Einleitung

Vorliegender Text ist keine Chronik der Entwicklung des Nationalen Widerstandes der letzten 30 Jahre, sondern die höchst subjektive Darstellung von Ereignissen, die mit dieser Entwicklung in engem Zusammenhang stehen und vom Verfasser in dieser Art und Weise erlebt wurden.

Thomas Brehl war als langjähriger Stellvertreter Michael Kühnens in führender Position an wichtigen Weichenstellungen und Entscheidungen im Nationalen Widerstand beteiligt. Während Kühnens Exil führte er jene Truppe an, die aus der verbotenen ANS/NA hervorgegangen war und zwischenzeitlich als "Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front" weiterlebte.

Brehls Erinnerungen beginnen bereits in seiner Kindheit, kurz schildert er die Entstehung seines politischen Weltbildes und die Anfänge organisatorischer Arbeit. Der Leser erfährt das Wesentliche über Elternhaus und Herkunft Brehls, seine Zeit beim Bundesgrenzschutz und die politischen Hintergründe seines Ausscheidens.

Ebenfalls kurz umreißt Brehl dann seine weitere Tätigkeit bis zur Gründung der "Wehrsportgruppe Fulda" durch ihn und einige seiner Getreuen. Es folgt die Schilderung des Aufbaus der Gruppe und die Knüpfung erster Kontakte zu Gesinnungsgenossen im Rhein-Main-Gebiet. Hier entstehen dann die Nationalen Aktivisten, eine Vorläuferorganisation der legendären ANS/NA, also der Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten, die unter der Führung Michael Kühnens weit über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland bekannt werden sollte.

Brehl räumt mit vielen – überwiegend aus der linken, antifaschistischen Literatur stammenden – Legenden auf und verknüpft in seiner unnachahmlichen Art den bereits bekannten Ablauf der Ereignisse mit vielerlei Anekdoten und persönlichen Erlebnissen. Dies unterscheidet dieses Werk von allen bisher zum Thema erschienen Arbeiten, denn hier wird nicht einfach über "Neo-Nazis" berichtet, sondern hier erzählt ein bekennender Nationalsozialist seine ganz persönliche Lebensgeschichte und gewährt dem aufmerksamen Leser Einblicke hinter die Kulissen einer politischen Bewegung, die bisher wie keine andere hinter einem beinahe  undurchdringlichen und von interessierter Seite gewobenen Vorhang von Vorurteilen, Halbwahrheiten und Propagandalügen verborgen gehalten wurde.

Objektiv kann ein solcher Erlebnisbericht nicht sein; mangels eigener Aufzeichnungen wie Tagebücher, Terminplaner o.ä. kann es u.U. zu einigen zeitlichen Ungereimtheiten kommen. Brehl versichert aber, daß alle beschriebenen Abläufe tatsächlich so stattgefunden haben und alle genannten Personen auch tatsächlich existieren, bzw. existiert haben. Nichts wurde erfunden oder aufgebauscht, um das Buch interessanter zu machen. "Die Wirklichkeit war interessant genug, ich brauchte nichts zu erfinden!" betont der Verfasser in diesem Zusammenhang...

Zu einer wahren Fundgrube wird das Geschriebene, wenn Brehl über seine zahlreichen Begegnungen oder Kontakte mit Personen der Zeitgeschichte spricht. Ob Ex-Gauleiter Rudolf Jordan (Brehls Großonkel), ob Oberst Hans-Ulrich Rudel (der "Adler der Ostfront"), ob Generalmajor Remer (schlug in Berlin den Putsch gegen Hitler nach dem Attentat von Stauffenberg nieder), ob Willi Krämer („Vom Stab Heß zu Dr. Goebbels“), ob Wilfred von Oven (letzter persönlicher Referent von Dr. Goebbels), ob Karl-Wilhelm Krause (10 Jahre Kammerdiener des Führers), ob Thies Christophersen (der Verfasser der "Auschwitzlüge") ob Leon Degrelle (höchst dekorierter Ausländer im 2. Weltkrieg und Kommandeur der SS-Division Wallonien ) oder Florentine Rost van Tonningen (gute Bekannte von Heinrich Himmler, der ihr Trauzeuge war und Mitbegründerin der „Stillen Hilfe“ für verfolgte Nationalsozialisten nach dem Kriege), er korrespondierte mit ihnen oder traf sie sogar persönlich.

Natürlich versucht Brehl immer wieder Verständnis für seine politischen Überzeugungen zu wecken, trotzdem verzichtet er auf Propaganda im klassischen Sinne. Wo Brehl seine Beweggründe erläutert und damit vordergründig politisch wird, tut er es nur zum besseren Verständnis seines Handelns und der geschilderten Abläufe. Hier geht es nicht um die Werbung für eine Partei, Idee oder Weltanschauung, sondern um die Darstellung historischer Ereignisse aus einem bisher nicht gekannten Blickwinkel und so wird dieses Buch gerade auch für jene von großem Interesse sein, die dem Nationalen Widerstand bisher mit völligem Unverständnis begegnet sind. Der Text wurde rechtsanwaltlich dahingehend geprüft, daß der Inhalt keine Strafgesetze der Bundesrepublik Deutschland verletzt.

Berlin, 1. September 2009



 

Kindheit, Jugend, Elternhaus

Am 1. Januar 1957 wurde ich im hessischen Fulda geboren und obwohl meine Eltern beide nicht sonderlich religiös waren, prägte mich die erzkatholische Atmosphäre dieser Bastion der Christianisierung germanischen Kernlandes von Kindesbeinen an. Die Kirche war zu dieser Zeit in Fulda allgegenwärtig, die CDU im Besitz der absoluten Mehrheit. Meine evangelische Mutter hatte in ihrer Kindheit noch die strikte Trennung zwischen evangelischen und katholischen Jugendlichen erlebt, mit eigenen Schulklassen, ja sogar eigenen Toiletten für die jeweilige Konfession. Die satirische Frage "Wo geht's denn hier zum katholischen Bahnhof?" war ein geflügeltes Wort in Fulda und brachte diese Trennung auf scherzhafte Art zum Ausdruck. Obwohl es meine Großmutter gerne gesehen hätte, wurde ich nie Meßdiener und entwickelte sehr früh eine ausgeprägte Aversion gegen die sittenstrenge Macht der Pfaffen in meiner Heimatstadt. Religionsunterricht war mir ein Greuel – lange bevor ich bemerkte, daß die katholische Lehre so ziemlich allem widersprach, was die aufgeklärte Menschheit mittlerweile an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengetragen hatte. Später empfand ich den katholischen Glauben genau wie die meisten Überzeugungen der anderen großen Religionen schlichtweg als Beleidigung des gesunden Menschenverstandes und den zum Scheitern verurteilten Versuch die Gesetze der Logik außer Kraft zu setzen. Daran hat sich bis heute nichts geändert...

Fulda, Leipzigerstr. 96, hier wuchs Thomas Brehl auf

Politik interessierte mich lange Zeit gar nicht, ich haßte es, wenn mein Vater unbedingt die täglichen Nachrichten sehen wollte; langweilig fand ich das, immer dasselbe... Beim Thema Zeitgeschichte verhielt es sich schon anders, der Aufstieg und Untergang von Weltreichen hatte etwas Faszinierendes. Geschichte empfand ich als Abenteuer und damit als das Gegenteil des gegenwärtigen Alltags, der sich gleichsam bleiern und ohne Sensationen so dahinschleppte. Freilich gab es einige spektakuläre Ereignisse, die niemanden unberührt ließen, der Mord an John F. Kennedy war so eines. An die Meldungen und die allgemeine Aufgeregtheit der Menschen, kann ich mich noch gut erinnern. Es war das erste zeitgeschichtliche Ereignis von Bedeutung, das ich schon bewußt wahrnahm, obwohl ich es mit meinen sechs Lebensjahren natürlich noch nicht einzuordnen vermochte.

Auch die Konfrontation mit dem Dritten Reich begann für mich sehr früh. Die Jugendjahre meines Erzeugers  waren so sehr von Hitlerjugend, Arbeitsdienst und Wehrmacht geprägt worden, daß dies immer wieder bemerkbar wurde, ohne daß sich mein Vater im rechten Sinne politisch betätigt hätte. Aus purer Opposition zu den in Fulda allgegenwärtigen "Schwarzen", wählten meine Eltern beide grundsätzlich SPD, die damals als Arbeiterpartei und Partei der kleinen Leute galt. Unsere kleine Familie – ich war und blieb Einzelkind – kann wohl dem gehobenen Mittelstand zugerechnet werden; mein Vater hatte nach der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft noch mal die Schulbank gedrückt und seinen Ingenieur gebaut und hatte es in dieser Eigenschaft zum stellvertretenden Amtsleiter des Tiefbauamtes in Fulda gebracht. Meine Mutter (Jahrgang 1919), die übrigens hervorragend Geige und Klavier spielte, hatte die Meisterprüfung im Putzmacher-Handwerk  (heute sagt man Modistin) abgelegt und vor der Ehe mit meinem Vater ein eigenes Hutgeschäft betrieben.

Von der Rolle meines Großonkels im Dritten Reich erfuhr ich erst später und so legte zunächst mal mein Vater den Grundstein für mein späteres Denken und Handeln, indem er dem von den Medien verbreiteten Bild über die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 oftmals energisch widersprach. Gerade die Jüngeren sollten wissen, daß damals der Umgang mit Hitler und seiner Epoche sehr viel zwangloser vonstatten ging und oft auch auf lustigere Art betrieben wurde als heute. Es war nichts Ungewöhnliches, wenn alte Veteranen in gehobener Stimmung schon mal das Horst-Wessel-Lied anstimmten: Niemand kam damals auf die Idee, nach Polizei oder Staatsanwaltschaft zu rufen. Die gesamte Mitte der damaligen Gesellschaft, sowohl was ihr Alter, als auch ihre Stellung betraf, entstammte jenen Jahrgängen, die – wie mein Vater – Kindheit und Jugend im Dritten Reich verbracht hatten. Als ich begann ein politisches Bewußtsein zu entwickeln, war mein Vater so alt wie ich es heute bin und man sollte sich zum besseren Verständnis jener Jahre auch immer wieder vor Augen halten, daß Anfang der 70er Jahre die Angehörigen jener Jahrgänge, die die Hauptlast des Krieges getragen hatten, gerade mal so um die 50 waren.

Mit ca. 12 Jahren kannte ich alle gängigen Kampflieder der Nationalsozialisten auswendig. Ich sammelte Führerreden auf Schallplatte  bzw. Kassette und konnte bald die Führungsriege des Dritten Reiches ausgiebig rezitieren. Anfänglich freute sich mein Vater über mein Interesse an dieser Zeit, denn die meisten meiner Altersgenossen wollten davon nichts wissen und hatten sich bereits gemütlich in der amerikanisierten Nachkriegsgesellschaft eingerichtet. Später aber – kurz vor seinem Tod – ahnte er aber wohl doch, daß er die Saat zu meinem späteren Wirken im Nationalen Widerstand gelegt hatte und daß es da für mich vermutlich kein Zurück mehr geben würde. Die Bestätigung dieser Ahnung hat er dann allerdings nicht mehr erlebt, er starb, als ich gerade mal 17 Jahre alt war – drei Jahre zuvor war schon meine Mutter verstorben.

War ich bereits mit 12 Jahren der Faszination der Lieder, Bilder, Originalaufnahmen von Aufmärschen, Führergeburtstagen und Reichsparteitagen erlegen, so brachte mich ein Schlüsselerlebnis endgültig dazu, mich dem Phänomen "Drittes Reich" auch von der rationalen Seite her zu nähern.

Gauleiter Rudolf Jordan

(Fotoalbum von Gauleiter Jordan) Im Jahre 1971, ich war gerade mal 14 Jahre alt, erschien das Buch "Erlebt und erlitten" meines Großonkels, des vormaligen Gauleiters von Halle-Merseburg, Rudolf Jordan. Ich kannte "Onkel Rudolf" schon von klein auf, immer wieder besuchte er uns, aus dem fernen München kommend, in Fulda. Mein Vater mußte ihn dann stets nach Großenlüder fahren. Hier war er geboren worden und aufgewachsen, bevor die Familie in die Domstadt zog. Einige Kilometer entfernt, in Lauterbach, befand sich auch das Grab seiner ersten Frau, welches er immer besuchte, wenn er vor Ort war. Für einen Onkel, der nur gelegentlich mal vorbeischaut, um nach wenigen Tagen wieder zu verschwinden, interessiert man sich als Kind recht wenig, gleichwohl hatte ich mitbekommen, daß "Onkel Rudolf" 10 Jahre "in Russland gesessen" hatte, was mich doch ein wenig neugierig machte. In Russland, soviel wußte ich schon, war ja auch mein Vater gewesen, über drei Jahre als Soldat, anschließend fünf Jahre in Gefangenschaft, bevor er Weihnachten 1949 wieder heimgekehrt war. Als Angehöriger des Jahrgangs 1921 hatte es meinen Vater "voll erwischt". Lediglich der Polenfeldzug war ihm noch erspart geblieben, da war er beim Arbeitsdienst, aber mit dem Frankreichfeldzug begann sein Soldatendasein, das erst mit der Gefangennahme bei den Rückzugsgefechten am Ladogasee in der Nähe Leningrads endete und seinen eigentlichen Abschluß erst mit der Freilassung aus der Kriegsgefangenschaft fand. Obwohl nur einfacher Obergefreiter ("Dienstgrad des Führers"), war er doch recht umfangreich ausgezeichnet worden und in unserem Bücherbord hingen daher auch auf schwarzem Samt aufgereiht seine Orden wie Eisernes Kreuz (1. Klasse), Ostmedaille, Infanterie-Sturmabzeichen, Verwundetenabzeichen (in Silber) und Nahkampfspange (ebenfalls in silber), ein jugendlicher Haudegen also ... So sehr mein Vater gerne über seine Erlebnisse bei der Hitlerjugend erzählte oder andere Anekdoten aus den Friedensjahren des Dritten Reiches zum Besten gab, so wenig sprach er über seine Zeit im Nordabschnitt der Ostfront, von den Leichenbergen, den schweren Verwundungen, dem Hunger und den Erfrierungen. Schon als kleines Kind war ich mit diesen Dingen konfrontiert worden, freilich ohne zu wissen, um was es ging. Immer wieder einmal hörte ich meinen Vater nachts schreien und als ich meine Mutter anschließend weinend fragte, was denn "mit Papa los" sei, hörte ich immer nur: "Es ist schon gut, Papa hat wieder von Russland geträumt!"

