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...und Kühnen wie immer "d.u."

Wie schon betont befand sich Kühnen in diesen Tagen auf einer nicht enden wollenden Deutschlandfahrt, er war – wie wir es nannten "d.u." – also "dauernd unterwegs". So oft ich konnte, begleitete ich ihn auf diesen Reisen durch die Republik und ins benachbarte Ausland. Von der Gründung bis zu ihrem Verbot bestand die ANS/NA gerade mal knappe 11 Monate und zuletzt verfügten wir über fast 40 Kameradschaften, was nichts anderes bedeutet, als daß praktisch in jeder Woche eine neue Kameradschaft gegründet wurde.

Unvergessen: Michael Kühnen

Die örtlichen Kameraden legten natürlich großen Wert darauf, daß der Chef bei der Gründung ihrer Truppe dabei sein sollte und eine seiner stets auf's Neue faszinierenden Reden halten sollte. Und wann immer es sich einrichten ließ, war Michael Kühnen dazu bereit. Ich habe mitreißendere Reden gehört, als die von Michael Kühnen aber keine, die so ins Innerste trafen, so tief berührten, wie die seinen. Die mitreißenden Reden waren eher wie ein kurzer Rausch, mit dem Ende der Veranstaltung schon wieder vergessen und verflogen. Bei Kühnens Reden kam es vor, daß ich noch Monate später von irgendeinem Kameraden angesprochen wurde und der mir sagte: "Weißt Du noch, was Michael bei der Kameradschaftsgründung in XYZ gesagt hat?" Und da wußte ich, daß die Zuhörerschaft das Gesagte auch verinnerlicht hatte und im Herzen mit sich trug.

Oft kam es im Rahmen der Kameradschaftsgründungen zu Polizeieinsätzen, noch häufiger verloren die Kameraden kurz vor der Veranstaltung das entsprechende Sturmlokal, aber all das gehörte zum revolutionären Alltag jener Tage. In Hattingen zum Beispiel hatte sich die Polizei besonders große Mühe gegeben. Erst ging das Lokal verloren und wir wichen – es war immerhin November – ins Freie an ein Lagerfeuer aus. Auch das wollte man nicht dulden und umstellte das ganze Gelände. Zu gerne hätten wir uns einer Festnahme gestellt, aber wir mußten weiter, war doch für den darauffolgenden Tag die Wiederholung des historischen Marsches zur Feldherrnhalle in München geplant, da durften wir nicht fehlen. Also ließen wir die Beamten ziellos umherirren, während wir im Schutze der Dunkelheit das Weite suchten. Die meisten fanden es auch. Zu Hattingen fällt mir dann auch noch eine ganz nette Anekdote ein. Der stellvertretende Kameradschaftsführer dieser NRW-Gemeinde war durch sein politisches Engagement in der Schule unangenehm aufgefallen. Jeder Versuch des Lehrkörpers den damals vielleicht 16jährigen Kameraden durch einen Appell an das, was die Damen und Herren für Vernunft hielten, von seinen Aktivitäten abzuhalten, war gescheitert. In seiner Verzweiflung muß dann wohl der Klassenlehrer die letzte Trumpfkarte gezogen haben und sagte sinngemäß zu dem Kameraden: "So, Du bist also stellvertretender Kameradschaftsführer der neonazistischen ANS/NA!? Ich glaube, ich muß das mal Deinem Vater sagen!" Worauf der Kamerad seelenruhig antwortete: "Das können sie gerne tun, er ist nämlich der Kameradschaftsführer!" Und so war es auch, Vater und Sohn waren K.-Führer und Stellvertreter, armer Lehrer!

"stern"-Bericht über den AAR-Wahlkampf 1983

Ob in Kneipen, auf Wiesen, im Wald oder wie in Bielefeld einmal in einer großen Garage, immer wieder gründeten wir örtliche Gruppen, immer wieder sprach Michael Kühnen vom Reich und unsrem Auftrag zur Wiederherstellung seiner Handlungsfähigkeit. Wir waren tatsächlich so etwas wie die "neue SA" geworden und ungeheuer stolz auf das Geleistete und das Echo, das es auslöste. In Hanau unterhielten wir lange ein Postfach und hier landeten dann auch Briefe aus allen Teilen Deutschlands. Damals passierten noch solche hocherfreulichen Dinge, wie daß der "stern" in einem Artikel über uns einen unserer Aufkleber mit voller Adressangabe abdruckte, heute undenkbar: Man muß sich das mal vorstellen, wir kratzten unsere letzten paar Mark zusammen, um mal wieder 2,3, oder 5.000 Aufkleber drucken zu können und da kommt der "stern" mit einer Gesamtauflage von damals etwa 800.000 Exemplaren daher und druckt uns den mit voller Adresse ab. Ein Geschenk des "Gruner und Jahr-Verlages", das uns allerdings neben Interessentenzuschriften auch eine ganze Menge an Schmäh- und Drohbriefen einbrachte und auch einige jener Schreiben, für die Michael Kühnen einen eigenen Ordner angelegt hatte. Seine Aufschrift "Kuriositäten". Ich würde was dafür geben, wenn ich heute noch wüßte, wo dieser Ordner abgeblieben ist, denn auch der wäre eine Veröffentlichung wert und sicher für zahlreiche Lacher gut. Damals wußten wir allerdings manchmal nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Oder besser: Gerne hätten wir gelacht, aus Höflichkeit blieben wir aber ernst und klopften uns erst im Auto auf die Schenkel, wenn wir jene skurrilen Begegnungen hinter uns gebracht hatten, von denen dieser Ordner Zeugnis ablegte.

Eine solch skurrile Begegnung fand damals auch während einer unserer Deutschlandreisen statt. Ein zunächst seriös wirkender älterer Herr hatte Kühnen angeschrieben und um ein Treffen gebeten. Er habe eine geradezu geniale Idee ausgebrütet und würde diese uns gerne kostenlos zur Verfügung stellen. Wir trafen uns dann mit diesem Herrn in einer Autobahnraststätte und schon der Beginn des Gesprächs ließ nichts Gutes erahnen. Der Fremde begann die Unterhaltung mit der an Kühnen und mich gerichteten Bitte "Nennen sie mich 'R6'!" Ich versuchte ruhig zu bleiben, was umso schwerer fiel, als Kühnen mit geradezu betretener, staatsmännischer Miene zurückfragte "Wie die Zigarettenmarke?", worauf der Mann wieder antwortete: "Ja, 'R6', wie die Zigarettenmarke!" Ich habe Kühnen in diesen Situationen immer wieder bewundert, stets behielt er die Nerven und statt aufzustehen und das Lokal zu verlassen, bat er den Exzentriker uns auch noch seine "geniale Idee" zu erklären. Der Vortrag mag wohl über eine Stunde gedauert haben, aber am Ende stand die Forderung nach Einebnung des Siebengebirges. Dies sei eine so geniale verkehrspolitische Forderung, die würde die Leute in Scharen in unsere Reihen treiben. Es ist zu vermuten, daß der gute Mann diese, seine Idee erst allen möglichen etablierten Politikern zugeschickt hat und nachdem sich deren Begeisterung in so engen Grenzen hielt, daß vermutlich niemand ihm geantwortet hatte, wendete er sich aus lauter Verzweiflung an die "bösen Neo-Nazis". Na ja, wie wir wissen, ist das Siebengebirge nochmal mit `nem blauen Auge davongekommen.


"Ole', wir fahr'n in Puff nach Barcelona...

Francesco Franco

1983 war denn auch das Jahr in dem ich zum ersten Mal nach Spanien fuhr. Es gab eine ganze Reihe Kontakte nach Spanien und dieses Land galt zu diesem Zeitpunkt noch immer als heimliches "El Dorado" für Nationalsozialisten und Faschisten. Zu Francos Todestag kamen in Madrid alljährlich immerhin noch bis zu 120.000 Menschen zum ehrenden Gedenken zusammen. Aber auch im Alltag wirkte die Franco-Periode noch lange nach. Fast 4 Jahrzehnte hatte der Caudillo das Land regiert und hätte er als Nachfolger nicht ausgerechnet den Hochgradfreimaurer Juan Carlos bestimmt, der für ihn so etwas wie ein Ziehsohn darstellte, sondern lieber einen kampferprobten Falangisten, hätte sich die Geschichte in diesem Teil Europas vermutlich anders entwickelt. Juan Carlos jedenfalls verriet die Ideale der Falange und ihres Führers Franco. Formell monarchistisch, entwickelte sich Spanien unter diversen Linksregierungen ähnlich wie viele andere europäische Staaten auch. Die Liberaldemokratie entmachtete die alten Eliten, die einst mächtige FN (Fuerza Nueva – Partei der Falangisten) löste sich schließlich selbst auf, um unter der Bezeichnung "FNT" lediglich kulturelle Arbeit zu leisten und sich aus der großen Politik herauszuhalten. Schon Adolf Hitler hatte von Franco nichts gehalten und sagte nach seinem historischen Treffen mit Spaniens Staatschef, er würde sich lieber drei gesunde Zähne ziehen lassen, als noch einmal mit Franco zu verhandeln. „Der Mann wäre in Deutschland nicht mal Ortsgruppenleiter geworden“, bemerkte der Führer. Die deutsche Unterstützung im Bürgerkrieg wurde uns später jedenfalls nicht gedankt, der starren Haltung Francos wegen blieb Gibraltar den gesamten Krieg über in britischer Hand. Tapfer kämpften lediglich die Freiwilligen der „Blauen Division“, die am Ausgang des Weltkrieges freilich auch nichts  mehr ändern konnten.

Wie schnell sich die Dinge plötzlich wandelten, bemerkte ich eher an Kleinigkeiten, so z.B. beim Besuch des Franco-Grabmals, dieser großen – "Valle de los Caidos" ("Tal der Gefallenen") genannten – Anlage in der auch José Antonio, der Falange-Gründer, begraben liegt. Dominierte im Jahre 1983 noch der Caudillo auf Bildern, Postkarten, Andenken usw. den Devotionalienhandel im Bereich des Grabmals unweit von Madrid, so war es im Jahre darauf schon eindeutig Juan Carlos. Franco sollte wohl durch eine lautlose Revolution so langsam auch aus dem Bewußtsein der Spanier verschwinden.

Leon Degrelle

Na ja, 1983 wußte ich noch nicht, daß ich im darauffolgenden Jahr wieder nach Spanien kommen würde, dann jedoch an der Seite von Michael Kühnen, um den großen Leon Degrelle zu besuchen, jene Ikone aller europäischen Faschisten, doch davon konnte ich diesmal nur träumen und es wird später noch ausführlich davon zu berichten sein...

Aber nun versprach die Reise allein durch die Teilnahme von Matthias Becker zum Abenteuer zu werden und so war es dann auch. An einem Sommertag fuhren wir mit zwei Autos und vier Mann Richtung Madrid, nachdem wir uns im Heimatort Beckers, in Plochingen, getroffen hatten. Ich hatte mich bei Michael Kühnen ordnungsgemäß abgemeldet und ihm gesagt, daß ich mir einen Kurzurlaub gönne und dabei natürlich versuchen würde, das Angenehme mit dem politisch Nützlichen zu verbinden. Neben Becker und meiner Wenigkeit nahmen noch der stellvertretende ANS-Kameradschaftsführer von Würzburg, Udo Kluge und das NPD-Mitglied Klaus Acker an diesem Abenteuerurlaub teil. Udo Kluge, von dem ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, daß er in den Diensten des Verfassungsschutzes stand, war ein sehr angenehmer Reisebegleiter. Durch nichts aus der Ruhe zu bringen, behielt er auch in schwieriger Lage immer die Nerven und den Überblick – und dieser Udo Kluge sollte mir seine VS-Tätigkeit ca. ein halbes Jahr später offenbaren, auch das unter eher abenteuerlichen Umständen, doch auch dazu später mehr...

Klaus Acker von der NPD kannte ich nicht besonders gut, er nahm aber auch oft an Veranstaltungen mit eindeutig nationalsozialistischem Charakter teil. Im Rückblick meiner Erinnerung bleibt er eher farblos, eine Dutzendgestalt eben, lediglich seine Prahlerei mit diversen Kampfsportarten ist mir erinnerlich...

Die Idee zu unserer Spanienreise verdankten wir sowieso dem guten Matthias Becker, dessen Schwester wohnte nämlich mit ihrem Lebensgefährten, einem Spanier, seit geraumer Zeit in Madrid und Becker wollte sie ohnehin mal besuchen. Becker war auch der einzige von uns, der wenigstens ein bißchen Spanisch sprach. Das sollte sich noch als hilfreich erweisen, denn meine Hoffnung ich könne mich auch in Spanien mit meinem Schulenglisch durchschlagen, erwies sich sehr bald als Irrglaube. Die stolzen Spanier, die nach den orientalischen Mauren keine Fremdbesetzung mehr hatten erdulden müssen, da sie sich unter Franco auch im Zweiten Weltkrieg neutral verhalten hatten, waren mehrheitlich der Meinung, daß der, der sich mit ihnen unterhalten wolle, gefälligst ihre Landesprache erlernen solle. Eine gesunde Einstellung, um die ich die Spanier nur beneiden kann...

Auf der Hinfahrt kamen wir auch nach Barcelona, hier endete damals die Autobahn und ich empfand es schon als reichlich rückständig, daß es nicht einmal eine Autobahnverbindung in die Hauptstadt Madrid gab. Aber so war es damals und wir nahmen uns vor, auch das schöne Barcelona auf der Rückfahrt noch zu besuchen. Hätten wir gewußt, was uns dort noch erwarten würde, hätten wir vermutlich anders entschieden, so aber kann ich dieses Buch um eine weitere Anekdote bereichern, denn hier in Barcelona wartete noch das große Abenteuer auf uns. Zunächst aber ging es nach Madrid, es lockten der große Flohmarkt, die Kneipen und außerdem wartete Beckers Schwester auf uns.

Nachdem wir uns mit Nachbildungen von SA- und SS-Dolchen eingedeckt hatten, die es damals noch ausgesprochen billig zu kaufen gab, tingelten wir über den Madrider Flohmarkt auf dem Unmengen von "Nazi-Devotionalien" angeboten wurden. Wir hätten uns gerne noch ausgiebiger umgesehen, aber es herrschte eine selbst für spanische Verhältnisse unerträgliche Hitze. Die örtlichen Behörden hatten einen "Wassernotstand" ausgerufen und um uns dennoch mit reichlich Flüssigkeit zu versorgen, kauften wir in einem "Tante-Emma-Laden" sämtliche Dosenvorräte an Spargel auf.

Anderntags hatten wir – dank der Vermittlung durch die NPD – einen Termin mit dem Madrider Chef der oben erwähnten FNT. Der residierte in einem Büro in der Innenstadt und empfing uns ausgesprochen reserviert. Als er uns nach unseren Mitgliederzahlen fragte und Acker von der NPD (gut, daß er dabei war!) wenigstens noch freudestrahlend mit 7.000 antworten konnte, da entglitt dem guten Mann ein müdes Lächeln. Soviel hatten die damals vermutlich schon in irgendeinem Vorort von Madrid. Da saß er nun, der Chef der FNT, hinter sich ein Bild von Franco, das so groß war, daß es etwa einer großen Wohnungstüre entsprach und belächelte uns mitleidig. Er konnte ja auch nicht ahnen, daß es die NPD und den gesamten Nationalen Widerstand in Deutschland auch zwanzig Jahre später noch geben würde, während niemand mehr weiß, wer oder was die FNT war und noch viel weniger, wie deren Chef hieß. Den Unterschied zwischen Quantität und Qualität mußte ihm wohl erst das Leben beibringen, das ja bekanntlich jeden bestraft, der zu spät kommt...

Da streiften wir doch lieber durch die Madrider Altstadt und hier besonders durch die kleinen Kneipen. Als wir die erste betraten, fiel mir sofort der ganze Müll auf, der auf dem Boden herumlag. Papierservietten, Zigarettenkippen usw. Ich sagte zu Becker, daß wir lieber in eine andere Kaschemme gehen sollten und er meinte, das können wir gerne tun, nur sieht's da überall so aus. Nach Deutschland zurückgekehrt antwortete ich später auf die Frage nach den spanischen Kneipen immer mit dem Satz: "Spanische Kneipe? Da kann man vom Boden essen! Es liegt ja genug rum...!"

Valle de los Caidos

In einem dieser gastronomischen Erlebnisparks machten wir dann gegen Abend den Fehler eine "originale, spanische Sangria" zu bestellen. Heute weiß ich so ungefähr, was da alles reingehört, aber auch damals wunderte ich mich schon ein wenig, wie der spanische Wirt aus sämtlichen herumstehenden Flaschen irgendetwas in einem großen Kübel zusammenschüttete. Da war dann aber auch alles drin und der Alkoholgehalt war entsprechend. Ich weiß nicht mehr, wie wir unser Hotelzimmer gefunden haben, aber daß ich anschließend "nie mehr Alkohol" trinken wollte, das weiß ich noch ganz genau.

Nun begab es sich aber zu jener Zeit, daß ich einen Friseurbesuch für dringend notwendig erachtete und so wollte ich das anderntags gleich in Madrid erledigen. Wir gingen also in einen kleinen Laden und ich bat Becker (der mit den Spanischkenntnissen!) dem Friseur klarzumachen, daß er den Kragen frei und die Seiten kürzen, das Deckhaar aber lang lassen sollte. Nichts Böses ahnend hatte ich Platz genommen und kaum daß ich saß, fuhr mir der Friseur mit einer handbetriebenen, stromlosen Schneidemaschine quer über den Kopf. Entsetzt sah ich im Spiegel, daß ich plötzlich einen negativen Irokesenschnitt hatte, also dort, wo der Irokese den Streifen hat, fehlten bei mir die Haare. Es blieb nichts anderes übrig, als eine Komplettglatze schneiden zu lassen, zur großen Belustigung der anderen Kameraden. Ich bin mir heute noch sicher, daß Becker das absichtlich gemacht hat, sein "...da muß der mich falsch verstanden haben!" klang wenig glaubwürdig. Vielleicht war "Glatze" auch das einzige Wort aus dem Frisurenbereich, das er auf spanisch kannte!?

