigen, die später das Stuttgarter Mammutverfahren durchmachen mußten, werden mich vermutlich wenigstens in dieser Sache verstehen und so war ich nur zu gern bereit, all das einzuräumen, was mir in einer aufwendigen Beweisaufnahme ohnehin würde nachgewiesen werden können. Ich sagte meinem Anwalt aber auch gleich, was nicht in Frage kommen würde: nämlich irgendeine Aussage zu anderen Personen; ich würde nur für mich sprechen und keinen anderen belasten, ja nicht mal namentlich erwähnen und zweitens – und darauf bin ich heute noch stolz – sagte ich meinem Rechtsvertreter, daß es von mir keine Distanzierung vom Nationalsozialismus geben würde, das sei mit mir nicht zu machen. Als die Kammer darauf einging, wurde der Prozeß an einem Tag abgewickelt und wer meine Darstellung in Zweifel zieht, mag sich an die damals mitangeklagten Münchner Kameraden – an ihrer Spitze der altbewährte Haudegen Fred Eichner – wenden. Ich habe das dann im Jahr 2007 auch Siegfried Borchardt geschrieben und hoffe, daß er es geglaubt hat. Ich war nämlich nach dem Putsch sehr traurig darüber, wie sich gerade SS-Siggi von der „neuen Führung“ einspannen, wenn nicht instrumentalisieren ließ. Nicht gerade für diplomatisches Geschick oder besondere Feinfühligkeit bekannt, war Siggi mehrfach gegen unsere Leute vorgegangen. Dabei hatte ich lange vorher einen ganz anderen Siegfried Borchardt kennengelernt. Obwohl ich ihn schon länger kannte, hatte er sich mir im Jahr vor dem Putsch auf völlig andere Art und Weise präsentiert. Die Führungsriege der Bewegung gab damals nämlich einem Team von „Baltic-Film“ ein ausführliches Interview und auch SS-Siggi gehörte zu den Befragten. Ich war ehrlich erstaunt, hier plötzlich einen blitzgescheiten, eloquenten und politisch geschulten Revolutionär zu erleben. Die Qualität seiner Aussagen standen denen anderer Führungskameraden in keiner Weise nach und irgendwie trug ich auch später noch jenes durchweg positive Bild dieses politischen Frontkämpfers mit mir herum. Eigentlich bis heute… Manchmal spielte uns auch das Schicksal in die Hand. So saß in Hannover einer der Hauptverantwortlichen für den Putsch gegen Kühnen. Schon vorher war der einstmals sogar Heroinabhängige immer wieder durch im Vollrausch ausgeübte Gewalt gegen die eigenen Kameraden aufgefallen. Mit Mühe und Not hatten wir ihn mal mit mehreren Kameraden auf einer Führergeburtstags- oder Sonnwendfeier in Mainz davon abhalten können, volltrunken auf einen Aktivisten einzuprügeln. Nun gab er sich als Moralapostel und wetterte gegen die „Sittenlosigkeit“ in der Kühnen-Truppe. Aber schon wenige Wochen später wurde er merklich leiser, denn ausgerechnet sein Hannoveraner Kameradschaftsführer war an der Vergewaltigung eines jungen Skinheads beteiligt, der Anfang 1987 sogar von seinen eigenen Kameraden ermordet wurde. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen und schadete der FAP ganz gewaltig.
Schon im Januar 1987 hatten wir ein erstes, kleines Treffen kühnentreuer Kameraden durchgeführt und im Mai fühlten wir uns dann schon stark genug, sogar über die Grenzen der BRD hinaus, zu mobilisieren. Im Main-Kinzig-Kreis planten wir ein großes Treffen mit Beteiligung auch niederländischer und ostmärkischer Aktivisten. Wichtigster Mann in den Niederlanden war damals Eite Homann, ein überzeugter Nationalsozialist und SA-Mann der neuen Generation. Der niederländische Ableger der ANS hatte deren bundesdeutsches Verbot zunächst überlebt und so marschierte diese kleine Kadertruppe unter dem Namen „Aktiefront Nationaal Socialisten“ in den Niederlanden weiter. Wichtigster Mann in der Ostmark war indes Gottfried Küssel, der im Jahr zuvor – also 1986 – die VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition) gegründet hatte und der später – im Jahre 1993 – zunächst zu zehn, nach seiner Berufung sogar zu elf Jahren Haft nach dem „Wiederbetätigungsgesetz“ verurteilt wurde. Ich kannte Küssel bereits seit einigen Jahren, besonders durch seine Beteiligung an den Mahnfeuern der Wiking-Jugend in der Rhön. Einige sagten ihm Hochnäsigkeit und „Gauleitermarotten“ nach, was ich aus meinem persönlichen Erleben nicht bestätigen kann. Ich lernte Küssel als geselligen, lustigen Ostmärker kennen, der zu später Stunde und gehobener Stimmung so manchen Kameradschaftsabend durch Gesang zur selbstgespielten Gitarre bereicherte. Besonders über bekannte Schlager mit in unserem Sinn abgewandelten Texten haben wir öfter Tränen gelacht. Aus Peter Alexanders „Kennst Du seinen Namen…?“ wurde dann schon mal „Kennst Du seine Nase…?“ Nun also riefen wir zu ersten großen Heerschau nach dem Putsch auf. Eine ungeheure Verantwortung lastete da auf meinen Schultern. Nicht nur die Putschisten, nicht nur Michael Kühnen, auch die eigenen Kameraden würden natürlich sehr genau beobachten, was die „Kühnentruppe“ (der Chef mochte diese Bezeichnung nicht, da er keine Fixierung unserer weltanschaulichen Arbeit auf seine Person wollte) mittlerweile wieder auf die Beine bekäme. Zwar würden auch zu meiner persönlichen Entlastung die politischen Verantwortlichkeiten auf dem Treffen auf mehrere Schultern verlagert werden, die Verantwortung für das Treffen selber lag aber bei mir und einigen Frankfurtern, wobei mich ein Scheitern vermutlich eine Menge Autorität gekostet haben würde. Das Treffen vom 08./09. Mai 1987 Selten ist eines unserer Treffen so detailliert vorbereitet worden, selten mußte dennoch soviel improvisiert werden und selten hat Improvisation zu einem solchen Erfolg geführt wie am 08. und 09. Mai 1987. Nachdem der Langener Kamerad Wolfgang Hess bereits zu Beginn des Jahres angedeutet hatte, er könne für´s nächste bundesweite Treffen ein großes, abgelegenes Privatgrundstück organisieren, war ich nach einer Besichtigung der Örtlichkeiten begeistert. Die Bedingungen schienen nahezu ideal: Weit abgelegene Waldwiese, eingezäunt, nur durch einen schmalen Feldweg zu erreichen, sehr gut zu verteidigen. Das war´s, auf sowas hatten wir lange gewartet. Zur weiteren Vorbereitung der geplanten Zusammenkunft fuhr ich in meine Heimatstadt Fulda, um dort einen mir bekannten Getränkehändler aufzusuchen, denn diesmal sollte alles zum Besten gerichtet sein. So wurde man handelseinig: Ein 100-Mann-Zelt mit Bestuhlung und Beleuchtung sollte errichtet, dazu 500 Liter Bier und diverse andere Getränke geliefert werden, des weiteren Plastikbecher, Geschirr usw., ein Gesamtvolumen von 2.000,-DM. Abgerechnet werden sollte nach Abschluß des Treffens. Nachdem auch das geklärt war, meldete Wolfgang Hess, auch die Verpflegungsfrage sei bereits geklärt, der Bauer, der uns die Wiese zur Verfügung stellte, würde uns auch mit Fleisch versorgen. So waren die besten Voraussetzungen für das Gelingen der Zusammenkunft geschaffen. Es sollte aber alles ganz anders kommen. Dennoch blieb es nun wochenlang ruhig und nichts schien dagegen zu sprechen, auch diesmal wieder über unser Mitteilungsblatt „DIE NEUE FRONT“ einzuladen. Erstens hatte es beim letzten Mal auch keine Schwierigkeiten gegeben, zweitens besteht bei persönlichen Einladungen nahezu die gleiche Gefahr, daß Unbefugte in den Besitz der entsprechenden Informationen gelangen. Nachdem wir die Einladung herausgegeben hatten, blieb es noch einige Tage ruhig, bis auf dubiosem Weg das Gerücht die Runde machte, in irgendeinem örtlichen Käseblättchen sei ein Bericht über das geplante Treffen erschienen. Das klang zunächst unglaubwürdig, dann aber erschien am 02.05.1987 ein kleiner Artikel in der Frankfurter Rundschau, die ja bei weitem kein „Käseblättchen“ war, sondern damals eine der renommiertesten Tageszeitungen der Republik. Damit war es dann mit der Ruhe vorbei, die Lokalredaktion der „FR“ rief kurz darauf bei mir an und der Redakteur sagte doch tatsächlich, man habe in der NEUEN FRONT gelesen, daß da ein Treffen stattfinden solle. Das erstaunte mich dann aber doch. Da gehörte doch tatsächlich ein Zuträger der alten Sozi-Zeitung zu den Abonnenten der NF. Als dann auch der Hessische Rundfunk (von uns nur „Häßlicher Rotfunk“ tituliert) über unser Vorhaben berichtete, kam der Staatsapparat langsam aber sicher, auf Hochtouren. Während man in diversen Ämtern noch angestrengt darüber nachdachte, wie man „eine Rechtsgrundlage schaffen“ könnte, um das „gesamte Treffen zu verbieten“, war die uninformierte, Verzeihung: uniformierte Staatsmacht auch nicht gerade untätig. Massiv setzte man den Bauern und seine Familie unter Druck, um ihn dazu zu bewegen, uns sein Grundstück nun doch nicht zu überlassen. Gleichzeitig versuchten „die Kollegen in Fulda“ auch den Getränkelieferanten davon abzubringen, uns zu beliefern. Auf die Frage des Mannes, ob denn sein Zelt nicht sicher sei auf dem Platz, antworteten die Beamten, an seiner Stelle würden sie dort nicht mal ein Toilettenzelt errichten. Das genügte, zwei Tage vor dem Treffen sagte der Mann uns ab, allerdings in Raten. Zunächst war die Rede davon, daß man zwar kein Zelt liefern würde, aber die anderen Dinge schon. Bald wurde auch diese Zusage revidiert. Kaum war klar, daß wir kein Zelt bekommen würden, erklärte das zuständige Landratsamt freudestrahlend, daß man uns aufgrund der Landschaftsschutzverordnung das Aufstellen eines Zeltes verbieten würde. Na, dann paßte das ja… Noch war ich finster entschlossen, das Treffen auf dem dafür vorgesehenen Platz stattfinden zu lassen. Und da Angriff die beste Verteidigung ist, suchte ich umgehend den zuständigen Einsatzleiter Kaufmann in dessen Dienststelle in Schlüchtern auf, u.a. auch um zu erfahren, wie die Polizei auf das Eintreffen größerer Kameradengruppen zu reagieren gedenke. Er antwortete leider nur sehr ausweichend auf meine Fragen, aber als ob ich es mir nicht schon hätte denken können, erfuhr ich anläßlich meines Besuches auf der Polizeidienststelle wenigstens, daß eine gewisse Erna Rullmann im Auftrag des DGB eine große Gegendemonstration angemeldet hatte. Zum „Bedauern des DGB“ hätten sich allerdings auch anarchistische Kreise angesagt. Na ja, das konnte ja heiter werden. Als mir der höhere Polizeibeamte versicherte, er werde mindestens fünf Hundertschaften mobilisieren, machte die Sache doch gleich wieder einen Riesenspaß. Wir waren halt die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt hatten und Unauffälligkeit war -wie bereits betont- nicht gerade unsere Stärke. Kaum war bekannt, daß die militante Antifa anrollen würde, machte die CDU-nahe „Schüler-Union“ einen Rückzieher. Man werde aus Sicherheitsgründen nicht an der Gegendemo teilnehmen, stattdessen lud man zu einem „Schweigekreis auf dem Vorplatz des Klosters“ ein. Jeder, wie er´s mag… Unangenehm wurde die Lage erst, als einen Tag vor dem Eintreffen der Kameraden ein „generelles Veranstaltungsverbot für den Main-Kinzig-Kreis“ erlassen wurde. Da machte es schon fast nichts mehr, daß uns plötzlich der Bauer anrief, um uns zu erklären, daß ihn sowohl die Polizei als auch „DIE GRÜNEN“ dermaßen unter Druck gesetzt hätten, daß er unmöglich mehr sein Grundstück zur Verfügung stellen könnte. Sofort schickte ich eine Wagenbesatzung los, um wenigstens das Fleisch sicherzustellen, das uns versprochen worden war. Just als das Fahrzeug eintraf, war der Mutter des Landwirtes gerade die Verbotsverfügung ausgehändigt worden und leider bestätigte sich unsere Hoffnung nicht, daß sich der Bauer – wenn schon nicht gegen „GRÜNE“, Behörden und Mitbürger – wenigstens gegen seine Mutter würde durchsetzen können. Es gab also auch kein Fleisch! Damit war rund 24 Stunden vor dem grandios geplanten Treffen aber auch alles in die Binsen gegangen. Kein Grundstück, kein Zelt, keine Getränke, kein Fleisch, dafür aber eine Verbotsverfügung und eine unbekannte Anzahl von Kameraden auf der Anreise. Dazu die ANTIFA im Rücken, die Presse am Hals, der Polizeiapparat alarmiert, kurz, es lief alles wie am Schnürchen… Erstmals gab auch ich im internen Kameradenkreis zu, daß ich das Treffen damit schon im Vorfeld für gescheitert hielt. In meiner Not rief ich dann meinen Frankfurter Rechtsanwalt an, der mir sagte, es gäbe nur die Chance den Main-Kinzig-Kreis zu verlassen und unser Glück woanders zu versuchen. Automatisch sei jedenfalls nichts verboten, es gelte die Regel: Neues Spiel – Neues Glück! In Zeiten von e-post, Handys, SMS und Weltnetz kann natürlich sehr viel flexibler auf solche Dinge reagiert werden. Damals gab es all das nicht und so war es auch gar nicht möglich, die einmal Eingeladenen einen Tag vor dem Treffen wieder auszuladen, bzw. das Treffen abzublasen. Auf der Fahrt Richtung bayerischer Landesgrenze hielten wir Kriegsrat. Alles schien verloren. Was machen wir denn jetzt überhaupt mit den anreisenden Kameraden? Wie soll das jetzt weitergehen? Gibt es eine realistische Chance aus dem Desaster einen Erfolg zu machen? Fragen über Fragen. Aber Resignation war ja noch nie unsere Sache. Wir hielten es mit dem alten maritimen Motto: Nicht klagen – wieder wagen!