Der Vollständigkeit halber und zur Ehre meiner Mutter sei noch erwähnt, daß auch sie im Kriege gedient hat. Sie hatte sich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet und war beim "FlugHo" in Metz stationiert. Ausgerechnet während eines Heimaturlaubs war sie dann beim schweren Bombenangriff auf Fulda 1944 für viele Stunden verschüttet worden, als eine Fliegerbombe das Wohnhaus meiner Großeltern in der Sebastianstraße vollständig durchschlagen hatte und im Keller explodierte. Der Hausmeister und Luftschutzwart hatte meine Mutter noch eindringlich aufgefordert, mit in den Keller zu kommen, doch sie war lieber in der Wohnung geblieben, was ihr das Leben rettete.

Persönliche Widmung des Gauleiters

Alle anderen anwesenden Bewohner des Hauses waren tot. Meine Großeltern blieben nur verschont, weil mein Großvater bei der Reichsbahn beschäftigt war und Dienst hatte, während meine Großmutter bei Verwandten in der Rhön ein Kontingent Lebensmittel organisierte. Viele Jahre später erschienen zum – ich glaube – hundertjährigen Bestehen der Fuldaer Zeitung einige Nachdrucke alter Zeitungsartikel. Darunter auch einer der das völlig zerbombte Haus in der Sebastianstraße zeigte. Nur eine Hauswand stand noch und Teile der Böden der ehemaligen Stockwerke. Und dort, in einer Ecke, war noch etwas zu erkennen: Das Klavier meiner Mutter.

Nun war ich also 14 Jahre alt und wußte schon etwas mehr über das Thema Zeitgeschichte und ausgerechnet in dieser Phase des Suchens und Orientierens kam das Buch von "Onkel Rudolf" bei uns an. Im Spätherbst 1971 hatte er – kurz nach dem Tod meiner Mutter – ein Exemplar an meinen Vater gesandt und ich hatte es auf dem Schreibtisch liegend gefunden und durchgeblättert. Schon auf dem Schutzumschlag  fiel mir ein Bild auf, das Rudolf mit Pelzmütze zeigte. Ein fast identisches Foto befand sich in unserem Familienalbum und ich wußte, daß es mein Vater aufgenommen hatte, als er Rudolf, den Bruder seiner Mutter, im Jahre 1955 im Lager Friedland abgeholt hatte. Onkel Rudolf hatte also ein Buch geschrieben. Das allein war schon interessant, geradezu elektrisierend. Ich kannte sonst keinen, der schon einmal ein Buch geschrieben hatte und als ich dann im Innenteil ein weiteres Foto entdeckte, auf dem der gute Onkel aus München direkt neben Adolf Hitler stehend eine Parade abnahm, war ich völlig perplex. Auf meine drängenden Fragen erklärte mir mein Vater dann in kurzen Worten, daß Rudolf, in seiner Eigenschaft als Reichsstatthalter, so etwas ähnliches gewesen war wie nun ein Ministerpräsident, daß er schon in der Kampfzeit Gauleiter gewesen war (Hitler hatte ihn 1931 im Alter von nur 29 Jahren zum Gauleiter des roten "Max-Hölz-Gau" Halle-Merseburg ernannt) und daß er nach dem Krieg für seine Tätigkeit von den Russen zu insgesamt 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war, was damals einem Todesurteil gleichkam. Und so verwundert es auch nicht, daß ihn ein westdeutsches Gericht bereits für tot erklärt hatte, lange bevor er 1955 nach Adenauers Moskau-Besuch dann doch noch freigelassen worden war.  Nun war mein Interesse erst richtig geweckt, auch ich mußte solch ein Buch besitzen und mein Vater sagte, ich solle doch Onkel Rudolf einfach schreiben, was ich dann auch tat. Hieraus ergab sich dann eine über Jahre fortgeführte Korrespondenz mit diesem interessanten Zeugen der Zeitgeschichte, der überdies auch noch mein (Groß-)Onkel war. Weihnachten 1971 erfüllte sich dann auch meine Bitte nach einem eigenen Exemplar seines Buches "Erlebt und erlitten" und auf die darin enthaltenen persönliche Widmung bin ich noch heute – Jahrzehnte später – sehr stolz.

Die schwere Erkrankung meiner Mutter und ihr viel zu früher Tod, hatten meine schulischen Leistungen auf dem „Freiherr-vom-Stein-Gymnasium“ stark beeinträchtigt und so wechselte ich zunächstmal auf eine Realschule, um die Mittlere Reife zu erlangen. In der Schulzeit provozierte ich zwar gelegentlich Mitschüler und Lehrer durch NS-Symbolik (so hatte ich mir auf Klassenfahrt in Holland ein NSDAP-Parteiabzeichen gekauft, das ich lange Zeit offen trug) aber in der damaligen Zeit sah man das wenig dramatisch. Wir haben sogar in der Verfügungsstunde die große Klapptafel aufgeklappt, in den breiten Mittelteil malte ich einen Reichsadler und rechts und links ein Hakenkreuz und in dieser Miniaturausgabe der “Krolloper” rezitierte ich dann Hitler, während ein mit der NPD sympathisierender Mitschüler Goebbels imitierte. Das war eine Riesengaudi, die Klasse tobte und der Klassenlehrer saß kopfschüttelnd daneben, ließ es aber geschehen...

1973 machte ich dann meine "Mittlere Reife" und peilte das Abitur an. Von der Konrad-Adenauer-Realschule in Fulda war ich nach einer recht schweren Aufnahmeprüfung auf die Winfried-Schule gewechselt, um die Hochschulreife zu erlangen. Der Tod meines Vaters im Jahre 1974 gab den Dingen jedoch eine völlig andere Wendung.

Die Bleidornkaserne in der Leipzigerstraße

Zwar hatte mein Vater zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter noch einmal geheiratet, aber mit meiner Stiefmutter kam ich überhaupt nicht zurecht; das konnte nicht lange gut gehen und so strebte ich nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Eine Lehre in irgendeinem Ausbildungsberuf kam nicht in Frage, mit der "Ausbildungsvergütung" in Höhe von ca. 180 DM wäre ich nicht weit gekommen. Eine Bewerbung beim Bundesgrenzschutz erschien mir jedoch mehr als sinnvoll. Meine Begeisterung für alles Militärische war längst geweckt und als "Beamter auf Widerruf" bekam man als Dienstanfänger sagenhafte 960,- DM pro Monat. Ein kleines Vermögen in der damaligen Zeit.

Die Aufnahmeprüfung war auch hier ausgesprochen schwer, es wurden nur wenige genommen – aber ich war dabei. So meldete ich mich am 1. Juli 1974 in der Fuldaer Bleidorn-Kaserne in der Leipzigerstraße wie befohlen zum Dienst. Drei Jahre sollte mir diese damals noch bis ins Mark militärische Einheit eine neue Heimat sein.


Beim Bundesgrenzschutz

Die Abteilung in Fulda bestand aus vier Hundertschaften und war, genau wie die Abteilungen in Hünfeld, Bad Hersfeld und Eschwege, dem Grenzschutzkommando-Mitte unterstellt, das seinen Sitz in Kassel hatte. Meine Ausbildung machte ich in der ersten Hundertschaft (I.GSG 3), die auch in den folgenden drei Jahren meine Stammeinheit war. Der Bundesgrenzschutz dieser Zeit unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der heutigen Bundespolizei. Die Offiziersdienstgrade entsprachen denen der Wehrmacht und auch die Schulterstücke waren mit denen des alten Heeres identisch . Wir trugen im Feld einen Kampfanzug, der in seiner Flecktarnausführung fast der Bekleidung der Waffen-SS entsprach. Nichts erinnerte an die NATO-Bekleidung unserer Kameraden von der Bundeswehr, das schloß auch unsere metallene Kopfbedeckung ein. "Sie tragen den Stahlhelm aus den Millionenbeständen des Tausendjährigen Reiches" schrieb der "stern", während wir vom "NEUEN DEUTSCHLAND" der DDR sowieso als "Adenauer-SS" tituliert wurden.

Der 1. Zug der 1. GSG 3, vorne in der Mitte: Thomas Brehl

Nach und nach sollte aus dem BGS "eine richtige Polizeitruppe" werden, was anfänglich auf großen Widerstand gerade im Offizierskorps stieß. Als die alten Dienstgrade abgeschafft wurden und ein Leutnant plötzlich Kommissar, ein Hauptmann Hauptkommissar heißen sollte, da hängte unser Hundertschaftsführer demonstrativ ein großes Schild an die Tür seines Dienstzimmers auf dem stand: "Prietz, Hauptmann im BGS". Der Gruß lautete noch lange "Guten Morgen, Herr Hauptmann!", hätte jemand "Guten Morgen, Herr Hauptkommissar!" gesagt, wäre die Laune des Hundertschaftsführers dahin gewesen; wer wollte es darauf ankommen lassen? Aufhalten konnte freilich niemand diese Entwicklung. Die alten, schönen, dunkelgrünen Uniformen wichen den durch Modeschöpfer Heinz Oestergard entworfenen lindgrünen.

Als Truppjäger, 1975

Der Stahlhelm wurde quasi gar nicht mehr getragen, die Granatwerfer abgeschafft. Die "Entmilitarisierung" des BGS wurde nicht nur von mir als ausgesprochen schmerzhaft empfunden. Schließlich saßen im Stab noch Männer, die als Freiwillige in der "Legion Condor" gedient hatten, unser Abteilungskommandeur, Oberstleutnant Lotz, trug bei festlichen Anlässen sein Eisernes Kreuz an der Uniform und sogar unser BGS-Standortpfarrer, Karl Keil, der im Kriege U-Bootfahrer war, hatte am Armaturenbrett seines Porsche sein Eisernes Kreuz befestigt, natürlich mit Hakenkreuz, was damals aber niemanden interessierte oder gar aufregte. Jahre später sah ich noch einmal ein großes Bild von Karl Keil im "stern". Bei der Beerdigung von Großadmiral Dönitz, seinem ehemaligen Chef und letzten gesamtdeutschen Staatsoberhaupt, hatte er die Grabrede gehalten; an seiner Soutane prangte neben dem Eisernen Kreuz auch das Deutsche Kreuz in Gold. Das hat mir im nachhinein nochmals sehr imponiert und ich habe mich mit Wehmut an meine alles in allem doch sehr schöne Dienstzeit im BGS erinnert.

Noch während meiner Zeit beim BGS hatte ich mit einigen anderen Kameraden eine kleine NS-Zelle ins Leben gerufen. Der gehörten neben mir noch zwei weitere BGS-Angehörige  sowie ein Bereitschaftspolizist an, dazu kamen noch ein Arbeiter, ein Schüler und ein Kneipenbesitzer. In unregelmäßigen Abständen trafen wir uns uniformiert (keine BGS-Uniform!) in der mit Plakaten und Hakenkreuzfahnen geschmückten Privatwohnung eines der weiteren BGS-Angehörigen in der Nähe von Fulda. So war es auch am Abend des 12. März 1977. Es wurde reichlich Alkohol getrunken und in bierseliger Stimmung kamen wir dann auf die ausgefallene Idee, mit unseren SA- und SS-Uniformen in unserer Stammdisco einzumarschieren. Als wir dort eintrafen, war unmittelbar "die Hölle" los. Der vorneweg marschierende "SS-Mann" wurde sofort mit einem Stilett angegriffen und im Gesicht verletzt. Stark blutend fuhr er noch im eigenen PKW und in SS-Uniform in die Städtischen Kliniken in Fulda. Was er dem dortigen Personal wohl erzählt hat, weiß ich bis heute nicht. Wir anderen waren in der Defensive und wurden nach draußen gedrängt.