Nach einigen Tagen in Madrid traten wir dann die Rückreise an und erinnerten uns an unsere ursprüngliche Absicht auch noch Barcelona unsicher zu machen und das schafften wir dann auch!

Wer sich nun gebannt fragt, warum ich als Überschrift über dieses Kapitel die etwas schlüpfrige Zeile eines Karnevalsschlagers gewählt habe, den will ich hiermit aufklären:

Wie viele Millionen mögen zur Fastnachtszeit schon gesungen haben "Ole' wir fahr'n in Puff nach Barcelona..."? Die wenigsten von ihnen dürften je dort gewesen sein. Aber mit unserem natürlichen Interesse an sozialen Randgruppen, hatten wir uns natürlich gerade in jenen viel besungenen Stadtteil begeben und während ich mir gemeinsam mit Udo Kluge den einen oder anderen alkoholischen Trunk genehmigte, waren Becker und Acker losgezogen, um die Bekanntschaft der ebenso offenherzigen, wie käuflichen Damen zu machen. Kluge und ich hatten schon reichlich gezecht, als die Tür zu dieser kleinen Kaschemme aufflog und ein total aus dem Häuschen geratener Klaus Acker hereinstürzte. Er bekam sich gar nicht mehr ein und faselte was von "Becker" und "Zuhältern" und "höchste Lebensgefahr" und so weiter...

Symbol der "Blauen Division"

Nun war ich auch schon damals nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, der Alkohol tat das übrige und außerdem führte ich sicherheitshalber eine 8 Millimeter Gaspistole mit, die täuschend echt aussah und mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit vermittelte. Jedenfalls folgten wir dem immer noch völlig aufgelösten und wild gestikulierenden Acker aus der Kneipe und als wir um einige Straßenecken gebogen waren, sah ich die Bescherung. Umringt von einigen baumlangen Zuhältern und anderen üblen Gestalten stand mein Matthias Becker mitten auf der Straße und aus den Fenstern der umliegenden Häuser keiften die Nutten. Becker in gewohntem "Outfit", also mit Stiefeln, Flecktarnjacke und dem unverzichtbaren roten Barett mit dem Totenkopf drauf, versuchte die Umstehenden zu beruhigen. Obwohl wir nun zu viert waren, hatten wir nicht die geringste Chance im Falle einer körperlichen Auseinandersetzung, die allerdings unmittelbar bevorzustehen schien. Das ganze Drama hatte natürlich nicht den geringsten politischen Hintergrund, Beckers Klamotten waren denen völlig egal, es ging wohl um Geld, das konnte ich ansatzweise noch verstehen. Ich will hier wirklich nicht mit meiner BGS-Erfahrung prahlen, aber aus meiner Polizeiarbeit heraus war mir schon klar, daß es hier nur eine schnelle Lösung geben konnte, denn die Zeit arbeitete gegen uns. Ich zog also unter lautem Geschrei die Pistole, hob sie hoch über den Kopf und lud sie hörbar durch. Dann winkte ich alle zur Seite und zerrte Becker raus aus dem Geschehen. Die Luden waren wie gelähmt und ich wußte natürlich nicht, wie lange diese Lähmung anhalten würde und so schrie ich die anderen an, schnell das Weite zu suchen, während ich mit einer kleinen Gaspistole die übelsten Zuhälter von Barcelona in Schach hielt. Die Situation war brandgefährlich, denn wäre ich zur Abgabe eines Schußes gezwungen worden, hätten die sicher auch in Waffenangelegenheiten leidlich bewanderten Halbweltgestalten sofort gemerkt, daß da ein übergeschnappter Deutscher mit einem "Placebo" hantierte und mein Leben wäre vermutlich keinen Pfifferling mehr wert gewesen.

Als ich mich einige Zeit später ganz vorsichtig und nur kurz herumdrehte um die Burschen nicht aus den Augen zu lassen, sah ich aus dem Augenwinkel, daß meine Kameraden mittlerweile ca. 200 Meter weiter weg standen und ein Taxi angehalten hatten. Die Pistole noch immer im Anschlag bewegte ich mich rückwärts in Richtung Taxi und zu meiner großen Verwunderung stand die creme' de la creme' der Unterwelt von Barcelona noch immer wie gebannt da, als könne sie das alles nicht begreifen. Als ich genug Raum zwischen mir und den Kerlen gelassen hatte, ließ deren Erstarrung nach und laut schreiend nahmen sie meine Verfolgung auf. Zu spät natürlich, denn schon hatte ich das Taxi erreicht und wir brauchten dem Fahrer gar nichts weiter zu sagen, er gab von sich aus Gas und weg waren wir.

Sicherheitshalber ließen wir uns nicht direkt zu unseren Fahrzeugen bringen, sondern stiegen einige Straßen vorher wieder aus. Acker und Kluge zogen schon mal Richtung Autos los, ich erledigte mit Becker die Bezahlung des Taxifahrers und so folgten wir unseren Kameraden in einiger Entfernung. Wir waren gerade dabei das Erlebte im Gespräch zu verarbeiten und ich war ohnehin schlagartig wieder nüchtern geworden, als die Vorausgehenden unsere Fahrzeuge fast erreicht hatten. In diesem Moment geschah es: Schwerbewaffnete Uniformierte sprangen aus den Büschen und rissen unsere Begleiter nieder. Daß sie mit ausgestreckten Armen und Beinen auf der Straße lagen und ein riesiger Krawall losging, war das letzte, was ich vorerst vom Geschehen mitbekam. Ruckzuck hatte ich den nun wirklich nicht unauffälligen Becker in eine Seitenstraße gedrückt und so waren wir den Augen der "Guardia Civil" erstmal entzogen, die derweil die anderen beiden "bearbeitete".

Was jetzt? Wir wurden gesucht, soviel war klar! Vermutlich hatte der Taxifahrer die Ordnungsmacht alarmiert, die Luden bestimmt nicht, die waren sicher froh keine Polizei in ihrem Viertel zu sehen und außerdem empfanden sie den ganzen Vorgang aus ihrer Sicht wohl eher als Blamage. Zuerst mußte die "Knarre" weg.

Ich versteckte sie auf einem Schulgelände unter einem Holzstapel. Offensichtlich waren Ferien, alles war wie ausgestorben, aber was nun? Einen Trumpf hatte ich noch im Ärmel, ich hatte aus einem deutschen Verfassungsschutzbericht die Adresse der spanischen CEDADE rausgeschrieben, die in Barcelona einen Stützpunkt unterhielt. Wieder holten wir uns ein Taxi und Odin sei Dank verfügten die damals noch nicht über Funk und ähnlichen Luxus. Jedenfalls war der Fahrer wohl arglos und so hielt ich ihm die Adresse der CEDADE (Ciculo Espanol de Amigos der Europa – Spanischer Zirkel der Freunde Europas) unter die Nase und er brachte uns anstandslos hin. Dort angekommen hatten wir das große Glück auf einen Gewährsmann von Pedro Varela, dem CEDADE-Chef zu treffen. Es war ein gewisser Ernesto Ross und der Mann war Deutsch-Spanier und bereits 1938 nach Spanien ausgewandert. Er sprach ebenso gut deutsch wie spanisch und bot uns sofort seine kameradschaftliche Hilfe an. Ich sagte ihm auch ganz ehrlich, daß unsere Fahrzeuge wohl beschlagnahmt wären und ich im Kofferraum Unmengen von NS-Propagandamaterial spazieren führe. Der Knackpunkt sei die Waffe und er könne nur hoffen, daß wir keine weiteren Pistolen oder ähnliches dabei hätten. Das konnten wir guten Gewissens verneinen.

Ernesto war der Meinung, wir sollten uns sofort zu unseren Autos begeben, andernfalls wäre die Gefahr eine längeren Inhaftierung sehr groß, verbunden mit dem Risiko daß wir getrennt würden, was die Lage ebenfalls verschlimmert hätte. Mit mehr als gemischten Gefühlen fuhren wir mit Kamerad Ross zu unseren Fahrzeugen zurück und sahen schon von weitem den gewaltigen Auflauf, den der Einsatz der "Guardia Civil" verursacht hatte.

CEDADE-Chef Pedro Varela

Kluge und Acker waren zwar noch gefesselt, aber sie standen wenigstens wieder auf den Beinen. Mit großem Aufwand wurde gerade Kluges BMW durchsucht, direkt daneben stand mein Mercedes, den man gerade aufbrechen wollte, wäre ich nicht rechtzeitig erschienen. Ernesto ging sofort auf die Beamten zu und ließ sich zum Einsatzleiter bringen. Mit diesem sprach er dann für uns unverständlich, aber augenscheinlich recht ruhig und freundlich. Mit dem Chef der Einheit kam er dann auf uns zu und sagte, ich solle meinen Fahrgast- und den Kofferraum öffnen, die Durchsuchung gelte der Auffindung einer Waffe. Ich versicherte, keine Waffe bei mir zu haben, öffnete den Kofferraum aber trotzdem mit einem flauen Gefühl, denn ich wußte ja, was ich da so transportierte. Sofort begannen einige Beamte der "Guardia Civil" mein Auto zu durchsuchen und zogen alsbald großformatige Führerbilder und Nachdrucke von NS-Plakaten aus dem Fahrzeug. Was in Deutschland zu einer sofortigen Festnahme geführt hätte, löste in Barcelona wahlweise Gleichgültigkeit oder sogar heiteres Interesse aus. Einer der spanischen Polizisten stieß mich kurz an und deutete auf seine Uhr. Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte und im selben Moment drehte er das Gehäuse am flexiblen Band einfach um und zum Vorschein kam ein Bild des Gaudillo Generalissimo Francesco Franco in voller Uniform. Die Situation hatte sich schlagartig entspannt und als man tatsächlich keine Waffe fand, löste man die Fesseln der beiden anderen Kameraden und ließ uns über Ernesto mitteilen, wir könnten gehen und seien freie Männer.

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Ernesto indes nahm uns zur Seite und bedeutete uns, wir sollten lieber schnell verschwinden, bevor vielleicht ein anderer Dienstvorgesetzter die Sache weiter verfolgen möchte. Am besten sei es, das Land sofort zu verlassen, wir hätten eben viel Glück gehabt. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir bedankten uns bei Ernesto Ross für seine wirkungsvolle Hilfe und machten uns auf den Weg. Langsam bekam ich wieder "Oberwasser" und so sagte ich zu Becker: "Die Pistole lasse ich denen aber nicht, die holen wir noch schnell ab!" Jeder andere hätte schreiend abgewinkt, aber Becker machte auch diesen "Spaß" mit und während die anderen beiden schon mal in Richtung französischer Grenze aufbrachen, holte ich mit dem guten Matthias noch das nachgemachte Schießeisen vom Schulgelände.

Als dann auch wir die spanisch-französische Grenze erreichten, hinter der bereits die anderen Kameraden warteten, wurden wir vom spanischen Zöllner kurz angehalten. "Aleman?" fragte er uns und Matthias Becker, der seine Fassung längst wiedergefunden hatte, wenn er sie denn je verloren hatte, antwortete in seiner unnachahmlichen Art: "Alle Mann? – Nee, nur wir zwei!"


Kühnens Resümee

...und immer wieder Interviews, hier 1983

Bereits im Sommer 1983, spätestens jedoch nach dem Wahlkampf der AAR zog Michael Kühnen eine durchweg positive Bilanz unserer gemeinsamen Arbeit und ließ uns mit Stolz auf das Erreichte zurückblicken. Anläßlich eines Führerthings im nordrhein-westfälischen Borken zeigte er sich ausnehmend zufrieden mit den Ergebnissen nach etwas über einem halben Jahr Aufbauarbeit und offen nationalsozialistischer Propaganda. Kühnen war jedoch stets Realist geblieben und im kleinsten Kreis bekannte er jetzt immer öfter, daß er sich sicher sei, daß uns das System nicht "ewig" so weitermachen lassen würde. Da es aber völlig sinnlos sei, nunmehr plötzlich einen "Schmusekurs" gegenüber den Herrschenden zu fahren, da auch damit ein Verbot weder verhindert noch verzögert werden könne, gedachte Kühnen den Provokationskurs nicht nur fortzusetzen, sondern immer noch einen draufzusatteln, denn eines war klar: So radikal, so offen nationalsozialistisch, so provozierend würde in absehbarer Zeit keine revolutionäre Jugendtruppe in Deutschland mehr auftreten können. Wir aber würden die Zeit bis zur letzten Sekunde nutzen und sollte man die Führung unserer Gemeinschaft beim Verbot verhaften, würden wir auch daraus noch ein provokantes Medienspektakel zu machen wissen...

Hinter Kühnen: L. Zaulich und FAP-Gründer Pape

Je mehr wir die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit durch die Tätigkeit nationaler – aber auch internationaler – Medien erregten und auf uns lenkten, desto lauter und breiter gefächert wurden die Rufe nach einem Verbot der ANS/NA. Ich selbst konnte mir kaum vorstellen, wie es plötzlich im Verbotsfall weitergehen sollte, nur daß wir nicht plötzlich jede Aktivität einstellen würden, das war der gesamten Führungsriege klar. Ich fragte mich jetzt immer öfter, ob Michael Kühnen für den Verbotsfall schon ein fix und fertig durchdachtes Konzept in der Tasche hatte, oder ob er spontan und nach Lage der Dinge entscheiden würde, wie die Arbeit fortgesetzt werden könne.

Als die ANS/NA dann tatsächlich verboten wurde, verfügte sie über 2 Traditionsgaue (in denen die alte ANS schon aktiv gewesen war), 3 Stammkameradschaften und folgende weitere Kameradschaften im Bundesgebiet:

Die Kameradschaften der ANS/NA: ANS-Traditionsgaue Hamburg und Mainfranken-Würzburg 1. Stammkameradschaft Fulda 2. Stammkameradschaft Frankfurt 3. Stammkameradschaft Nagold 4. Karlsruhe 5. Bielefeld 6. Hamburg-II 7. Hanau 8. Bad Hersfeld 9. Berlin 10. Hamburg-III 11. Braunschweig 12. Kiel 13. Oberpfalz 14. Lübeck 15. Ulm 16. München 17. Detmold 18. Marburg 19. Ober-Main 20. Lüchow-Dannenberg 21. ? 22. Duisburg 23. Hagen 24. Osnabrück 25. Beckum 26. Ratingen 27. Witten 28. Krefeld 29. Pinneberg 30. Hannover 31. Mainz 32. Wilhelmshaven.

Sollte aber selbst bei unserem Chef eine gewisse Konzeptionslosigkeit für den Verbotsfall geherrscht haben, so kam uns im Sommer 1983 der Zufall zur Hilfe. Plötzlich gab es eine ganz realistische Perspektive für die Weiterarbeit nach einem jederzeit möglichen Verbot. Ich weiß, daß ich auch hier wieder mit einigen Vorurteilen und falschen Überlieferungen aufräume, ich verbürge mich aber dafür, daß meine Darstellung der Wahrheit entspricht. Die später in die Welt gesetzte Mär und Legende, die „bösen Neo-Nazis“ von der verbotenen ANS hätten ganz und gar überraschend und natürlich gegen dessen Willen die bürgerlich-nationale FAP ihres Vorsitzenden Martin Pape unterwandert, um sie zu ihren Zwecken zu instrumentalisieren, gehört ins Reich der Fabel. Es war alles ganz anders...

Über den bereits erwähnten Lothar Zaulich erreichte Michael Kühnen eines Tages die Bitte des Bundesvorsitzenden einer in Stuttgart beheimateten und bis dato gänzlich unbekannten Partei namens FAP, zu einem vertraulichen Gespräch. Martin Pape hieß der Mann, der hatte diese FAP ein paar Jahre zuvor gegründet und gab immerhin schon damals eine eigene Zeitung heraus. Kühnen willigte sofort ein und das konspirative Treffen zwischen ihm und besagtem Martin Pape konnte stattfinden. Wir trafen uns in der Stuttgarter Wohnung von Lothar Zaulich in der Gabelsberger Hauptstraße im kleinen Kreis. Ich war Zeuge der Ereignisse im Vorfeld und war auch beim eigentlichen Gespräch zugegen, sodaß ich heute guten Gewissens sagen kann, daß es Martin Pape selbst war, der Kühnen die FAP als "Auffangbecken" für im Falle eines Verbotes politisch heimatlos gewordene Kameradinnen und Kameraden anbot. Eine "feindliche Übernahme" hat es also nie gegeben. Die massenhaften Eintritte ehemaliger ANS/NA-Kader in die FAP nach dem Verbot unserer Truppe kamen also für Herrn Pape keineswegs überraschend, sondern gingen auf seinen ureigenen, gegenüber Michael Kühnen geäußerten Vorschlag zurück. Daß das später dann gerne auch von Herrn Pape anders dargestellt wurde, liegt wohl daran, daß es natürlich nicht so lief, wie der FAP-Vorsitzende es sich vorgestellt hatte. Sicher hatte der gedacht, er könne sich eine große Anzahl junger, einsatzerprobter und hochmotivierter Fußtruppen einverleiben, um damit seiner vor sich hindümpelnden Partei neuen Elan, frische Kraft und reichlich neue, zahlende Mitglieder zuzuführen. Aber obwohl weder Kühnen noch ich offiziell Mitglied dieser FAP wurden, so war sie dennoch Dank der Gefolgschaftstreue der ehemaligen ANS-Mitglieder lediglich eines von mehreren Instrumenten, mit denen der Kampf nach dem Verbot erfolgreich fortgesetzt wurde..

In Stuttgart jedenfalls wurde man sich damals schnell einig: Sollte die ANS/NA verboten werden, würde Michael Kühnen eine Empfehlung an seine ehemaligen Mitglieder abgeben, der FAP beizutreten. Genauso geschah es dann ja auch, allerdings nicht in Folge einer von Kühnen heimtückisch und infam betriebenen "feindlichen Übernahme", sondern in Folge eines Vorschlags, den der damalige FAP-Bundesvorsitzende Martin Pape höchstselbst an Michael Kühnen gerichtet hatte.