Wolfgang Hess hatte schon damals den scherzhaften Beinamen „Die Wunderwaffe“ und in dieser aussichtslos erscheinenden Lage wurde er ihm einmal mehr gerecht. Er könne ja mal was versuchen, sagte er und ich ließ ihn gewähren, was konnte schon schiefgehen? Wir waren ja am Nullpunkt angelangt und nun konnte es nur noch besser werden. Zu unser aller Überraschung steuerte „der alte Hess“, wie er auch genannt wurde, dann plötzlich einen willkürlich ausgewählten Aussiedlerhof an und klingelte beim Bauern. Auch nachträglich hatten wir noch das untrügliche Gefühl, die Vorsehung habe in dieser Stunde ihre helfende Hand im Spiel gehabt. Es stellte sich heraus, daß der Bauer selber Heimatvertriebener aus Masuren war und auch schon ein Vertriebenentreffen auf seinem Grundstück stattgefunden hatte. Er habe nichts dagegen, daß wir „rechts“ seien, ganz im Gegenteil. Auch eventuell auftretende Gegendemonstranten, Polizei oder Medien würden ihn nicht stören. Es war fast zu schön, um wahr zu sein und so wurden wir schnell handelseinig. Nun hatten wir wenigstens einen Platz auf den wir die anreisenden Kameraden würden leiten können. Freitag, 08. Mai 1987 Filmdokument aus: "Ein deutsches Jahr" 1987 Die ersten Aktivisten trafen ein. Zunächst Kameradinnen und Kameraden aus Frankfurt, Langen und Mainz. Langsam begannen wir ein provisorisches Lager einzurichten, es mußte ungeheuer improvisiert werden aber allmählich machte es wieder Spaß. Am Abend des Freitag waren dann bereits ca. 40 Teilnehmer eingetroffen, obwohl der Hauptanreisetag ja erst der Samstag war. Die gerade um sich greifende Gemütlichkeit wurde jedoch durch einen über uns fliegenden Polizeihubschrauber gestört. Auch ohne Verfolgungswahn war jedem klar, daß die Behörden nach uns suchten und uns nun auch gefunden hatten. Nachdem verschiedene Kameraden, die ihr Kommen bereits für den Freitag zugesagt hatten, nicht eintrafen, beschloß ich unsere Posten in Schlüchtern zu kontrollieren. Denn falls diese abgefangen worden waren, gab es keine Möglichkeit für die Anreisenden zu uns zu kommen. So war das eben im Zeitalter vor Handy und Weltnetz… Und tatsächlich: unsere Posten waren vorläufig festgenommen worden und man hatte bei ihnen eine Lagebeschreibung der Örtlichkeiten gefunden. Deren Mitführen war keine Nachlässigkeit gewesen, sondern für die Einweisung der Kraftfahrer unerläßlich. Und plötzlich ertönte Sirenengeheul, zuckendes Blaulicht so weit das Auge reichte. Eine schier endlose Kette von Polizeifahrzeugen setzte sich in Richtung unseres Treffpunktes in Bewegung, der ungefähr 25 Kilometer von Schlüchtern entfernt lag. Ich sauste natürlich sofort mit meinem Fahrer, dem Kameraden Heinz „Nero“ Reisz, dem Riesenaufgebot hinterher und am Ort des Geschehens sahen wir die Bescherung: schon jetzt 150 Linke vor Ort, eine hektische Polizei und mittendrin unsere Kameradinnen und Kameraden, die – zum Teil mit Kindern – verunsichert aber tapfer auf unserem Sammelplatz ausharrten. Ich mußte schnell handeln, aber da wir eine bis ins Mark militärische Truppe waren, brauchte ich mich nicht mit langen Vorreden oder gar Abstimmungen über das weitere Vorgehen aufhalten. „Grundstück sofort sichern! – Kein Linker darf durchbrechen, sonst ist hier ruck-zuck die Hölle los!“ Als es ein militanter „Antifaschist“ trotzdem versuchte, beendete eine blitzartig hervorschnellende Faust diesen untauglichen Versuch. Einen Reporter der taz mußte ich sogar selber unter Androhung körperlicher Gewalt des Grundstücks verweisen. Langsam stabilisierte sich die Lage, bald war die Polizei in der Überzahl – aber die Linken erhielten auch mehr und mehr Verstärkung und für die mittlerweile ebenfalls anwesende Presse war es ein wahres Fest.
Notgedrungen suchte ich den Dialog mit der Polizei und verhandelte mit dem Einsatzleiter und der stellte ein Ultimatum: Eine Stunde zum Aufräumen und Abziehen, dafür freier Abzug oder andernfalls Räumung durch die Polizei mit Durchsuchungen, Festnahmen und allem was dazu gehört. Im Interesse der am folgenden Samstag noch anreisenden Kameraden willigte ich ein und befahl: „Wir rücken ab!“. Mit meinem mittlerweile doch recht ausgeprägten Gespür für medienwirksame Auftritte und weil das Ganze nicht wie feiges Zurückweichen aussehen sollte, befahl ich nur den Fahrzeugführern ihre Fahrzeuge zu besteigen und bildete mit dem Rest der Truppe einen kleinen Marschblock. Mit dem bereits erwähnten Kameraden „Nero“ bildete ich die Spitze des Zuges und während wir ein Transparent mit der Aufschrift „Lasst Kühnen frei!“ vorantrugen, sangen wir beim Abzug so laut es eben ging unser altes Kampflied „Einst kommt der Tag der Rache!“ So wurde unser Abzug noch zu einer politischen Manifestation.
Das Polizeiaufgebot, die Antifa, die Medien, schon jetzt war klar, daß wir uns öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt hatten. Die Kühnen-Truppe lebte, war geeint und aktionsfähig. Egal, was noch kommen würde, das war schon mal gelungen. Als dann die Tagesschau am Abend ausgerechnet diese Szenen zeigte, hatten wir ein ganz wesentliches Ziel unseres Treffens bereits erreicht: Bundesweites Aufsehen und der Name Michael Kühnen war wieder im Gespräch. Als wir schließlich die etwa 200 Meter Feldweg passiert und die Landstraße erreicht hatten, wollten wir aufsitzen, um über die nahegelegene Landesgrenze ins benachbarte Bayern auszuweichen. Aber der Einsatzleiter hielt sein in der Besprechung gegebenes Wort leider nicht! Unser Zug wurde gestoppt, von riesigen Polizeimassen umklammert und dadurch die Landstraße für fast drei Stunden völlig gesperrt. Dann begannen die umfangreichen Durchsuchungen der Personen, vor allem aber auch der Fahrzeuge, die natürlich Unmengen „verfassungsfeindliches Material“ zu Tage brachten. Führerbilder oder stapelweise Hakenkreuzarmbinden, die unsere Altaktivistin Gertrud Sipf auf ihrer alten Nähmaschine für uns genäht hatte. Beschlagnahmt wurde auch alles, was uns das Übernachten in freier Natur ermöglicht hätte (unvergessen ist in diesem Zusammenhang auch der Spruch von Heinz „Nero“ Reisz, der dem Beamten, der gerade sein Zelt beschlagnahmte mit auf den Weg gab: „Braunes Gestänge, nicht daß es rot zurück kommt!“), aber diese Frage stellte sich plötzlich nicht mehr, da wir die Nacht ohnehin in staatlichem Gewahrsam verbringen mußten.
Zwar hatte mich der Wortbruch des Einsatzleiters geärgert, aber insgesamt war ich zufrieden. Ein in aller Stille durchgeführtes Treffen hätte wohl in der nächsten NEUEN FRONT Erwähnung gefunden, wäre vielleicht sogar von den Putschisten als Randnotiz zur Kenntnis genommen worden, jetzt aber waren wir in den Abendnachrichten und das zu einer Zeit, wo es praktisch nur ARD und ZDF gab; der Siegeszug der Privatsender hatte noch nicht begonnen. Samstag, 09. Mai 1987 Am frühen Morgen des 09. Mai setzte man uns nach Vernehmungsversuchen wieder auf freien Fuß. Nicht ohne uns anzuraten, möglichst schnell das Weite zu suchen. Für die Polizeiführung in Schlüchtern war der Käse wohl gegessen, Nazi-Treffen erfolgreich verhindert, das war´s, werden die gedacht haben. Wir fuhren zunächst mal nach Langen zurück und da eine weitere öffentliche Versammlung unter Garantie sofort wieder aufgelöst worden wäre, brachten wir die Kameraden erstmal in Privatwohnungen unter, von denen in Langen so einige zur Verfügung standen. Bald trafen weitere Aktivistinnen und Aktivisten ein und da der Raum nun doch knapp zu werden drohte, suchte ich verzweifelt nach Ausweichmöglichkeiten. Eigentlich gab es nur eine realistische Möglichkeit, die mittlerweile auf über hundert Personen angewachsene Truppe unterzubringen und zwar in einer kleinen Kneipe in Frankfurt/Höchst, dem „Rübezahl“. Hier hatten wir uns schon öfter versammelt, für 100 Leute eigentlich zu klein, waren wir hier aber in relativer Sicherheit und unter uns. Die Wirtsleute – das wußten wir – würden sich von der Polizei nicht einschüchtern lassen.
Da es weit mehr Leute als Platz in den Fahrzeugen gab, wurde ein Pendelverkehr zwischen Langen und Ffm.-Höchst eingerichtet und am späten Nachmittag waren wir dann alle erschöpft, aber froh und munter am Ort des weiteren Geschehens eingetroffen. Mit besonderer Freude erfüllte mich dabei die Tatsache, daß wir auch ein Fernsehteam des WDR im Schlepptau hatten. Der „Rechtsextremismusexperte“ Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke drehte gerade seine Doku „Ein Deutsches Jahr“, in der wir eine tragende Rolle spielten. Im persönlichen Umgang sehr angenehm und ohne jene antifaschistische Verbohrtheit mancher Journalisten, hatte ich Prof. Jaschke bereits ein Interview gegeben und er hatte einen Kameradschaftsabend gefilmt. Klar, daß ihm die Ereignisse um unser Treffen zur Komplettierung seiner Dokumentation wie gerufen kamen.