Auf der Straße ging es dann ab "wie Schmidts Katze". So kennt man es normalerweise nur aus alten Filmen aus der Zeit der Straßenkämpfe während der Weimarer Republik. Jedenfalls war einer von der Gegenpartei an sein vor der Disco stehendes Auto geeilt und hatte dort eine Machete rausgeholt und schien finster entschlossen, dem Erstbesten von uns den Kopf abzuschlagen. In dieser sowieso schon heiklen Situation zog der Kamerad von der Bereitschaftspolizei die verbotenerweise mitgeführte Dienstpistole (Walther P 38, beim BGS "P 1" genannt, 9 mm. Parabellum), die er sinnigerweise passend zur SA-Uniform trug und legte sie auf den Machetenmann an. Die von beunruhigten Mitbürgern längst gerufene Polizei kam gerade noch rechtzeitig, um mindestens einen Toten zu verhindern. Der ganze Straßenzug war urplötzlich in flackerndes Blaulicht getaucht und alles trat die Flucht an. Ich stand wohl etwas ungünstig und war außerdem stark angetrunken, sodaß ausgerechnet ich nicht mehr entkommen konnte. Ich wurde festgenommen, mein SA-Dolch und ein NSKK-Adler wurden beschlagnahmt; das Parteiabzeichen hatte ich noch in einem der Knobelbecher verstecken können. Zunächst verbrachte man mich auf die Fuldaer Polizeiwache. Ich verweigerte jedwede Aussage und unterschrieb auch nichts auf der Beschlagnahmeliste, sodaß man mich kurze Zeit später (man hatte meinen Dienstausweis gefunden) in die BGS-Kaserne verbrachte und dort wurde ich noch in derselben Nacht dem O.v.K. (Hauptmann Viering) vorgeführt.
Abteilungskommandeur
OTL Hans-Georg Lotz

Der merkte natürlich auch, daß mit mir in diesem Zustand nichts anzufangen war und schickte mich erstmal ins Bett. Dort blieb ich aber nicht, sondern türmte aus dem Kasernengelände zu einem unserer geheimen Treffpunkte, bei dem die anderen schon angekommen waren. Daß natürlich alles nichts mehr helfen würde, war abzusehen, trotzdem passierte zunächst mal gar nichts. Ein, zwei Tage später wurde ich dann zum Abteilungskommandeur befohlen und das Schicksal nahm seinen Lauf. Oberstleutnant Lotz sagte mir wörtlich, daß man sich im Stab überlege, ob der Vorgang nicht an das GSK-Mitte in Kassel gemeldet werden müsse. Von einem meiner "Mitverschwörer", der als Funker im Stab tätig war (und selbstverständlich unerkannt blieb, da ihm die Flucht gelungen war), wußte ich aber, daß die Sache schon längst nach Kassel gemeldet worden war.  Wieder einige Tage später – ich war inzwischen von der Liste der Teilnehmer für den "Einsatz Frankfurt" (Flughafenüberwachung) gestrichen worden – mußte ich zum Rapport bei meinem eigenen Hundertschaftsführer, ausgerechnet dessen Name ist mir nicht mehr erinnerlich, da er erst kurz vorher meinen ursprünglichen Hundertschaftsführer, Hauptmann Prietz, abgelöst hatte. Jedenfalls stammte der aus einer alten (Polizei-) Offiziersfamilie und machte einen ehrlichen, besonnenen Eindruck auf mich. Er sagte mir sinngemäß, wenn ich bereit sei, die Konsequenzen aus der unseligen Aktion zu ziehen (bedeutete das sofortige Verlassen des BGS!), garantiere er mir, daß der gesamte Vorgang "unter den Tisch falle". Andernfalls würden umfangreiche Ermittlungen einsetzen, die Medien eingeschaltet und am Ende würden wohl noch andere Beteiligte zu Schaden kommen (wobei er nicht wissen konnte, daß unter den "anderen Beteiligten" zwei weitere BGS'ler und ein Bereitschaftspolizist waren). Da mir vollkommen klar war, daß meine BGS-Karriere so oder so beendet sein würde und ich durch mein persönliches Opfer wenigstens den anderen eine Menge Ärger ersparen können würde, zog ich die Konsequenzen und verließ mich auf das Ehrenwort eines alten Polizeioffiziers. Ich habe es nicht bereut, denn er hat sein Wort gehalten. Es gab keine weiteren Ermittlungen, keine Zeile in der Zeitung, keine Polizeiaktivitäten mehr in dieser Sache (wäre heute natürlich unmöglich, stünde auf der 1. Seite der BILD-Zeitung!) und später habe ich sogar meinen SA-Dolch von der Staatsanwaltschaft zurückbekommen. Der ging dann übrigens erst verloren, als mir fünfzehn Jahre später 30 junge Türken die Wohnung stürmten, alles verwüsteten und neben Orden und Ehrenzeichen, eine Schirmmütze der Waffen-SS und eben auch den SA-Dolch entwendeten. Mit den Jahren habe ich übrigens die anderen Beteiligten völlig aus den Augen verloren, lediglich der damalige Bereitschaftspolizist ist wohl noch im Dienst und begegnete mir ab und an auch später noch, da er im Großraum Frankfurt eingesetzt war und eine besondere familiäre Bindung zu Langen hat.

Wäre die Betätigung im nationalsozialistischen Sinne nicht dazwischen gekommen, hätte ich sicher beim BGS Karriere gemacht, vielleicht später bei der Kriminalpolizei. Eine zeitlang wünschte ich mir auch Restaurator zu werden...


BGS-Bilderserie

Was nun?, die Zeit von 1977-1980

Jetzt war ich gerade mal 20 Jahre alt und hatte schon drei Jahre BGS hinter mir. Meinen ersten Einsatz hatte ich im Dezember 1974 im Bereich des Frankfurter Flughafens gehabt. Damals durfte ich noch nicht wählen, ich durfte noch nicht mal Auto fahren, trug aber im Dienst schon eine scharfe Waffe, die "P 38" der Firma Walther und hätte im Ernstfall auf Menschen schießen dürfen. Über Nacht war ich wieder "Zivilunke" geworden, mein Wehrdienst war durch die BGS-Zeit abgegolten und keine reguläre Truppe dieser Republik hätte mich "bösen Nazi" nochmal eingestellt.

Mißmutig begann ich eine Lehre als Bürokaufmann und mußte nun wieder in die Berufschule gehen. Da saß ich unter lauter jungen Leuten, von denen keiner je etwas anderes gewesen war als Schüler. Ich jedoch hatte schon das Bundeskriminalamt bewacht und war an scharfen Waffen ausgebildet. Ich konnte alle beim Grenzschutz verwendeten Kraftfahrzeuge der Klasse III bewegen, darunter auch die alten 7,5 Tonner von Hanomag, die nichtmal  über ein synchronisiertes Getriebe verfügten und mit Zwischengas und zweimal Kuppeln gefahren werden mußten. Meine Mitschüler hatten nicht mal  einen Führerschein. Auch im Personenschutz war ich eingesetzt worden und so hatte ich außer dem BKA auch dessen damaligen Chef Horst Herold bewacht. Und das in den 70er Jahren, also in der Hochzeit der RAF (Rote Armee Fraktion / Linksterroristen). Ausgerechnet als unsere Einheit den Herold bewachen mußte, bekam der eine Morddrohung von den RAFis und unser stellvertretender Hundertschaftsführer, ein Oberleutnant, war mit dem Kübelwagen angesaust gekommen und hatte den Befehl ausgegeben, daß die mitgeführten Waffen (P 38 und MP-5 von Heckler & Koch) durchzuladen seien, die Lage sei ernst und alles in Alarmbereitschaft. Herold freilich saß hinter seiner schußsicheren Scheibe aber diesen Leuten ging auch "der Arsch auf Grundeis", wie wir es im besten Landserjargon nannten, denn die RAF hatte bereits unter Beweis gestellt, daß ihre Drohungen keine leeren Phrasen waren und sie auch an Prominente heranzukommen wußte.

Ich fühlte mich jedenfalls reichlich ratlos und in Ausbildung und Berufsschule geradezu deplaziert und wußte auch nicht, wie es politisch weitergehen sollte. Der Besuch meiner ersten und für Jahre auch letzten NPD-Veranstaltung lag weit, weit zurück. Diese Partei hatte mir nichts zu geben. Dort hoffte man – wie die meisten Nationalen jener Zeit – wohl durch Anbiederung und dauernde Bekenntnisse zur Freiheitlich-Demokratischen-Grundordnung  aus der Isolation herauszukommen. Natürlich vergeblich. Ständig rechtfertigte man sich für seine Einstellung, man war ausschließlich in der Defensive, nie im Angriff. Das paßte mir in meinem nationalrevolutionären Ungestüm überhaupt nicht. Meine Partei war die NSDAP, mein Führer Adolf Hitler. Alles andere war billige Kopie, Karikatur, Abklatsch...kurz: uninteressant!

R. Jordan mit dem Reichsführer-SS

Ein Lichtblick in jenen Tagen war da schon das Telefonat mit meiner Stiefmutter, die mich völlig unerwartet auf der Arbeit angerufen und mir mitgeteilt hatte, daß "Onkel Rudolf" in Fulda sei und gefragt hätte, ob ich ihn treffen möchte. Er müsse allerdings bereits am anderen Morgen wieder zurück nach München. Seit dem Tod meiner leiblichen Eltern hatte ich Rudolf nicht mehr gesehen. Seine Schwester, die Mutter meines Vaters, war mittlerweile auch verstorben und so gab es kaum noch Gelegenheit zu einem persönlichen Treffen. Immerhin war Rudolf Jordan jetzt auch schon 75 Jahre alt und die 10jährige russische Gefangenschaft steckte ihm in den Knochen. Also sagte ich begeistert zu, ohne zu wissen, daß ich Rudolf Jordan an diesem Abend im Herbst 1977 tatsächlich das letzte Mal unter vier Augen würde sprechen können. Unsere umfangreiche Korrespondenz allerdings, setzten wir noch jahrelang fort und zu seinem 80. Geburtstag sandten wir ihm dann noch eine Grußkarte mit Reichsadler, die ich 1982 auf der Sonnwendfeier bei Müllers in Mainz von über hundert Kameradinnen und Kameraden hatte unterschreiben lassen. Das hat ihn nochmal riesig gefreut...

Ich traf Rudolf Jordan an diesem Abend in einem Fuldaer Hotel am Gemüsemarkt. Er sah erstaunlich gut aus für sein Alter, besonders vor dem Hintergrund seines bewegten Lebens. Bereits mit 29 Jahren hatte ihn der Führer zum Gauleiter von Halle-Merseburg ernannt, später (20. April 1937) übernahm er den Gau Anhalt-Dessau mit den kriegswichtigen Junkers-Flugzeugwerken. Wie viele Gauleiter wurde er nach der Machtergreifung auch Reichsstatthalter und später im Kriege Reichsverteidigungskommissar. Als "Alter Kämpfer" war er Träger des Goldenen Parteiabzeichens und insgesamt 14 Jahre Gauleiter. Der britische "Secret Service" hatte ihn nach Kriegsende an die Amerikaner, diese dann an die Russen ausgeliefert. Mein Vater hatte ihn – wie schon an anderer Stelle kurz erwähnt – 1955 aus dem Lager Friedland abgeholt, nachdem er – von westdeutschen Gerichten inzwischen für tot erklärt – wider Erwarten die Sowjetunion doch noch lebend hatte verlassen können. Rudolf begrüßte mich mit festem Händedruck und sah mir erwartungsvoll in die Augen. Während ich gehofft hatte, daß er mir möglichst viel erzählen würde, wollte er in erster Linie von mir etwas hören. So z.B. wie es nach meinem Ausscheiden aus dem Bundesgrenzschutz weitergehen sollte und wie ich mir meine Zukunft vorstellte.

Mit Wehrmachtsoffizieren

Natürlich hatten wir diese Themen auch in unserer umfangreichen Korrespondenz angesprochen, aber ein persönliches Gespräch konnte dadurch natürlich nicht ersetzt werden. Schnell merkte ich, worauf Rudolf wirklich hinaus wollte: Er machte sich große Sorgen um meine Zukunft und betrachtete mein stetig größer werdendes politisches Engagement mit einem gerüttelten Maß an Skepsis. Einer Wiederbelebung des historischen Nationalsozialismus gab er keine reelle Chance. Man habe damals eben alles auf eine Karte gesetzt und durch den außenpolitischen Druck auch gar nicht anders gekonnt, aber das große Werk sei nunmal gescheitert und lasse sich nicht wiederholen. Während sich viele alte Frontkämpfer in der heiteren Illusion wiegten, man könne sozusagen wieder nahtlos an 1945 anknüpfen, war Rudolf als Politiker längst zu der ausgesprochen realistischen Einschätzung gelangt, daß dies eben auf unabsehbare Zeit nicht möglich sein würde. So ähnlich hatte er es mir auch wiederholt geschrieben, aber die Deutlichkeit, in der er es nun vorbrachte, schockierte mich dann doch. Ich traf mich nach meiner damaligen Vorstellungswelt ja nur in zweiter Linie mit meinem Großonkel, in erster Linie traf ich mich mit Gauleiter Jordan, einem Gewährsmann des Führers und ich wäre damals froh und glücklich gewesen, wenn mir Rudolf irgendwelche Befehle oder zumindest Ratschläge politischer Natur gegeben hätte. Es mögen drei, vier Stunden gewesen sein, die wir uns damals unterhielten und mehr und mehr ließ Rudolf dann auch die Katze aus dem Sack. Er war schon sehr froh, daß eine junge Generation bereit war, die alten Fahnen in ihre wehrfähigen Hände zu nehmen, aber es paßte ihm nicht, daß ich mich so rücksichtslos engagierte. Mir hätte er wohl eher ein glückliches und erfolgreiches Leben in der deutschen Nachkriegsgesellschaft gegönnt, als ehemaliger Berufspolitiker wußte er, was das Eintreten für den nationalen Sozialismus für mich ganz persönlich bedeuten würde. Nämlich unabsehbare Schwierigkeiten aller Art, gesellschaftliche Ächtung, Strafverfolgung usw. Das wollte er mir, seinem Großneffen, gerne ersparen...das war seine ganze Intension an diesem Abend. Natürlich versprach ich ihm, vorsichtig zu agieren und vor allem jeder Gewaltanwendung abzuschwören, was ihn sichtlich beruhigte. Als ich dann zu später Stunde das Hotel wieder verließ, bat ich noch eine Bedienstete des Hauses einige Fotos zu machen, was diese auch tat. Eines der Bilder erhielt einen Ehrenplatz in meinem speziellen Fotoalbum, welches schon damals meine politischen Gehversuche dokumentierte. Irgendwann wurde dieses Album dann im Zuge einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt, die Negative gleich mit. Alle späteren Versuche wieder an dieses Dokument zu gelangen, sind leider gescheitert und so gibt es nicht ein einziges Bild von mir und meinem Großonkel Gauleiter Rudolf Jordan.


Wer ist Michael Kühnen?

Verschiedentlich hatte man schon von einem Michael Kühnen gehört, der hatte zur selben Zeit gedient wie ich. Allerdings bei der Bundeswehr und er war Offizier gewesen. Jedenfalls hatte er die Truppe und die Bundeswehrhochschule in Hamburg wegen ähnlicher Aktivitäten verlassen müssen wie sie auch meinem Ausscheiden zugrundelagen . Augenblicklich saß er jedoch in mehrjähriger Haft, zu der er nach dem sogenannten "Bückeburger Prozeß" verurteilt worden war.
Standardwerk über Neo-Nazis

Im Gegensatz zu den meisten seiner Mitangeklagten aber nicht wegen Gewalttaten, sondern wegen seiner freien Meinungsäußerung, die allerdings nach geltendem Recht als "nationalsozialistische Propaganda" strafbewehrt war und es auch heute noch ist. Zwar machte ihn die Presse madig, wo sie konnte, aber zwischen den Zeilen konnte man schon erkennen, daß sich hier etwas völlig Neues anbahnte und daß sich mit Kühnens Namen wohl das Ende der "langen Nacht des Nationalsozialismus"  verbinden können würde. Obwohl ich Kühnen bisher nur aus den Medien kannte, glaubte ich zu ihm eine gewisse Seelenverwandtschaft zu erkennen. Er dachte wohl ähnlich wie ich, die NPD hielt er für zu lasch, angepaßt, spießbürgerlich und damit jedem revolutionären Denken und Handeln so fern, wie die anderen Etablierten auch. Kühnen bekannte sich offen zum Nationalsozialismus, ein Skandal, ein Unding. Aber jeder Versuch ihn einfach als weltfremden Spinner oder Relikt aus vergangener Zeit abzustempeln, mußte scheitern. Kühnen war jung, Anfang 20, er war gebildet, redegewandt und sprachbegabt. Er war – und das unterschied ihn zum damaligen Zeitpunkt von den meisten seiner Kameraden und auch von mir – nicht nur mit dem Herzen, also emotional Nationalsozialist, er war es auch vom Verstand her, also rational und konnte dies auch hervorragend begründen. Der Mann – das war mir von Anfang an klar – war goldwert, ihn wollte ich kennenlernen.