Der "Marsch auf die Feldherrnhalle":

Vorerst aber ging die Arbeit der ANS/NA und die damit verbundenen Herausforderungen der Öffentlichkeit und des Systems ungebremst weiter. Kühnen fand immer wieder neue Möglichkeiten zur Steigerung auch des Medieninteresses. Zu Herbstbeginn 1983 weihte er den engeren Kreis dann in sein neuestes Vorhaben ein:

Die Wiederholung des Marsches zur Feldherrnhalle am 9. November 1983, dem 60. Jahrestag des historischen Marsches, bei dem durch die Gewehrkugeln der bayerischen Landespolizei 16 Nationalsozialisten ums Leben gekommen waren. Später, im Dritten Reich, wurden diese heute gemeinhin als "Hitler-Putsch" abqualifizierten Ereignisse jedes Jahr durch kolossale Massenkundgebungen feierlich begangen, u.a. durch Wiederholung des Marsches mit anschließender Vereidigung neuer SS-Rekruten vor der Feldherrnhalle. Hitler hatte für die als "Blutzeugen der Bewegung" bezeichneten Gefallenen zwei Ehrentempel am Königsplatz errichten lassen, der nach seinem Umbau als "Acropolis Germaniae" die "Gemeinschaftsstätte der Bewegung" (Süddeutsche Monatshefte, Dezember 1935) bildete.

Diesen "Marsch auf die Feldherrnhalle" an seinem 60. Jahrestag wiederholen zu wollen, stellte wohl die bisher größte Provokation unserer jungen Truppe gegenüber dem System dar. Die Planung für ein solches Vorhaben war natürlich nur bedingt geheimzuhalten. Allein die Aufforderung an unsere Mitstreiter an einem 9. November in größtmöglicher Zahl in den Großraum von München zu kommen, mußte bei den verantwortlichen Sicherheitsbehörden sämtliche Alarmglocken klingeln lassen. Wie immer machte sich Kühnen wenig Gedanken darüber, wie weit wir im Endeffekt kommen würden. Auch ein verhinderter Marsch würde zu großem Medienecho führen und so ließen wir's einmal mehr einfach darauf ankommen. Die Münchner Kameraden kündigten das Ereignis dann auch noch durch riesengroße Plakate an. In solchen Situationen pflegte Michael Kühnen gerne Mussolini zu zitieren, der vor dem "Marsch auf Rom" zu seinen Gefolgsleuten sinngemäß gesagt haben soll: "Ich weiß zwar noch nicht, was passiert, ich weiß aber, daß es sehr interessant werden wird!"

Die Ehrentempel am Königsplatz

Die Organisation durch die legendäre Münchner "Kameradschaft 16" war vorbildlich und es wurde an alles gedacht. Schlafplätze waren ebenso in geeigneter Anzahl vorhanden wie ein Sturmlokal für die Sammlung aller beteiligten Aktivistinnen und Aktivisten. Daß wir überhaupt nach München reingekommen waren, schien einem kleinen Wunder gleichzukommen. Als jedoch das Gros der Marschteilnehmer in der Münchner Gaststätte versammelt war, machten starke Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei "den Sack zu". Es gab mal wieder eine der gewohnten Massenfestnahmen, wobei den Polizeikräften laut Medienberichten allerdings lediglich 85 "Neo-Nazis" ins Netz gingen. Ich weiß z.B. von Kameraden, die nur deshalb nicht festgenommen wurden, weil sie ihr ANS-Abzeichen noch rechtzeitig vom Revers nahmen. Während wir im Schankraum der Kneipe festsaßen und die "Bullerei" das Lokal auch draußen umstellt hatte, ließen wir’s uns erstmal gut gehen. Egal, was noch kommen würde, die Schlagzeilen waren uns wieder einmal sicher. Obwohl es draußen schon reichlich frisch war, stieg die Temperatur in der überfüllten Kneipe stetig an, sodaß schließlich die Fenster geöffnet wurden. Das nutzte Kamerad Christian Worch auch sofort ungehemmt aus. Er durchbrach die Polizeikette und sprang durch eines der Fenster! Nein, nicht um zu fliehen, er sprang von außen nach innen! Da man ihn offenbar nicht zu seinen Kameraden lassen wollte, er aber im draußen Rumstehen keinen Sinn sah und vielmehr sicher war, drinnen viel mehr gebraucht zu werden, hatte er das Versammlungslokal durch einen mutigen Sprung von draußen nach drinnen "gestürmt", zum Erschrecken der Sicherheitskräfte und unter dem begeisterten Jubel der Festgenommen, zu denen natürlich auch ich gehörte.

Das ganze endete jedenfalls – wie für München üblich – in der legendären Ettstraße und einer großen Sammelzelle. Einem der Kameraden war es gelungen einen dicken "EDDING"-Filzstift mit rein zu schmuggeln, ein anderer hatte im Schuh noch ungezählte "Ausländer-raus!"-Aufkleber versteckt, sodaß wir die Zelle in kürzester Zeit nach unseren Wünschen umdekoriert hatten. Eine Münchner Lokalzeitung brachte anderntags ein Bild dieses Haftraums und unterschrieb es mit: "Die Wände der Haftzelle in der Ettstraße wurden von den Neo-Nazis mit Hetzparolen verschmiert". Dabei konnte von "verschmiert" keine Rede sein. Bewaffnet mit dem "EDDING" hatte ich in schönster gotischer Schrift und mit barocken Verzierungen "Kühnen war hier!" an die Wand geschrieben, daneben ein großes Hakenkreuz und das Datum dieses denkwürdigen Tages: 9. November 1983. Ich habe diesen Zeitungsausschnitt noch und unter den ebenfalls in der Haftzelle hinterlassenen Unterschriften der hier Einsitzenden ist eine besonders gut zu erkennen. Es ist die von Thomas Wulff und er schrieb auch damals schon "Steiner" an die Wand!

Am anderen Tag waren die Zeitungen voll. In riesengroßen Lettern war zu lesen: "Sie planten "Marsch auf die Feldherrnhalle" – Polizei stoppt 85 Neonazis – Neonazis planten Aktion zu Hitler-Jubiläum – 35 wurden festgenommen – Polizei sprengt Rechtsradikalen-Versammlung – 35 Festnahmen, 84 Strafanzeigen / Besprechung über "Marsch zur Feldherrnhalle" – Nach geplantem "Marsch auf die Feldherrnhalle": Neonazi-Chef verhaftet... So und so ähnlich lauteten die Schlagzeilen der regionalen und überregionalen Presse. Unser Marsch zur Feldherrnhalle hatte, obwohl er gar nicht stattfand, das historische Ereignis von vor 60 Jahren schlagartig wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt.

Das erste Mal seit 1944 hatten wieder junge deutsche Revolutionäre öffentlich der "Blutzeugen der Bewegung" gedacht, wir waren unglaublich stolz auf uns und unseren Chef Michael Kühnen, ohne den es dieses Spektakel ja niemals gegeben hätte...

Unter dem Eindruck der Ereignisse stiftete Kühnen kurz darauf das Erinnerungsabzeichen für dieses denkwürdige Münchner Treffen. Ein Metallorden in ovaler Form mit einer Höhe von 5 cm. In der Mitte das Symbol der ANS/NA umkränzt von Lorbeer (links) und Eichenlaub (rechts). Oben war "ANS/NA" eingeprägt, auf dem gegenüberliegenden Gravurfeld unten stand "09.11.1983". Kurz vorm Verbot unserer Truppe wurde dieses Abzeichen noch fertig und einige wenige konnten tatsächlich noch ausgegeben werden. Mein Exemplar wurde anläßlich einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt und nach jahrelangem Tauziehen mit der Justiz bekam ich es – neben anderen Asservaten – viele Jahre später, nämlich 1993, wieder ausgehändigt. Wenige Tage danach stürmten ca. 30 junge Türken meine Wohnung (dazu später noch mehr!), verwüsteten sie und entwendeten neben einem originalen SA-Dolch, einer SS-Mütze, einem verchromten 9mm-Gasrevolver auch mein Erinnerungsabzeichen vom 9. November 1983. Das bedauere ich noch heute sehr, zumal ja nun kein Ersatz mehr zu beschaffen ist...


"Für ihrn Oarsch hoam mer koa Babier...!" - Die Ostmarkfahrt und ihre Folgen

Gottfried Küssel Bereichsleiter-Ostmark

Nachdem wir ja nun schon längere Zeit ganz Deutschland zu unserer Bühne gemacht hatten, hielt es Kühnen für angebracht, den dortigen Kameraden einen schon länger zugesagten Ostmarkbesuch abzustatten. Zu diesem Zeitpunkt wußten wir allerdings noch nicht, daß österreichische Behörden ein lebenslanges Einreiseverbot gegen Michael Kühnen und mich verhängt hatten. Rechtlich waren sie nicht verpflichtet uns das mitzuteilen und vermutlich wären wir das Risiko dann auch gar nicht eingegangen. Schon gar nicht, wenn wir gewußt hätten, was uns in der "ältesten Ostmark des Reiches" erwartete. So aber ließ man uns "ins offene Messer" laufen und vermutlich, um wertvolle Erkenntnisse zu ergattern, hielt man uns auch gar nicht davon ab "österreichischen Boden" zu betreten. Da wir nur wenige Tage bleiben konnten, konzentrierten wir uns ganz auf Wien. Dort wo Gottfried Küssel mal wieder mit einer ganzen Reihe von Gesinnungsgenossen vor Gericht stand, dort wo der ostmärkische Vertreter der HNG, Richard Eckerl, wohnte und dort wo damals auch noch Gerd Honsik ansässig war, bevor ihn einige Jahre später die politische Verfolgung ins spanische Exil trieb. Lange Jahre wirkte er von dort aus für die deutsche Sache, doch seine am 23. August 2007 erfolgte Verhaftung beendete diese Phase seiner überwiegend publizistischen Tätigkeit. Nachdem man ihn auf der Grundlage des „Europäischen Haftbefehls“ an Österreich ausgeliefert hatte, wurde er am 27. April 2009 zu 5 Jahren Haft verurteilt.

Bei Richard Eckerl wohnten wir auch die ganze Zeit. Er hatte uns gemütlich untergebracht und u.a. auch mit "Szegediner Gulasch" ausgesprochen gut bekocht, weigerte sich allerdings beharrlich uns eines der berühmten Wiener Cafe'-Häuser zu zeigen. Seine Aversion gegen diese legendären Einrichtungen begründete er leider nicht, aber als Kühnen mal wieder nach einem Cafe'-Haus-Besuch fragte, antwortete Richard völlig entnervt "Es gibt keine Cafe'-Häuser!".

Gerd Honsik

Nun gut, es ging auch ohne. Wir hatten jedenfalls eine schöne Zeit in Wien und trafen uns ständig mit anderen Vertretern der auch damals schon zerstrittenen "rechten Szene" der österreichischen Hauptstadt. Die Rechtslage war aber aufgrund des "Wiederbetätigungsverbots", das für NS-Propaganda bis zu lebenslanger Haft vorsah (und noch heute vorsieht) eine so grundlegend andere, daß ein Aufbau von ANS-Strukturen in Österreich politischer Selbstmord gewesen wäre und deshalb von vorneherein nicht zur Debatte stand. Trotzdem wurden alte Kontakte gepflegt, neue aufgebaut und eine intensivere Zusammenarbeit beschlossen. Damit war für uns unsere Aufgabe erledigt und Kühnen ordnete die Rückfahrt an.

Ja, es hätte alles so schön werden können und mit der Vorfreude auf die alte Heimat fuhren wir von Wien aus wieder Richtung deutscher Grenze. Wir hatten Wien schon ca. 200 Kilometer hinter uns gelassen, als ich plötzlich – es war schon stockfinstere Nacht – im Rückspiegel ein unüberschaubares Meer blinkender Blaulichter bemerkte. Scherzhaft sagte ich noch zu Kühnen: "Na, wenn die alle wegen uns unterwegs sind, dann "Gute Nacht!" Aber warum sollte man uns verfolgen oder gar festnehmen? Wir hatten in Österreich zumindest nicht bewußt gegen geltendes Recht verstoßen, außerdem waren wir auf der Rückfahrt und nur noch ca. 100 Kilometer von Freilassing entfernt. Was sollte man von uns wollen, vielleicht hatte wegen des ständigen Kontakts zu deutschen Sicherheitsbehörden schon eine gewisse Paranoia eingesetzt, aber nicht jedes Blaulicht, das blinkte, wurde wegen uns eingeschaltet. Während wir noch darüber sinnierten, was denn sonst der Grund für ein solch riesiges Polizeiaufgebot sein könnte, hatten wir fast die Autobahnraststätte Ypps erreicht. Mehrere Fahrzeuge der Polizeikolonne scherten nun aus und überholten uns blitzartig. Man schnitt uns brutal und nur mit einiger Mühe und scharf bremsend, konnte ich den schweren Mercedes 280, der damals noch mein Eigen war, auf den Rastplatz lenken. Kaum zum Stillstand gekommen, waren wir auch schon von mehreren Polizeifahrzeugen eingekeilt. Kühnen, der in solchen Situationen stets die Nerven behielt, zuckte nur mit den Schultern und da ertönte auch schon aus einem Megaphon die Anordnung das Fahrzeug sofort und mit erhobenen Händen zu verlassen. Meinen stets mitgeführten Gasrevolver völlig vergessend stieg ich aus und blickte in die Läufe ungezählter und vermutlich entsicherter Maschinenpistolen. Das war kein Spaß mehr! Sofort stürzte man sich auf uns, um uns zu durchsuchen. Siedend heiß fiel mir der Gasrevolver wieder ein und ich wies den durchsuchenden Beamten darauf hin, daß es sich nicht um eine scharfe Waffe handelte. Ohne jeden Anflug von Humor antwortete er lediglich "Gut, daß sie mir's gesagt haben!"

Von Beginn an war klar, daß hier in Österreich eine ganz andere, eine harte Gangart gefahren wurde, die keinen Vergleich mit gewohnten bundesdeutschen Verhältnissen zuließ. Rechte hatten wir plötzlich keine mehr, man sagte uns weder den Grund für die Verhaftung noch, wie es weitergehen würde. Mit engen Handschellen gefesselt wurden wir in einen gepanzerten Mannschaftstransporter gesperrt. Die einzige Auskunft, die man uns gab, war, daß man erst die Leitstelle in Melk anfunken werde, um zu erfragen, wie's mit uns weitergeht. Die Funkleitstelle Melk meldete sich jedoch nicht zurück und in einem Anflug von Galgenhumor witzelte Kühnen, das lese sich ja wie in einem der Science-Fiction-Romane von Christian Worch: "Die Orgs bei Ypps festgenommen und Melk meldet sich nicht!" Dann plötzlich folgte ohne weitere Erklärungen der Aufbruch. Durch schmale Ritzen konnte ich ab und an mal eines der großen Autobahnschilder entziffern. Was ich sah, ließ meine Unruhe noch anwachsen: Wien – 200 km, Wien – 150 km, Wien – 80 km. Jetzt war klar, sie brachten uns zurück nach Wien, Heimkehr ade'!

In Wien angekommen wurden wir ins Staatspolizeigefängnis verbracht. Natürlich in Einzelzellen und Kühnen, der starker Raucher filterloser Zigaretten war, hatte man diese zwar gelassen, ihm jedoch das Feuerzeug abgenommen.

Trotz zahlreicher bereits erlebter Festnahmen in den verschiedensten Arrestzellen Deutschlands, war diese Haft für mich absolutes Neuland und gleich beim ersten Mal war ich in den übelsten Knast geraten, den das zivilisierte Europa diesseits des Eisernen Vorhangs noch aufzubieten hatte. In Deutschland undenkbar, "folterte" man uns durch totalen Reizentzug. Wer das noch nicht mitgemacht hat, sollte nicht leichtfertig darüber urteilen oder gar lächelnd abwinken. Wir bekamen nichts zu lesen und nichts zu schreiben; das war furchtbar. Morgens um halb sechs wurde die Pritsche an die Wand geklappt und mit einem schweren Vorhängeschloss arretiert. Man konnte sich also tagsüber nicht hinlegen, es sei denn auf den kalten Steinfußboden. Die Haft einfach verpennen war also nicht drin und so saß man unnütz in der Gegend rum und begann aus Langeweile die Kacheln an der Wand zu zählen. Nachdem man das drei, vier, fünf oder zehnmal gemacht hatte, war gefühlsmäßig ein halber Tag vergangen, in der Realität aber vielleicht eine halbe Stunde. Mit der Zeit wurde das unerträglich und auch die Verpflegung war "unter aller Kanone". Es war wirklich nicht viel mehr als "Wasser und Brot" und an einem Sonntag gab es auch mal einen Erbsenbrei, eine wahre Delikatesse, die man zu schätzen lernte.

Schon bald fühlte ich mich "am Rande des Wahnsinns". Was wollten die denn von uns? Für die waren wir doch Ausländer! Durften die das überhaupt? Warum konnten wir keinen Anwalt sprechen? Wie lange sollte denn das noch gehen? Die Tage kamen uns wie Wochen vor und doch war das alles kein Zufall, sondern ein probates Mittel aus der Psycho-Kiste. Durch den fortwährenden Reizentzug und die Unmöglichkeit sich mitzuteilen, baute sich ein innerer Druck auf, der sich später in wahren Redeschwallen entladen sollte. So wollte man uns zur Aussage bringen, das wurde mir später klar. Augenblicklich aber kämpfte ich noch mit den Elementarbedürfnissen eines jeden Menschen. Ich mußte dringend auf die Toilette, aber weit und breit gab es kein Toilettenpapier und so klopfte ich wie wild an die Zellentür. Und tatsächlich kam alsbald auch so eine ostmärkische Wachtel angeschlichen und fragte mich nach meinem Begehr. Ich schilderte ihm mein Problem und zu meinem Entsetzen antwortete er lapidar und im breitesten wienerisch: "Für ihrn Oarsch hoam mer koa Babier!" und schloß das kleine Holzfensterchen der mittelalterlich anmutenden Zellentür wieder. Da glaubt man dann wirklich im "falschen Film" zu sein und hofft, das Klingeln des Weckers möge einen doch aus diesem nicht enden wollenden Albtraum befreien aber nichts da... man kann nicht wach werden, weil man ja gar nicht träumt, das hier ist die mehr als besch...eidene Wirklichkeit. Während ich noch überlegte, wie ich mich nun am elegantesten des immer stärker werdenden Drucks entledigen könnte, kam der Folterknecht wieder und reichte mir ein paar Streifen fein zerrissenes Zeitungspapier herein. Extra klein, damit es nicht doch noch als Lektüre taugte...