Nachdem offensichtlich war, daß man uns hier in Höchst zunächst mal nicht weiter stören würde, begannen wir eine reguläre Saalveranstaltung durchzuziehen. Ich ergriff selber zuerst das Wort und machte noch mal deutlich, wie sehr Menschen, die Deutschland lieben, in eben diesem Deutschland staatlicher Verfolgung und Repression ausgesetzt sind, indem ich gerade die Ereignisse der letzten 24 Stunden nochmals Revue passieren ließ. Nach mir sprach Christian Worch. Ich war sehr froh, diesen bewährten Haudegen aus alten ANS-Tagen hier unter uns zu wissen. Sein bereits schriftlich zum Ausdruck gebrachtes Bekenntnis zu Michael Kühnen erneuerte er hier vor Aktivisten und Öffentlichkeit auf eindrucksvolle Weise. Und so wie ich die letzten 24 Stunden, so ließ er die letzten 10 Jahre Revue passieren und betonte dabei, daß es nicht gelingen werde, uns in die Illegalität zu treiben, sondern im Gegenteil der Versuch hierzu illegal sei.
Meine Stimmung wurde von Minute zu Minute immer besser. Nichts hatte die Staatsmacht wirklich verhindert. Wir waren gestern da, wir sind heute da und werden morgen da sein, dachte ich. Und während sich ein Demonstrationszug von 1.500 „Antifaschisten“ durch Schlüchtern wälzte, wußte ich, daß uns wenige soviel mehr vereint, als die anderthalbtausend Gegner, die schon morgen wieder aus tagespolitischen Erwägungen übereinander herfallen würden. Nach Christian Worch sprach Gottfried Küssel. Mal in angemessen ernster, mal in urtümlich humorvoller Art. Großer Beifall war ihm ebenso sicher, wie dem Kameraden Eite Homann, der den Weg aus den Niederlanden zu uns gefunden hatte, genau wie Gottfried Küssel den aus der deutschen Ostmark. Langsam geriet ich in Hochstimmung; es war einfach zu schön, um wahr zu sein. Vor wenigen Monaten der Putsch, mit dem alles zu Ende zu sein schien. Kühnens Rückzug aus der Politik, fast zeitgleich mein eigener. Und nun diese herrliche zweitägige Veranstaltung, die gegen so viele Widerstände durchgesetzt worden war. Hier bekamen die Begriffe Treue und Kameradschaft wieder ihren alten Sinn und meine Gedanken schweiften nach Butzbach, wo in dieser Stunde Michael Kühnen saß, eingesperrt wegen seiner politischen Aktivitäten und nicht ahnend, daß hier und heute die Gesinnungsgemeinschaft, die sich untrennbar mit seinem Namen verband, ihre Auferstehung feierte. Anderen ging es wohl ähnlich und wer es zuerst aussprach, dürfte nicht mehr auszumachen sein, daß er aber uns allen aus dem Herzen sprach, war klar. Wir würden im Anschluß an diese Kneipenveranstaltung noch einen drauf setzen und unser Recht auf die Straße dokumentieren, um ein unübersehbares Zeichen auch für unseren Chef zu setzen. Die NEUE FRONT Nr. 43 vom Mai 1987 schrieb wenig später über die nun folgenden Ereignisse:
„Als schon alles vorbei war, kam ganz plötzlich ein Gedanke auf, verbreitete sich rasend schnell und fand einmütigen Widerhall: Diese so gelungene Veranstaltung wollen wir nicht beschließen, indem wir still auseinandergehen. Wir wollen zum Abschluß noch ein Zeichen setzen, unsere Bereitschaft zum Einsatz dokumentieren und vor allem unsere Solidarität mit dem Mann, dem heute in unserer Mitte der Ehrenplatz gebührt hätte, wenn nicht Kerkermauern ihn zurückhalten würden. Auf nach Butzbach! Auf die Autobahn und dann gen Norden, eine gute halbe Stunde und schon waren wir in dem kleinen Städtchen mit dem großen Knast. Es war ein schöner Abend, noch helles Licht. In geordneten Reihen zog eine Hundertschaft der Zwingburg des Systems entgegen, angeführt durch die Kameraden Worch und Brehl. Zufällig hatten Kameraden ein Megaphon dabei. Mit dieser akustischen Verstärkung hallten die Sprechchöre besonders weit: „FREIHEIT FÜR KÜHNEN!“ und „NIEDER MIT DER TYRANNEI, WANN LASST IHR DEN KÜHNEN FREI?!“. Vor dem Tor klang dann aus über hundert Kehlen die Strophe „EINST KOMMT DER TAG DER RACHE…!“. Die Polizei, mit gerade einem eilig mobilisierten Streifenwagen schwach präsent, hielt sich lieber weit im Hintergrund.“ Spätestens jetzt hatten wir mit unserer Veranstaltung weit mehr erreicht, als wir zu Beginn zu träumen gewagt hatten. Nach so vielen Schwierigkeiten hatten uns Improvisationskunst und eine Portion Glück eine der schönsten Veranstaltungen meiner politischen Laufbahn geschenkt. Ich hatte spätestens in Butzbach mit einer erneuten Festnahme gerechnet, aber nichts dergleichen war geschehen. Man ließ uns unbehelligt wieder ziehen und an den Fahrzeugen angekommen, erreichte mich die Meldung, daß es einigen Kameraden in der Zwischenzeit noch gelungen war, einen Zeltplatz im Odenwald auszumachen. Einige traten die Heimreise an, andere fuhren noch in den Odenwald, um nach den anstrengenden Ereignissen bei Bier und zünftiger Musik im Gefühl herzlicher Verbundenheit einen nicht alltäglichen Kameradschaftsabend zu verleben. Ich jedenfalls schlief anschließend so gut wie lange nicht mehr… Wenige Tage später erreichte mich ein Brief von Michael Kühnen mit folgendem Inhalt: „Ich warte natürlich jetzt mit Spannung auf den Bericht über unser Treffen. Aus den mir vorliegenden Radio- und Zeitungsberichten ergibt sich kein klares Bild und außerdem beschränken sie sich auf den Freitagabend. Eines aber ist jetzt schon klar: Gleichgültig, wieviele Kameraden nun zusammengekommen sind und gleichgültig, ob es schließlich doch noch gelungen ist, ein vernünftiges Treffen mit Reden usw. durchzuführen oder nicht, das ganze ist ein riesiger propagandistischer Erfolg! Einer der schönsten seit Jahren und deshalb ein würdiger 10. Geburtstag unserer Truppe! Schon die ganze Woche vor dem Treffen hat der hessische Rundfunk in seinen Radiosendungen berichtet, am Freitag dann auch stündlich in den Nachrichten. Die Frankfurter Rundschau brachte das Treffen am Samstag auf Seite 1 (!!!!) und erwähnte endlich auch mal wieder Deinen Namen, was mich für Dich und allgemein besonders gefreut hat. Die „Frankfurter Allgemeine“ berichtete zwar „nur“ im Regionalteil, meldete dafür aber gleich, es würden hunderte und bis zu tausend Neonazis erwartet, von denen ein Teil wohl trotz Verbot kommen würde. Klingt natürlich toll – unter normalen Umständen hätten wir also tausend Mann mobilisieren können und nur durch Verbot und Polizeieinsätze sind es ein paar weniger geworden…!!! Schön ist auch, daß erwähnt wurde, daß wir mit Beteiligung aus Österreich und den Niederlanden gerechnet haben. Laut Radiobericht waren am Freitagnachmittag am Schlüchterner Bahnhof eine endlose Masse von Journalisten, Radio- und Fernsehfritzen. Ich gehe also davon aus, daß ich mit meinen beiden Zeitungen hier nur den kleinsten Teil der allgemeinen Resonanz auf unser Treffen mitbekommen habe. Ich bin also sehr zufrieden und glücklich. So ist es besser, als wenn wir in Ruhe alles hätten durchziehen können, ohne daß irgendjemand öffentlich Notiz nimmt […]. Das war doch mal wieder was, was in unsere Parteigeschichte eingehen wird: Und wenn wir keine tausend Neonazis mobilisieren können, für fünfhundert Polizisten reicht es allemal…!!! Also herzlichen Glückwunsch! Natürlich hoffe ich, daß es außer den Schlagzeilen auch noch ein richtiges Treffen gegeben hat, aber selbst wenn das „baden“ gegangen sein sollte, läßt sich das leicht nachholen, aber die Schlagzeilen hatten wir jedenfalls!...“ Einige Tage später – nun war er voll im Bilde – ergänzte Kühnen seine Ausführungen wie folgt: „Nochmal – diesesmal nach Lektüre von FAZ und FR vom Montag und dem Bericht eines Mitgefangenen über eine längere Fernsehsendung im Regionalfernsehen über Eure Demonstration in Butzbach! – meine Gratulation an Dich und meinen Dank für die großartige organisatorische Durchführung, die mit allen Schwierigkeiten letztendlich fertig geworden ist, wie die FR sinngemäß schrieb: Es sei den „Neonazis“ die ganze Zeit gelungen, sowohl Polizei wie Gegendemonstranten in die Irre zu führen. Und schließlich wurden Teilnehmerzahlen zischen 100 und 120 genannt. Nach außen sind also alle denkbaren Wünsche und Hoffnungen mehr als nur in Erfüllung gegangen – das war sozusagen eine Planübererfüllung! Insgesamt können wir wohl wirklich sagen: Das war mehr als ein Erfolg, das war ein Triumph. Es war auch ein klarer politisch-psychologischer Sieg über die Putschisten und ihre Pseudo-NF !!! Ich hoffe, daß die Stimmung auch nach innen gut war und es keine ernsthaften Konflikte gegeben hat. So, das alles mußte ich mir noch schnell von der Seele schreiben. Es ist alles wie ein Traum nach langem Albtraum. Faktisch ist das der Sieg über jene, die uns fertig machen wollten! In diesem Sinne mit Dank und Anerkennung, Dein Kamerad Michael“ Wie bereits oben kurz erwähnt, wurden mit dem 08. Mai 1987 auch die Verantwortlichkeiten innerhalb unserer Gemeinschaft neu geordnet. Ich war darüber sehr froh, die vergangenen Monate hatten doch sehr an meiner Konstitution gezehrt und so entschied Michael Kühnen aus der Haft heraus, daß erstens Christian Worch „zum Zwecke des Wiederaufbaus und zur Überwindung der Folgen des Putsches die Gesamtführung der Gesinnungsgemeinschaft der NEUEN FRONT“ übernehmen sollte; ich blieb als Stellvertreter des Generalsekretärs des KAH (Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers) für die Kaderbildung der loyalen Kameraden und die Arbeit der Vorfeldorganisationen zuständig und war in dieser Funktion auch weiterhin der Stellvertreter Michael Kühnens. Der Chef selber übernahm den Posten des Generalsekretärs des KAH. Christian Worch sah seine Aufgabe hauptsächlich in der Überwindung der Spaltung der Bewegung. Bereits in der Ausgabe Nr. 44 der NEUEN FRONT lud er zu einer Podiumsdiskussion auf dem neutralen Boden des Zentrums der NF (Nationalistische Front) in Bielefeld ein. Worch schrieb dazu, daß von den Anhängern der Gegenseite „meistens hinter dem Rücken der Betroffenen, die teilweise bösartigsten Beschuldigungen vorgebracht“ worden wären und da die seit fast einem Jahr andauernde Spaltung der Bewegung immer schlimmere Züge annehme, habe er die Gegenseite eingeladen, ihre Vorwürfe vor ihren Anhängern sowie den Anhängern Michael Kühnens vorzutragen und gegen uns zu verteidigen. „Mit Begründungen“, so Worch weiter, „…die ich als weit hergeholt und fadenscheinig empfunden habe“, hätten sich die Gegner Kühnens dieser offenen Aussprache verweigert. Ob in dieser Aussprache tatsächlich eine Chance zur Rückkehr eines fairen Umgangs miteinander gelegen hätte, weiß ich nicht zu sagen, Christian Worchs Aufruf verfehlte seine Wirkung aber auch so nicht, denn jeder sah, wer hier gesprächsbereit war und die Spaltung überwinden wollte und wer sich uneinsichtig zeigte und seinen Konfrontationskurs weiter fahren wollte. 17. August 1987: Rudolf Hess – der „Märtyrer des Friedens“ ist tot
„Fassungslos nehmen wir Kenntnis vom Tod Ihres Mannes, in tiefer Trauer und Ehrfurcht neigen wir unser Haupt! Für die Kühnen-Truppe – Thomas Brehl“ das war der Text des Telegrammes, das ich sofort nach Bekanntwerden der Todesnachricht an Ilse Heß sandte. Ilse Heß war des öfteren Gast einer nationalen Kaufmannsfamilie im Südhessischen gewesen, deren Söhne ich bei der Wiking-Jugend kennengelernt hatte. Oft machte ich auf meinen Fahrten halt bei dieser Familie und einmal kam ich an, als Ilse Hess gerade abgereist war. Dadurch kam es leider zu keiner persönlichen Begegnung, was ich immer wieder bedauert habe. Es bedurfte angesichts des Todes von Rudolf Heß keines Befehls von Christian Worch oder mir, überall eilten unsere Aktivisten zur Tat, um mit den unterschiedlichsten Aktionen auf Leben und Leid des ehemaligen Führerstellvertreters hinzuweisen. Gleichzeitig wurde der Tod von Rudolf Heß aber auch zu einem der größten Versäumnisse der Gegenseite, die sich zu keiner spektakulären Aktion aufraffen konnte. Vielleicht mangelte es ihnen auch an Ideen. Jedenfalls bestimmte die Kühnen-Truppe einmal mehr die Schlagzeilen. Ob „BILD AM SONNTAG“, ob „SPIEGEL“ oder Tagesschau, immer waren es unsere Leute, die mit friedlichen Mitteln, aber großem Einfallsreichtum, des Friedensfliegers gedachten.