Vorerst schien das unmöglich und ich mußte mir erstmal selbst helfen: Zu meiner alten NS-Zelle konnte ich keinen Kontakt mehr aufnehmen, das hätte noch andere ihren gutdotierten Job gekostet; dies schied also von vorneherein aus. Gelegentliche Treffen gab es allerdings noch mit dem Kneipenbesitzer, der zwischenzeitlich in einem Fuldaer Einkaufszentrum ein "Cafe'" eröffnet hatte, das allerdings gleichzeitig auch ein hervorragendes Speiselokal war. Klaus H. hieß der Mann und auch er sollte später noch für eine herbe menschliche Enttäuschung gut sein. Bei einem der Besuche in seinem "Cafe'" hatte ich auch seinen Bruder Bernd kennengelernt. Dieser Bernd war eher unpolitisch, sein Hobby war sein sogenanntes "Ton-Archiv", da sammelte er alle möglichen Tondokumente, darunter auch Hitlerreden. Bei seiner Arbeit im VW-Werk Wolfsburg hatte er allerdings einen "waschechten Neo-Nazi" kennengelernt. Der nannte sich Jürgen von T. und wollte mich gerne treffen. Das schien endlich ein Lichtblick zu sein und so stimmte ich auch gleich einer Zusammenkunft zu. Bernd H. kam also bald darauf wieder nach Fulda und hatte T. im Schlepptau. Sie fuhren im offenen Kübelwagen und uniformiert vor meiner Stammkneipe vor. Ich war – ich muß es heute gestehen – damals fasziniert, ja direkt begeistert. Es sollte eine ganze Zeit lang dauern, bis ich merkte, daß es sich bei T. lediglich um einen eitlen und verlogenen Selbstdarsteller handelte und die meisten seiner Geschichten erstunken und erlogen waren, einschließlich des "von" in seinem Namen. Sein erstes Auftreten jedoch machte damals mächtig Eindruck auf mich und auch seine Geschichte, die er kurz darauf erzählte. Er sei "Gauführer" der WIKING-JUGEND, sein Vater hoher Diplomat in Paraguay, oft fliege er nach Asuncion, um ihn zu besuchen. Engverwandt sei er mit General Manteuffel und sein Großvater sei häufiger Gast Adolf Hitlers in der Reichskanzlei gewesen. Für naiv hätte ich mich auch damals nicht gehalten, aber vielleicht waren seine Geschichten auch zu abenteuerlich, als daß ich mir vorstellen konnte, er habe das alles bloß erfunden. Vielleicht wollte ich auch bloß, daß sie wahr sind. Außerdem fehlte mir natürlich noch eine Erfahrung späterer Jahre, nämlich die, daß es im rechten Lager nichts gibt, was man nicht auch mit pathologischem Befund in den diversen Heilanstalten der Republik vorfindet.

Vorerst ärgerte ich mich allerdings erstmal darüber, daß ich dem "neuen Kameraden" wenig Greifbares zu bieten hatte. Zwar hatte ich aufgrund meines offenen Bekenntnisses zu meiner nationalsozialistischen Weltanschauung einige interessante Leute kennengelernt, darunter einen alten SA-Mann, der von allen nur "Onkel" gerufen wurde, weil er der tatsächliche Onkel eines weiteren Stammgastes unseres Sturmlokals war. Er hatte als Frontsoldat in Rußland ein Bein verloren und war interessanterweise in die NSDAP und in die SA eingetreten, nachdem er in der Kampfzeit eine Rede meines Großonkels Rudolf Jordan in Dalherda in der nahen Rhön gehört hatte. So konnte ich ihm wenigstens einen alten Kämpfer  vorstellen . Später, als wir uns jedes Jahr zusammen mit der WIKING-JUGEND in der Rhön trafen, hat der "Onkel" dann auch nochmal einen unserer Kameradschaftsabende besucht. Ich stellte ihn den Kameraden als "alten SA-Mann und Frontsoldaten" vor und bat ihn, ein kurzes Grußwort zu sprechen. Er war mächtig beindruckt und total gerührt und so sagte er nur: "Was ich hier sehe, das... das ist ja Deutschland...!"

Ebenfalls in der besagten Kneipe, es war übrigens die "Bayrische Bierstube" in der Leipzigerstraße (von allen nur "Roth-Bier" genannt, da diese Sorte bayerischen Gerstensaftes dort ausgeschenkt wurde), hatte ich auch die "Gestapo-Ilse" kennengelernt. Eine resolute Frau, deren Lebensgefährte deutlich jünger war und im Kreiswehrersatzamt Fulda arbeitete. Kochen und Haushalt war seine Sache, während Ilse lieber Gäste empfing und bewirtete, unter anderem auch uns. Ilse W. war Trägerin des Goldenen HJ-Abzeichens, einer sehr seltenen Auszeichnung, deren Verleihung zur Voraussetzung hatte, daß man sich bereits in der Kampfzeit wesentlich um den Aufbau der Hitler-Jugend verdient gemacht hatte.
SS-Obergruppenführer Sepp Dietrich

Ihren Spitznamen hatte sie durch ihre Gestapo-Zugehörigkeit erhalten, als sie während des Krieges unter Klaus Barbie (von der System-Presse als "Schlächter von Lyon" tituliert) im französischen Lyon stationiert gewesen war und dort hatte sie auch Sepp Dietrich, den Chef der "Leibstandarte-SS Adolf Hitler", kennengelernt. Offenbar war sie schon im Kriege und davor durch ihr resolutes Auftreten aufgefallen, jedenfalls hatten die Angehörigen der Dienststellen im besetzten Frankreich feste Zeiten, in denen sie ihre Einkäufe tätigen konnten. Als Ilse mal wieder einige Besorgungen in dem von der Wehrmacht eingerichteten Verkaufsgeschäft machen wollte, wurde ihr der Zutritt von mehreren SS-Männern verwehrt. Lautstark protestierte die gute Ilse hiergegen, bis ein hoher Offizier hinzutrat und ihr erklärte, daß sie jetzt da nicht hineinkönne und bedeutungsschwer fügte er hinzu "...der Dietrich ist da!" Das beeindruckte die Ilse wohl wenig und sie erwiderte, daß ihr das egal sei und sie eben nur zu dieser vorgegebenen Zeit einkaufen könne usw. Jedenfalls ging es immerhin so laut her vor dem Laden, daß plötzlich eine Gruppe von SS-Offizieren aus dem Gebäude trat und der vorderste direkt auf Ilse zusteuerte und fragte: "Was ist denn hier los?" Es war SS-Obergruppenführer Sepp Dietrich. Ilse erklärte ihm völlig unbeeindruckt ihr Problem, was wiederum auf Sepp Dietrich nicht ohne Eindruck blieb. "Lassen sie die Frau passieren!" war sein Befehl an die Wache und so kam die Ilse nicht nur zu ihrem Einkauf, sondern auch zu ihrem positiven Bild von Sepp Dietrich, welches sie bis zu ihrem Tod bewahrt hat. Jahre später habe ich dann auch noch einen Fahrer von Sepp Dietrich kennengelernt, der dieses positive Bild bestätigt hat und auch kein böses Wort über seinen ehemaligen Chef verlor. Um das Bild von "Gestapo-Ilse" zu komplettieren, sei auch noch auf eine andere Anekdote verwiesen, die damals in Fulda und besonders in unserem Sturmlokal die Runde machte. Ilse hatte in der Kampfzeit an einem der ersten Aufmärsche der Nationalsozialisten in Fulda teilgenommen und die Kolonne war von aufgebrachten Bürgern beschimpft und mit Eiern beworfen worden.  Eine der eierwerfenden  Personen war der Ilse aus der Schule gut bekannt und wurde Jahre später nach der Machtergreifung örtliche BDM-Führerin. Eines der vielen Beispiele dafür, wie Trittbrettfahrer durch die Nationale Erhebung später zu Rang und Namen kamen, obwohl sie vorher aktiv gegen die Nationalsozialisten aufgetreten waren . Jedenfalls waren diverse Beschwerden gegen Ilse laut geworden, u.a. weil sie sich schminkte und auch in der Öffentlichkeit rauchte wie ein Schlot. Eines Tages wurde sie darum zum Rapport bestellt und die BDM-Führerin wollte ihr wohl eine Standpauke halten. Soweit ließ Ilse es erst gar nicht kommen. Natürlich hatte sie ihr Goldenes HJ-Abzeichen angelegt, schon ein erster Grund für das "Märzveilchen"  von BDM-Führerin etwas kleinere Brötchen zu backen. Dann noch ein diskreter Hinweis auf die erste große Fuldaer NS-Demo und das damalige Verhalten der Dienstvorgesetzten und das Thema war vom Tisch.

Doch zurück zum "neuen Kameraden Jürgen von T." In der Folgezeit trafen wir uns öfter und immer wieder wartete er mit abenteuerlichen Geschichten auf. Irgendwann besuchte ich ihn dann auch mal in Wolfsburg und es zeigte sich, daß er nicht in den vorher beschriebenen luxuriösen Räumlichkeiten wohnte, sondern in einer Dachkammer im Haus seiner Oma. Normalerweise könnte man diesen Fall abhaken und ich hätte ihn in der vorliegenden Autobiographie auch gar nicht erwähnt aber da ich T. meine erste Hausdurchsuchung zu verdanken habe, mußte auch die Vorgeschichte kurz erklärt werden.

Zur Hausdurchsuchung komme ich noch, sie fiel allerdings schon in die Zeit der Wehrsportgruppe Fulda. Vorerst aber war es schwieriger denn je, neue Leute zu rekrutieren. Noch herrschte die oben erwähnte "lange Nacht des Nationalsozialismus" und es gab eigentlich keine bekennenden Nationalsozialisten, schon gar nicht in organisationsähnlichen Zusammenhängen. Sicher, da war Horst, mein alter Kumpel aus Kindertagen. Unsere Väter hatten sich schon gut gekannt und mit ihm hatte ich schon 1971/72 Hakenkreuze gesprüht. Mit ihm hatte ich auch in etwa zur selben Zeit meine erste NPD-Veranstaltung besucht, aber wir hatten uns doch irgendwie aus den Augen verloren. Später trafen wir uns indes wieder und holten jenes Abenteuer nach, von dem wir bereits als Jugendliche geträumt hatten, nämlich eine Fahrt nach Verdun, auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges.

In Verdun, 1980

Während mich von Anfang an der Zweite Weltkrieg auch wegen der politischen Dimensionen mehr interessierte und bewegte, so galt Horsts Interesse eher dem Ersten Weltkrieg und als ich ihm als 13, 14jähriger mal von einer länger zurückliegenden Frankreichfahrt mit meinen Eltern erzählte, von den Schlachtfeldern um Verdun, den Kasematten, dem Fort de Vaux, dem Fort Doaument, der Höhe "Toter Mann" und dem Gebeinhaus, da entstand schon damals der Plan diese Stätten einmal gemeinsam aufzusuchen, wenn denn erstmal einer von uns einen Führerschein haben würde. Jahre später setzten wir den Plan in die Tat um; es muß wohl 1980 gewesen sein. Mit Horsts Vater begleitete uns ein erstklassiger Hobby-Historiker von dem Horst mal gesagt hat: "Der kennt die Großmutter von Cleopatra besser als seine eigene." Auf einer Rom-Fahrt hatte die Reiseleiterin den Herrn W. schon mal gebeten die Führung durch's "Forum Romanum" selbst zu übernehmen, weil er einfach mehr darüber wisse als sie, aber auch über den Ersten Weltkrieg war er bestens informiert und so hatten wir mit ihm den sachkundigsten Reiseführer dabei, den wir uns nur wünschen konnten. Natürlich verließen wir vor Ort des öfteren die vorgegebenen Wege, auch ein Schlagbaum mußte weichen und so lernten wir in den wenigen Tagen mehr über den Stellungskrieg in jenem großen Völkerringen als im Verlauf der gesamten Schulzeit. Horsts Vater hatte seine umfangreichen Unterlagen dabei und wußte den genauen Frontverlauf eines jeden Tages; es war faszinierend. Erst Soldat der Kriegsmarine, hatte Horsts Vater nach dem Zweiten Weltkrieg für die Engländer Minen geräumt und so war sein Respekt vor Sprengkörpern aller Art sehr viel größer als der unsere. Er hatte auch einen viel geschulteren Blick und so bückte er sich einmal unvermittelt, zog sein kleines Taschenmesser aus der Jacke, um damit eine Moosplatte leicht anzuheben. Darunter kam eine vollständig erhaltene Granate zum Vorschein, die hier vermutlich seit 1916 gelegen hatte. Ich wollte die natürlich sofort mitnehmen, am besten vernickeln lassen und sie als Briefbeschwerer auf meinen Schreibtisch stellen. Mit barschen Worten wurde ich daran gehindert und Herr W. erklärte seinem Sohn und mir, daß diese Granate trotz ihres Alters vermutlich noch voll funktionsfähig sei und jeden Moment explodieren könnte. "Das fehlte mir noch", sagte Herr W., "den Zweiten Weltkrieg überlebt und dann auf den Schlachtfeldern des Ersten von einer Granate zerrissen!" Na gut, das mußte nun wirklich nicht sein... In Verdun sind wir übrigens als Deutsche ausgesprochen freundlich behandelt worden. Es scheint so zu sein, daß gerade dort, wo der Krieg am grausamsten wütete, die Menschen noch Generationen später keinen Wert auf eine Wiederholung des Schreckens legen. Einen kleinen Scherz konnte ich mir aber trotzdem nicht verkneifen. Als wir in einem Lebensmittelmarkt ein paar Nahrungsmittel eingekauft hatten, fragte ich den  Horst auf dem Weg zur Kasse, ob wir uns als Deutsche zu erkennen geben sollen? Fragend schaute er mich an und so schulterte ich ein riesiges Baguette wie ein Gewehr, deutete den Stechschritt an und lief durch den Supermarkt. Na ja, die kleine Einlage blieb folgenlos und war ja auch nicht als Provokation gedacht. Noch heute bin ich übrigens mit Horst eng befreundet. Obwohl nie Mitglied in einer unserer Organisationen, zählte Horst W. stets zu deren Unterstützern. Er nahm auch immer an den Kameradschaftsabenden teil, fuhr mit auf Veranstaltungen, half beim Wahlkampf oder bei der Vorbereitung der Demonstrationen zur Ehre der Waffen-SS in Bad Hersfeld.