Irgendwann kam dann doch Leben in die Bude. Man holte mich zum Verhör. Da man uns auch die notwendigste Hygiene versagte, war es bestimmt kein Vergnügen neben mir her zu laufen. Scham kam darüber aber nicht auf, schließlich hatte ich diesen Zustand nicht zu verantworten und ich schwor mir aufrecht und treu zu bleiben und mich vor allem an den von Michael Kühnen zu Beginn der Reise ausgegebenen Befehl zu halten: "Unter keinen Umständen eine Aussage machen!"

Nach den bisher bereits gemachten Erfahrungen erwartete ich nun einen wild schreienden und nervös gestikulierenden Vernehmungsbeamten aus der Abteilung "Mach mir den Gestapo-Offizier!" Aber nein, ein freundlich lächelnder Mittfünfziger kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu und begrüßte mich mit der Frage: "Hat man sie geschlagen?" Schon daß er das überhaupt für möglich hielt, ließ tief blicken und ich antwortete wahrheitsgemäß: "Geschlagen? Nein! Aber man foltert mich durch Reizentzug!" Mein Gegenüber gab sich jovial und antwortete mit gespieltem Bedauern: "Ja schaun's, ihr Aufenthalt in der Republik Österreich wirft für uns eine ganze Reihe Fragen auf und bevor die net beantwortet sind, kommen's hier net mehr weg!" Danach bot er mir erstmal ein paar warme Würstchen und sogar Dosenbier an und ich dachte nur: Na prima, Psychologie für Kleingärtner! Nun wäre zwar eine gemütliche Plauderei sicher tausendmal angenehmer gewesen, als die schnelle Rückkehr in die dunkle Zelle, aber bevor hier mehr gesagt wurde als nötig, versuchte ich das Gespräch unter Hinweis auf mein Untergebenenverhältnis zu Michael Kühnen zu beenden. "Ich bin Politischer Soldat!" erklärte ich dem Kriminalbeamten "...und als solcher werde ich den Befehl Michael Kühnens befolgen, keine Aussage über Sinn und Zweck unserer Reise oder sonstwelchen Einzelheiten zu machen! Ende, aus, basta!" "Ja, ja, der Herr Kühnen, den hammer auch hier! Ja und wenn der Herr Kühnen ihnen nun die Aussage gestatten würde, dann würden's scho, oder?" "Unter diesen Umständen sofort!" antwortete ich, wohlwissend daß Michael seine Meinung sicher nicht geändert haben würde und wenn doch, daß es dann einen mehr als triftigen Grund dafür geben mußte.

Was nun kam, war zunächst mal eine Beleidigung und ein Zeichen dafür, für wie blöd der Kripomacker mich wohl halten mußte. Jedenfalls verließ er kurz den Raum, kam dann freudestrahlend zurück um mir zu sagen: "Ich hab' mit Herrn Kühnen gesprochen, er erlaubt ihnen die Aussage!" Wäre die Gesamtsituation nicht so traurig gewesen, ich hätte wohl einen Lachkrampf gekriegt. Daß das nichts war, sah er aber wohl an meinem Gesicht und fügte schnell hinzu: "...oder soll ihnen Herr Kühnen das selbst bestätigen?" "Ja bitte!" sagte ich und war gespannt, wie das nun weitergehen sollte. Wir verließen das Büro und gingen zu den Arrestzellen, von denen er eine öffnete. Da saß Michael und bevor einer von uns beiden etwas sagen konnte, schwallte der begnadete Ermittler schon los: "Herr Kühnen! Bestätigen sie bitte Herrn Brehl, daß er eine selbstständig handelnde juristische Person ist, die..." Weiter ließ ich ihn nicht kommen, mit fester Stimme sagte ich zu meinem Chef: "Michael, bleibt's bei dem Besprochenen?" "Ja, natürlich!" antwortet er knapp und lächelte kurz und damit war für mich der Fall erledigt und auch der Ermittlungsheini wußte wohl jetzt, daß er keinen Stich mehr machen würde. Drohend gab er mir aber noch mit auf den Weg, daß man uns nach österreichischer Rechtslage ein halbes Jahr in Haft behalten könne, dann würde eine Kommission zusammentreten und könne eine Verlängerung auf ein Jahr beschließen. "Ein Jahr ihres Lebens für nix!" rief der Beamte energisch; aber erstens war es ja nicht "für nix", sondern für Deutschland und zweitens dachte ich nur an Rudolf Hess und sein Martyrium. Das gab mir Kraft und ich dachte nur "der kann sich sein Jahr an die Backe schmieren, ich halte dicht!"

Ich will hier ehrlich sein und nichts beschönigen. Ich weiß nicht, wie lange ich das ausgehalten und ob ich nicht ernsthafte Schäden davon getragen hätte. Aber Menschlichkeit gibt es anscheinend überall und zu allen Zeiten. Ein anderer Vollzugsbeamter hatte kurze Zeit später wohl Mitleid mit mir. Er schmuggelte mir ein Buch in die Zelle. Das war zwar schwer lädiert und uralt, aber der Psychoterror hatte erstmal ein Ende, ich konnte mich beschäftigen. Ich weiß nicht, wie oft ich es las, aber seinen Titel werde ich wohl nie vergessen. Es hieß "Aus schwarzen Wäldern" und erzählte die Geschichte einer Familie aus dem Schwarzwald über mehrere Jahrhunderte. Wenn ich mich richtig erinnere vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Nun konnte ich aus meiner Wiener Haftzelle flüchten, nicht körperlich, aber in Gedanken und das war goldwert.

Später erfuhr ich von Michael Kühnen, daß er zunächst eine alte Schilling-Münze in seinem Hosenaufschlag gefunden hatte. Mit deren Hilfe versuchte er eine tiefe Rille in das kleine Holzbrett auf dem wir unsere Mahlzeiten einnahmen, einzukratzen. Später bekam auch er etwas Lektüre, allerdings kein Buch, sondern alte Fernsehzeitschriften und auch das half ungemein.

Die Systempresse freut sich

Mittlerweile hatten bundesdeutsche Medien unsere Verhaftung in Österreich gemeldet und so wußten die Kameraden wenigstens wo wir uns befanden, wenn auch nicht unter welchen Umständen. Über das, was sich nun hinter den Kulissen abgespielt hat, kann ich nur mutmaßen, jedenfalls war am 25. November das Verbot der ANS/NA durch den damaligen Bundesinnenminister Zimmermann angeordnet worden. Zu diesem Zeitpunkt waren wir für die bundesdeutschen Behörden aber nicht verfügbar, weil in der Ostmark. Und so wurde das Verbot auch nicht sofort vollzogen, sondern erst am 7. Dezember, als wir uns gerade wieder im Altreich befanden. Vielleicht haben wir dem ANS-Verbot unsere vorzeitige Abschiebung zu verdanken...

Den Verwaltungsakt der Abschiebung nahm dann ein anderer Beamter – vermutlich des Innenministeriums – vor, der seinen Haß auf uns zu keiner Zeit zu verbergen versuchte. Wir hätten lebenslanges Einreiseverbot in Österreich und das schon seit geraumer Zeit, wurde uns eröffnet. Leider wußten wir es vorher nicht, aber nun würde ich es wohl nicht mehr vergessen... Die unteren Chargen und Komparsen die uns durch die Gebäude führten und Handschellen ab- und anlegten waren da schon viel angenehmer. "Da wer'ns wohl net mer in Wien vorbeischau'n?!" meinte der eine und ich konterte: "Doch, doch, beim nächsten Anschluß!" worauf auch die Beamten in schallendes Gelächter ausbrachen.

So ging's also eines schönen Tages wieder im Gefangenentransporter zunächst zurück nach Ypps, wo ich eine schriftliche Einverständniserklärung unterschreiben mußte, daß ein österreichischer Beamter mein Fahrzeug bis zur deutschen Grenze fahren durfte. Wenig später waren wir dann am Grenzübergang Freilassing; jetzt erst schien mir die Freilassung wirklich sicher. Völlig entnervt und verdreckt hatten wir nur noch ein Ziel: Schnell zu irgendeinem Kameraden mit funktionierender Badewanne. Da hatten wir allerdings die Rechnung ohne unsere einheimischen Freunde gemacht. Als mein Fahrzeug übergeben wurde, stürzten sich sofort die deutschen Zöllner darauf, durchsuchten es und fanden das gesamte Propagandamaterial, das die Österreicher nach Überprüfung einfach wieder in den Kofferraum geworfen hatten. Hätten sie's doch nur beschlagnahmt, dachte ich noch aber es war ja zu spät und unter dem Eindruck der vielen Symbole, Parolen, Abzeichen nahmen uns die deutschen Behörden erstmal gleich wieder fest. Immerhin waren wir wenige Minuten frei gewesen und hatten uns herrlich gefühlt, vom Dreck am Körper mal abgesehen. Michael Kühnen und ich versuchten nun abwechselnd den Beamten klarzumachen, was wir gerade hinter uns gebracht hatten und daß wir nur noch nach Hause wollten. Man habe doch unsere Namen und Adressen, wir seien ordnungsgemäß gemeldet und würden auch jeder polizeilichen oder besser richterlichen Vorladung Folge leisten. Zunächst imponierte das dem diensthabenden Beamten recht wenig, denn die Herren standen kurz vor ihrem Feierabend. "Das müssen sich Spezialisten von der Kripo angucken!" meinte der Boss vom Zoll, "...solange werden sie hier in Haft genommen!" Da stand ich kurz vor'm Durchdrehen und schrie den Zöllner an: "Mensch packen sie das doch alles ein, ich will's doch gar nicht mitnehmen! Schnür'n sie ein Paket, machen sie Zollbanderole drum und schicken sie es an die Staatsanwaltschaft in Frankfurt! Wenn sie mich jetzt nicht gehen lassen, hau ich einen der Beamten auf die Fresse, dann komm' ich zwar auch in Haft, aber ich weiß wenigstens warum!" Irgendwie fühlte der Beamte sich wohl weniger bedroht, als daß er vielmehr die Verzweiflung in meinen Worten spürte. Tatsächlich hatte er ein Einsehen und man verfuhr, wie von mir vorgeschlagen. Mir fiel das gesamte Siebengebirge vom Herzen...


Das Verbot der ANS/NA:

Die Tage des Jahres 1983 waren gezählt, genauso wie die der ANS/NA, wobei wir letzteres zwar ahnten, aber nicht wissen konnten. Seit unserem Ostmark-Abenteuer lag das Verbot, das der von uns so genannte "Bundeszimmerminster Innenmann" erlassen hatte, schon auf Eis und wartete auf seinen Vollzug. Die Uhr tickte...

Michael Kühnen am Tag des ANS-Verbots

Am Nikolausabend des Jahres 1983 war ich abends nach Hause gekommen. Als ich in die Maulkuppenstraße in Fulda einbog, in der sich sowohl unser Sturmlokal als auch wenige Meter weiter meine Wohnung befand, sah ich vor der Gaststätte "Zur Maulkuppe" eine Gestalt stehen die sofort heftig gestikulierte, als sie meinen Wagen erblickte. Das Wetter war extrem schlecht, es hatte geschneit und es war auch schon dunkel. Ich hatte keine Ahnung, wer das denn sein könnte und tippte auf ein Mitglied meiner Kameradschaft. "Der wird sich noch einen Augenblick gedulden müssen", dachte ich und fuhr noch einige Besorgungen machen. Am anderen Tag, dem 7. Dezember sollte mein großer Staatsschutzkammer-Prozeß in Frankfurt beginnen. Unter dem Aktenzeichen -50 Js 25228/82 war ich angeklagt der "Volksverhetzung in Tateinheit mit Verunglimpfung des Staates, Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen in Tateinheit mit Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen". Das waren so die Standardvorwürfe in jener Zeit des offen nationalsozialistischen Arbeitens und Auftretens und da es eher unwahrscheinlich war, daß ich nochmal Bewährung bekommen würde, beschäftigte mich dieses auf mehrere Verhandlungstage angesetzte Verfahren doch erheblich.

Als ich wieder zurückkam, war die Gestalt noch immer da und sie entpuppte sich als der damalige stellvertretende Kameradschaftsführer von Würzburg, also jener Udo Kluge, mit dem ich auch in Spanien gewesen war. Daß mich Kluge unangemeldet in Fulda aufsuchte, war sehr ungewöhnlich, noch ungewöhnlicher war, daß der Kameradschaftsführer der Würzburger Traditionskameradschaft, Jürgen Bock, nicht mit dabei war. Schon bei der Begrüßung bemerkte ich, wie nervös Kluge war und wie schwer es ihm fiel, sein Anliegen vorzubringen. Seine Worte indes sind mir noch ziemlich genau in Erinnerung. Er habe weder schreiben noch telefonieren können, denn was er mir nun sagen würde, sei wirklich geheim und er würde "in Teufels Küche" kommen, wenn dieses Gespräch bekannt würde. "Ich habe jahrelang für den Verfassungsschutz gearbeitet!" sagte Kluge. Er erwarte kein Verständnis und kein Verzeihen, er wolle aber sein Gewissen erleichtern und mir einen letzten Dienst erweisen. Von seinem V-Mannführer wisse er, daß am nächsten Morgen, den 7. Dezember 1983 die ANS/NA verboten würde, bzw. das bereits bestehende Verbot vollzogen würde. Ich war wie vor den Kopf geschlagen! Da gesteht der mir seine Spitzeltätigkeit für den VS, der, den ich für einen der treuesten und zuverlässigsten Kameraden gehalten hatte und tischt mir auch noch diese Geschichte vom Verbot der ANS/NA auf. Bevor ich richtig zum Nachdenken kam, verabschiedete er sich auch schon hektisch und meinte, es sei nicht gut, wenn wir zusammen gesehen würden und ich solle aus dieser Information das Beste machen. Das war leichter gesagt, als getan, aber ich würde natürlich den Teufel tun und jetzt mit verschränkten Armen untätig auf das Verbot warten. Wir waren zwar keine Geheimorganisation und besaßen keine illegalen Waffen und am anderen Tag sollte sich noch zeigen, wie peinlich genau gerade dieser Befehl Michael Kühnens eingehalten worden war. So peinlich und genau, daß es im Zuge des Verbots zu keinerlei Verhaftungen kam... aber es gab natürlich Dinge, die der Staatsmacht nicht unbedingt in die Hände fallen mußten.

Ich eilte also in meine Wohnung zurück und überlegte mir, was ich noch schnell in Sicherheit bringen konnte. Das war in erster Linie die Fahne der Stammkameradschaft 1 – Fulda. Dann Unmengen von Ärmelabzeichen, Erinnerungsmedaillen für den "Marsch auf die Feldherrnhalle". Es waren aber auch Stempel, Briefbögen und ein Teil meiner umfangreichen Korrespondenz. All das packte ich in einen schwarzen Koffer und noch während ich packte, wurde mir die Surrealität der ganzen Situation bewußt. Die dauernden Gedanken an den beginnenden Mammutprozeß taten das übrige. Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, daß das alles stimmte, was Kluge mir anvertraut hatte. Selbst wenn er für den VS gearbeitet hat, wie käme denn sein V-Mannführer dazu, ausgerechnet einem kleinen Spitzel eine solch heikle Information für eine bundesweite Polizeiaktion mitzuteilen? Ich schob all diese Gedanken beiseite und tröstete mich mit der Gewißheit, daß es ja nicht verkehrt sein könnte, den Koffer bei einem guten Bekannten zu bunkern und so tat ich es dann auch. Ohne auf den Urheber der Nachricht weiter einzugehen, meldete ich das drohende Verbot noch an einige Kameraden aus der Führung unserer Gemeinschaft weiter, mehr konnte ich in den verbleibenden Stunden nicht tun.

Tondokument

ans_verbot.mp3

Kurze Zeit hielt ich es für ausgesprochen originell an meine Tür ein Schild zu hängen "Wegen ANS-Verbot heute geschlossen!" oder etwas in der Art. Natürlich mit Datum, damit die stürmende Staatsmacht am anderen Morgen auch wissen sollte, daß ich längst gewarnt war. Aber wer weiß, was die dann alles unternommen hätten, um die undichte Stelle herauszufinden und so begnügte ich mich mit dem beruhigenden Gefühl, noch ein paar schöne Erinnerungsstücke und wichtige Dokumente in Sicherheit gebracht zu haben. Ein Schnippchen würde ich ihnen aber noch schlagen: Sicher würden sie wie immer in den frühen Morgenstunden kommen und vielleicht gab es bei solch einer großen, bundesweiten Aktion gegen die damals größte und bekannteste Neo-Naziorganisation auch Haftbefehle gegen die Führung? Nein, den Frankfurter Gerichtssaal würde ich als freier Mann betreten, dann könnte mich der Richter ruhig verhaften lassen. In Handschellen würden die mich nicht vor die Staatsschutzkammer schleifen, also mied ich ab sofort meine Wohnung, um am anderen Morgen ganz früh in Richtung Frankfurt aufzubrechen.