Ich hatte mich sofort mit zwei Wagenbesatzungen nach Wunsiedel begeben, auch viele andere Kameraden – darunter Christian Worch – waren vor Ort. Wir waren sogar auf den Friedhof gekommen und die Staatsmacht hatte große Schwierigkeiten, uns dort wieder wegzubekommen. Mehrere Polizisten trugen zum Beispiel Uschi Worch, Christians damalige Frau, vom Gelände während sie lautstark „Einst kommt der Tag der Rache!“ sang. Auch hier war das Interesse der in- und ausländischen Medien natürlich sehr groß und wir waren einmal mehr in aller Munde. Aber auch andere Kameraden, die die weite Reise nicht hatten antreten können, waren nicht untätig. Ungezählte Aufkleber wurden bundesweit verklebt, von Autobahnbrücken wehten große Transparente, viele sprachen von Mord im Zusammenhang mit dem Ableben von Rudolf Heß. In München gelang unseren Kameraden sogar eine Kranzniederlegung vor der Feldherrnhalle, der „SPIEGEL“ brachte ein großes Bild der Kameraden mit dem Kranz, dessen Schleifen die Aufschrift „In ewigem Gedenken!“ und „Deutsche Jugend“ trugen. Dank unseres Improvisationstalentes war jedenfalls eine umfassende öffentliche Aufklärung möglich, obwohl die Kassen – wie immer – leer waren. Wie so oft muß ich auch hier noch eine kleine Anekdote einflechten. Später, als der Friedhof hermetisch abgeriegelt worden war und man sich rühmte, daß „kein Rechtsextremist“ mehr zum Grab der Familie Heß würde vordringen können, gelang mal wieder unserer „Wunderwaffe“ das scheinbar Unmögliche. Wolfgang Hess marschierte energisch auf die Wachtposten zu, zückte seinen Personalausweis und sagte: „Mein Name ist Wolfgang Hess, ich bin der Neffe des Verstorbenen!“ Und tatsächlich, allein der Name Hess genügte und man ließ ihn ohne Durchsuchung oder weitere Überprüfung passieren. Wir haben später noch oft darüber lachen müssen… Der Fall „Bomben-Berthold“ Nun war Wolfgang Hess auch strafrechtlich kein unbeschriebenes Blatt. Er hatte mehrere Jahre in Butzbach „gebrummt“ unter anderem wegen „Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz“. Mehrfach hatte er „illustre“ Personen zum Kameradschaftsabend mitgebracht, Kriminelle, die er glaubte zu Nationalsozialisten machen zu können, damit sie nicht immer gegen die gleichen Paragraphen des Strafgesetzbuches verstoßen würden. Neben einem – von uns nur „der Verbrecher“ genannten – Zellengenossen, tauchte eines Tages auch ein ehemaliger Häftling namens „Berthold“ auf, ein eher unscheinbarer, untersetzter Typ, der damals so um die 40 gewesen sein müßte. Durch geschichtliches Wissen oder politisches Wollen war mir dieser Berthold nicht aufgefallen, aber als ich eines Abends von Kameraden zur Seite genommen wurde, weil man mir etwas „über Berthold erzählen“ wollte, klingelten bei mir die Alarmglocken. Berthold hatte hinter meinem Rücken unbedarften Kameraden Waffen und Sprengstoff angeboten und gesagt, er könne Plastiksprengstoff beschaffen, den man aber kühl lagern müsse, dies sei bei der Übergabe zu berücksichtigen. Mir fielen auf Anhieb zig Geschichten ein, wo naive Aktivisten durch fingierte Waffenkäufe in die Falle der Sicherheitsbehörden gelockt worden waren. Der fahrlässige Umgang mit Waffen und sogar Sprengstoff war in jenen Jahren eines der Markenzeichen des Verfassungsschutzes und erst die Explosion in der JVA-Celle (das „Celler Loch“) machten solcherlei Machenschaften einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
Berthold selber war an diesem Abend nicht da, ich wußte aber sofort, daß ich – sollte er nochmal auftauchen – knallhart die Konsequenzen ziehen und ihn des Kam.-Abends verweisen mußte. Bertholds nächster Auftritt war deshalb extrem kurz, als er nämlich tatsächlich auf einer der nächsten Zusammenkünfte auftauchte, verwies ich ihn („…von heute an und für immer!“) des Hauses; einen zaghaften Versuch der Rechtfertigung würgte ich vor der gesamten Kameradschaft ab, ich wollte daß jeder sieht, daß es bei mir in dieser Frage keine Kompromisse gab und für alle jener Organisationsbefefehl Michael Kühnens unbedingte Gültigkeit hatte, der nicht nur das Sammeln und Horten von Waffen und Sprengstoff verbot, sondern auch Strategiegespräche zu deren Gebrauch. Ich hatte diesen Fall bereits gedanklich zu den Akten gelegt, zu hektisch verliefen jene erlebnisreichen Wochen, aber eines Tages sollte ich auf höchst unangenehme Weise wieder an „Bomben-Berthold“ erinnert werden. Da ich noch nicht lange genug in Langen gemeldet war und einige geeignete Kameraden einfach noch zu jung waren, hatten wir einige ältere Sympathisanten als FAP-Kandidaten für die nächste Kommunalwahl aufgestellt. Als wieder einmal gegen Langener Kameraden vor Gericht verhandelt wurde (Gerald Hess hatte am 9. November des Vorjahres beim Gedenken an die „Reichspogromnacht“ ein Stuhlbein mit sich geführt und obwohl er dem Einsatzleiter der Polizei gesagt hatte, er könne doch seine Möbel herumtragen, wann und wohin er wolle, hatte dieser das Ganze als Verstoß gegen des Versammlungsgesetz gewertet und die Staatsanwaltschaft hatte Anklage erhoben), wollten wir dem Prozeß in möglichst großer Zahl beiwohnen. Nachdem mich Wolfgang Hess abgeholt hatte, fuhren wir zur Wohnung eines der FAP-Kandidaten, um auch diesen zum Gericht mitzunehmen. Horst H. war eine treue Seele, ein wenig naiv aber hilfesbereit und treudeutsch bis ins Mark. Bei ihm angekommen, antwortete mir der gute Horst auf meine Frage, was es denn Neues gäbe: „Ach nichts weiter, nur daß die Polizei vorhin da war und wissen wollte, wie mir´s geht!“ Die hätten sich kurz umgeschaut und wären dann auch sehr bald wieder verschwunden. Ein Besuch der Polizei? Um zu fragen, wie´s ihm geht? Das erschien mir immerhin so seltsam, daß ich nach weiteren Ereignissen fragte. „Ach so, ja,“ antwortete der Kamerad daraufhin, „…kurz danach war der Berthold da und hat gefragt, ob er mal was bei mir im Kühlschrank deponieren könnte…“ Ich war wie vom Donner gerührt, der schon lange geschaßte „Bomben-Berthold“, der die Stirn gehabt hatte, den Kameraden kühl zu lagernden Plastiksprengstoff anzubieten, hinterlegt mal eben ein Päckchen im Kühlschrank eines FAP-Wahlkandidaten? Ich blickte Wolfgang Hess an und fragte ihn, ob er vielleicht denselben Verdacht hege wie ich? Sofort öffnete er den Kühlschrank, holte das Päckchen raus und sagte mit dem Kennerblick des Kriegswaffenkontrollgesetzgeschädigten: „Das ist Plastiksprengstoff und hier ist ja auch noch eine kleine Tüte mit den Zündern…!“ Na, jetzt hatten wir aber „die Torte im Auge“ und blitzschnell ging ich die Möglichkeiten durch. Ob sich Polizei und Berthold nur verpaßt hatten oder die einen erst nach dem anderen hätten kommen sollen und Berthold vielleicht nur einen Zug oder Bus verpaßt hatte, das alles spielte jetzt erstmal keine Rolle. Das Zeug mußte weg und zwar schnell. Erste Möglichkeit: Wir rufen selber die Polizei und schildern den Vorgang wahrheitsgemäß. War das ganze aber eine von langer Hand eingefädelte Falle, würden wir mit unseren Erklärungen nicht weit kommen. „Terrorismus“ war ein Haftgrund und vermutlich würden wir alle erstmal für ein paar Monate in U-Haft wandern. Und dann noch die Medien, die Zeitungen würden ungestraft titeln können: „Sprengstoff-Fund bei FAP-Kandidaten!“ Ich war bereit hoch zu pokern, die wahre Geschichte würden wir auch dann noch erzählen können, wenn der Versuch das Zeug wegzuschaffen, scheitern sollte. Ich hatte nur zwei Fragen an Wolfgang Hess: Erstens, ob er bereit wäre, mit mir gemeinsam den Sprengstoff zu entsorgen und zweitens, ob die Möglichkeit bestünde, das explosive Päckchen so zu entsorgen, daß jede Gefährdung Dritter ausgeschlossen ist? Obwohl wegen diesen Dingen vorbestraft, blieb „die Wunderwaffe“ erstaunlich ruhig und schlug vor, das Päckchen in einem nahegelegenen Baggersee zu versenken. Eine Gefahr für Außenstehende bestehe nicht, da der Sprengstoff nur elektrisch gezündet werden könne und in freier Natur sehr bald völlig verrotten würde. Gesagt, getan, wir fuhren los: Am Steuer ein wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vorbestrafter und bekannter „Rechtsextremist“. Auf dem Beifahrersitz der Stellvertreter Michael Kühnens und auf dem Rücksitz ein Wahlkandidat der „neonazistischen FAP“ mit vier Kilo Plastiksprengstoff auf dem Schoß. Geschichten, die das Leben schreibt… Wir hatten tatsächlich Glück, der Sprengstoff wurde enstsorgt und tauchte nie wieder auf. Das hatte er übrigens mit „Bomben-Berthold“ gemein, der ebenfalls nie mehr auftauchte. Auch die Polizei tauchte nie mehr bei Horst H, auf, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen und so kam diese ungeheuer spannende und ebenso gefährliche Geschichte für uns doch noch zu einem guten Ende. Die „Krone“, eine Kneipe muß dran glauben… Eine weitere Geschichte, die am Ende noch zu einem unerwartet guten Ende führte, war die Massenschlägerei in der Egelsbacher Kneipe „Zur Krone“. Egelsbach ist eine Nachbargemeinde von Langen und durch den großen Flugplatz für Privatflugzeuge weit über die Grenzen Deutschlands bekannt. Der Starkoch Alfons Schubeck betreibt hier mittlerweile sein Gourmet-Restaurant „Check in“ aber das gab es erstens zu jener Zeit noch nicht und zweitens hätten wir es uns auch damals nicht leisten können. Nicht regelmäßig, aber ab und zu verkehrten wir damals in der genannten „Krone“, die Preise waren verträglich und es gab eine gutbürgerliche Küche. Eines schönen Tages kam jemand auf die Idee, nach der Rückkehr vom Frankfurter Kameradschaftsabend noch in der „Krone“ einzukehren und so rückten wir mit ca. 10 Mann und zu späterer Stunde in die Kneipe ein. Wir waren in guter, bierseliger Stimmung und auf keinen Fall auf Ärger aus. Nero hatte sofort einige Lokalpolitiker erkannt, ging freudestrahlend auf sie zu und drückte jedem ein Exemplar der gerade erschienenen „NEUEN FRONT“ in die Hand. Die überwiegend der SPD zuzurechnenden Stadtverordneten nahmen ihm das aber in keiner Weise übel; man kannte sich und hegte keinen Groll gegen den jeweils anderen. Nach einer gewissen Aklimatisierungsphase begannen wir dann wie gewohnt einige unserer lustigen Lieder zu singen und die SPD´ler verließen so nach und nach die Gaststätte. Geblieben war am Ende aber eine Gruppe von Polen, die ab und an die Köpfe zusammensteckten und irgendwas flüsterten, was wir aber nicht verstanden. Zunächst schien nichts auf eine bevorstehende Konfrontation hinzudeuten, doch auf einmal ging alles sehr schnell. Neros Ehefrau Renate, damals eine resolute Endvierzigerin ging an der Theke vorbei Richtung Toilette. Auch an der Theke saßen drei, vier Polen und als Renate in Höhe des einen angekommen war, sagte dieser – nicht besonders laut aber doch deutlich zu verstehen – „Du Nazischlampe!