Von Michael Kühnen persönlich, ließ er sich einst den Begriff des Nationalsozialismus  erklären und auch heute noch zählt er zu den Unterstützern meiner politischen Arbeit. Selbst als ich ihm am Abend vor seiner Hochzeit versehentlich mit einer Gaspistole ins Gesicht schoß und daher auf den Hochzeitsfotos noch heute die Schmauchspuren quasi wie Pigmentflecken deutlich erkennbar sind, tat das unserer Freundschaft keinen Abbruch. Und als mir wenig später der Führerschein abgenommen worden war und ich mitten in der Nacht und bei strömendem Regen in angetrunkenem Zustand im bayerischen Oberweißenbrunn stand, rief ich in meiner Not den Horst an. Der sagte nur: "Halt durch, ich sag' nur meiner Frau bescheid und fahr' sofort los!" So isser halt, der Horst...


Die Organisation "9. November":

In meiner Not gründete ich nun erstmal eine Organisation mit Namen "9. November", warum ich dieses Datum wählte, brauche ich an dieser Stelle wohl nicht näher zu erläutern. Auch schon vor dem Mauerfall verbanden sich damit einige wichtige Ereignisse der deutschen Geschichte (z.B.: Abdankung des Kaisers 1918, Marsch auf die Feldherrnhalle 1923, "Reichskristallnacht" 1938, Attentat auf Adolf Hitler durch Georg Elser 1939). Natürlich trommelte ich auch als Einzelkämpfer für die Sache, ständig trug ich das Braunhemd, schon damals mit dem von mir selbst entworfenen und später zuerst von der "Wehrsportgruppe Fulda", dann von den "NATIONALEN AKTIVISTEN" und schließlich sogar von der ANS/NA übernommenen Abzeichen, dieser Mischung aus Wolfsangel und Sigrune auf schwarz-weiß-rotem Grund. Das Provozieren machte ungeheuren Spaß, so setzte ich mich z.B. in den Stadtbus und las ganz ungeniert den NS-Kampfruf. Seit ca. 1973 hatte ich Kontakt zur NSDAP-AO. Oft pfiff oder summte ich nationalsozialistische Kampflieder, sehr zur Freude vieler älterer Menschen, die das von so einem jungen Kerl nicht erwartet hätten. Vielfach trug ich auch das NSDAP-Parteiabzeichen, das ich 1973 auf einer Klassenfahrt in Holland käuflich erworben hatte. Die Clique in der ich mich bewegte war für politische Arbeit nicht zu haben, einer landete später durch seine Freundin sogar bei den "Zeugen Jehovas", aber für kleine Provokationen waren auch sie immer gut. So nähten wir uns z.B. Kragenspiegel auf Jeans- oder Cordjacken, was toll aussah und in keinem Laden zu kaufen war. Das machte für einige schon den notwendigen Reiz aus.

In diese Zeit fällt auch meine bisher einzige Begegnung mit dem mittlerweile verstorbenen Papst. Ich weiß nicht mehr, wie lange Johannes Paul II. schon in Amt und Würden war, es war jedenfalls so ziemlich am Anfang seines Pontificats , als er sich anschickte auch Fulda zu besuchen. Fulda ist von den nicht-römischen Gründungen eine der ältesten.

Reichsleiter Alfred Rosenberg

Die von Sturmius im Auftrage des Bonifatius im Jahre 744 gegründete Bischofsstadt ist weitaus älter als meinetwegen Frankfurt oder auch Berlin. Fulda war lange Zeit ein kulturelles Zentrum in Europa, hier entstand eine der ältesten noch vorhandenen Niederschriften des Nibelungenliedes und die Katholiken werden es uns Nationalsozialisten vermutlich nie verzeihen, daß die Partei zur 1200 Jahr-Feier der Stadt (1944) ausgerechnet Reichsleiter Rosenberg in der Orangerie des Stadtschlosses sprechen ließ, auf's herzlichste begrüßt durch Kreisleiter Ehser, einen alten Freund meines Großonkels aus der Kampfzeit. Der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Pg. Alfred Rosenberg, war ja gerade der katholischen Kirche durch sein berühmtestes Werk "Der Mythus des Zwanzigsten Jahrhunderts" ein Dorn im Auge. Um Rosenbergs Thesen aus dem Mythus zu widerlegen, hatten hohe kirchliche Würdenträger  noch zu Zeiten der Weimarer Republik anonyme sog. "Studien" veröffentlicht. Nach der Machtübernahme versuchte nun Rosenberg keinesfalls die anonymen Schreiberlinge zu ermitteln, um sich vielleicht an ihnen zu rächen, sondern er hielt es – wie ich – mit Bismarck und folgte der Devise des Eisernen Kanzlers: "Wer sich mit anderen Mitteln als denen des Geistes auseinandersetzt, von dem muß ich voraussetzen, daß ihm die Mittel des Geistes ausgegangen sind! " Also antwortete Rosenberg auf die anonymen "Studien" der Kleriker mit einer Broschüre unter dem Titel "An die Dunkelmänner unserer Zeit", eine Generalabrechnung mit den Pfaffen und dem gesamten Katholizismus. Ausgerechnet dieser Mann sprach zum 1200 jährigen Jubiläum dieses Symbols der Christianisierung, zugegeben, eine Provokation.

Zum geschichtlichen Hintergrund des Papst-Besuches noch folgendes: Da die Gründung Fuldas auf eine Initiative des Bonifatius zurückgeht, dessen Gebeine auch im Fuldaer Dom ruhen und der als der "Apostel der Deutschen" in die Kirchengeschichte einging, außerdem dort regelmäßig die Deutsche Bischofskonferenz tagte (was sie meines Wissens auch heute noch tut), war es gar nicht so ungewöhnlich, daß der Papst bei seinem Deutschlandbesuch auch in diese, meine Heimatstadt kam, um das Grab des Bonifatius zu besuchen. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, daß dieser Bonifatius unseren Vorfahren schon "im Zivilleben unangenehm aufgefallen" war. Er fällte nämlich eines der größten germanischen Heiligtümer, die Donar-Eiche, um unseren Altvorderen zu beweisen, daß es nicht weit her sein könne, mit ihren Göttern. Nun folgte die Strafe zwar nicht auf dem Fuße, auch Germaniens Götter halten wohl die Rache für ein Gericht, das kalt genossen  wird, aber eines schönen Tages erhob ein kriegerischer Heide seine Streitaxt und der Legende nach hielt Bonifatius noch seine Bibel schützend vor sein gegerbtes Antlitz. Nun wäre es ja am Christengott gewesen, die ruchlose Tat zu verhindern und das "Buch der Bücher" stellt aufgrund seines Umfangs sicher einen gewissen Schutz gegen gewalttätige Angriffe dar. Aber wo ein Germane hinlangt, wächst natürlich kein christliches Gras mehr und hilft auch keine Panzerplatte, geschweige denn die Bibel. Die flog wohl im hohen Bogen durch die Gegend und zurück blieb Bonifatius mit gespaltenem Schädel. Ich werde natürlich den Teufel tun und den Tod eines Menschen bejubeln, auch dann nicht, wenn der 1250 Jahre zurückliegt, aber so ganz unschuldig war der Missionar ja auch nicht am Geschehen...

Doch zurück in unsere Zeit: Der Papst-Besuch schlug natürlich bereits im Vorfeld hohe Wellen. Solche Ereignisse werfen ihre Schatten voraus und ziehen ja auch ungeahnte Menschenmassen und internationales Medieninteresse auf sich. Insgesamt erschien mir das ganze aber wenig dazu geeignet, daraus irgendwelches politisches Kapital zu schlagen. Viele meiner damaligen Bekannten wollten zum Dom pilgern, um den "Heiligen Vater" zu sehen, das war mir die Sache aber nicht wert und ich entschloß mich dazu, lieber in unserer Stammkneipe ein gemütliches Bier zu trinken. Der Zufall wollte es aber, daß der Papst nach der Messe im Dom mit dem Hubschrauber weiterfliegen würde und zu diesem Zweck aus der Innenstadt mit dem "Papamobil", dem kugelsicheren Spezialfahrzeug, in die BGS-Kaserne gebracht werden sollte, wo der Helikopter wartete. In jene Kaserne also, in der ich nicht nur gedient hatte, sondern die auch zufällig schräg gegenüber unserer Stammkneipe lag. Kurz bevor der Papst dann in der Leipzigerstraße erwartet wurde, schnappte ich mir einen Stuhl, verließ die Kneipe und zwängte mich mit dem Sitzmöbel in die vordersten Reihen der zahlreich anwesenden Menschenmassen. Als ich mich auf den Stuhl stellte, überragte ich die übrige Menge doch so deutlich, daß ich auch vom Papst gut zu sehen sein würde. Lange brauchte ich nicht zu warten, gefolgt vom näher brandenden  Jubel näherte sich auch schon das "Papamobil". Darin stehend der "Heilige Vater" der - mal nach rechts, mal nach links schauend - jovial und mit angewinkeltem rechten Arm den Menschen zuwinkte. Als er auf meine Höhe kam, schaute er direkt zu mir rüber, vermutlich weil ich der einzige war, der so erhöht stand und da ich natürlich ein gut gefülltes, großes Glas Bier mit rausgenommen hatte, prostete ich dem Papst kurz zu, um das Glas anschließend auf einen Schlag zu leeren. Kaufen kann ich mir nichts dafür, aber wer von den Normalsterblichen hat schon mal seiner "Heiligkeit" zugeprostet. Dazu noch mit deutschem Bier und nicht mit gepanschtem Meßwein...


Die Gründung der WSG-Fulda rückt näher...

Unweit unserer Stammkneipe befand sich ein Kinderspielplatz im Bereich des sog. "Galgengrabens" in Fulda. Ich hatte schon als Kind dort gespielt und nun trafen sich an diesem Ort häufig auch Jugendliche, die nochmal eine ganze Ecke jünger waren als wir selbst. Das gelegentliche Absingen von Kampfliedern, das Tragen der Kragenspiegel und das Abspielen von Führerreden vom Tonband, weckte das Interesse dieser 15, 16 und 17jährigen und immer häufiger kam man ins Gespräch. Mittlerweile verfügte ich auch über ein ganz ansehnliches Arsenal revisionistischer Literatur und mit den darin enthaltenen knallharten Fakten, konnten diese Jugendlichen nun ihrerseits wieder Eltern und vor allem Lehrer provozieren. Es dauerte auch nicht lange, da hatte sich der "Galgengraben" als "Nazi-Treffpunkt" herumgesprochen, was aber ganz in meinem Sinne war. Die Linken waren 1978/79 auf so etwas gar nicht vorbereitet, von denen drohte keine Gefahr. Eigentlich gab es uns gar nicht, uns durfte es nicht geben und ich fühlte mich zunehmend wohl in meiner Rolle als Phänomen. Mein Ansehen bei den Jugendlichen stieg auch dadurch, daß ich mich  auch wieder vor dem Erlebnishintergrund meiner beim BGS gemachten Erfahrungen – von keinerlei Autoritäten beeindrucken oder gar einschüchtern ließ. Als zum Beispiel der Direktor der "Geschwister-Scholl-Schule" vorbeikam, wo die meisten der Clique zur Schule gingen, da begrüßte ich ihn mit einem fröhlichen "Heil Hitler!", was den Jungs mächtig imponierte aber leider den Herrn Direktor Noll so wenig amüsierte, daß er mich sofort anzeigte. Später rief ich ihn dann an und im Zuge des Gesprächs erklärte er sich bereit, seine Anzeige zurückzuziehen. Meine Erleichterung hierüber hielt nicht lange an, denn nun wurde von Amts wegen ermittelt, das nennt man "Offizialdelikt" und so machte ich auf diese Weise meine ersten Erfahrungen auch im juristischen Bereich. Überhaupt kamen jetzt die ersten Anzeigen auf. Während eines Wahlkampfes hatte ich mich so über ein hirnrissiges Plakat der CDU aufgeregt, daß ich es – als ich es im Bereich der Leipziger Straße das nächstemal sah – mit meinem VW-Käfer einfach über den Haufen fuhr. Natürlich am hellichten Tag und so war es kein Wunder, daß auch hier eine Anzeige folgte.