Spiegelartikel von 1985Auf der Fahrt in die Mainmetropole vernahm ich dann den "Paukenschlag" übers Autoradio. Bereits in den Morgennachrichten des hessischen Rundfunks wurde das Verbot der ANS gemeldet. Bundesweite Hausdurchsuchungen in allen Bundesländern, Hintergrundberichte wurden gebracht, Interviews mit dem hessischen Innenminister und dem Chef des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz Günther Scheicher. Aber auch auf allen anderen Sendern waren wir die Top-Meldung des Tages. Kluge hatte also die Wahrheit gesagt, unsere stolze Truppe war ab sofort verboten... wie würde es jetzt weitergehen?


Der Kampf geht weiter!

Tausend Sachen schossen mir durch den Kopf, vor allem war ich wegen des Staatsschutzkammerverfahrens besorgt, gerade jetzt in den Knast zu müssen, hätte die Lage auch für Michael Kühnen nicht eben leichter gemacht. Aber noch war ich in Freiheit und auf dem Weg nach Frankfurt hörte ich immer wieder die Meldung des Tages, bei der mich nur eines beruhigte: Niemand war festgenommen oder gar verhaftet worden, auch Michael Kühnen nicht! Das ließ zumindest darauf schließen, daß der vom Chef immer wieder mündlich und schriftlich wiederholte Organisationsbefehl penibel eingehalten worden war, der das Horten und Sammeln von Waffen und Sprengstoff sowie Strategiegespräche zu deren Gebrauch streng verbot und bei Zuwiderhandlung mit sofortigem Ausschluß bestraft wurde.

In Frankfurt selbst erwartete mich ein großes Aufgebot von Presse und Polizei und eine ganze Menge ratloser Kameraden, die in erster Linie mal wissen wollten, wie's nun weiter geht. So genau wußte ich das ja selbst nicht. Natürlich hatten wir im engsten Kreis immer wieder über ein mögliches Verbot gesprochen, aber planen kann man ein solches Verbot natürlich nicht. Vorangegangene Organisationsverbote hatten jedesmal zur völligen Auflösung der jeweiligen Truppe geführt (VSBD, Wehrsportgruppe Hoffmann u.a.), das wollte Kühnen unter allen Umständen vermeiden. Die Gründung eines Traditionsverbandes war geplant und die Kameradschaften sollten unter verschiedenen neuen Namen weiterarbeiten, aber das alles hätte vermutlich nicht funktioniert. Erst Kühnens geniale Idee die Kameradschaften in sog. "Leserkreise" der NEUEN FRONT umzuwandeln, schien Zukunft zu haben. Nachdem er bereits zu ANS-Zeiten einen persönlichen Rundbrief zur Lage der Bewegung herausgegeben hatte (DIE INNERE FRONT), plante Kühnen nun die Herausgabe eines neuen persönlichen Rundbriefes, dessen Leser sich in sog. Leserkreisen organisieren sollten. Die juristische "Wunderwaffe" war in dieser Hinsicht die Aussage des Generalbundesanwaltes, der betont hatte, daß sich auch Personen vormals verbotener Organisationen wieder in organisatorischer Form zusammenfinden dürfen, wenn nur die Zielsetzung eine andere ist. In diese Kerbe wollte Kühnen schlagen – und tatsächlich, es sollte klappen...

Nun stand ich aber erstmal vor Gericht und hätte ich bereits zu dieser Stunde gewußt, daß ich nochmal mit einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe davonkommen würde, wäre mir sicher wohler gewesen. Die Staatsschutzkammer setze sich damals aus drei Berufsrichtern und zwei Schöffen zusammen. Die Verhandlung leitete Dr. Lehr, seine beiden Beisitzer hießen Fidora und Müller. Das ganze fand in einem durch Panzerglas abgesicherten Saal des Landgerichts Frankfurt am Main statt. Was für ein Unterschied zu der familiären Verhandlung vor dem Amtsgericht Fulda. Noch oft würde ich diese Herren Richter zu Gesicht bekommen, als Angeklagter, als Zeuge oder auch als Zuschauer bei einem der vielen Prozesse, die noch folgen sollten. Dr. Lehr war es denn auch, der gut ein Jahr später den aus Frankreich abgeschobenen Michael Kühnen nur wegen Propagandadelikten zu fast vier Jahren Haft verurteilen würde und damit dennoch unter der Forderung von Oberstaatsanwalt "Schneider-Zwo" blieb, der sogar damals schon die "88" als Kryptogramm anklagen wollte, was der Kammer damals aber dann doch zu weit ging. (Jahre später begegnete mir "Schneider-Zwo" übrigens wieder. Kannte ich ihn noch als Oberstaatsanwalt beim Landgericht, so war er plötzlich nur noch Staatsanwalt an einem untergeordneten Amtsgericht. Warum? Keine Ahnung, aber ein Verstoß gegen § 86 a StGB wird's wohl nicht gewesen sein)

Nachdem auch ich weder verhaftet noch festgenommen worden war und absehbar wurde, daß sich der Prozeß möglicherweise mehrere Wochen hinziehen würde, da umfangreiches Beweismaterial verlesen werden sollte, fiel die Spannung langsam von mir ab. Was war denn schon passiert? Gut, der Innenminister hatte uns ans Bein gepinkelt, aber wir waren jung, frei, gläubig und voller Tatendrang. Und vor allem – das muß einfach niedergeschrieben werden, weil es der Wahrheit entspricht – wir hatten ein riesengroßes Vertrauen in Michael Kühnen, weil wir ja wußten, wenn's einer packt, dann er!


Das Mahnfeuer der WJ

Es konnte zu dieser Zeit auch gar kein organisatorischer Leerlauf eintreten, denn das Mahnfeuer der WIKING-JUGEND stand vor der Tür. Die Teilnahme unserer Kontingente war fest eingeplant und wenn wir auch nicht als ANS/NA teilnehmen konnten, so war es ja keinem zu verbieten als Einzelperson mitzumarschieren. Die WJ war schließlich (noch) nicht verboten worden. Die Bundesführung dieser volkstreuen Jugendorganisation unter Wolfgang Nahrath vertraute fest auf die Unterstützung durch unsere Truppe, denn die Situation an der Zonengrenze verschärfte sich von Jahr zu Jahr. Von einer Begrüßung durch die örtlichen Bürgermeister konnte schon lange keine Rede mehr sein, nun aber kam es zu einer immer größeren Mobilisierung durch ultralinke Gruppen, die Seite an Seite mit SPD und Gewerkschaft gegen die WJ mobilisierten.

So fuhren wieder ungezählte Kameraden an die Zonengrenze, um bei Eiseskälte in der Hochrhön das Mahnfeuer zur deutschen Einheit zu entzünden. Es war natürlich für uns junge Aktivisten auch eine wohlfeile Gelegenheit uns völlig legal versammeln zu können, wobei wir traditionell eine eigene Kneipe zu unserem Hauptgefechtsstand machten, während sich die WJ in der Rhönhalle in Tann traf. Im Jahr darauf sollte es bereits im Vorfeld solch massive Hinweise auf geplanten roten Terror geben, daß Wolfgang Nahrath eine offizielle Anfrage an Christian Worch richtete, ob wir ihm nicht helfen und – trotz Verbot – wieder ein wehrfähiges Kontingent junger Aktivisten würden stellen können? Da ich als Stellvertreter und Nachfolger Kühnens formal Worchs Vorgesetzter war, leitete er die Frage an mich weiter und auf solch eine Frage konnte es nur eine Antwort geben: Wir werden alles in unserer Kraft stehende tun, um der volkstreuen Jugend in der Rhön zur Hilfe zu eilen! Das haben wir dann auch getan und da die Linken mit uns nicht mehr in dieser Größenordnung gerechnet hatten, konnten sie nirgends punkten. Weder in Fulda noch in Hilders, noch gar an der Zonengrenze. Doch dazu später, augenblicklich befanden wir uns im Jahre 1983 und waren gerade verboten worden.

Im Gegensatz zum folgenden Jahr ging der Aufmarsch zum Jahreswechsel 1983/84 relativ ruhig und unspektakulär über die Bühne. Wir konnten allerdings wichtige Gespräche führen und langsam wurde deutlich, daß Kühnen zwar versuchen würde legal zu bleiben, daß er aber unter keinen Umständen von seiner Politik der dauernden Provokation, der ständigen Veranstaltungen und Aktionen lassen würde. Um das was dann kurz darauf passierte besser zu verstehen, muß man wissen, daß Kühnen auch ohne Verbot einen längeren Auslandsaufenthalt geplant hatte, da er nicht nur den Kontakt zu befreundeten Gruppen und einzelnen Kameraden intensivieren wollte, sondern zur Bekämpfung der dauernden Finanznot unserer Truppe in bestmöglicher Weise das Auslandsdeutschtum zu unserer Unterstützung mobilisieren wollte. Dieser Plan stand nach wie vor, nur fiel es Kühnen natürlich nicht ein, sein Vorhaben zeitgleich zum Verbot zu verwirklichen. " Das kommt nicht in Frage", sagte er, "das sähe ja wie Flucht aus!" Also blieb er erstmal und machte weiter, als sei nichts geschehen...


Legal? Illegal?

Die nächste Möglichkeit zur völlig legalen Zusammenkunft aller Führungskader bot sich dann bei der Anfang Januar 1984 stattfindenden HNG-Jahreshauptversammlung. Die Mitgliedschaft in der HNG (Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V.) war für ANS-Kader Pflicht gewesen und diese Entscheidung Kühnens trug jetzt Früchte. Frohgemut fuhren wir also nach Bielefeld, um uns unter dem Dach der legalen HNG zu einer Führerbesprechung zu versammeln. Hier erläuterte Kühnen erstmals überzeugend seine Konzeption der Leserkreise der NEUEN FRONT. An dieser Konzeption gefiel uns am meisten, daß sich zunächst mal nichts änderte, die Kameradschaft hieß jetzt Leserkreis und hatte einen Leiter, den vormaligen Kameradschaftsführer.

Einzelne Kameradschaftsführer hatten – getreu unserer Devise, daß wir die lustigste Baracke im rechten Lager seien – mittlerweile schon in Eigeninitiative die illustersten Gruppen gegründet: "Kegelverein Braune Kugel" zum Beispiel. Wir in Fulda nannten uns "Freundeskreis Obervolta", weil dieser afrikanische Staat die schwarz-weiß-rote Fahne als Nationalflagge hatte und wir das schwarz-weiß-rot statt schwarz-rot-gold auf die Oberarme unserer Hemden und Jacken nähten. Ich hatte extra Aufnäher machen lassen, die ungefähr ein Drittel größer waren, als die Aufnäher der Bundeswehr-Klamotten, jedenfalls hatten wir alle einen Riesenspaß, von Entmutigung oder gar Verzweiflung war nirgendwo was zu spüren. So hätten wir unter Scherzen und Lachen bis zur Machtergreifung marschieren können, aber es sollte nicht mehr lange dauern, da schlug die Staatsmacht zurück. Der Schlag erfolgte nicht völlig unerwartet, in diesem Moment aber doch überraschend und blieb nicht ohne Folgen.


Das System schlägt zurück!

Offenbar hatte man gewartet, bis wir uns wieder ohne den juristischen Schutz einer legalen Organisation zusammenfinden würden und als das geschah, holte man zum Doppelschlag aus. Am 13. Januar 1984 führte Michael Kühnen eine Versammlung in Hamburg durch, am selben Tag (einem Freitag) versammelten wir uns im Frankfurter Raum, genauer gesagt in der Gaststätte "Talhütte" in Frankfurt-Kalbach. Mit 65 Kameradinnen und Kameraden – unter ihnen wie gewohnt auch Ritterkreuzträger Otto Riehs – war diese örtliche Veranstaltung so gut besucht, wie jene zu ANS-Zeiten auch. Ich war hochzufrieden. Nach den einleitenden Worten des Frankfurter Kameradschaftsführers Peter Müller, der die Gründung des "Frankfurter Freundeskreises Germania" und die Herausgabe einer "Frankfurter Front" bekannt gab, ergriff ich das Wort, um Rückschau zu halten und dieses in unser aller Augen so unerwartet erfolgreiche Kampfjahr 1983 nochmal Revue passieren zu lassen, und um dann einen Ausblick in die hoffentlich noch erfolgreichere Zukunft zu wagen. Der griechische Wirt hatte keine Ahnung und wir waren guter Dinge unsere Ruhe zu haben. Um meine Rede zu archivieren und sie anschließend Michael Kühnen zukommen zu lassen, ließ ich während der Veranstaltung einen Kassettenrecorder laufen, was uns letztlich zu einem historischen Tondokument verhalf, dessen Rettung einer Mischung aus Kalkül und glücklichem Zufall zu verdanken war.

Tondokument

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Nachdem ich nur wenige Minuten gesprochen hatte, geschah das Unerwartete: Die Polizei stürmte mit starken Kräften das Lokal und setzte uns alle fest. Der Einsatzleiter verkündete uns, daß wir alle festgenommen seien, weil der Verdacht bestünde, daß hier eine Nachfolgeorganisation der verbotenen ANS/NA gegründet, bzw. Absprachen zu solch einer Gründung getroffen werden sollten. Ich ließ den Recorder weiterlaufen und machte ihn erst aus, als wir zwecks Sistierung alle nach vorne mußten, um dann in eine Sammelzelle abtransportiert zu werden. Kurz davor nahm ich die Kassette raus und schrieb mit einem mitgeführten Filzstift noch schnell "Beatles I" auf die eine und "Beatles II" auf die andere Seite. Die Kassette steckte ich ein, den leeren Recorder gab ich meinem Stellvertreter Dieter Weißmüller und so ließen wir uns einzeln durchsuchen. Für einen leeren Recorder interessierte sich keiner der Beamten und als ich auf die Frage "Was ist denn das?" betont unaufgeregt antwortete "Beatles-Musik", konnte ich die Kassette wieder einstecken. So gelang die seltene Aufnahme eines Polizeieinsatzes des Jahres 1984.

Als man uns alle ins "Klapperfeld" verbracht hatte, ging ich noch davon aus, nach dem Versuch einer Vernehmung wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden. Dies traf ja auch für 41 der 43 (einige Jugendliche waren bereits vorher freigelassen worden!) Festgenommenen zu. Die Kameradinnen und Kameraden wurden nach und nach in die Freiheit entlassen, nur Peter Müller und ich mußten bleiben, gegen uns war Haftbefehl erlassen worden. Spätestens jetzt war klar, daß das System für unsere spaßige Art keinerlei Verständnis mehr aufbringen würde und entschlossen war, das einmal ergangene Verbot auch konsequent durchzusetzen. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußten: Auch Kühnens Versammlung in Hamburg war gestürmt, die Versammelten festgenommen worden.

Müller und ich wurden zunächst mal in eine kleine Zelle verbracht, in der ein Brecher von einem Kerl saß, der gerade seine Verlobte umgebracht hatte. Nun sank die Stimmung doch erheblich. Als Müller zum Verhör geführt wurde, war ich auf alles gefaßt, auch auf einen Angriff des offenbar völlig durchgedrehten Gewaltverbrechers. Dieser erfolgte jedoch nicht und irgendwann brachten Beamte den Kerl ebenfalls weg. Dann war ich dran: Vorführung beim Haftrichter. Ich versuchte die beste Rede meine Lebens zu halten und hoffte, daß der gute Mann wenig oder keine Ahnung von der Materie hatte. Weit gefehlt, er war erstaunlich gut präpariert. So hielt er mir einen von mir geschriebenen Text vor die Nase, in dem ich über das Mahnfeuer an der Zonengrenze geschrieben hatte: "...fast wie zu ANS-Zeiten!" Ich nahm das als Steilvorlage und erklärte, daß das "...fast wie zu ANS-Zeiten" ja der eindeutige Beweis dafür sei, daß auch für mich diese Zeit vorbei sei und ich mich nur durch den Ablauf der Veranstaltung an eben diese vergangenen Zeiten erinnert fühlte. Irgendwie überzeugte ich den Mann, der Haftbefehl blieb bestehen, ich kam aber unter Auflagen frei.

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Unsere Wohnungen waren natürlich zwischenzeitlich auch durchsucht worden und so hatte man reichlich Material gefunden, was zumindest eines bewies: Wir waren alle finster entschlossen weiter zu machen, kaum einer hatte resigniert. Wie alles, was sich damals mit dem Namen Michael Kühnen verband, machte die Aktion von Kalbach fette Schlagzeilen. Am Dienstag, dem 17.01.1984 berichtete auch die Frankfurter Rundschau über die Ereignisse und brachte dazu ein Bild meiner Verhaftung.

Auf der Heimfahrt ließ ich dann auch noch mal die Geschehnisse des zurückliegenden Jahres vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Was war nicht alles geschehen: Belagerung in Mainz, Aufmarsch in Bad Hersfeld, BO-Gründung in Bad Bergzabern, AAR-Wahlkampf, "Marsch auf die Feldherrnhalle", permanente Deutschlandfahrt, zig Kameradschaftsgrün- dungen, alles in diesen wenigen Monaten. Ob Frankfurt, Hamburg, München, ob Antwerpen, Wien oder Madrid, überall hatten mich meine politischen Aktivitäten hingeführt.

Auch eine Menge Heiteres war passiert. Nach einer der ungezählten Festnahmen des Jahres 1983 stand ich im Flur einer Frankfurter Polizeiwache, natürlich in ANS-Uniform, also schwarze Hose in den Knobelbechern, ein khakifarbenes Pilotenhemd mit schwarzem Langbinder und Mitgliedsabzeichen. Plötzlich sprach mich eine Frau an und begann sofort damit, mir Details über irgendeinen Kriminalfall zu erzählen. Das ganze verband sie am Schuß mit einer Frage und da keine Antwort erfolgte und ich ein ziemlich ratloses Gesicht gemacht haben dürfte, sagte sie plötzlich: "Ach, Sie gehören wohl nicht zu dieser Dienststelle?" Darauf machte ich eine halbe Drehung mit dem Oberkörper, deutete auf mein ANS-Ärmelabzeichen und sagte: "Nee, ich gehör' gar nicht zu dem Verein!"