“ zu ihr. Dabei hatte er sein Bierglas in der Hand und lachte ihr noch frech ins Gesicht. Im selben Augenblick machte Renate eine halbe Drehung und schlug dem Provokateur ihre Handtasche ins Gesicht und zwar mit solch einer Wucht, daß er mitsamt Bierglas und Hocker in die Kneipe stürzte. Mit einem so rasch und kräftig geführten Gegenschlag hatte er gerade bei einer Frau wohl doch nicht gerechnet. Als aber die anderen anwesenden Polen ihren Kollegen am Boden liegen sahen, kam sofort Leben in die Bude. Mit großem Gejohle wurden wir angegriffen und setzten uns natürlich entsprechend zur Wehr. Fäuste, Gläser, Stühle flogen, die Kneipe wurde am Ende völlig zerlegt. Zwei Zähne fanden wir zuletzt noch in dem Chaos, da uns aber keine fehlten, müssen sie einem der Polen abhanden gekommen sein. Ich war ja selbst mit dem Verteilen von „Rhöner Rundschlägen“ beschäftigt, aber dennoch ist mir eine Szene unvergesslich. Über einer langen Tischreihe waren sehr tief hängende Lampen angebracht und während der Auseinandersetzung hatte sich Renate den schweren, schmiedeeisernen Stammtischaschenbecher geschnappt und ihn in Richtung der Polen geworfen. Die Flugbahn des Aschenbechers ging knapp über die Tische, so daß Lampe für Lampe zersplitterte und das Licht plötzlich ausgesprochen gedämpft war. Die Wirtin, die eigentlich nur eine Urlaubsvertretung war, hatte mittlerweile die Polizei gerufen und die Kneipe abgeschlossen, so daß niemand vor Eintreffen der Ordnungshüter fliehen konnte. Die eigentlichen Betreiber der Gaststätte, eine Familie aus dem damals noch existierenden Jugoslawien waren für sechs Wochen in den Urlaub gefahren und die deutsche Urlaubsvertretung hatte ihren letzten Tag in der Kneipe. Am anderen Tag kam die Wirtsfamilie zurück und konnte gleich mit der Renovierung beginnen, die längere Zeit in Anspruch nahm. Da wir mittlerweile doch ein wenig erschöpft waren, gelang es der eintreffenden Polizei relativ schnell für Ruhe zu sorgen, sowie eine Anzeige und die Personalien aufzunehmen. Einen der Beamten kannte ich recht gut, wir hatten in jungen Jahren so einiges erlebt und so glaubte ich mit Fug und Recht davon ausgehen zu können, daß wir recht bald die Heimreise würden antreten können und der Fall zunächst mal erledigt sei. Wie es sich aber später in der Anklageschrift las, seien jetzt – als eigentlich schon alles vorbei war – einem der Polizeibeamten gegenüber die Worte gefallen: „Sei vorsichtig, ich kenne Zuhälter in Frankfurt, die machen dich platt!“ Als dann die Verhandlung vor dem Langener Amtsgericht stattfand, war das neben der eigentlichen Schlägerei der Hauptanklagepunkt. Während die Urlaubsvertretung der Wirtsleute nervös auf dem Gang auf und ab ging und bekundete, es täte ihr Leid die Polizei gerufen zu haben, wartete man auf die „polnischen Zeugen“ vergebens. Vermutlich waren sie längst wieder in der Heimat oder ohnehin illegal hier gewesen, was für den Ausgang der Verfahrens letztlich egal war. Die Ersatzwirtin konnte sich jedenfalls an nichts wesentliches mehr erinnern. Als es losging war sie wohl in der Küche, später habe sie die Polizei gerufen und das Lokal verschlossen, sich im übrigen aber lieber in Sicherheit gebracht. Noch während des Verfahrens reduzierte sich die Anklage auf den oben zitierten Satz, den das Gericht auf keinen Fall ungesühnt lassen wollte. Neros Frau stritt vehement ab, diese Äußerung getätigt zu haben und so würde alles von der Zeugenaussage jenes Polizisten abhängen, den ich noch aus Kindertagen kannte. Nun war dem Mann ja nicht zuzumuten, daß er seinen Kollegen „hängenließ“, andererseits würde er sicher kein Interesse daran haben, eine(n) von uns in die Pfanne zu hauen. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen, als man ihn endlich als Zeugen aufrief. Zunächst sagte er aus, daß er trotz des Tohuwabohus, das in der Kneipe bei seinem Eintreffen herrschte, den Satz mit dem „Zuhälter“ und dem „plattmachen“ sehr wohl gehört habe. Es sei auch eindeutig eine Frauenstimme gewesen, da aber auf „der Seite der Nazis“ zwei Frauen anwesend waren, könne er nicht mit der erforderlichen Sicherheit sagen, von welcher nun der Satz stammte. Das war geradezu genial, er hatte die Aussage seines Kollegen bestätigt und dennoch ein Hintertürchen offengelassen. Denn außer Renate war auch deren Tochter dabei gewesen, die aber genauso vehement wie ihre Mutter bestritt, die Drohung ausgesprochen zu haben. Das genügte dem Richter, den schon die fehlenden polnischen Zeugen genervt hatten. Das Verfahren wurde eingestellt und wir waren mit jenem blauen Auge davongekommen, das wir einem der Polen geschlagen hatten. Wann kommt Kühnen frei? Das war die zentrale Frage, die sich in jenen Tagen immer wieder stellte. Würde ihm ein Teil der Strafe erlassen, könnte er noch im Laufe des Jahres 1987 auf freien Fuß kommen, was wir natürlich alle sehnlichst hofften. Tatsächlich gab es solche Überlegungen bei den Verantwortlichen, weil man glaubte, man könne Kühnen damit „an die Kandarre legen“ und seinen politischen Spielraum einengen. Wie schon 1982, so machte Kühnen auch diesmal seinen Gegnern einen Strich durch die Rechnung. Er lehnte eine verfrühte Haftentlassung gegen Auflagen rigoros ab und saß lieber bis zum letzten Tag, um dann ungebremst und ohne weitere Auflagen wieder ins Geschehen eingreifen zu können. Indes waren wir – und besonders ich – ständig auf Achse. Es ist unmöglich hier all die Aktionen und Treffen aufzuzählen, die damals meinen Alltag bestimmten. Ich erinnere mich an Info-Stände in Langen, Mainz, Wiesbaden aber auch im fränkischen Bamberg. Ständig wurde geklebt und plakatiert, immer wieder gab es Zusammenkünfte mit den unterschiedlichsten Kameradengruppen. Der 9. November 1987 Erwähnt werden soll aber noch jener 9. November 1987, als wir ausgerechnet in unserer Hochburg Langen mit knapper Not einer mittleren Katastrophe entgingen. Zum sogenannten „Jahrestag der Reichspogromnacht“ fand bereits damals – und findet noch heute – ein alljährlicher Trauermarsch durch Langen statt. Man trifft sich am Bahnhof und marschiert durch die ganze Stadt bis in die Dieburger Straße, wo man an den Resten der alten Synagoge Kränze niederlegt und Reden hält. Es hatte bereits Tradition und uns mehrere Ermittlungsverfahren eingebracht, daß wir bei dieser Veranstaltung auftauchten, um gegen die in unseren Augen einseitige Vergangenheitsbewältigung ein Zeichen zu setzen. Gewohnt auf eher bürgerliche Gegner zu stoßen, schien uns keine besondere Vorsicht geboten und so marschierten wir auch in diesem Jahr mit einer kleinen Gruppe von neun Aktivisten Richtung Dieburger Straße, wo wir zunächst auf auffällig viele Polizeibeamte stießen. Ich hörte noch, wie einer der Beamten ein „Die Gruppe um Brehl ist im Anmarsch!“ in sein Funkgerät raunte und als wir um die Ecke bogen und Richtung Ruine der alten Synagoge blicken konnten, traf uns fast der Schlag. Schätzungsweise zehnmal so viele Leute wie im Jahr davor standen in großen Pulks auf der Straße. Schnell war zu erkennen, daß es sich auch nicht um die üblichen Langener Bürger handelte, sondern um den „Schwarzen Block“ aus Frankfurt, der damals militantesten Aktionseinheit der ANTIFA. Da war guter Rat teuer und ein „Kriegsrat“ schien angebracht. Ich führte die Gruppe erstmal an eine in Sichtweite gelegene Trinkhalle, die mir die einzige Möglichkeit der legalen Bewaffnung bot. Trinkhallen sind jene in manchen Gauen Deutschlands sehr beliebten Einrichtungen, an denen man nicht nur Getränke kaufen, sondern vor Ort und im Freien verzehren kann. Jeder der Kameraden kaufte sich sogleich eine Flasche Bier, vorgeblich um sie auszutrinken, tatsächlich aber auch, um wenigstens eine Schlagwaffe zur Hand zu haben, falls die Situation eskalieren sollte. Wir hatten zu neunt nicht die geringste Chance uns zu behaupten. Die Polizei würde auch nicht in der Lage sein, uns längere Zeit gegen unsere militanten Gegner zu schützen und während ich noch überlegte, wie wir vielleicht doch noch elegant aus dieser verfahrenen Situation herauskommen könnten, hatte sich die Kunde unserer Anwesenheit bereits bis zu den Linken verbreitet. Vom Kiosk in Richtung Dieburger Straße blickend bemerkte ich, daß plötzlich Bewegung in die schwarze Masse kam. Man stand ca. 30 Meter von uns entfernt und erste vermummte Gestalten lösten sich aus dem Pulk, um sich erst langsamen Schritts, dann aber immer schneller werdend auf uns zu zu bewegen. Plötzlich brach ein markerschütterndes Gegröle und Gejohle los und ich hätte zu gerne nach meinem nicht vorhandenen „Kommunikator“ gegriffen und „Scotty! Beamen!“ gebrüllt. Nur ein „Wunder“ konnte jetzt noch helfen und das „Wunder“ geschah. Mit Blaulicht und Martinshorn sowie mit quiteschenden Reifen preschten zwei Mannschaftswagen der Polizei über den Bürgersteig auf den kleinen Vorplatz der Trinkhalle. Hastig wurden die Türen aufgerissen und man drückte uns mit ganzer Kraft in die geöffneten Fahrzeuge. Zum Teil kopfüber und wie verknotet fanden wir uns im Wageninneren wieder, während die Fahrer mit zum Teil noch geöffneten Türen davonbrausten. Die vordersten Vermummten hätten uns fast noch zu fassen gekriegt und rannten jetzt tatsächlich – wüsteste Beschimpfungen ausstoßend – den davonbrausenden Polizeifahrzeugen hinterher. Wir aber waren gerettet… Ich habe im Laufe meines politischen Lebens oft genug das Erscheinen der Polizei verflucht, zu oft war ich festgenommen und drangsaliert worden. Aber diesmal war ich froh, daß man uns da raus geholt hatte und ich schäme mich auch nicht, dies zuzugeben. Vorfeldorganisationen
Als Chronist muß ich auch die verschiedenen Vorfeldorganisationen mal erwähnen, die wir zwischenzeitlich gegründet hatten und zwar nicht als Selbstzweck, sondern um sie bei Bedarf mit Leben zu erfüllen. Da gab es die „Aktion Lebensschutz“ unter deren Firmierung wir Material gegen die zügellose Abtreibung verbreiteten und für deren Büro Michael Kühnen die Schriftstellerin und Historikerin Ingrid Weckert gewonnen hatte. Ingrid Weckert hatte mit ihrem Buch „Feuerzeichen“ über die Reichskristallnacht für großes Aufsehen gesorgt, da sie aufgrund intensiven Quellenstudiums zu Erkenntnissen gelangt war, die die heute so genannten „November-Pogrome“ in ganz anderem Licht erscheinen ließen. Es gab das „ANTIKO“, eine antikommunistische Plattform und die „Antizionistische Aktion“, mit der wir auf die Verbrechen der Zionisten in den besetzten arabischen Gebieten hinwiesen. Ein Blickfang ganz besonderer Art waren da die leuchtendgelben Plakate und Aufkleber, die eine ausgemergelte Gestalt zeigten, welche mit Ketten an einen Davidstern gebunden war. Das war natürlich sehr provokativ und genau das sollte es auch sein. Keine Frage, daß sich das Interesse der Medien und damit der Öffentlichkeit hauptsächlich auf die FAP fokussierte, aber die Vorfeldorganisationen gaben uns die Möglichkeit, zu bestimmten Sachthemen Propaganda zu betreiben, ohne den so langsam zum Bürgerschreck gewordenen Namen „FAP“ benutzen zu müssen. Die größte Resonanz und eine ganz ahnsehnliche Zahl von Mitgliedern erreichte dabei auch die „Volksbewegung gegen Überfremdung“ (VBÜ), deren Bundesvorsitzender ich wurde. Zwar eignete sich die FAP als eingetragene Partei wie keine andere Organisation dazu, unsere politische Gesamttätigkeit zu legitimieren, dennoch erhoben ja seit Beginn der internen Auseinandersetzungen beide Fraktionen sowohl auf die Partei Anspruch als auch auf das KAH und so war es nur eine logische Folge der ungeklärten Lage ebenfalls Organisationen zu gründen, über die wir alleine bestimmten.