Die Abende mit der jungen Clique aber wurden fester Bestandteil meiner politischen Agitation. Langsam kristallisierten sich jene drei, vier Leute heraus, mit denen wohl politisch zu arbeiten wäre, aber als Älterer sah ich natürlich auch, daß die Jungs in erster Linie mal das Abenteuer suchten und einen Weg sich aus der Masse der Gleichaltrigen herauszuheben wünschten. Was sollte ich jetzt tun? Was würde passieren, wenn der Sommer vorbei war und die Gruppe sich verlaufen würde? Wie konnte ich sie einbinden, ohne sie zu überfordern? Was hatte ich zu bieten, außer der gedruckten Wahrheit? Die Antwort auf diese Fragen kam von allerhöchster Stelle. Als wir wiedermal zusammen saßen, hörten wir im Radio, daß der damalige Ministerpräsident von Bayern, Franz-Josef Strauß, im Zusammenhang mit der legendären "Wehrsportgruppe Hoffmann" zu einem Journalisten sagte: "Das Gründen einer Wehrsportgruppe und das Abhalten von Wehrsportübungen sind kein Straftatbestand!" Na, also, Strauß hatte die Richtung vorgegeben: Abenteuer, Sport, Uniformen und Aufsehen, dazu noch politische Bildung, für die ich schon sorgen würde! Direkt im Anschluß an die Radio-Reportage fragte ich die Jungs: "Ich gründe eine Wehrsportgruppe! Wer macht mit?"


Die "Wehrsportgruppe Fulda"

Vier Leute erklärten sich spontan bereit, mit mir als Leiter eine Wehrsportgruppe zu gründen und so setzten wir dieses Projekt im Sommer 1980 sofort in die Tat um. Ich arbeitete einige wenige Programmpunkte aus, entwarf Dienstgradabzeichen, die ich bei einer in Fulda ansässigen Stickerei herstellen ließ. Betrieben wurde diese Stickerei von der alten Frau Roskowski, in deren Arbeitsraum noch immer ihr Meisterbrief von 1942 hing. Mit Reichsadler und Hakenkreuz, wie sich das gehörte. Trotzdem traute ich mich zunächst nicht so recht ihr zu sagen, daß wir Kragenspiegel benötigten (die ersten hatte ich noch selbst genäht) und so zeichnete ich das Ganze einfach auf und erklärte ihr, daß die Grundfarbe schwarz sein solle und ein silberner Rand darum gestickt werden müsse usw. Mitten in meine holprigen Erklärungen hinein sagte Frau Roskowski spontan: "Die Dinger kenn' ich doch, die ham wir früher für die SA gemacht!" Na ja, hier war ich also richtig...

Die Sache mit der "Wehrsportgruppe" lief wie geschmiert; mir war sie ja nur Mittel zum Zweck und so mußte ich jetzt nicht mehr alleine provozieren, sondern wir provozierten gemeinsam und dann auch noch in Uniform. Offiziell war die WSG unpolitisch, sodaß – zumindest auf Anhieb – das Uniformverbot des Strafrechts nicht verfing. Das nutzten wir weidlich aus. Nach Übungen zogen wir uniformiert durch Fuldas Kneipen, wobei bevorzugt jene ausgesucht wurden, die von den linken Studenten der Fachhochschule frequentiert wurden. Eine Stadt wie Fulda war auf uns nicht vorbereitet und so machten wir bald erste Schlagzeilen. Zuerst in der Fuldaer Zeitung, recht bald auch in der Frankfurter Rundschau. Langsam setzte nun auch eine rege antifaschistische Tätigkeit ein. Man klärte die Bevölkerung auf und hätte man nicht so maßlos übertrieben ("Wehrsportgruppe übt mit Schützenpanzer im Niesiger Wald!"), wären die Lügen vielleicht sogar geglaubt worden. Als sich dann noch der hessische Landtag mit uns beschäftigte, waren wir oben auf. Ich hatte meinen Jungs nicht zuviel versprochen und während ihre Klassenkameraden bestenfalls in der Schülerzeitung oder auch nur im Klassenbuch erwähnt wurden, standen wir ständig in der Tagespresse; es gab erste Radiomeldungen und Journalisten suchten das Gespräch.

Übung bei Fulda, 1980

Mir hätten damals die politischen Provokationen gereicht aber auf Bitten der Kameraden zog ich auch richtige, anstrengende Übungen und Zeltlager durch. Für mich war das aber nur (beinahe lästiges) Beiwerk. Was sollte ich am Ulmenstein unbemerkt und in niederster Gangart durchs Gelände robben, wenn in Fulda eine offene Bühne auf unsere Auftritte wartete. So fand z.B. im Kolpinghaus eine Informationsveranstaltung zum Thema "Wehrsportgruppe Fulda" statt, war ja klar, daß ich daran, zusammen mit meinem damaligen Stellvertreter Dieter Weißmüller, teilnahm. Ich hatte zunächst nicht das Gefühl, daß man uns erkannt hatte, aber nachdem man Kopien unserer Flugblätter verteilt hatte und die ersten Fragen gestellt wurden, sagte der Diskussionsleiter zu meinem Erstaunen: "Das wird uns der Herr Brehl am Besten selber beantworten, er ist ja hier!" Aus rechtlichen Gründen versuchte ich damals tatsächlich noch der ganzen Sache einen unpolitischen Anschein zu verleihen, aber allein unsere Dienstgrade wie Scharführer, Oberscharführer, Hauptscharführer oder auch Sturmführer usw. sprachen ja Bände.

Lange ließ sich natürlich weder die Öffentlichkeit noch die Justiz an der Nase herumführen und so kam es noch im Sommer 1980 zu unserem ersten "richtigen" Prozeß vor dem Amtsgericht Fulda. "Sie imitieren die Nazis!" hatte uns Staatsanwalt Rudolf Matzke zugerufen und ich dachte mir noch, ob der ganz bei sich ist?! Wir imitieren doch keine Nazis, wir sind welche! Vorerst wurden solche Dinge aber auf kleiner Flamme abge- und verhandelt. Daß es wohl nicht so schlimm werden würde merkte ich, als der Richter zu meinem Stellvertreter Weißmüller sagte: "Wenn sie hier weiter so rumkaspern, bekommen sie eine Ordnungsstrafe, die vielleicht höher ist, als das, was beim Urteil nachher rauskommt!" Und tatsächlich bekam ich mit 50 Tagessätzen zu je 30,- DM die Höchststrafe, alle anderen zahlten weniger, einige wurden nur verwarnt. Insgesamt fühlten wir uns aber auch dabei sehr gut. Ich fuhr damals einen 280er Mercedes und ein weiterer Kamerad hatte einen in derselben Farbe bei seinem Vater geliehen und so fuhren die Angeklagten der "Wehrsportgruppe Fulda" mit zwei großen, dunkelblauen Daimlern vorm Amtsgericht vor. Die Anklagebank war zu klein für uns alle und so wurde vor Prozeßbeginn fleißig umgeräumt, bis alle Platz hatten. Später, vor der Staatschutzkammer in Frankfurt, habe ich noch oft an diesen geradezu familiären Prozeß gedacht...

Wie bereits oben kurz erwähnt, fiel in diese Zeit auch meine erste Hausdurchsuchung, die ich dem notorischen Aufschneider und menschgewordenen Blender Jürgen von T. zu verdanken hatte. Der hatte nämlich aus irgendeinem Museum eine ganze Reihe Waffen gestohlen, darunter auch schußfähige Vorderlader. Davon wußten wir in Fulda natürlich überhaupt nichts und ich würde es heute zugeben, da es ja ohnehin strafrechtlich verjährt ist. Jedenfalls fand man bei ihm auch seinen umfangreichen Schriftverkehr mit mir und bei gestohlenen Waffen und Wehrsportgruppe zündete in den Köpfen der Ermittlungsbeamten sofort ein Feuerwerk rechtsterroristischer Verdachtsmomente. Das Ergebnis: Statt der Fuldaer Kripo, die es erfahrungsgemäß etwas ruhiger angehen ließ, stürmte mir das Landeskriminalamt Niedersachsen die Bude. Das ganze früh morgens und so öffnete ich nur mit Unterhose bekleidet die Tür, um so völlig verdutzt vor der Einsatzleiterin zu stehen. Also peinlich war mir das schon...

Die Dame war hochmotiviert und traktierte mich trotz meiner Schlaftrunkenheit sofort mit einer Unzahl von Fragen. Jedes zweite Wort war "Waffe" oder "Waffen" und ich dachte nur: "Was will denn die Alte nur andauernd mit Waffen?" Schließlich hatte ich keine und war mir auch bei den anderen Mitgliedern der Gruppe relativ sicher, daß sie nicht in solch eine plumpe Falle gelaufen waren. Erst allmählich erkannte ich die Zusammenhänge und ärgerte mich maßlos über diesen Jürgen von T., der mir, bzw. uns, das alles eingebrockt hatte. Die verantwortliche Beamtin ließ sich indes von all meinen Dementis und Unschuldsbeteuerungen nicht irritieren, mit der Wahrheit kam ich bei der nicht weiter; ihre Erwartungshaltung war zu groß, ihr vorgefertigtes Bild von einer "Wehrsportgruppe" besagte wohl, daß diese tief in terroristischen Zusammenhängen verwurzelt sein müsse. Also trat ich die Flucht nach vorne an und sagte: "Na gut, ich kann ihnen natürlich auch die Geschichte von unserem Waffenlager im Kohlhäuser-Feld erzählen!" Da leuchteten plötzlich ihre Augen und sie sagte mit ungewohnt sanfter Stimme und sich ihrem Ziel offenbar so nahe wähnend: "Na also, Herr Brehl, das klingt doch schon viel besser!" "Ja!", sagte ich zu ihr, "...nur hat diese Geschichte einen großen Nachteil: Sie ist von vorne bis hinten erstunken und erlogen!" das war dann zuviel für sie. Aus mir war nichts herauszubekommen, die Durchsuchung hatte nichts ergeben und eine Nachfrage per Funk ergab, daß auch bei den anderen Mitgliedern meiner Gruppe nichts Verbotenes gefunden worden war. So klappte sie ihre eigens mitgebrachte Reiseschreibmaschine wieder zusammen und zog samt ihrer Truppe unverrichteter Dinge wieder ab. Gegen uns wurden kurze Zeit später alle Ermittlungen eingestellt, später sollte ich dann gegen T. als Zeuge aussagen, was mir dann aber auch erspart blieb, da das Gericht auf meine Aussage letztlich doch verzichtete.

Obwohl von uns ja keinerlei tatsächliche Gefahr ausging und der Staat und seine Sicherheitsorgane das sicherlich auch wußten, offenbarten sich an unserem Auftreten schon damals die wunden Punkte des Systems. Einmal war z.B. ein Vortragsabend angekündigt worden, auf dem der KZ-Überlebende Klaus Scheurenberg aus seinem Buch "Ich will leben!" vortragen sollte. Natürlich war ich mit dem Kameraden Weißmüller wieder zur Stelle. Wir trugen Zivil, wenn auch mit WSG-Abzeichen am Revers und die Veranstaltung war öffentlich. Wir hatten auch nicht die Absicht zu provozieren, verhielten uns gesittet und wollten tatsächlich zuhören, was uns der Mann zu sagen hatte. Aber kaum hatten wir den Lesesaal betreten und uns hingesetzt, strömten auch schon Polizeibeamte herbei und gezielt auf uns zu. Wir wiesen uns aus und man wußte auch nicht so recht, was man uns denn nun konkret vorwerfen sollte. In ihrer Not wandten sich die Beamten an den Vortragenden, der an diesem Abend das Hausrecht hatte und erbaten von ihm die Vollmacht, uns hinauswerfen zu dürfen. Da hatten sie aber die Rechnung ohne Herrn Scheurenberg gemacht. Er war nämlich der Meinung, daß man uns gewähren lassen sollte, solange wir friedlich zuhören würden. Man einigte sich dann darauf, daß die Beamten in Hörweite vor der Tür blieben und wir nicht rausgeworfen wurden. So hörten wir die Lesung des Herrn Scheurenberg an und verschwanden anschließend ebenso friedlich wie wir gekommen waren. Unser Verhalten wurde dennoch als dreist interpretiert und wir waren einmal mehr Gesprächsstoff in Fulda und Umgebung.

Da die über uns verbreiteten Horrormeldungen im krassen Gegensatz zu unserem tatsächlichen Auftreten standen, zeigten uns Teile der Bevölkerung immer wieder ihre Sympathie. Gerüchten zufolge stand uns auch der Besitzer einer Fuldaer Discothek ausgesprochen wohlwollend gegenüber und so machten wir eines Tages die Probe auf's Exempel. Mit acht, neun Mann betraten wir uniformiert den Tanzschuppen und kaum waren wir reinmarschiert sprang der besagte Besitzer Karl-Heinz G. von seinem Stammplatz auf, raste zu seinem Discjockey und mir war eigentlich schon klar was jetzt kommen mußte, als er dem verdutzten Angestellten das Mikrofon aus der Hand riß. Doch statt des erwarteten "Bitte verlassen sie sofort mein Lokal!" dröhnte die rauchige Stimme plötzlich unvermutet: "Ich begrüße meine Gesinnungsgenossen an Tisch 13 und wünsche ihnen einen angenehmen Aufenthalt!" Na, keine Frage, daß wir uns da großartig fühlten...

Mittlerweile hatte auch der früher zu meiner NS-Zelle zählende Kneipenwirt wöchentliche Tanzabende als gute Einnahmequelle entdeckt und führte regelmäßige Dorfdisco-Abende durch. Diese fanden in einem Vorort von Fulda statt und auch dort waren wir gerngesehene Gäste. Das WSG-Emblem prangte hinter dem Discjockey in anderthalb Meter Größe und zeitweise auch ein Schattenbild Adolf Hitlers. Keiner nahm daran Anstoß, selbst die amerikanischen Besatzungssoldaten nicht, die den Laden reihenweise frequentierten. Für die gehörte das eben dazu, zu "good old Germany".

Sicher sah man uns auch einiges nach, weil wir eine Serie von Autoaufbrüchen beendeten, indem wir während der Disco-Abende einen Wach- und Streifendienst stellten. Wochenlang hatte es ausgerechnet während der Tanzabende immer wieder massenweise Autoaufbrüche gegeben und so war ich irgendwann von meinem alten Bekannten angesprochen worden, ob wir nicht als Wehrsportgruppe auch einen solchen Wachdienst übernehmen könnten? Natürlich machten wir das und das uniformierte Patrouillieren der WSG-Angehörigen hatte den kriminellen Machenschaften der Autoknacker dann auch ein rasches Ende bereitet. Unserem Ansehen – auch bei skeptischen Volksgenossen – tat das natürlich ausgesprochen gut...