Nach einer weiteren Festnahme hatte man mich ins Frankfurter PP verbracht, wo ich zunächst mal in eine kleine Wartezelle gesteckt worden war. Nach einer gewissen Zeit öffnete sich die Tür und ein Beamter sagte: "Auf geht's, Brehl, ED-Maßnahmen!" (Erkennungsdienstliche Maßnahmen, in unserem Jargon "Klavierspielen" genannt, da man beim Abnehmen der Fingerabdrücke die geschwärzten Finger über das Papier gleiten lassen mußte, wobei ein Beamter die Finger führte. Neben dem "Klavierspielen" wurden auch immer wieder Fotos mit entsprechender Nummer gemacht) Als ich aus der Zelle getreten war, bekam ich "die Acht" an, also Handschellen, an denen mich der Beamte führte. Abrupt jedoch stoppte er, um eine weitere Wartezelle zu öffnen. "Moment, Herr Brehl, wir müssen noch einen "Drogi" mitnehmen!", klärte mich der Beamte auf. ("Drogi": Ein wegen Drogendelikten Festgenommener) Als die Zelle geöffnet war, trat ein baumlanger Neger heraus und sogleich kettete uns der Polizist aneinander. So aneinandergefesselt wurden wir durch's Gebäude geführt und letztlich in den dritten Stock verbracht, wo die ED-Maßnahmen stattfinden sollten. Welch ein Bild: Hier der wegen politischer Delikte festgenommene Neo-Nazi in Uniform und da der wegen Drogenhandels inhaftierte Farbige. Und als ich mir gerade noch überlegte, daß wir doch außer unserem Menschsein nichts gemeinsam haben dürften, stieß der Beamte die Tür zum ED-Raum auf und sagte in die fragenden Gesichter seiner anwesenden Kollegen: "Ich bring' die zwei Braunen!"

Und wen ich alles kennenlernen durfte! Thies Christophersen z.B., den Verfasser der "Auschwitz-Lüge". Wie eingangs schon erwähnt, war sein Erlebnisbericht zur damaligen Zeit die revisionistische Schrift überhaupt. Die darin enthaltenen Thesen darf ich aus strafrechtlichen Gründen hier nicht wiedergeben, aber was dieses eher kleine Heft auszeichnete, bzw. von anderen revisionistischen Schriften unterschied, war die Tatsache, daß Thies Christophersen selbst in Auschwitz gewesen war und das Lager Birkenau wie seine Westentasche kannte. Als "Sonderführer in Auschwitz" war der junge Thies im Rahmen der Kunstgummi-Produktion eingesetzt. Seine persönlichen Erlebnisse und Beobachtungen ließen sich indes mit dem herrschenden Geschichtsbild auch nicht annähernd in Übereinstimmung bringen.

Thies Christophersen (rechts)

Auch Thies Christophersen war Leiter eines Leserkreises, nämlich dem seiner "Bauernschaft", ein im A-5 Format und mit Hochglanzumschlag erscheinenden Kampfblatt, das sich an seine eher schon ältere Gefolgschaft wandte. Die Lesertreffen der "Bauernschaft" fanden nicht versteckt in irgendwelchen Hinterzimmern (eine Bootsfahrt auf der Schelde stand auch auf dem Programm) statt, sondern waren ein Erlebnis für sich, an dem ich 1983 das erste Mal teilnehmen konnte. Die spätere HNG-Vorsitzende Christa G. war ebenso gut mit Thies Christophersen, wie auch mit Michael Kühnen bekannt und soweit ich mich erinnere, kam unsere Teilnahme an diesem "Lesertreffen" nicht zuletzt durch sie zustande. Jedenfalls war Thies, der alte, im Krieg schwerverwundete Haudegen der Meinung, auch die junge Generation müsse endlich mal zu Wort kommen. So waren Christian Worch und ich eingeladen worden, vor den Versammelten jeder eine Rede zu halten. Das Treffen dauerte mehrere Tage und fand im Schelde-Hof in Antwerpen statt. Christian und ich erläuterten den Anwesenden unsere weltanschaulichen und konzeptionellen Vorstellungen und baten sie um ihre Unterstützung. Großen Applaus bekam ich für meine Aussage, daß die Front- und Erlebnisgeneration keine Angst davor haben müßte, daß ihre alten Fahnen nach ihrem Tod im Staub versinken würden, sondern daß wir jederzeit bereit stünden, sie in unsere jungen, kämpferischen Hände zu nehmen.

Auch Otto Riehs war anwesend und gab mir den Geheimtip, daß "oben im Saal" nachher noch ein Film vorgeführt werden würde. Nach den Reden und Gesprächen – unter anderem mit einer ganzen Reihe ausländischer Kriegsfreiwilliger der Waffen-SS – würde so eine Filmvorführung eine wohltuende Abwechslung sein, obwohl ich noch gar nicht wußte, welcher Film da vorgeführt werden sollte. Die Überraschung war umso größer, als es dann soweit war und "Triumph des Willens" von der Leinwand flimmerte. Man hatte einen großen, vermutlich 16mm-Projektor aufgebaut, der den Film auf eine riesengroße Leinwand warf. Die Zeit des Videos war gerade erst angebrochen und junge Kameraden werden vielleicht gar nicht mehr nachvollziehen können, was es für uns bedeutete, endlich mal jenen Film sehen zu können, von dem wir nicht viel mehr wußten, als daß er von Leni Riefenstahl gedreht worden und heute verboten war. Es war der seinerzeit im In- und Ausland ausgezeichnete Dokumentarfilm über den Reichsparteitag 1934 mit zahlreichen Redebeiträgen aber nicht einem Wort Fremdkommentar, ohne den ja "Dokumentationen" unserer Tage nicht auskommen. Für mich war das damals jedenfalls ein großartiges Erlebnis, das allein die Fahrt nach Belgien gelohnt hätte. Aber eine weitere Überraschung stand ins Haus: Der Schelde-Chor! Die vielleicht 25 oder 30 Frauen und Männer des Schelde-Chors sangen all die hier in Deutschland verbotenen Lieder und dies richtig professionell mit Musikbegleitung, es war phantastisch. Bei "Als die gold'ne Abendsonne..." standen vielen der Anwesenheit vor Ergriffenheit die Tränen in den Augen und die Textstelle "Dreimal krachten dann die Salven, er blieb Adolf Hitler treu!" war für die meisten auch persönliches Bekenntnis und Vermächtnis.

Jemanden, der auch Adolf Hitler die unbedingte Treue geschworen hatte, traf ich ebenfalls im Jahre 1983 und vorgestellt wurde ich wiederum durch Otto Riehs. Es war Karl Wilhelm Krause, der Kammerdiener des Führers. Obwohl er Hitler 10 Jahre lang gedient hatte, war er nicht so bekannt wie Heinz Linge, der die letzten 2 Jahre des Führers Kammerdiener war und daher als Zeitzeuge für die Endphase des Dritten Reiches interessanter war, als Krause, der seinen Dienst von 1933-1943 versehen hatte. "10 Jahre Tag und Nacht" hieß denn auch die bebilderte Broschüre, die Krause verfaßt hatte. Anlaß dieses Kennenlernens war ein Vortragsabend der hessischen NPD zu dem David Irving eingeladen worden war. Da mir Otto Riehs vorher nur mitgeteilt hatte, daß David Irving sprechen würde, hatte ich mein Erscheinen zugesagt und so fuhren wir mit einer Wagenbesatzung nach Frankfurt, nichtsahnend, daß die NPD den Abend organisiert und das Hausrecht innehatte.

Unser Verhältnis zur NPD war damals ein denkbar schlechtes. Die "Deutsche Stimme" hatte ein Bild von Kühnen und mir gebracht und darunter kommentiert "Diese traurigen Figuren behindern den deutschen Freiheitskampf!" Chef der hessischen NPD war der betagte Erich Gutjahr, von dem behauptet wurde, er sei auch Mitglied in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Für ihn waren wir lästige Konkurrenz, denn während er mit seiner alten Clique Cafés und Hinterzimmer unsicher machte, bestimmte die Kühnen-Truppe die Schlagzeilen, machte eine Politik der Straße und war so für die Öffentlichkeit ständig präsent. Das wurmte die hessische NPD ganz gewaltig, aber ein Dialog war nicht möglich, waren wir doch mit diesem Versuch schon gescheitert. Angeführt von Peter Müller und mir hatte die Kameradschaft Frankfurt einen Besuch im JN-Keller der Frankfurter NPD geplant. Man ließ uns jedoch gar nicht erst rein und verweigerte jedes Gespräch. Ich weiß noch, wie Peter Müller sagte: "Und wenn wir nun Interessenten wären?" und der JN'ler antwortete "Die NPD ist an Interessenten nicht interessiert!" Über den Spruch haben wir noch den ganzen Kameradschaftsabend gelacht.

Nun entpuppte sich also der Vortragsabend als NPD-Veranstaltung, das konnte ja heiter werden! Bedingt durch die relativ lange Anfahrt waren wir auch ziemlich spät dran, der Saal war schon gefüllt und am Präsidiumstisch saß neben David Irving und anderen NPD-Funktionären auch Erich Gutjahr. Gefolgt von meinem Stellvertreter Dieter Weißmüller, der einen langen Ledermantel mit dem ANS-Ärmelabzeichen trug, betrat ich den Versammlungsraum. Als Erich Gutjahr uns sah, sprang er sofort auf und kam wild gestikulierend auf uns zu. Inzwischen hatte uns aber auch Otto Riehs erspäht, auch er hatte sich erhoben und auch Karl Wilhelm Krause, der Kammerdiener des Führers, dem uns Otto Riehs schon angekündigt hatte. Otto, der uns viel näher war, hatte uns erreicht, begrüßte uns betont herzlich und gab seiner Freude Ausdruck, daß wir doch noch gekommen waren. Vor lauter Begrüßungstaumel hatte ich Erich Gutjahr völlig aus den Augen verloren und als ich mich umblickte, saß er wieder ganz brav an seinem Vorstandstisch und sagte kein Wort. Ein weiterer meiner Fuldaer Kameraden hatte beobachtet, daß Gutjahr sofort kehrtgemacht hatte, als uns Riehs und Krause so überschwänglich begrüßt hatten. Den Eklat wollte er dann doch nicht riskieren. Eine Geste konnte er sich und uns am Schluß aber doch nicht ersparen und das war so typisch für die NPD jener Jahre und ein Grund für unsere tiefe Abneigung. Als nämlich am Ende das Deutschlandlied gesungen wurde, beorderte Gutjahr zwei besonders große und wehrfähige Burschen zu unserem Tisch, die uns wissen ließen, daß wir sofort aus dem Saal geworfen werden würden, sollten wir während der Hymne den "Deutschen Gruß" zeigen. Von den zwei Vorschul-Rausschmeißern waren wir zwar weniger beeindruckt, aber wir waren ja nicht zum provozieren gekommen und so beließen wir's beim Singen.

Nach der Saalveranstaltung setzten wir uns dann noch auf ein Bier in den Gastraum und binnen kürzester Zeit waren wir von JN'lern umringt, die uns aus dem Fernsehen kannten und mehr über die ANS/NA wissen wollten. Als Gutjahr auf dem Weg vom Saal zum Ausgang die Bescherung sah, kam auch er an unseren Tisch, vermutlich aus der berechtigten Angst, er könne seine wenigen jungen Mitstreiter nun auch noch an die ANS verlieren. Ich gab ihm heftig Kontra und im Gegensatz zum humorlos daherkommenden Landesvorsitzenden, baute ich auch den einen oder anderen Scherz in meine Ausführungen ein. Den Schlußpunkt setzte dann unerwartet die ebenfalls hochbetagte Frau von Erich Gutjahr, die ihn am Jackensaum hochzog und sagte: "Laß' doch Erich, es hat keinen Zweck...!" Wie wahr, wie wahr... (1989 kam Erich Gutjahr dann einem Parteiausschlußverfahren durch sofortigen Austritt und Niederlegung seiner Ämter zuvor)

Nun, das alles lag hinter uns und eine ungewisse Zukunft vor uns. In Fulda angekommen erfuhr ich durch ein Telefonat, daß man mit Kühnens Hamburger Veranstaltung genauso verfahren war, wie mit unserer in Frankfurt. Wer Kühnen kannte, wußte, daß er noch mindestens ein, wenn nicht mehrere Asse im Ärmel haben würde. Die Sache mit den Leserkreisen und der Umbenennung der "INNEREN" in die "NEUE FRONT" waren Testläufe gewesen, wie weit wir gehen könnten und wann der Staat uns "die Rote Karte" zeigen würde. Dies war früher geschehen als erwartet und so deutete der Chef bereits an, daß nun "Plan-B" in Kraft treten müsse, da das wichtigste sei, daß unsere Kameraden und vor allem das Unterführerkorps erstmal ungestört weiterarbeiten könnten und der Zusammenhalt der Truppe gewahrt blieb. Seit Sommer 1983 wußte ich, was der "Plan-B" war, nämlich der massenweise Eintritt unserer Leute in die damals völlig unbekannte Mini-Partei FAP.


Die FAP

Daß es sich hier nicht um eine "feindliche Übernahme" gehandelt hat, hab' ich schon an anderer Stelle beschrieben.

Martin Pape

Die Ereignisse sind in der einschlägigen Literatur immer wieder völlig falsch dargestellt worden und ich überlasse es dem geneigten Leser, ob er der offiziellen Version weiter Glauben schenken will oder meine Darstellung für überzeugender hält. Jedenfalls kann man in fast allen Büchern über die Geschichte des Rechtsextremismus lesen, daß Kühnen nach dem ANS-Verbot die FAP überfallartig übernommen und sie für seine Zwecke instrumentalisiert habe. Der völlig ahnungslose Parteivorsitzende sei von den Kühnen-Leuten abrupt überrumpelt und übelst hintergangen worden. Davon kann allerdings überhaupt nicht die Rede sein.

Martin Pape, ein deutsch-nationaler Patriot, hatte im Jahre 1979 seine eigene Partei, die FAP gegründet. Eigentlich eine Abspaltung der ebenfalls unbedeutenden UAP, dümpelte diese Partei im politischen Nichts so vor sich hin.

Pape gab damals und wohl auch heute noch eine eigene Zeitung, den "Deutschen Standpunkt", heraus; allein das machte den Mann für uns schon interessant. Im Rahmen des bald darauf stattfindenden Gesprächs bot Pape Kühnen für den Verbotsfall an, den dann politisch heimatlos werdenden Aktivisten, durch eine Mitgliedschaft in der FAP eine neue und vor allem legale Aktionsbasis zu verschaffen. Ich war sicher, daß Kühnen das rundweg ablehnen würde, denn die FAP war damals ja noch reaktionärer als die NPD, aber der Chef dachte natürlich gleich viel weiter. Die NPD würden wir nie auf einen neuen Kurs bringen können, vermutlich würde Ex-ANS'lern sowieso die Mitgliedschaft verweigert, aber bei der FAP sah das ganz anders aus. Kühnen sagte Pape zu und lud ihn zu einer der folgenden ANS-Veranstaltungen ein, an der dieser auch teilnahm und so existierte seit Sommer 1983 dieser jetzt zum Tragen kommende "Plan-B", bei dem allerdings von einer "feindlichen Übernahme" keine Rede sein konnte. Hier wurde der Vorschlag des FAP-Gründers dankbar in die Tat umgesetzt und in der Anfangszeit dürfte sich Pape auch riesig über die Mitgliederentwicklung gefreut haben.

Die persönliche Situation Kühnens allerdings hatte sich durch das neue Ermittlungsverfahren wegen "Fortführung einer verbotenen Organisation" erheblich verschlechtert. Wie vor seiner Verurteilung zu einer mehrjährigen Haftstrafe im "Bückeburger Prozeß", hatten die Staatsanwaltschaften auch diesmal reichlich Material gesammelt, damit die Gerichte mit einem Schlag eine möglichst hohe Haftstrafe würden aussprechen können. Da braute sich also wieder ganz schön was zusammen. Für das Jahr 1984 hatte Kühnen ja ohnehin einen längeren Auslandsaufenthalt geplant, um einerseits ausländische Gruppen nach Vorbild der ANS zu fördern oder sogar erst zu gründen, wie zum Beispiel in der Schweiz, und andererseits wollte er den Versuch machen, daß Auslandsdeutschtum zu mobilisieren, von dem er sich zumindest finanzielle Unterstützung versprach. Käme es aber erst zu seiner Verhaftung und dann zu einem langwierigen Prozeß, wäre diese Chance auf Jahre vertan. Kühnen handelte schnell, er verließ Deutschland und fand nach einer längeren Odyssee bei französischen Kameraden in der Nähe von Paris eine Unterkunft und damit die Basis für seine geplanten Auslandsaktivitäten.

Selbe Gesinnung - andere Fahne!

Im Prinzip war ich natürlich auch auf diesen Fall vorbereitet, es war aber dann trotz allem ein Schock, als Kühnen weg und ich über Nacht der Chef "der militantesten Neonazi-Organisation" der Bundesrepublik Deutschland war. Ambitionen den Chef zu spielen hatte ich keine, vielleicht hatte sich Kühnen ja auch deshalb für mich entschieden, dennoch hielt ich mich für einen brauchbaren Statthalter und daß ich es auch bin, wollte ich Kühnen nun beweisen. Der massenweise Eintritt alter ANS-Kameraden in die FAP erwies sich als genialer Schachzug und um die Gefahr weiterer Verbotsmaßnahmen noch zu minimieren, waren weder Kühnen noch Worch, noch ich selber in die FAP eingetreten. Parteivorsitzender blieb auf dem Papier weiter der biedere Martin Pape, ein ehrlicher Mann aber ohne jedes Charisma und mit seinem schwäbischen Dialekt auch kein guter Redner. Offiziell hatte ich zunächst gar keine Funktion aber jederzeit ein Forum, wo immer ich es wollte. Unsere Leute besetzten die Schlüsselpositionen der Partei und wenn ich irgendwo sprechen wollte, ließ ich mich vom örtlichen FAP-Chef dazu einladen. Aus den Kameradschaften wurden Ortsverbände, aus den Bereichen Landesverbände und aus den ANS-Gautreffen wurden FAP-Gautreffen. Ich mittendrin – aber stets nur Gast. Mit einem Schmunzeln beobachtete Michael Kühnen von Paris aus, wie wir uns langsam das Medieninteresse zurückeroberten und die FAP mehr und mehr in die Schlagzeilen geriet.