Die VBÜ ging nach der Haftentlassung Michael Kühnens später in der NATIONALEN SAMMLUNG (NS) auf, während die anderen kleinen Vorfeldorganisationen erst durch das Verbot der NS ihr politisches Dasein aushauchten, da auch sie von der Verbotsverfügung erfaßt wurden. Bevor sie sich durch Haftentlassung des Chefs ohnehin erledigt haben würde, setzte sich auch die „Nationale Initiative – Freiheit für Michael Kühnen –“ im Sommer 1987 nochmal richtig in Szene. Überall hatten wir Aufkleber in vielen Sprachen verbreitet, Unterschriften für die Freilassung Kühnens gesammelt und niemals hätten wir die per Post an irgendeine staatliche Stelle geschickt. Nein, eine Übergabe sollte es geben, dazu eine Kundgebung, na jedenfalls wieder so richtig was nach unserem Geschmack und mit Medientamtam. Um eine noch größere Wirkung zu erreichen, wurden am Ende zwei Veranstaltungen einberaumt: Eine vor dem – damals noch in Bonn befindlichen – Bundeskanzleramt, eine vor dem hessischen Landtag in Wiesbaden, denn es war mit Butzbach ja ein hessischer Knast, in den man Michael Kühnen gesperrt hatte. Während Christian Worch die Bonner Veranstaltung koordinierte und durchführte, plante ich die in Wiesbaden. Uns beiden war die Aufmerksamkeit der Öffentlichkleit und ein entsprechendes Medieninteresse sicher und so machte es auch gar nichts, daß die Wiesbadener Veranstaltung kurzfristig verboten worden war. Wir stolzierten trotzdem in den Landtag und ließen uns gegen Unterschrift die Übergabe der Listen bestätigen. Silvester 1987/88 Noch vor der enstprechenden Feier zu Silvester 1987/88 hatten wir einen weiteren Grund zum Feiern: Der Frankfurter Kameradschaftsführer Edgar Schultheiß und der bereits erwähnte Kamerad Gerald Hess standen im Dezember 1987 in Darmstadt vor Gericht, weil sie angeblich eine Ami-Kaserne mit entsprechenden Symbolen und Parolen verziert haben sollten. Natürlich waren wir mit einem ansehnlichen Aufgebot als Besucher im Saal, nur wurde ich leider wenig später vom weiteren Verlauf der Verhandlung ausgeschlossen, weil ich einen mittelschweren Lachkrampf erlitten hatte. Es ist ja nur schwer zu beschreiben, aber da saßen unsere Kameraden auf der Anklagebank, kurze dunkelblonde Haare, unifarbene Pilotenhemden in schwarzen Hosen und dann kam der erste Zeuge in den Saal. Ein baumlanger, pechschwarzer, afroamerikanischer GI und der Richter fragt pflichtgemäß: „Sind Sie mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert?“ Natürlich wäre das theoretisch möglich gewesen, aber bedingt durch den eklatanten Kontrast, konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen und als immer mehr Zuschauer mitlachten, bekam ich mich kaum noch ein. Der Richter verwies mich daraufhin des Saales und so bekam ich gar nicht mit, wie keiner der Zeugen unsere Kameraden identifizieren konnte und die Anklage Stück für Stück zusammenbrach. Am Ende forderte sogar der Vertreter der Staatsanwaltschaft Freispruch und zähneknirschend folgte die Kammer diesem Antrag, dem sich selbstverständlich auch die Verteidigung angeschlossen hatte.
Zum nun anstehenden Jahreswechsel war ich in meine Geburtsstadt Fulda zurückgekehrt, um dort bei einer befreundeten Familie eine zünftige Silvesterfeier zu zelebrieren. Zu meiner großen Freude kam auch Gottfried Küssel mit einer Wagenbesatzung aus der Ostmark und er hatte sich bereit erklärt, eine Feuerzangenbowle anzusetzen. Gehört hatte ich ja schon öfter von diesem Gebräu, das einem der bekanntesten Heinz-Rühmann-Filme den Titel geliefert hatte, probiert hatte ich dieses ausgesprochen schmackhafte Gesöff allerdings noch nie. Die Feuerzangenbowle allgemein und die von Gottfried Küssel angesetzte im besonderen, entfaltete jedoch eine durchschlagende Wirkung, so daß der noch nüchtern durchgeführten Besprechung ein ausgesprochen heiterer Kameradschaftsabend – einschließlich des Absingens „schmutziger Lieder“ – folgte. Es waren diese Kameradschaftserlebnisse, die mir die Gewißheit gaben, mit der Wiederaufnahme meiner politischen Tätigkeit, nun doch den richtigen Schritt getan zu haben.
Hier war jedenfalls ein verschüttet geglaubtes Verhältnis des gegenseitigen Respekts und Vertrauens zurückgekehrt und ein herrliches Gemeinschaftserlebnis bestärkte mich in der Gewissheit mit Michael Kühnen auf die richtige Karte gesetzt zu haben. Darüberhinaus erreichten uns ja auch immer wieder Berichte von Veranstaltungen der Gegenseite, die vielfach von Mißtrauen untereinander geprägt waren; so sehr, daß kein Kamerad sich mehr traute, dem anderen mal freundschaftlich den Arm auf die Schulter zu legen, aus purer Angst, dies könne als „homoerotische Geste“ mißdeutet werden. So hatten sich diese Leute in ihren eigenen Wahnvorstellungen verstrickt und fanden nicht mehr heraus. Uns aber focht das alles nicht an, auch weil wir wußten, daß unsere Leute nicht die geringsten Sympathien für die Putschisten hegten, während auf deren Seite immer noch eine ganze Reihe Leute große Sympathien für Michael Kühnen hatten. Kühnen wieder frei! Alles fieberte jetzt dem 3. März 1988 entgegen, jenem Tag, an dem Michael Kühnen seine langjährige Haftstrafe bis zum letzten Tag verbüßt haben würde und man ihn freilassen mußte. Einen Tag vorher, am 2. März saßen wir in gemütlicher Runde bei Heinz „Nero“ Reisz zusammen und besprachen, wie wir Kühnen vor dem Tor in Empfang nehmen wollten; schon das sollte eine Manifestation unseres politischen Wollens werden. Gleich vor der Butzbacher Zwingburg wollten wir nach Möglichkeit für erste Schlagzeilen sorgen. Ähnliche Überlegungen hatten aber wohl auch die Sicherheitsbehörden angestellt und so machten sie uns zunächst mal einen Strich durch die braune Rechnung. Als wir nämlich gerade die ersten Schritte durchsprachen, klingelte plötzlich das Telefon und Neros Frau Renate eilte an den Fernsprecher (nein, Handy gab´s immer noch nicht!). Etwas verstört meinte die resolute Renate zu mir, ich solle doch bitte mal an den Hörer kommen, da sei jemand dran und der behauptete Michael Kühnen zu sein. Sofort eilte ich an den Apparat und traute meinen Ohren nicht. Und wirklich, das war bestimmt keiner der für ihre Telefonscherze bekannten „Titanic-Redakteure“, sondern tatsächlich der Chef, der sich da meldete. Man habe ihn einen Tag vorher raus gelassen, da man (zu Recht) einen Aufmarsch unserer Truppe befürchtete und nun stehe er am Frankfurter Bahnhof und hoffe, daß wir ihn umgehend abholen könnten. Und ob wir das konnten; so eilte ich mit Nero in die Mainmetropole, um Michael Kühnen abzuholen und ihn – nach einer herzlichen Begrüßung – gleich an die Stätte seines zukünftigen Wirkens zu bringen: ins hessische Langen im Kreis Offenbach. Es geht wieder los… Schon der erste Abend in der Wohnung des Kameraden Heinz Reisz, in die eilig zusammengetrommelt nun noch mehr neugierige Aktivisten geströmt waren, bleibt mir unvergeßlich. Kühnen hielt vor dem harten Kern seiner Anhänger eine kleine Rede, in der er die hinter uns liegenden Jahre einschließlich des Putsches Revue passieren ließ und sich vor allem dafür bedankte, daß die Kameraden in dieser bitteren Zeit der Hetze, der Intrigen und Lügen nicht von der Fahne gegangen seien, sondern im Gegenteil mit noch größerer Entschlossenheit auf die Angriffe geantwortet hätten. Es sei aber jetzt die Zeit vorbei, wo man über ihn geredet habe, nun sei er frei und spräche wieder selber. Einen Tag später trafen auch auswärtige Aktivisten ein, besonders erwähnenswert sind hier die Münchner Kameraden, die mit der Herausgabe einer „NEUEN FRONT auf VIDEO“ begonnen hatten und eigentlich die Haftentlassung hatten filmen wollen. Um für diesbezügliches Filmmaterial zu sorgen, fuhren wir mit mehreren Fahrzeugen einfach nochmal nach Butzbach, um vor der JVA einige Szenen zu drehen und ein erstes Interview mit dem Chef aufzuzeichnen. Danach ging es wieder zurück nach Langen, wo Kühnen –wieder in der Wohnung des Kameraden Nero – jetzt auch vor laufender Kamera ein Resümee hielt und erste Zukunfstperspektiven entwickelte. Er begann seine Ausführungen mit einem großen Lob an mich, das mich sehr stolz machte. Wörtlich führte er aus: „Ich bedanke mich bei Thomas, ohne den wir wahrscheinlich heute nicht hier wären und ohne den es unsere Truppe vermutlich gar nicht mehr geben würde!“ Danach versprach er eine „…sehr hektische, harte Arbeit…“ und „…spektakuläre Aktivitäten…“ und jeder, der ihn kannte, wußte, daß das keine leeren Phrasen waren und besonders sein Versprechen, wir würden „einen Wahlkampf führen, wie ihn unsere Bewegung noch nie geführt hat…“, ließ unsere Herzen höher schlagen und für das demokratische Langen nichts Gutes erahnen. Schlag für die Gegenseite Wir erwarteten natürlich nun gespannt auf erste Reaktionen der Gegenseite. Kühnen war an einer eskalierenden Auseinandersetzung überhaupt nicht interessiert. Das würde uns nur von den wirklich wichtigen Dingen abhalten. Wertvolle Kräfte würden gegeneinander verbraucht, zur Freude all unserer zahlreichen politischen Gegner. Völlig überrascht waren wir aber, als der Rundfunk meldete, es habe eine bundesweite „Aktion gegen Neonazis“ gegeben, mit ungezählten Haussuchungen und mehreren Verhaftungen. Wir waren völlig perplex, vor allem darüber, nicht persönlich betroffen zu sein. Einige Telefonate ergaben dann, daß die Kühnentruppe überhaupt nicht involviert war, sondern sich die staatlichen Maßnahmen ausschließlich gegen die Putschisten richteten. Das war für uns keineswegs ein Grund zur Freude, denn jeden Moment konnte der Staat auch gegen uns losschlagen und erst allmählich wurden die Hintergründe dieser ganzen Aktion klar: Das große Stuttgarter Bewegungsverfahren warf seine Schatten voraus und die ganzen umfangreichen Aktivitäten der Exekutive gingen auf die Staatsanwaltschaft Stuttgart zurück, die eine Riesenanklage wegen „Fortführung einer verbotenen Organisation“ vorbereitete. Die ANS/NA sollte durch verschiedene Vereine illegal fortgeführt worden sein, darunter hauptsächlich durch das „Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers“ (KAH). Insgeheim wurde auch tatsächlich schon an einem weiteren großen Verfahren gewerkelt. Das ging allerdings von der Staatsanwaltschaft in Frankfurt aus und richtete sich in erster Linie gegen Michael Kühnen, Christian Worch und mich. Hinzu kamen eine Reihe weiterer Angeklagter aus dem Unterführerkorps. Langfristig baute sich also eine gewaltige Bedrohungslage gegen uns alle auf, zunächst aber –und aus tagespolitischen Erwägungen kam es uns durchaus gelegen – war die Gegenseite führungslos, weil für einige Zeit ihrer wichtigsten Köpfe beraubt. Das „Höllenhaus“ Unsere Frankfurter Wahlkampfzentrale, später unter dem Namen „Höllenhaus“ bundesweit bekannt, diente bereits seit Jahren als Lokalität für Kameradschaftsabende und interne Besprechungen. Zufällig hatte einst der damalige Frankfurter Kameradschaftsführer Peter Müller eine alte Dame kennengelernt, die sich als überzeugte Nationalsozialistin entpuppte und den örtlichen Kameraden ihr Heim nur zu gerne zur Verfügung stellte. Mittlerweile im 81. Lebensjahr stehend, nahm die Kameradin Gertrud Sipf regen Anteil an unserem Kampf und nähte auch schon mal Hakekreuzarmbinden für interne Treffen auf ihrer alten „Singer“-Nähmaschine und ich hatte ihr wegen der Verdienste um unsere Gemeinschaft das Goldene Ehrenzeichen des KAH verliehen. Gemeinsam mit uns allen hatte Frau Sipf auf die Freilassung Michael Kühnens gewartet und es war eine dankbare Fügung des Schicksals, daß sie eben diese Freilassung und die ersten Auftritte des Chefs noch erlebte, bevor sie für uns trotz ihres Alters völlig überraschend starb. Wolfgang Hess, der dort schon einige Zeit zur Untermiete gewohnt hatte, witterte die große Chance nun zu einer Wahlkampfzentrale zu kommen, von der aus unsere gesamten Rhein-Main-Aktivitäten koordiniert und durchgeführt werden könnten. Frau Sipf verstarb alleinstehend, das Haus erbte ihr einziger Sohn, der allerdings als Architekt in Griechenland arbeitete und wenig Zeit und Lust hatte, sich um das alte Häuschen in Frankfurt zu kümmern. Das war nämlich 1938 erbaut worden und gehörte zu einer sogenannten „Adolf-Hitler-Siedlung“, wie sie nach der Machtergreifung überall im Reich entstanden waren. „Sozialer Wohnungsbau“ nannte man das später. Wolfgang Hess, neben seiner politischen Aktivitäten immer noch als selbständiger Dachdecker tätig, mietete kurzerhand das komplette Häuschen und so hatten wir eine Zentrale, in die neben Wolfgang Hess auch Michael Kühnen einzog. Später richtete auch ich mein Büro dort ein, blieb zwar in Langen gemeldet, wohnte aber de facto im Höllenhaus, wenn wir nicht sowieso mal wieder deutschlandweit unterwegs waren. Kampf und Arbeit unentwegt…
Ich hatte es ja schon geahnt, jetzt aber wurde klar, daß es für die unmittelbare Umgebung von Michael Kühnen keine Ruhe mehr geben würde, sondern im Gegenteil jeder Tag ein „Kampftag“ werden würde. Einen Tag nach dem Auftritt vom 12. März hatte die Langener Antifa mit personeller Unterstützung aus Frankfurt zu einer Mahnwache vor dem Alten Rathaus eingeladen. Im März 1933 sollen die Nationalsozialisten dort Kommunisten und andere Gegner gefoltert haben. Mit 15 Mann tauchten wir da unvermittelt auf, es gab heftige Debatten, Sprechchöre und andere Unmutsbezeugungen, aber körperliche Auseinandersetzungen blieben aus. Obwohl den Stadtoberen von Langen unser Wahlkampf und damit der größte Ärger noch bevorstand, hatte die Stadtverordnetenversammlung schon mal das Verbot der FAP gefordert und damit einmal mehr den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit auf uns gerichtet. Wenige Tage nach seiner Freilassung war schon abzusehen, daß Kühnens Rechnung der Instrumentalisierung der Medien voll aufgehen würde. Wir hatten ja noch gar nicht richtig angefangen und schon konzentrierte sich alles auf uns. Der Medienrummel, den wir in den kommenden Wochen und Monaten noch auslösen würden, war so gewaltig, daß der SPIEGEL für die Region mit einem extra Einband erschien und sich die in- und ausländische Presse bei uns die Klinke in die Hand gab. Noch 20 Jahre nach diesen Ereignissen schreibt die Langener Stadtchronik im Jahre 2008 rückblickend in Bezug auf unsere Aktivitäten: „Die Stadt, die in den USA mitnichten ein Begriff ist, schafft es spektakulär auf die Titelseite der New York Times.“ Auch für unsere Leute war die öffentliche Aufmerksamkeit sehr wichtig. Zwar hatten weder Kühnen noch ich den Kameraden eine „Machtergreifung“ versprochen, aber ich hatte schon vor der Haftentlassung Kühnens darauf hingewiesen, daß wir all unsere Kräfte im Rhein-Main-Gebiet konzentrieren würden, um dort eine „Durchbruchsschlacht“ zu schlagen, also den Versuch zu machen, erstmals nach dem Krieg bekennende Nationalsozialisten in ein bundesdeutsches Stadtparlament zu schicken. Das schlimmste, was uns dabei hätte passieren können, wäre das völlige Ignorieren unseres Ansinnens gewesen. Hätte das einfach keinen interessiert und hätten sich die Sicherheitsbehörden ausschließlich um die Ahndung von Straftaten gekümmert, hätten die Medien geschwiegen und die Stadtverordnetenversammlung ein deutliches „Die paar Verwirrten interessieren uns gar nicht!“ vernehmen lassen, wären wir zum Scheitern verurteilt gewesen. So aber zwangen wir das System zu immer hysterischeren Reaktionen und am Ende zu einem Verbot; denn selbst die Frankfurter Rundschau hielt es für wenig wahrscheinlich, daß man unseren Einzug ins Kommunalparlament noch würde verhindern können. Es war natürlich in erster Linie der Name Michael Kühnens, der uns gerade auch das Interesse der medialen Öffentlichkeit sicherte. Und jeder, der es Kühnen neidete, daß er in den Nachrichten so sehr präsent war, wie nie ein „Rechtsextremist“ vor oder nach ihm, der halte sich vor Augen, daß diese Minuten in den Blitzlichtgewittern der Journaille mit Jahren der Einsamkeit in den Zellen von Hamburg und Butzbach teuer erkauft worden waren.
Wie nachhaltig wir die kollektive Erinnerung Langens und seiner örtlichen Journaille geprägt haben, wurde erst in jüngerer Zeit wieder deutlich. Als nämlich die NPD am 08. und 09. Dezember 2008 auch in Langen Unterstützungsunterschriften für die kommende Landtagswahl sammelte, war das der „Langener Zeitung“ nicht nur einen kleinen Artikel wert, sondern man versäumte es auch nicht, auf „Langens unrühmliche Vergangenheit zu Zeiten Michael Kühnens“ hinzuweisen, obwohl der ja zu diesem Zeitpunkt bereits über 17 Jahre tot war und die sogenannten „unrühmlichen Zeiten“ zwei Jahrzehnte zurücklagen. Die Deutschlandfahrt Schon Ende März 1988 startete Michael Kühnen zu seiner angekündigten Deutschlandfahrt und ich war sehr froh, ihn begleiten zu können. Die während der Fahrt geführten ausgiebigen Gespräche waren immer ausgesprochen interessant und lehrreich. Mit Kühnen konnte man übrigens über alles sprechen, von ihm stammt ja der Satz: "Man kann über alles reden, nur nicht über eine Viertelstunde!", womit er immer wieder jenen einen "Seitenhieb" versetzte, die unentwegt und nicht endenwollend auf ihn einredeten... Zentrales Thema war natürlich immer die Politik, gefolgt von der Zeitgeschichte, wobei wir bei weitem nicht nur über das Dritte Reich sprachen. Von Kühnen konnte man auch viel über die Alten Römer, die Alten Griechen oder die Alten Ägypter lernen... er war aber auch ein toller Anekdoten-Erzähler, ich konnte mich scheckig lachen, wenn er über die alten Hamburger Zeiten berichtete, die ich ja nicht selber miterlebt hatte. Leute mit einer so umfassenden Bildung wie Kühnen, sind -zumal wenn sie ein angenehmes Wesen auszeichnet- eigentlich immer kurzweilige Gesprächspartner, egal zu welchem Thema. Da fällt mir auch ein weiterer Satz von Kühnen ein, der mal nach dem Thema seiner nächsten Rede gefragt, antwortete: "Notfalls spreche ich über die Einwirkungen des Wetters auf die Dichter des 13. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Sonnenflecken im Monat Mai..." das fand ich so originell, daß ich es mir bis heute gemerkt habe... Unvergessen ist mir auch ein Gespräch, in dem wir uns scherzhaft darüber unterhielten, ob man später einmal Straßen nach uns benennen wird. Kühnen setzte ein betont ernstes Gesicht auf und sagte er könne sich das nicht nur vorstellen, sondern vor seinem geistigen Auge da sehe er schon “...die Kühnen-Allee, Ecke Brehl-Gäßchen”. Wir haben herzlich darüber gelacht. Michael Kühnen vereinigte in seltener Weise die Weisheit und die Weitsicht des Theoretikers, mit dem untrüglichen Gespür des Pragmatikers. Keiner seiner Gegner konnte an seine politischen Erfolge anknüpfen und die Mobilisierung und Instrumentalisierung der Medien selbst fremder Länder und Kontinente ist ein gewaltiger Erfolg, wenn er das System auch nicht überwinden konnte, er gab einen unüberhörbaren Warnschuß ab und wurde im Gegensatz zu dem meisten Rechten von heute sehr, sehr ernst genommen, niemand hat aber auch umgekehrt so eine Fülle von geistigem Rüstzeug hinterlassen. Kühnen wird einer jener Männer sein, die erst lange, lange nach ihrem Tod die verdiente Würdigung erfahren werden. Man wirft den historischen Nationalsozialisten ja gerne die Bücherverbrennung kurz nach ihrer Machtübernahme vor. Welche Heuchelei, denn im Gegensatz zu diesem symbolischen Akt als Ausdruck des Kampfes “wider den undeutschen Geist”, arbeiten die BRD-Oberen viel subtiler und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Dabei ist nicht nur “Mein Kampf” von Adolf Hitler verboten, auch Kühnens Werke können in Deutschland nicht vertrieben oder gar öffentlich beworben werden. Der “freiheitlichste Staat deutscher Geschichte” (Helmut Schmidt) will verhindern, daß man sich näher mit den Gedanken eines “Neonaziführers” beschäftigt, die dieser in Werken wie “Die Zweite Revolution”, “Einführung in die nationalsozialistische Lebensanschauung”, “Unser Weg – Geschichte des Nationalsozialismus”, die “Neukommentierung des 25-Punkte-Programms der NSDAP” und das “Politische Lexikon” ausgiebig darlegt. Im “Lexikon” z.B. vermittelt Kühnen anhand von 150 politischen Begriffen und Stichworten sein in sich geschlossenes und widerspruchsfrei erscheinendes Weltbild. Doch zurück zur Deutschlandfahrt des Jahres 1988: Von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen besuchten wir Kameradschaften, Stützpunkte aber auch wichtige Einzelpersonen. Die unmittelbaren Folgen des Putsches waren überwunden, überall in der damaligen BRD war die Kühnentruppe wieder organisiert, auch und gerade im Bereich-West, der Hochburg der Gegenseite. Am 21. März hatten wir zunächst Bielefeld angesteuert und hier trafen wir einmal mehr auf Christa Goerth, mit der der Chef auch freundschaftlich verbunden war. Wir übernachteten im Hause der damaligen HNG-Vorsitzenden, um am nächsten Tag auch Christian Worch begrüßen zu können, der ebenfalls nach Bielefeld geeilt war, um Michael Kühnen zu treffen. Für die kommenden Tage listet die Ausgabe Nr. 55 der NEUEN FRONT vom Mai 1988 folgende Termine auf: 20.03.1988: Treffen mit einem Journalisten in Fulda. 23.03.1988: Kameradschaftsabend mit den Kameraden aus Bielefeld und Paderborn.Michael Kühnen hält eine flammende Rede und reißt damit auch die letzten Wankelmütigen mit.