Als wir eines Abends von einem dieser Disco-Abende zurück nach Fulda kamen, um dort – wie immer uniformiert – noch ein paar Bierchen in der Altstadt zu schlürfen, war ich mit meinem mit 5 WSG-Männern beladenen VW 1500 (den Mercedes hatte ich noch nicht) verbotenerweise neben dem Bonifatiusdenkmal auf die Friedrichstraße zurückgefahren. Dort stand aber ein Einbahnstraßenschild am Ende des Parkplatzes, sodaß ich formaljuristisch wenige Millimeter Einbahnstraße gefahren war. Jedenfalls war sofort eine Streife neben uns und hielt die Kelle raus. Auf der Disco hatte ich wohl so acht Halbe getrunken, guter Standard damals und so ahnte ich natürlich nichts Gutes. Einer der Beamten leuchtete denn auch mit einer Taschenlampe ins Wageninnere und sah sich überraschend den uniformierten Angehörigen jener gefürchteten Fuldaer Wehrsportgruppe gegenüber, von der man nichts Gutes hörte und noch weniger Gutes ahnte.

Nach einer Personalienüberprüfung durften die anderen gehen und wir verabredeten uns für später in einer Fuldaer Kneipe. Ich selbst wurde vorläufig festgenommen und man bugsierte mich ins Polizeifahrzeug auf den Rücksitz. Die beiden Beamten standen noch vor ihrem Fahrzeug, einer hantierte mit der Taschenlampe der andere mit einem mobilen Funkgerät. Ich stellte mir derweil die Frage: Kann man einem Menschen ansehen, wenn ihm in Sekundenbruchteilen bewußt wird, daß er einen schwerwiegenden, möglicherweise existenziellen Fehler begangen hat? Wenn es ihm heiß und kalt wird und er sich denkt "Um Himmels Willen, wie konnte das passieren?" Ja, man kann! Obwohl ich es im fahlen Licht nicht erkennen konnte, war ich mir sicher, daß jegliche Farbe aus dem Gesicht des Beamten gewichen war. Er bewegte sich wie in Trance und machte eine halbe Drehung zu mir hin und hatte plötzlich die Hand an seiner Dienstwaffe. Ich wußte warum, denn als man mich in das Polizeifahrzeug gedrückt und ich mich gesetzt hatte, hatte ich sofort bemerkt, was da neben mir lag. Eine unterladene  MP-5 der Firma Heckler & Koch, Kaliber 9mm Parabellum. Jederzeit schussbereit und – an dieser Waffe war ich ausgebildet! Wenige Wochen zuvor hatte uns noch ein Tagesthemenbericht in die Nähe der Terroristen gerückt, die die Anschläge gegen die amerikanischen Einrichtungen in Frankfurt begangen hatten. Daß Odfried Hepp, einer der Drahtzieher, Mitglied der Wehrsportgruppe Fulda gewesen sei, war darin fälschlicherweise behauptet worden. Und da setzt mich dieser junge Polizeibeamte nach meiner Identifizierung als Chef dieser Wehrsportgruppe neben eine schußbereite MP, deren Handhabung mir außerdem in Fleisch und Blut übergegangen war. Das jedenfalls war jene Festnahme, bei der nachweislich die Festnehmenden deutlich mehr Angst verspürten als der Festgenommene.

Ich vermied jede hektische Bewegung, denn im Halbdunkel hatten alle Beteiligten Orientierungsschwierigkeiten und wenn der Beamte geschossen hätte, wäre er wegen der gesamten Begleitumstände sicher freigesprochen worden. Putativnotwehr ("angenommene Notwehr") nennt man das und auch das hatte ich im Rechtskundeunterricht beim BGS gelernt. Als ich bemerkte, daß der Beamte keinen Satz hervorbringen konnte, sagte ich laut und vernehmlich: "Keine Angst, ich übergebe ihnen die Waffe jetzt mit dem Schaft nach vorne und dem Lauf auf mich gerichtet! Ich habe nicht die Absicht, mich der Festnahme zu widersetzen!" Langsam löste sich die Spannung und als alles vorbei war, sah ich im Schein der Innenbeleuchtung noch den kalten Schweiß auf der Stirn des Polizisten.

Auch das Nachspiel dieser Aktion verdient Erwähnung. Man schaffte mich auf die Polizeiwache in der Heinrichstraße und ließ einen Arzt zwecks Blutprobe kommen. Während dieser mit mir beschäftigt war, fertigte ein Beamter aus dem Innendienst eine Zeichnung meiner Kragenspiegel mit dem späteren ANS-Symbol im Eichenlaubkranz an. Der Führerschein wurde sichergestellt und ich war mir sicher, ihn in absehbarer Zeit auch nicht mehr wiederzusehen, falls mich meine politische Betätigung nicht zufällig nach Flensburg führen würde. Man würde sich telefonisch bei mir melden, sagten die Beamten und ich gab ihnen die Nummer meiner Firma, denn zu Hause hatte ich damals keinen Anschluß. Einige Tage später klingelte das Telefon bei uns im Papierlager. Mein Arbeitskollege Friedel Heine, ehemaliger Angehöriger des Eliteregiments "Großdeutschland", hatte abgenommen und gab mir den Hörer mit den Worten: "Es ist die Polizei, wegen Deinem Führerschein!" Ich nahm das Gespräch entgegen und glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Trotz acht halber Liter sagte der Beamte: "Herr Brehl, es hat nicht gereicht, sie können sich ihren Führerschein wieder abholen!" Ich stellte keine weiteren Fragen und war einfach nur froh...

Für die wöchentlichen Kameradschaftsabende hatten wir auch eine kleine Fuldaer Kneipe mit Hinterzimmer gefunden und so trafen sich dort jede Woche zwischen 10 und 15 Mann, wobei der harte Kern immer so um die 6 bis 7 Mitglieder hatte, also jene die quasi Tag und Nacht rund um die Uhr zu mobilisieren waren. Weißmüller, Wanke, Schuchert, Schäfer, Schnarr, Schmidtke, diese Namen sind mir noch lebhaft in Erinnerung.

Mitunter besuchten wir jetzt auch schon Veranstaltungen der DVU auf die wir durch die National-Zeitung aufmerksam geworden waren. Revolutionäre Seelen unserer Tage werden das mit skeptischem Gesichtsausdruck zur Kenntnis nehmen oder möglicherweise sogar anzweifeln wollen. Aber es war wirklich so und diese Gemeinschaftserlebnisse, wie sie noch viele Jahre später in der stets gut gefüllten Nibelungenhalle in Passau stattfanden, stärkten die Moral der Truppe.

Hans-Ulrich Rudel

Weniger natürlich durch Dr. Gerhard Frey, den Vorsitzenden der DVU, die damals noch Verein, nicht Partei war, sondern eher durch die hochkarätigen Redner, die auf diesen von mehreren tausend Menschen besuchten Versammlungen auftraten. Wenn zum Beispiel Oberst Walther Dahl, der ehemalige Kommodore der Rammjäger, über seine Kriegserlebnisse berichtete, da leuchteten die Augen nicht nur der Angehörigen der Kriegsgeneration. Unübertroffen in seinen Redebeiträgen und durch seine gesamte Erscheinung war aber zweifelsohne Hans-Ulrich Rudel. Dieser Oberst der Luftwaffe war der höchstausgezeichnetste Soldat der Deutschen Wehrmacht und einziger Träger des Goldenen Eichenlaubs (zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes). Rudel war nicht Jagdflieger, sondern Stuka-Pilot gewesen und hatte als "Adler der Ostfront" bei 2.350 Feindflügen 519 russische Panzer, 1 Schlachtschiff, 1 Kreuzer, 1 Zerstörer, 70 Landungsboote und 800 feindliche Fahrzeuge aller Art vernichtet. Als ihm in Folge eines Abschusses ein Unterschenkel amputiert werden mußte, flog er mit schlecht verheilter Wunde unverdrossen weiter. Hitler war der Meinung, daß solch ein Heldenleben für die Nachkriegszeit geschont werden müsse, denn die deutsche Jugend brauche Vorbilder. Aber Rudel das Fliegen zu verbieten, würde schwierig werden und so kursierte die Anekdote, daß Hitler die unangenehme Aufgabe des Aussprechens eines Flugverbotes mit den Worten an Göring weitergab: "Sagen sie's ihm, sie sind doch sein Chef!" Aus dem Flugverbot wurde freilich nichts, Rudel ignorierte es und flog bis Kriegsende weitere Einsätze, bei denen er nochmals 26 feindliche Panzer abschoß. So war der als "fliegender Panzerjäger der Luftwaffe" bekannte Haudegen an allen Brennpunkten der Front im Einsatz. Ich selbst war von Rudel und seinen Erlebnissen ebenso begeistert wie meine WSG-Kameraden. Als Rudel einmal erzählte, daß der Sowjetdiktator Josef Stalin 100.000 Goldrubel auf seinen Kopf ausgesetzt hatte, schloß er mit den Worten: "Er kann froh sein, er hat sie nicht zu bezahlen brauchen!" Überflüssig zu erwähnen, daß da natürlich der Saal tobte und die Begeisterung keine Grenzen kannte. Das persönliche Erleben dieses deutschen Helden ist mir unvergesslich und war mir schon damals Bestätigung und Auftrag zugleich.

Durch unseren Popularitätsbonus ermutigt, wollte ich nicht länger im eigenen Saft schmoren und suchte vermehrt Kontakt zu anderen Gruppen. Wehrsportgruppen gab es mehrere in Deutschland, aber wie sollte man sie finden? Das Weltnetz existierte noch nicht und im Telefonbuch standen die natürlich auch nicht. Die Lösung fand sich durch einen oder mehrere Artikel der stets mitteilungsfreudigen Frankfurter Rundschau. Sie hatte über einen sogenannten "Nazi-Buchladen" in der Hartmann-Ibach-Straße in Frankfurt berichtet und so fuhren wir eines Tages in die Mainmetropole, um diesen Laden zu finden. Wir fanden ihn tatsächlich und trafen auch auf einen der Betreiber, "der alte Dittel" genannt. Zusammen mit einem Ralf Platzdasch hatte er den Buchladen "Volk und Kosmos" eröffnet und sich damit den Unmut des in Frankfurt beheimateten roten Pöbels zugezogen, der nun alles daran setzte, den Laden bzw. seine Betreiber zur Aufgabe zu zwingen. Anfänglich war nur demonstriert worden, später schoß man dann sogar mit Neunmillimeter-Munition durch die Frontscheibe des Ladens.

HNG-Versammlung mit Henry Beier

Auch das hätte die Kameraden nicht in die Knie gezwungen, aber als man dann noch nachts einbrach, an den Wasserrohren manipulierte und so den ganzen Laden unter Wasser setzte, war nichts mehr zu machen; die Leute mußten aufgeben. Die gesamte Literatur war unbrauchbar geworden. Odin sei Dank hatten wir aber noch den "alten Dittel" angetroffen und er versorgte uns mit weiteren Adressen, unter anderem der von Henry Beier von der "Kampfgruppe Großdeutschland", der zu den Gründern der HNG gehörte und jahrelang ihr erster Bundesvorsitzender war. So lernten wir in relativ kurzer Zeit Frankfurts "braune Prominenz" kennen und zu allen Personen wußte der gute Henry auch immer diverse Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel die, wie die Söhne vom "alten Dittel" einige Jahre zuvor in der Silvesternacht vier Hakenkreuzfahnen auf der Frankfurter Paulskirche gehißt hatten. Unter Ausnutzung der Minustemperaturen hatten sie die Eisenleitern beim Abstieg mit Wasser übergossen, das binnen Minuten gefror und so ein Aufsteigen von Vertretern der Staatsmacht unmöglich machte. So wehten also in jener Silvesternacht über dreißig Jahre nach Kriegsende wieder die Hakenkreuzfahnen über Frankfurt. Natürlich sauste die Polizei sofort zu allen potentiellen Übeltätern, so auch zu Henry Beier, der freudestrahlend mit dem Feldstecher auf seinem Balkon stand um die Pracht zu bewundern. Später wurden die Fahnen dann per Hubschrauber entfernt und die Rechnung mußten Dittels Söhne bezahlen, weil sie am Ende doch noch erwischt worden waren. 5000,- DM soll die Hubschrauberstunde damals gekostet haben...

Mit Barret: Matthias Becker

Das erste schöne Kameradschaftserlebnis im größeren Kreis war dann tatsächlich eine Veranstaltung der einige Zeit zuvor erst gegründeten HNG. Spontan wurden wir alle Mitglied und Ursel Müller, damals noch nicht Vorsitzende aber immer dabei, wurde für uns zur "Mutter der Kompanie". Walter Kexel und Odfried Hepp, damals bekannte Namen aus dem Umfeld von VSBD und Wehrsportgruppe Hoffmann waren ebenso zugegen wie Frank Stubbemann von der Hamburger ANS. Für uns war das ein geradezu überwältigendes Erlebnis und als dann noch ein Kamerad zur Gitarre das Lied von der Infantrie sang, wußten wir spätestens bei den Zeilen "...du trägst den Ruhm aus Deutschlands größter Zeit hinein in alle Ewigkeit!", daß wir "zu Hause" angekommen waren. Plötzlich war die "Wehrsportgruppe Fulda" Teil des Nationalen Widerstandes in Deutschland geworden.

Rückblickend muß natürlich mit einiger Ernüchterung festgestellt werden, daß Stubbemann in der Folge keine Rolle mehr spielte, Kexel und Hepp wenig später den "Abschied vom Hitlerismus" forderten und Bomben gegen amerikanische Einrichtungen zu legen begannen und ich auch mit Ursel Müller noch einige Gefechte auszutragen hatte. Hepp flüchtete später zuerst in den Nahen Osten , dann in die DDR, Kexel nahm sich nach der Urteilsverkündung in seinem Terroristenprozeß (13 Jahre) das Leben; es war – und das sollte ich noch oft zu spüren bekommen – auch im Nationalen Widerstand nicht alles Gold was glänzte.