Martin Pape mag die anfängliche Freude bald vergangen sein und vielleicht fühlte er sich wie weiland der Zauberlehrling, der die Geister, die er beschworen hatte, nicht mehr loswurde. Trotzdem ließen wir seine Position als offizieller Parteivorsitzender unangetastet, er blieb es bis über die Spaltung hinaus und erst die Putschisten ersetzten ihn durch Friedhelm Busse. Jürgen Mosler, zentrale Figur des später gegen Kühnen gerichteten Putsches, entwarf das neue FAP-Abzeichen, das Zahnrad mit den gotischen Buchstaben "FAP". Zunehmend wurden Fahnen mitgeführt, später ließ Busse sogar Standarten anfertigen. Die blutroten Fahnen mit weißem Kreis und schwarzer Inschrift erinnerten schon an eine Fahne, deren öffentliche Verwendung bis heute verboten ist und so wehte in der ehemals gutbürgerlichen, ja reaktionären FAP ein revolutionäres Lüftchen, das die alte Garde um Pape erheblich irritierte.

Andererseits freute man sich aber auch, daß die FAP aus ihrem Schattendasein heraustrat und dank der jugendlichen Kader, die in sie eingetreten waren, auch eine Politik der Straße machen konnte. So fuhren unsere jungen Aktivisten im Stuttgarter Wahlkampf mit fahnenbehängten Pritschenwagen durch die Stadt, sangen Lieder, verteilten massenweise Propagandamaterial und sorgten so für eine ständige Präsenz; die Voraussetzung erfolgreicher Politik. Das wiederum sorgte natürlich auch für ein gewisses Medieninteresse. Alles in allem schienen wir deshalb das ANS-Verbot gut pariert zu haben, besser als jede Organisation vorher. An der Seite Kühnens war ich durch eine harte Schule gegangen und wußte mittlerweile, was zu tun war. Kühnen selbst blieb seiner Direktive treu, nach der es unmöglich sei, aus der Haft oder aus dem Ausland eine revolutionäre politische Bewegung zu führen und überließ alles mir und dem eingespielten Unterführerkorps. Nicht ein einziges Mal kam irgendein Befehl, irgendeine Anordnung aus Paris, so nach dem Motto: "Das müßt Ihr so machen...!" oder "Hättest Du mal lieber dies und das gemacht...!" Das lag nicht an mangelnder Kommunikation, alle paar Wochen fuhr ich nach Paris und wir führten ausgiebige Gespräche. Mal begleitete mich Christian Worch, mal Jürgen Mosler oder Christian Malcoci.

Daß Kühnen sich unter die Fittiche des FRONT NATIONAL begeben hatte, ist allerdings auch eine von den linken Medien kolportierte Geschichte; das stimmte einfach nicht. Für Quartier hatte Marc Fredericson gesorgt, der Chef der französischen Nationalsozialisten, die damals auch noch auf Unterstützung durch ehemalige Freiwillige der Waffen-SS rechnen konnten. Während es in Deutschland zumindest zufriedenstellend lief, konzentrierte sich Kühnen auf seinen großen Plan, eine Südamerika-Reise zur Mobilisierung des dortigen Auslandsdeutschtums. Diese Reise sollte in jedem Fall noch im Jahre 1984 stattfinden, die Gelder versuchte Kühnen überall in Europa locker zu machen. Behilflich sollte hierbei auch Leon Degrelle sein, eine zentrale Figur im Kreis der Alten Kämpfer mit weltweiten Kontakten und Einfluß. Degrelle war in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts der Führer der belgischen Rexisten gewesen und hatte sich mit Beginn des Rußlandfeldzuges als Freiwilliger der Waffen-SS zur Verfügung gestellt, um dem Bolschewismus nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch mit der Waffe in der Hand zu trotzen. Vom einfachen MG-Schützen diente sich Leon Degrelle zum Divisionskommandeur hoch, er war der höchstdekorierteste Ausländer der deutschen Streitkräfte und hatte das Ritterkreuz von Adolf Hitler persönlich übergeben bekommen; später bekam er auch das Eichenlaub. "Wenn ich einen Sohn hätte...", so soll der Führer gesagt haben"...er müßte sein wie Degrelle!" Auch als Nachfolger des Reichsführers-SS war Degrelle im Gespräch.


Bei Leon Degrelle

Vorerst war ein Zusammentreffen mit Degrelle allerdings Zukunftsmusik, denn es war recht schwierig an ihn heranzukommen. Er lebte in Madrid, weil er in seiner Heimat Belgien wegen "Verbrechen gegen den belgischen Staat" nach dem Kriege zum Tode verurteilt worden war. In letzter Sekunde hatte sich Degrelle abgesetzt und war mit einer deutschen Maschine Richtung Spanien gestartet. "Das letzte Hakenkreuz an Europas Himmel", hieß es nicht ohne Pathos und kurz hinter der spanisch-französischen Grenze, bei St. Sebastain, war Degrelle notgelandet. Die Verletzungen, die er sich dabei zuzog, nahm General Franco zum Vorwand, ihn nicht ausliefern zu lassen. In Abwesenheit zum Tode verurteilt, war er mittels Adoption durch eine Spanierin in den Besitz der eingeschränkten spanischen Staatsbürgerschaft gekommen und ab da vor einer Auslieferung sicher. Von Paris aus liefen jedoch eine Menge Fäden nach Madrid und zu Degrelle und so hatte Michael Kühnen den Termin für ein Gespräch mit dieser Ikone des europäischen Faschismus erhalten.

Meine Teilnahme an diesem Treffen war zunächst gar nicht geplant, aber ein Telefonat änderte die Situation urplötzlich und es hatte noch viel weitreichendere Folgen für die zukünftige Entwicklung der Bewegung, als ich es an jenem Abend in Fulda erahnen konnte. Wir saßen wie so oft in der "Marktschänke", jener Kneipe, die ein ehemaliges Wehrsportgruppen-Mitglied führte, in fröhlicher Runde beisammen. Da wurde ich plötzlich ans Telefon gerufen und es wurde mir bedeutet, daß eine Frau mit "so einem komischen Namen" am anderen Ende sei. Ich übernahm den Hörer und es meldete sich Frau Gabriele Krone-Schmalz, damals Mitarbeiterin von "MONITOR", dem bekannten Politmagazin der ARD. Sie trug immer einen markanten "Micky-Maus-Haarschnitt" und ich kannte sie aus Bad Hersfeld, wo sie Kühnen, Marx und mich am Rande unseres Aufmarschs im Jahr zuvor interviewt hatte. Frau Krone-Schmalz hielt sich nicht mit langen Vorreden auf, sie wollte den als "untergetaucht" geltenden Michael Kühnen interviewen; Geld spiele dabei eine untergeordnete Rolle, es sei ihr wichtig mit Kühnen sprechen zu können und wer, wenn nicht ich, könne für die notwendige Verbindung sorgen? Ich witterte sofort die Chance unsere stets leere "Reichskriegskasse" etwas aufbessern zu können und sagte der guten Frau, daß es sehr schwierig und aufwendig sei, mit dem von den deutschen Behörden fieberhaft gesuchten Michael Kühnen Kontakt aufzunehmen und ich würde wohl mehrere, längere Autofahrten unternehmen müssen, da den Kommunikationsmitteln Post und Telefon natürlich nicht getraut werden könne. Das spiele alles keine Rolle, bedeutete mir Frau Krone-Schmalz und sie möchte nur wissen, wann ich damit loslegen könne, den Kontakt herzustellen. "Sobald die 500,- DM da sind, die sie mir als Aufwandsentschädigung vorab überweisen werden", pokerte ich ein wenig hoch aber völlig unbeeindruckt davon sagte mir die Journalistin die sofortige telegrafische Überweisung der geforderten Summe zu. Zwei Stunden später war das Geld da und ich löste mein Wort ein. Am anderen Tag rief ein gewisser Michael Kühnen in der Monitor-Redaktion an und verlangte eine Mitarbeiterin mit Namen Gabriele Krone-Schmalz.

Manchmal läuft alles schief, aber manchmal läuft auch alles wie am Schnürchen und das war jetzt einer dieser eher seltenen Fälle. Kühnen hatte ein Gespräch mit Krone-Schmalz verabredet, Treffpunkt würde der "Gare du Nord", der Pariser Nordbahnhof sein. Und als Kühnen im Vorgespräch den Namen Leon Degrelle nannte, war die Journalistin wie elektrisiert. Er plane ein Treffen mit Degrelle, so Kühnen, die Vorverhandlungen seien bereits abgeschlossen und ein vorläufiger Termin vereinbart. Journalisten jener Tage wußten, daß Kühnen immer für eine "story" gut war und die Chance via Kühnen den systemmedienscheuen Degrelle vor die Kamera zu kriegen, erschien Frau Krone-Schmalz wohl allzu verlockend. Während ein Interview mit deutschen Medien im fast schon zur Heimat gewordenen Paris für Kühnen kein Problem darstellte, ja fast Routine war, wollte er sich jedoch nicht allein auf das Spanien-Abenteuer einlassen und so erhielt ich kurze Zeit später einen Anruf aus Paris. Michael Kühnen fragte mich, ob ich kurzfristig nach Spanien kommen könne, ruhig mit einer Wagenbesatzung vertrauenswürdiger Kameraden im Schlepptau. Ich fuhr damals einen 280er Daimler, war arbeitslos und dank der Monitor-Redaktion hatte sich auch die "Reichskriegskasse" von ihrer ständigen "Raumleere" erholt und so sagte ich begeistert zu. Nicht nur, daß ein längerer Fernsehbericht uns und unserer politischen Arbeit sehr zupass kommen würden, auch die Gelegenheit Leon Degrelle kennenzulernen, ließ mich beschwingt in die Vorbereitungsphase eintreten; auch war ich über die Aussicht Kühnen außerplanmäßig zu treffen, hocherfreut. Wir verabredeten uns am Bahnhof in Lyon, wo dann eine deutsche Reisegruppe ihr Erlebnis der ganz besonderen Art haben sollte.

Wen ich mitnehmen würde, war klar, mein Stellvertreter Dieter Weißmüller und nach einem Anruf beim zuständigen Kameradschaftsführer stand fest, daß mich auch der Frankfurter Kamerad Udo G. begleiten würde.

Auch weiterhin verlief alles nach Plan, das Filmteam von "MONITOR" drehte im sonnigen Paris an verschiedenen Schauplätzen, Krone-Schmalz führte mehrere ausgiebige Gespräche mit Michael Kühnen und wollte ihren Bericht jetzt noch mit dem Degrelle-Besuch krönen. Während das Fernsehteam mit dem Flugzeug nach Madrid flog, setzte sich Kühnen in seinen alten Opel, den er von einer alten, treuen Kameradin aus Hannover geschenkt bekommen hatte und fuhr Richtung Lyon. Dort – so war es bereits verabredet worden – würde er dann das Fahrzeug stehenlassen und wir würden die Fahrt gemeinsam in meinem Mercedes fortsetzen. Frohgemut steuerte also auch ich die drittgrößte Stadt Frankreichs an, die ich dann auch pünktlich zu unserer Verabredung erreichte.

Im Bahnhofsbereich angekommen, sahen wir schon von weitem Michael Kühnen, der direkt auf uns zusteuerte. Zwischen ihm und uns befand sich jedoch noch eine deutsche Reisegruppe von ca. 30 Personen, in deren Höhe wir zusammentrafen. Sofort nahmen ich und meine Wagenbesatzung Haltung an, streckten den rechten Arm in die Höhe und begrüßten Michael Kühnen mit einem lautstarken "Heil Hitler!" und auch Kühnen hob den ausgestreckten Arm, um diesen deutschen Gruß ebenso lautstark zu erwidern. Den anwesenden Deutschen fuhr dermaßen der Schreck in die Glieder, daß wir um uns herum nur in erstaunte Augen und offene Münder blickten. Das war der Vorteil, sich einmal nicht im "räumlichen Geltungsbereich des Grundgesetzes" zu befinden. In Frankreich stand der Deutsche Gruß nicht unter Strafe und es tat damals richtig gut, ihn mal offen und ohne schlechtes Gewissen entbieten zu können. Weiß der Teufel, was sich die Urlauber dabei dachten...

Bis Madrid hatten wir ja nun noch ein gutes Stück Weg vor uns und so fand sich die Zeit zu ausgiebigen Gesprächen während der Fahrt. Kühnen eröffnete mir, daß er noch in diesem Jahr 1984 nach Südamerika wolle, um auch dort das Auslandsdeutschtum für eine Unterstützung unserer Arbeit zu gewinnen. Ganz wichtig sei dabei die Empfehlung Leon Degrelles, der als Mitbegründer der "Schwarzen Internationale" auch in Südamerika großes Ansehen genoß. Neben Degrelle waren auch General Otto Ernst Remer und der Duce-Befreier Otto Skorzeny Mitbegründer dieser Geheimorganisation gewesen, die zu diesem Zeitpunkt allerdings schon den Zenit ihrer Macht und ihres Einflusses überschritten hatte. Leider machten später Verhaftung und Abschiebung Kühnens nach Deutschland, diesen vielversprechenden Plan zunichte.

Über Saragossa und Barcelona näherten wir uns Madrid, wobei mir in Saragossa noch mein Kassettenrecorder geklaut wurde, indem man die Seitenscheibe meines Autos einschlug, während wir rasch was essen waren. Pro forma erstatte ich Anzeige bei der nahegelegenen Polizeiwache und das Unerwartete geschah: Kurze Zeit später hatte die Polizei die jungendlichen Täter bereits dingfest gemacht und führte sie herein, noch während wir auf der Wache warteten. Hier erwies es sich als sehr praktisch, daß Michael Kühnen mehrere Sprachen sprach oder sich zumindest alltagstauglich unterhalten konnte. Französisch beherrschte er mittlerweile perfekt, es war ja die Sprache, in der er sich an jedem Tag seines Exils verständigen mußte, aber auch Italienisch und Spanisch hatte er sich angeeignet und das war jetzt sehr hilfreich. Noch hilfreicher sollte es allerdings bei der Begegnung mit Leon Degrelle sein. Der Mann war zwar SS-Divisionskommandeur gewesen, sprach jedoch kein Deutsch. Tja, auch so was gab es in der legendären gesamteuropäischen Armee namens Waffen-SS.

Die jugendlichen Diebe erhielten übrigens ihre Strafe noch während unserer Anwesenheit. Statt sie einzusperren, hatte der örtliche Polizeichef ihre Eltern angerufen und ihnen gesagt, sie sollten ihre kriminellen Sprößlinge abholen. Die kamen dann auch wutentbrannt und während einer der Väter auf seinen Sohn einprügelte, stellten sich die anwesenden Polizisten blind und taub, was in Deutschland zwar undenkbar, für die weitere Entwicklung der Jungs aber sicher nicht das Schlechteste war.

Weiter ging die Fahrt an Barcelona vorbei, wo ich noch im Jahr zuvor vor der Guardia Civil zur CEDADE geflüchtet war. Wie schnell doch die Zeit verging...

Filmdokument aus der Sendung "Monitor"

Irgendwann brachte Kühnen dann ein Problem zur Sprache, welches früher oder später zur Nagelprobe unserer Truppe werden mußte: Die Kaderbildung. Während er sehr zufrieden war, daß so viele Kameraden nunmehr in der FAP Dienst taten und der Staat da zunächst mal tatenlos zusehen mußte, so sehr drängte er auf die Verwirklichung seiner alten Direktive: Nationalsozialisten gehören in eine nationalsozialistische Organisation. Der Versuch die ANS-Strukturen komplett in die Leserkreise der NEUEN FRONT zu überführen, war gescheitert, man schlug seitens des Staates sofort gnadenlos zu, wie die Veranstaltungen im Januar des Jahres bewiesen hatten. Was also tun? Eher beiläufig erwähnte Kühnen dann, daß die Italiener vor Jahren ein Komitee zur Vorbereitung des 100. Geburtstag des Duce gegründet hatten, der dann im Jahr zuvor auch mit großem Pomp gefeiert worden war. Ob man so etwas versuchen sollte? Der 100. Führergeburtstag schien noch fern, 1989, das wären 5 Jahre ungestörte Zeit der Kaderbildung, wenn es denn funktioniert. Man könne es ja mal versuchen und vielleicht auch mal Leon Degrelle dazu hören. Hielte der das auch für eine gute Idee, sollte man den Grundstein am besten gleich und noch in Spanien legen. Da ich schon damals der Meinung war, man müsse ständig alles mögliche versuchen und irgendwas würde dann schon Erfolge zeitigen, war ich sofort begeistert dabei...

In Madrid angekommen, trafen wir uns zunächst mal mit dem Monitorteam unter Gabriele Krone-Schmalz, die bereits in einem Hotel der etwas gehobenen Preisklasse abgestiegen war. Rasch hatten wir ihr deutlich gemacht, daß wir eine Menge Ausgaben hatten und auch an Degrelle nur über Mittelsmänner heranzukommen gewesen war, die alle erst persönlich aufgesucht werden mußten. Ob sie uns das abkaufte, weiß ich nicht, aber um der Gefahr zu entgehen, am Ende umsonst nach Spanien gereist zu sein, willigte Frau Krone-Schmalz in diverse Vergütungen ein, die wir ihr auch gerne quittierten. Erwähnt werden muß hier noch, daß der Sender nach der Ausstrahlung des Berichtes im Juni 1984 den völlig untauglichen Versuch machte, die Gelder wieder zurückzufordern, weil wir sie uns unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angeeignet hätten. Ich habe daraufhin der Redaktion geschrieben, daß wir selbstredend keinen Pfennig zurückzahlen und uns über eine Klage des Senders sehr freuen würden. Wir seien nämlich die, die sich auch über negative Schlagzeilen freuen und "WDR verklagt Neonazis!" sei eine jener Schlagzeilen, wie wir sie stets gerne in den bundesdeutschen Printmedien lesen würden. Das genügte, es kamen keine weiteren Briefe des WDR und natürlich auch keine Klage.