24.03.2008: Besuch bei unserem Kameraden Capitan Walter (Walter Matthäi, Hauptmann der Deutschen Wehrmacht, gemeinsam mit Raoul Nahrath Gründer der Wiking-Jugend und Mitbegründer der Sozialistischen Reichspartei, SRP), der Michael Kühnen jegliche Unterstützung zusagt. Danach gemeinsam mit Capitan Walter Besuch bei den Aachener Kameraden, die nach großen Schwierigkeiten endlich wieder eine arbeitsfähige Gruppe aufbauen konnten. 25.03.1988; Wir fahren kurzfristig wieder nach Frankfurt, um als Zuschauer am neuerlichen Prozeß gegen Wolfgang Hess teilzunehmen. Er wird wegen „Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen“ zu einer Geldstrafe verurteilt.
26.03.1988: Höhepunkt der Propagandaoffensive ist, wie in allen anderen Bereichen so auch im Bereich-West, die Bereichskundgebung. In einem Gewölbesaal der historischen Gaststätte „Ottens Hof“, ehemals Treffpunkt hoher SS-Offiziere in der Nähe der Wewelsburg, spricht Michael Kühnen vor über 50 Kameraden und riesigem Presseaufgebot. (Auch Capitan Walter, Christian Worch, Steiner und Thomas Hainke, ehemals jüngster Kameradschaftsführer der ANS/NA in Bielefeld, sind anwesend) 28.03.2008: Michael Kühnen trifft mit dem Herausgeber der nationalen Publikation „Wehr´ Dich!“, Kamerad Berthold Dinter, zusammen. Kamerad Dinter zeigt sich begeistert von Michael Kühnens Konzeption einer Nationalen Sammlung (NS) und veröffentlicht sie wenig später in seiner Publikation. (Dinter war Kriegsfreiwilliger der Waffen-SS und jahrelanger Anmelder der Rudolf-Heß-Demonstrationen im fränkischen Wunsiedel) Soweit die NEUE FRONT. Am selben Tag trafen wir dann auch noch mit dem Chef der Nationalistischen Front, Meinolf Schönborn, zusammen. Schönborn nahm eine neutrale Position ein und hatte ja auch dem Kameraden Worch die Räumlichkeiten seines nationalen Zentrums in Bielefeld zur Verfügung gestellt, als dieser die beiden Fraktionen an einen Tisch bringen wollte, was aber an der Gegenseite gescheitert war. Spätestens durch das Zusammentreffen mit Christa Goerth, Meinolf Schönborn und dem solidarischen Verhalten der Kameraden Walter Matthäi und Berthold Dinter war die Behauptung der Gegenseite, wir seien im Westen völlig isoliert und hätten bestenfalls einige namenlose Gefolgsleute, schlagend widerlegt. Obwohl eine solche Deutschlandfahrt mit den vielen Veranstaltungen und Einzelgesprächen natürlich ausgesprochen stressig war, wurde Michael Kühnens Laune von Tag zu Tag besser. Für den 29.03.1988 vermeldet die NEUE FRONT den Besuch beim nordrheinwestfälischen Landesvorsitzenden der FAP, Heinz Schönstädt. Dieser hatte seine den Putschisten gegebene Unterschrift per „Offenem Brief“ wieder zurückgezogen, ihnen jegliche Kompetenz und Führungseigenschaft abgesprochen und sich ebenfalls bedingungslos auf die Seite Michael Kühnens geschlagen. Am 30.03.1988 fand dann bereits ein Hauch von Querfront statt, wir trafen uns mit einem führenden Vertreter der ANTIFA in NRW, der vom „blindwütigen Antifaschismus“ seiner Genossen, die Nase gestrichen voll hatte. Wir konnten ihm vorsichtig einige Interna entlocken und hofften, den Dialog zu gegebener Zeit fortsetzen zu können. Am letzten Tag des Märzes besuchten wir dann noch die Kameraden aus Osnabrück, die gerade einen neuen Leserkreis der Neuen Front gegründet hatten.
Anfang April waren wir dann im Norden, am 03.04.1988 waren wir in Hamburg eingetroffen und Kühnens Weg führte ihn zunächst zu einem seiner ältesten Mitstreiter, der auf St. Georg eine Kneipe betrieb und dort als „Nazi-Lothar“ weithin bekannt war. Lothar Wrobel war in jungen Jahren bereits Mitglied der Wiking-Jugend gewesen, später war er Aktivist der alten Hamburger ANS, die aus dem “SA-Sturm-8.-Mai“ hervorgegangen war. Von seiner alten Pinte, der „Endstation“, hatte seinerzeit die berühmte „Eselsmaskenaktion“ ihren Anfang genommen. In dem bereits von den negativen Folgen der Multikultur gezeichneten Problemviertel Hamburg-St.-Georg, bildete Lothars Kneipe einen regelrechten Kontrapunkt zu all den üblen Kaschemmen mit den überwiegend ausländischen Rauschgiftdealern und so wundert es wenig, daß Lothar trotz seiner Gesinnung auch in Polizeikreisen eine gewisse Achtung und Sympathie erfuhr. Während Michael Kühnen noch am Abend ein paar alte Bekannte aus Hamburger Tagen abklapperte, wartete ich in Lothars Kneipe und ließ mir das eine oder andere „Flens“ gut schmecken. Obwohl es bei den Hamburger Kameraden ja hieß „Holsten knallt am dollsten!“, war mir das Flensburger Bier in den alten Flaschen mit Patentverschluß viel lieber. Und als ich so da saß und wartete und mich wunderte, wie hier in diesem Viertel eine Kneipe überleben konnte, deren Wirt „Nazi-Lothar“ hieß, an deren Decke die (kaiserliche) Reichskriegsflagge hing und hinter dem Tresen eine große Mussolini-Büste stand, öffnete sich plötzlich die Türe und eine unüberschaubare Masse von Polizisten drängte in den Schankraum. Na prima, dachte ich, Bereichskundgebung ade´, Freiheit ade´, Deutschlandfahrt ade´, denn – so war ich mir sicher – dieser Auflauf konnte eigentlich nur Michael Kühnen gelten, auf eine andere Idee kam ich erst gar nicht. Ich hielt mich diskret im Hintergrund und versuchte Wortfetzen aufzuschnappen, um die konkrete Lage besser einschätzen zu können. Gab es Haftbefehle? Und wenn ja, warum?
„Ja wo ist denn der Herr Wrobel?“, hörte ich einen der Beamten sagen, den ich aufgrund seiner Schulterstücke und seines goldenen Mützenbandes als hohen Polizeioffizier einordnete. Herr Wrobel sei momentan nicht zugegen, sagte die Bedienung, man erwarte ihn aber baldigst zurück. Die Worte „Kühnen“ „Brehl“ oder „Nazi“ fielen gar nicht erst und so kam mir langsam die Idee, daß der ganze Auflauf gar nichts mit uns zu tun haben könnte. Was aber – um Odins Willen – wollte eine Schar hoher Polizeioffiziere in einer kleinen Pinte auf St.-Georg? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, aber nach dem Verschwinden der Polizisten klärte mich die Bedienung auf: Das sei eben der stellvertretende Polizeipräsident von Hamburg mit weiteren ranghohen Beamten gewesen und man habe sich bei Lothar bedanken wollen. Bedanken? Wofür? Dafür, daß er im übelstbeleumdeten Viertel von Hamburg eine deutsche Kneipe betrieb? Ich war noch immer irritiert, wurde aber nun aufgeklärt. Lothar hatte nämlich auf eindrucksvolle Weise Courage bewiesen, indem er vor Ort ein Zeichen setzte. Als ganz in der Nähe seines Lokals ein Streifenpolizist von einem der erwähnten Rauschgifthändler niedergestochen worden war und dann seinen Verletzungen erlag, hatte Lothar für einen Kranz gesammelt und diesen am Tatort niedergelegt, bzw. aufgestellt. Das brachte ihm nochmal ungeheure Pluspunkte bei der Staatsmacht ein, die dafür auch mal ein zu später Stunde lautstark gesungenes „Horst-Wessel-Lied“ überhörte. Kurz darauf traf auch Michael Kühnen wieder ein, im Schlepptau eine alte Freundin aus Hamburger Tagen. Sie hieß Sonja, war ein echtes Original und bei ihr würden wir auch die nächsten Tage wohnen. Vorher aber wurde erstmal zünftig gefeiert… Am 04. April nahmen wir dann an einem Kaderabend der Hamburger teil; hier wurde auch die bevorstehende Bereichskundgebung besprochen.
Nachdem wir in den folgenden Tagen noch einige Altaktivisten und Förderer besucht hatten, fand dann am 09. April 1988 die Hamburger Bereichskundgebung statt. 70 Kameraden waren gekommen, um Michael Kühnen zu sehen und zu hören. Nach der geschlossenen Versammlung fordern wir einmal mehr unser Recht auf die Straße ein. Völlig überraschend haben die Ordnungs- und Sicherheitsbehörden eine Demonstration vor dem Hamburger Polizeipräsidium erlaubt. Das Motto lautet: „Meinungsfreiheit auch für sogenannte Neonazis!“ und wir sind völlig baff, als man uns auch Megaphon, Transparente und sogar Fackeln genehmigt. Frierend aber dennoch sehr froh, stehen wir an diesem wirklich ausgesprochen kalten April-Abend vor der Polizeizentrale in Hamburg und nehmen unser Recht auf freie Meinungsäußerung wahr. In den kommenden Tagen stehen dann wieder eine ganze Reihe Einzelgespräche auf dem Programm, sie führen uns nach Rendsburg, zu einem weiteren Urgestein des Nationalen Widerstandes, dem Kameraden Hans Koetter, über Lübeck, wo wir an einem Kameradschaftsabend teilnehmen, bis in die Lüneburger Heide zu Altaktivistin Lotte Müller, an deren riesiges Führerbild (geschätzte 150 x 190 cm) ich mich noch heute erinnere. Später fahren wir noch nach Hannover, um an einer Kameradschaftsneugründung teilzunehmen, endlich scheint es wieder überall bergauf zu gehen.
Am 16.04.1988 führen wir dann eine zentrale Kundgebung in Wölfersheim durch und ca. 100 Kameradinnen und Kameraden sind gekommen, dazu viel Presse, und Michael Kühnen nimmt die Gelegenheit wahr, dem hessischen Rundfunk ein ausführliches Interview zu geben. Im Rahmen dieser Veranstaltung kommt es allerdings auch zu einem Zwischenfall. Antifa taucht auf und verfolgt Michael Kühnen, als er sich dem Versammlungslokal nähert. Er wird von der Fahrbahn gedrängt, sein Fahrzeug landet im Straßengraben. Als er das Fahrzeug verläßt, stürzen sich die roten Horden auf ihn und es kommt zu einer Schlägerei, in deren Folge sich Kühnen den Mittelhandknochen bricht. Trotzdem gelingt ihm der Durchbruch. Die Posten vor dem Lokal geben den Alarm nach unten in den Saal weiter und in kürzester Zeit stehen 60-70 wehrfähige Männer auf der Straße. Keine Chance mehr für die Kommune, die überstürzt die Flucht ergreift. Erst als alles gelaufen ist, kommen plötzlich endlose Massen von Polizeiwagen, deren Präsenz aber immerhin sicherstellt, daß die Veranstaltung in Ruhe durchgeführt werden kann und es zu keinen weiteren Zwischenfällen kommt.
Am Tag darauf machen wir noch einen zünftigen Frühschoppen mit den Münchner Kameraden und denen aus der Ostmark. Gottfried Küssel ist in Hochform und läßt die Saiten seiner Gitarre glühen… Am 25.04.1988 ist der WDR in Langen und befragt Kühnen ausführlich zu seinen weiteren politischen Plänen; am 28.04.1988 treffen wir im Saarland mit einem Kameraden zusammen, der endlich unseren ersten saarländischen Leserkreis gründen will. In der Gaststätte, in der wir uns treffen, hängen „verfassungsfeindliche Kennzeichen“ zu Hauf, darunter auch ein Hitlerrelief und ein Reichsadler mit Eichenkranz und Hakenkreuz in den Fängen. So etwas habe ich zuletzt im „Löwen von Flandern“ oder im „Cafe´ Odal“ in Antwerpen gesehen, doch hier in der ländlichen, saarländischen Idylle scheint das niemanden zu stören. Auch die örtliche Polizei nicht, die ebenfalls in der Kneipe verkehrt. Daß das vor über 20 Jahren noch möglich war, hat mich auch damals schon gewundert; heute würde ich es nicht glauben, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. |