Bei Leon Degrelle

Aber auch Gabriele Krone-Schmalz zeigte uns noch, daß sie durchaus eine investigative Journalistin von Rang war, denn als wir am kommenden Tag bei Leon Degrelle eintrafen, war das Kamerateam des WDR schon da. Im nachhinein kam uns aber auch das zugute, denn so wurde unsere Begrüßung durch Leon Degrelle nicht nur gefilmt, sondern wenig später auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Degrelle bewohnte eine geräumige und gemütliche Wohnung im Herzen Madrids, an den Wänden die alten Fahnen seiner Rexisten-Bewegung. Freundlich und mit festem Händedruck begrüßte uns der alte, aber ungewöhnlich rüstige Herr und die Situation hatte durchaus etwas Erhebendes, ja Historisches: Wir, die wir zu Hause für jene politische Überzeugung verfolgt wurden, für die auch Leon Degrelle gekämpft hatte und weiter kämpfte, standen diesem tapferen Soldaten und Politiker in Madrid, dieser südeuropäischen Hauptstadt Spaniens gegenüber, die ihm zur Heimat wurde, weil er in seinem Vaterland – dessen Bestes er stets wollte – zum Tode verurteilt worden war. Ich war dem Schicksal dankbar, zu dieser Zeit an diesem Ort sein zu dürfen und das Surren der Filmkamera im von Scheinwerfern hell erleuchteten Domizil des ehemaligen SS-Divisionskommandeurs, verstärkte den Eindruck noch, hier an einem wichtigen Ereignis teilzuhaben.

Vor dem eigentlichen Gespräch, das Kühnen allein bestritt, weil uns anderen die Sprachkenntnisse fehlten, wurde Krone-Schmalz mit ihrer Truppe erstmal hinauskomplimentiert. Erst im Wohnzimmer Degrelles hatte ich erfahren, daß er kein Deutsch sprach und so verfolgte ich fasziniert die Szenerie und die von Scherzen und Lachen immer wieder unterbrochene Unterhaltung zwischen Kühnen und Degrelle, die sich auf französisch geeinigt hatten, obwohl sie sich auch in spanisch hätten unterhalten können. Durch aufgeschnappte Wortfetzen hatte ich bemerkt, daß Kühnen auch die beabsichtigte Gründung des "Komitees Adolf Hitler" angesprochen hatte und Degrelles Lachen und das fortgesetzte "oui, oui!" verrieten mir schon, daß er diese Idee guthieß. Ein Punktsieg für uns, gerade wenn man bedenkt, daß uns das Ganze erst auf der Fahrt nach Madrid eingefallen war und keinesfalls Ausgeburt einer wochenlangen Planungsphase war. Viel zu schnell verstrich die Zeit und wir nahmen wieder Abschied. Erneut ein fester Händedruck und ein ebenso fester Blick in die Augen, so entließ uns Leon Degrelle wieder in die politische Wirklichkeit des Jahres 1984.

Alle waren wir "aufgekratzt" und bester Laune, als wir Degrelle verließen. Wir hatten einen der wichtigsten Leute in der weltweiten Vernetzung alter und neuer Nationalsozialisten getroffen. Wir hatten ihm Pläne unterbreitet, die er nicht nur gutgeheißen hatte, sondern die er auch von Madrid aus unterstützen wollte, so gut er es konnte. Wir würden sehr bald wieder in den deutschen Medien präsent sein, der Monitor-Bericht verhieß spektakulär zu werden und das alles hatte uns keinen Pfennig gekostet, weil es letztlich der Sender bezahlt hatte. Besser konnte es zu diesem Zeitpunkt nicht laufen und so beschlossen wir an Ort und Stelle der Ankündigung die Tat folgen zu lassen: Wir gründeten noch am selben Tag in Madrid das "Komitee zur Vorbereitung des 100. Geburtstags Adolf Hitlers", kurz KAH genannt.

Da dieses KAH später tatsächlich eine zentrale Bedeutung innerhalb der „rechtsextremen Szene“ Deutschlands einnahm, wurde und wird seine Gründung in den linken Medien und der einschlägigen Literatur immer wieder völlig falsch dargestellt. Nicht nur, daß Leon Degrelle zum "Gründungsmitglied und Vorsitzenden" gemacht wird, auch gänzlich unbeteiligte Personen werden oft als Mitbegründer genannt. So zum Beispiel Michel Caignet, der Schriftleiter von "Unser Europa", das später in "Die Neue Zeit" umbenannt wurde. Oder auch Jürgen Mosler und Christian Malcoci, die Drahtzieher des Putsches gegen Kühnen. Wahrheit ist und bleibt, daß die oben bereits benannten Kameraden Kühnen, Weißmüller, G, und ich selbst die Gründer des KAH waren, aller Legendenbildung zum Trotz.


Das KAH

Einer alten SA-Tradition folgend, die ihre Anfänge ja auch in den diversen Sturmlokalen hatte, suchten wir uns im Herzen Madrids eine kleine Kneipe aus, in der wir die Gründung des KAH offiziell durchführen wollten. Unsere Wahl fiel völlig zufällig auf die "Cerveceria Haithi" am Plaza del Sol in Madrid. Und so gründeten im Mai 1984 Michael Kühnen, Dieter Weißmüller, Udo G. und meine Wenigkeit das KAH als Kaderorganisation nationaler Sozialisten in Deutschland. Die alten Bezeichnungen wie "Leiter" (Organisations-/Bereichsleiter) oder "Führer" (Kameradschafts-/Sonderführer) wurden durch das unverfänglicher klingende "Sekretär" ersetzt und so wurde ich noch am selben Abend der erste Generalsekretär des KAH. Die Dienstgrade wurden fürderhin nicht mehr durch Schulterstücke oder – wie bei der ANS/NA – durch Kragenspiegel zum Ausdruck gebracht, sondern durch verschiedenfarbige, geflochtene Kordeln, die wie eine Schützenschnur zum Diensthemd getragen wurden.

Einmal in Spanien, wollte Michael Kühnen unbedingt auch die Grabstätte des Generalissimus Francesco Franco besuchen und so fuhren wir auf der Rückfahrt noch zum "Tal der Gefallenen", wo neben Franco auch der Gründer der spanischen Falange-Bewegung, José Antonio Primo de Rivera, begraben liegt. Das ehrende Gedenken an Franco wich aber Jahr um Jahr mehr dem Personenkult um seinen Nachfolger, den spanischen König Juan Carlos. Eindrucksvoll ist die Anlage aber gleichwohl und kilometerweit ist das riesige Kreuz (mit 150 Meter Höhe das höchste freistehende Kreuz der Welt) zu sehen, das den Standort von "Valle de los Caidos", mit vollem Namen Monumento Nacional de Santa Cruz del Valle de los Caídos (Nationalmonument des Heiligen Kreuzes im Tal der Gefallenen) schon von weitem verrät. Vielleicht hat Franco ja auf´s falsche Kreuz gesetzt, so mein Gedanke damals...

Nachdem wir noch einige Ansichtskarten verschickt hatten, machten wir uns auf die Heimreise. Diese verlief dann völlig unspektakulär und nach der Verabschiedung von Kühnen in Lyon, machte sich auch der Rest der Truppe auf den Heimweg. Nun hatte ich reichlich Arbeit im Gepäck, denn der Aufbau des KAH sollte schnell, aber auch gründlich erfolgen; freilich gab es ja auch reichlich Kameraden, die mich in diesem Bestreben nach besten Kräften unterstützen würden.

Meine Fuldaer hatte ich schnell eingewiesen und so saßen dann eines Abends im Frühsommer 1984 einige Kameraden im Hinterzimmer des "Hotel Hirsch" in Fulda und warteten gebannt auf die Ausstrahlung einer Folge des Politmagazins "MONITOR" und sie sollten nicht enttäuscht werden. Der außergewöhnlich lange Beitrag zeigte Ausschnitte aus den Gesprächen von Krone-Schmalz mit Michael Kühnen in Paris und plötzlich kamen alte Wochenschauaufnahmen ins Bild. Zunächst Rückkehr der Division "Wallonie" von der Ostfront und jubelnder Empfang in Brüssel. Auf dem Panzerwagen der hochdekorierte Leon Degrelle, fröhlich lachend und grüßend, dann Bilder aus dem Führerhauptquartier "Wolfsschanze", Verleihung des Ritterkreuzes an Degrelle. Der Führer persönlich drückt Degrelle die Hand, danach ein Schnitt, Blick in die Madrider Wohnung Degrelles und die Begrüßung von Michael Kühnen und mir. Das war einfach nur klasse, besser hätten wir´s auch nicht schneiden können, wenn wir einen Propagandafilm hätten drehen wollen. Nun waren wir wieder im Gespräch; zumal es ja noch nicht die vielen Privatsender späterer Tage gab und so schaute der politisch Interessierte damals selbstredend "MONITOR". Mit dieser Aktion konnten wir voll auf zufrieden sein, das KAH – abschließend von Krone-Schmalz auch noch kurz erwähnt – war schon bekannt, es mußte nur noch mit Leben erfüllt werden. Das würde in erster Linie meine Aufgabe sein, der ich mich in den folgenden Wochen und Monaten voll und ganz widmete...


Ich lerne Remer kennen

"Wahrheit macht frei" - Ausschnitt über Otto Ernst Remer

Nachdem ich Oberst Rudel, den "Adler der Ostfront" bereits auf Veranstaltungen und als Redner erlebt hatte und Otto Riehs gut kannte, sollte ich auch endlich den Generalmajor Otto Ernst Remer kennenlernen. Remer galt als der entscheidende Mann in Berlin bei der Niederschlagung des Putsches nach dem Attentat vom 20. Juli 1944. Die meiste Zeit des Krieges war Remer an vorderster Front eingesetzt und daher auch hochdekoriert. Als Kommandeur des Berliner Wachbatallions "Großdeutschland" befand er sich aber just zu dem Zeitpunkt in Berlin, als dort Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung abliefen und ihn, Remer, vor Entscheidungen stellten, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollten. Die ganzen Ereignisse können an anderer Stelle nachgelesen werden, es ist nicht Sinn und Zweck meiner Biographie Geschichtsunterricht zu erteilen. Es sei nur kurz darauf hingewiesen, daß man Remer mit der Verhaftung von Dr. Goebbels beauftragt hatte, nachdem die Wehrmacht angeblich "eidfrei" geworden war, weil der Führer einem Attentat zum Opfer gefallen sei. Als Goebbels jedoch eine Telefonverbindung zum Führerhauptquartier Wolfsschanze zustandebrachte und sich Remer in einem fernmündlichen Gespräch davon überzeugen konnte, daß Hitler lebt, stand dieser tapfere Soldat selbstverständlich zu seinem Eid und wurde vom Führer persönlich mit der Wiederherstellung der Ordnung in der Reichshauptstadt beauftragt. Mit dieser Generalvollmacht gelang es Remer sogar die Erschießungen im Hof des Bendlerblockes zu stoppen, die Generaloberst Fromm angeordnet hatte, nicht zuletzt um Mitwisser seiner eigenen Unentschlossenheit während des Putsches zu beseitigen. Fromm wurde dann später selbst vor den Volksgerichtshof gestellt und zum Tode verurteilt.

Da es vergleichsweise wenig Widerstand gegen Hitler gegeben hatte, wurde und wird dieses wenige natürlich heute hochbewertet und dient zum Beweis eines "anderen Deutschlands". So wurden auch die Vorgänge des 20. Juli 1944 ziemlich einseitig dargestellt und Leute zu Helden gemacht, deren Vorstellungen von einem Nachkriegsdeutschland, nichts aber auch gar nichts mit denen einer "freiheitlich demokratischen Grundordnung" gemein hatten. Da ich mich hier aber nicht auf strafrechtlich bedenkliches Terrain begeben möchte, halte ich mich mit einer Bewertung der Vorgänge und der handelnden Personen um Stauffenberg zurück.

Remer jedenfalls hatte nach dem Verbot der SRP (Sozialistische Reichspartei) Deutschland verlassen und wurde im Nahen Osten Militärberater. Ehemalige deutsche Offiziere mit Fronterfahrung erfreuten sich z.B. in Ägypten oder aber auch in Südamerika großer Beliebtheit und hier erfuhren sie auch jene Achtung, die ihnen die Heimat jetzt versagte. Als Remer dann schließlich nach Deutschland zurückkehrte, war die Freude unter seinen alten Mitkämpfern groß und für uns junge Aktivisten war Remer, ähnlich wie Rudel oder Degrelle eine Art Ikone.

Ich freute mich daher ganz besonders als ich erfuhr, daß Remer im Sommer 1984 auch nach Frankfurt kommen würde, um dort vor unseren Kameraden zu sprechen. Es war immer wieder faszinierend aus dem Munde eines unmittelbar beteiligten Zeitzeugen Ereignisse kommentiert zu bekommen, die einem bisher in einem gänzlich anderen Licht geschildert worden waren. Ich sollte das große Glück haben, Remer noch oft sprechen zu hören und auch mit ihm gemeinsam auf Veranstaltungen aufzutreten. An diesem 20. Juli 1984, auf den Tag genau 40 Jahre nach Niederschlagung des Stauffenberg-Staatsstreichs in Berlin, traf ich zum ersten Male mit ihm zusammen und war ebenso fasziniert wie begeistert. Obwohl schon über 70, war Remer immer noch durch und durch Soldat. Präzise und militärisch knapp, ließ er die Ereignisse Revue passieren, die vier Jahrzehnte zuvor sein Leben so entscheidend geprägt hatten. Am Ende der Veranstaltung trat ich dann vor und sprach ihn an: "Herr Generalmajor, der SPIEGEL hat diese Woche einen Bericht zum Jahrestag des 20. Juli gebracht. Ich habe ihn hier. Es ist ein Bild darin abgedruckt, das Sie mit Reichsminister Dr. Goebbels zeigt. Würden sie mir dieses Bild signieren?" "Selbstverständlich!", antwortete Remer und hatte auch schon einen Stift zur Hand. So signierte mir dieser hochdekorierte Frontoffizier und Person der Zeitgeschichte einen SPIEGEL-Artikel und das Autogramm habe ich noch heute.


Europäische Bewegung

In Erkenntnis der Tatsache, daß es einen deutschen Sonderweg zum Sturz der Nachkriegsordnung nicht würde geben können und ermuntert durch die zum Teil hervorragende Zusammenarbeit mit Kameraden aus anderen Ländern Europas, ging Kühnen mehr und mehr dazu über, einer „Europäischen Bewegung“ Form und Gestalt zu geben. Ich hielt alle innerdeutschen Probleme von ihm fern. Bei meinen häufigen Besuchen in Paris gab ich immer nur einen kurzen, ungeschönten Lagebericht ab und da es ja tatsächlich mit den beiden Standbeinen FAP und KAH besser lief als gedacht, konnte sich Kühnen seinen selbst gestellten Aufgaben relativ unbesorgt widmen, jedenfalls solange bis der Druck der deutschen Regierung ihn auszuliefern bei den Franzosen endlich auf offene Ohren stieß und man ihn festnahm und abschob.

Mal fuhr ich mit dem Frankfurter Kameradschaftsführer Peter Müller nach Paris, mal mit Christian Worch oder auch mit Jürgen Mosler und Christian Malcoci, an deren Kühnentreue ich damals nicht den geringsten Zweifel hatte. Bundesdeutsche Medien hatten die FAP als neue Zielscheibe erkannt, Kühnen selbst war per se für sie von Interesse und so wurde immer wieder von uns berichtet, wenn auch nicht sehr freundlich, wie man sich denken kann. Dennoch trieben uns diese Berichte immer wieder Interessenten zu; die Medien brauchten uns und wir brauchten die Medien.

Wichtigster Mann in Frankreich war zu dieser Zeit für uns neben Marc Fredericsen, dem Führer der französischen Nationalsozialisten, Michel Caignet, der Herausgeber von unserer europäischen Kampfschrift "Die Neue Zeit", die aus "Notre Europe" ("Unser Europa") hervorgegangen war. Caignet hatte unglaublich gute und weitreichende Kontakte, er arbeitete als Übersetzer und sprach fast so gut deutsch, wie französisch, seine Muttersprache. Jahre zuvor war er das Opfer eines Attentats geworden, für das angeblich die "JDL", die "Jüdische Verteidigungsliga" verantwortlich war. Man hatte ihn überfallen und Schwefelsäure ins Gesicht geschüttet und so war sein vernarbtes Gesicht ein makaberes Erkennungszeichen dieses ehrlichen und aufrechten Kämpfers.

Wenn heute rückblickend immer wieder gesagt wird, die Europäische Bewegung sei mehr Propaganda gewesen, als Realität, so stimmt das so nicht! In Ansätzen war sie bereits verwirklicht, die Kontakte waren geknüpft und einsatzbereite Kameraden gab es in fast allen Ländern. Daß am Ende nicht mehr daraus geworden ist, lag an den ungeheuer schwierigen Bedingungen, unter denen wir arbeiten mußten. Keine andere politische Bewegung war so verfemt, so kriminalisiert und so verteufelt worden, wie unsere. Ein Umstand, den wir noch heute beklagen. Der Chef im Exil, ständig Festnahmen und Strafverfahren, dazu permanente Geldnot und trotzdem warfen wir ein – zugegeben dünnes und zerbrechliches – Netz über ganz Europa und manche damals geknüpften Kontakte bestehen bis heute.

Da das Fernziel eine Europäische Bewegung war, hielten wir die ANS auch über ausländische Gruppen am Leben. Dort, wo es sinnvoll schien, hatten wir kleine ANS-Gruppen gegründet: Kühnen eine in der Schweiz, ich eine in den Niederlanden. In Frankreich hingegen wäre das möglich aber unnötig gewesen, denn die Zusammenarbeit mit der Gruppe um Marc Fredericson lief wie geschmiert, warum sollte man daran was ändern?


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