Vorerst aber waren wir alle ganz begeistert und da wir als WSG-Fulda bereits einen Namen hatten, öffneten sich nach und nach Tür und Tor all jener, die im Nationalen Widerstand etwas zu sagen hatten. Das nächste tolle Erlebnis war eine jener Führergeburtstagsfeiern, die damals noch alljährlich auf dem Grundstück der Gärtnerei von Curt und Ursel Müller stattfanden und auf der damals so 80-100, später auch 180-200 Kameradinnen und Kameraden zusammenkamen. Das gleiche gilt auch für die ebenfalls dort stattfindenden Sonnwendfeiern. Diese Gemeinschaftserlebnisse förderten den Zusammenhalt auch meiner eigenen Truppe und trotz zahlreicher, störender Polizeieinsätze mit Grundstückserstürmung und Flutlichtmast, mit Personalienkontrollen und vorläufigen Festnahmen, gehören diese Veranstaltungen zu den prägenden Erlebnissen jener Jahre. Als wir das erste Mal teilnahmen, hatten wir uns auf dem Weg nach Mainz-Gonsenheim verfahren und in meiner Not hielt ich mit meinem Fahrzeug neben einem Taxistand in Mainz. Das Auto voller Uniformierter fragten wir mangels deutschem Droschkenkutscher einen der zahlreichen ausländischen Mitbürger nach einer großen Gärtnerei auf deren Gelände es eine Feier geben solle. "Ach so, du wolle zu Nazi-Müller!" radebrechte der Ausländer und beschrieb uns brav den Weg. Und selbst wenn die Polizei den Laden stürmte, die Stimmung war stets hervorragend. Dafür wesentlich verantwortlich war Ursel Müller, die immer einen forschen Spruch auf Lager hatte. Einem Beamten, der ihr erklärte man suche nach Waffen, sagte Ursel nur: "Waffen haben wir keine, aber wenn wir welche brauchen, dann haben wir sie und wenn es darauf ankommt, werden sie mit ihrer eigenen Dienstpistole erschossen!" Wir fanden das witzig, der Beamte weniger...

Bei einem dieser Treffen hatten wir auch Matthias Becker aus Plochingen kennengelernt. Becker lief stets in Flecktarn umher und trug dazu sein obligatorisches rotes Barret. Irgendwie sah er aus  wie die jüngere Ausgabe von Wehrsport-Hoffmann und oft trug er auch das damals in unseren Kreisen noch völlig unübliche Palästinenser-Tuch. Einmal hatte er uns in seine schwäbische Heimat eingeladen und so besuchten wir ihn damals in seinem angemieteten Haus in Plochingen, wo er einen Bierkeller mit Wehrsportausstattung eingerichtet hatte. An der Decke hing ein riesiges Tarnnetz und überall standen, lagen und hingen militärische Devotionalien. Er war wohl ein wenig älter als ich, imponierte aber meinen Mannen dadurch, daß er auf Regeln und Konventionen noch weniger gab als ich und im besten Sinne des Wortes als exzentrisch bezeichnet werden kann. Er fuhr einen roten VW-Passat mit eingebautem Kühlschrank – auch das machte ihn interessant, denn wenn man auf überregionalen Treffen den guten Matthias Becker traf, wußte man, daß gekühlte Getränke nicht weit waren. Mit Becker jedenfalls sollte ich noch einige abenteuerliche Geschichten erleben, die uns bis ins ferne Madrid führen würden. Das wußte ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht und so saßen wir zunächst mal in Beckers Wehrsportkeller und schrieben in bierseliger Laune mehrere Werbepostkarten der "Wehrsportgruppe Fulda" mit Spottversen voll, die wir dann an den gerade zum Bundeskanzler gewählten Helmut Kohl nach Bonn schickten. Einige Zeit später besuchte Becker dann mich und meine Mannen im heimatlichen Fulda. Voller Stolz trugen wir mittlerweile auch an der Zivilkleidung ein rundes Metallabzeichen, das schon ein wenig an das alte Parteiabzeichen erinnerte. Im Innern unser schwarzes Symbol auf weißem Grund. Darum ein blutroter Kreis mit der Inschrift "WSG-Fulda" im oberen und "1981" im unteren Bogen. Auch Becker trug so eines, er war Mitglied ehrenhalber. Geschlagen mit ewiger Geldknappheit, erinnerte ich mich wehmütig daran, wie wir früher immer "für'n Appel und 'n Ei" in der Kantine der Bundesbahn zu Mittag gegessen hatten. Die ließen aber kein bahnfremdes Personal mehr rein und so sinnierte ich melancholisch über vergangene Zeiten. "Laß' mich das nur machen...", sagte daraufhin Matthias Becker und steuerte schnurstracks die DB-Kantine an. Wir folgten ihm ungläubig und für uns war der sofortige Rauswurf sowieso klar, denn Becker trug ja wie immer Stiefel, Flecktarn und rotes Barett mit Totenkopf. Also wenn der Spruch von der Frechheit, die ja angeblich immer wieder siegt, seine Berechtigung hat, dann zeigte sich das hier. Mit Becker an der Spitze marschierten wir zielbewußt zur Essensausgabe, wo wir sofort gefragt wurden, ob wir zum Personal der Deutschen Bundesbahn gehören würden. Becker zog daraufhin sein Tarnjackenrevers mit dem „Mitgliedsbonbon“ bis vors Gesicht des Fragenden und bellte laut: "Bundesbahndirektion! Werkschutzgruppe Fulda!" Völlig verdattert schaute der andere kurz auf das Abzeichen, murmelte was von "Entschuldigung" und "...konnte ich ja nicht wissen..." und Minuten später ließen wir's uns auf Kosten der Bundesbahn so richtig schmecken. Auf dem Nachhauseweg sangen wir dann gesättigt und frohgelaunt zur Melodie des "Englandliedes" den Text "...denn wir fahren, denn wir fahren, denn wir fahren mit der Bundesbahn, Bundesbahn...!"

Mit Hut: Lothar Zaulich in Mainz

Über Becker wiederum lernte ich kurze Zeit später auch eine der interessantesten und gleichzeitig skurrilsten Persönlichkeiten des Nationalen Widerstandes kennen. Dieser ehemalige Insasse des Konzentrationslager Stutthof-Natzweiler avancierte später zum Pressesprecher der ANS/NA und zählte zu den Leuten im Hintergrund, ohne die die spätere "Stern-Affäre" um die gefälschten Hitler-Tagebücher des Konrad Kujau undenkbar gewesen wäre. Der Name dieses – wie Kujau – in Stuttgart lebenden Mannes war Lothar Zaulich. Lothar Zaulich war auch häufiger Gast bei den Treffen in Mainz und so kamen wir irgendwann ins Gespräch. Äußerlich eine völlig unscheinbare Person, klein, schmal, mit schütterem Haar und einer Menge fehlender Zähne; so machte er auf den unbedarften Beobachter zunächst keinen großen Eindruck. Einmal im Gespräch bemerkte man aber rasch, daß dieser Mann über einen reichen Schatz von Erfahrungen und Wissen verfügte und so gehörte es später zu den üblichen Gepflogenheiten, daß mich mein Weg zu den Nagolder Kameraden stets über Stuttgart führte, wo ich auch öfter mit Mitstreitern übernachtete, nachdem uns Lothar wieder mal an seinen reichhaltigen Erfahrungen hatte teilhaben lassen. Lothar, der Unmengen Kaffee trank und selbstgedrehte Zigaretten "verschlang", aber keinen Alkohol trank, konnte herrlich erzählen und seine Hintergrundinformationen über Freimaurertum und Kabbala fanden in uns dankbare Zuhörer.

Lothar Zaulich und Konrad Kujau kannten sich zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren. Kujau hatte neben einer Gebäudereinigungsfirma in Stuttgart auch immer schon ein Faible für NS-Devotionalien und diese frühzeitig als Nebeneinnahmequelle entdeckt. So fuhren Kujau, Zaulich und einige andere des öfteren von Flohmarkt zu Flohmarkt und verkauften Hitlerbilder, was damals strafrechtlich zwar auch schon verboten, aber nicht annähernd so gefährlich war wie heute. Diese Bilder hatten sie in Zaulichs kleinem privaten Fotolabor hergestellt, das dieser über seiner Wohnung unter dem Dach des Hauses, in dem er wohnte, als Hobby betrieb. Irgendwie war Lothar in den Besitz von 5.000 Originalnegativen aus dem Dritten Reich gekommen und so konnte die Truppe um Kujau nach Herzenslust Führerbilder produzieren, um sie später zu verkaufen. Zaulich war ausgesprochen geschäftstüchtig, vielleicht sogar ein wenig durchtrieben und letztlich hatte ihn das als ganz jungen Kerl auch ins KL gebracht. So ganz bekomme ich es nicht mehr auf die Reihe, aber Zaulich gehörte wohl im Dritten Reich zu einer Gruppe von schwererziehbaren Jugendlichen, die erst in Heime, später dann in Erziehungsanstalten gesteckt worden waren. Als sie auch dort noch ihre kriminelle Energie entfalteten, wurden sie kurzerhand ins Konzentrationslager verbracht, wo Lothar Zaulich auch das Kriegsende erlebte, um fortan als NS-Verfolgter zu gelten.

Jedenfalls kam der ideenreiche Lothar irgendwann auf die Idee, daß man ja Führerbilder für ein Vielfaches des Preises verkaufen könne, wenn sie denn nur von Hitler signiert wären. Das wiederum – so Konrad Kujau – sollte das Problem nicht sein. Die Lösung war Lothars Fotolabor. Der bekannte Historiker Werner Maser hatte nämlich eine ganze Reihe handschriftliche Dokumente Adolf Hitlers veröffentlicht. Aus diesen wurde in Lothars Labor die Unterschrift des Führers abfotografiert, um sie sodann auf weißes Papier zu projizieren. Mittels dieser Projektionen übte dann der spätere Hitlertagebuchfälscher Konrad Kujau das Autogramm Hitlers stundenlang, bis er es mit äußerster Präzision in jeder Lebenslage aus dem Handgelenk schreiben konnte. Kujau hatte das so verinnerlicht, daß er einmal in angetrunkenem Zustand in einem Stuttgarter Kaufhaus versehentlich einen Scheck mit "Adolf Hitler" unterschrieb.

Als Kujau 1983 aufflog und mit ihm der größte Presseskandal der Mediengeschichte bekannt wurde, da trat das Hamburger Landeskriminalamt auch bei Lothar Zaulich die Türe ein und beschlagnahmte aus seinem Fotolabor die gesamten 5.000 Originalnegative. Weder Michael Kühnen noch ich verstanden es damals, daß die Verstrickung des Pressechefs der "neonazistischen ANS/NA" in die "Stern-Affäre" von den Behörden, zumindest aber von den Medien totgeschwiegen wurde. Eine Antwort auf diese Frage habe ich bis heute nicht gefunden, aber vielleicht wollte man angesichts des Tagebuchskandals, bei dem es ja um einen zweistelligen Millionenbetrag in DM ging, jeden Bezug zum organisierten "Neo-Nazismus" vermeiden. Kühnen machte auch so schon genug Schlagzeilen und für den Skandal um die gefälschten Hitlertagebücher interessierte sich die ganze Weltpresse. Hier mußten wir wohl nicht auch noch genannt werden. Konrad Kujau saß jedenfalls schon lange im Knast, da sah ich noch bei einem unserer Besuche bei Lothar Zaulich an dessen Pin-Wand eine alte Urlaubskarte hängen. Ihre Aufschrift: "Alles Gute, Dein Conny!"

Durch die HNG-Kontakte waren wir natürlich auch auf eine Menge weiterer Frankfurter aufmerksam geworden, die meisten waren nach dem Verbot der VSBD inaktiv und "heimatlos" geworden und suchten eine neue politische Betätigungsmöglichkeit. Federführend waren hier die Gebrüder Klaus und Peter Müller und letzterer wurde ja auch später der überaus erfolgreiche Kameradschaftsführer der ANS-Stammkameradschaft 2, Frankfurt. Vorerst allerdings übernahm mit Arndt-Heinz Marx ein ehemaliger Libanonkämpfer der WSG-Hoffmann die Führung der wiederbelebten Frankfurter Truppe und es setzte eine rege Reisetätigkeit zwischen Fulda und Frankfurt ein.

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt mit der gesamten Entwicklung hochzufrieden, endlich wurde politisch gearbeitet, endlich konnte man vom Wehrsportkonzept Abschied nehmen und so waren die Tage der WSG-Fulda gezählt. Diejenigen, die etwas taugten, die also genau wie ich mittlerweile nur noch politisch arbeiten wollten, sahen das genauso und so erarbeiteten wir mit den Frankfurter Kameraden gemeinsam ein neues Konzept: Das Konzept der NATIONALEN AKTIVISTEN.


Die NATIONALEN AKTIVISTEN

Von der Wehrsportgruppe-Fulda gingen unsere Aktivitäten nahtlos in jene der Nationalen Aktivisten über. Noch bevor wir uns offiziell so nannten, organisierten wir diverse Veranstaltungen und – als Feuertaufe sozusagen – unsere erste Demonstration. Seit zwei Jahren  trafen sich die Veteranen der ehemaligen SS-Divisionen "Leibstandarte" und "Hitlerjugend" in Bad Hersfeld. Vorher hatten sie in Nassau an der Lahn getagt, aber jedes Jahr war der Widerstand dagegen stärker geworden und so hatte man den Treffpunkt gewechselt. Ich wollte diesmal – im Frühsommer 1982 – ein Zeichen setzen und für die alten Frontkämpfer demonstrieren. Ich hatte in diesen Dingen keinerlei Erfahrung, wußte nicht, daß man sowas normalerweise anmelden mußte und vertraute auf das Wort eines mir nicht mehr erinnerlichen Kameraden, der mir sagte, Handzettelaktionen seien keine Demo und damit nicht anmeldepflichtig.

Auf meine Fuldaer konnte ich mich natürlich verlassen, aber die Frankfurter verfügten zu dieser Zeit nicht mal über einen PKW; mit großartiger Unterstützung war da nicht zu rechnen. Bei der nächsten HNG-Versammlung sprach ich daher Henry Bayer an und bat ihn, nach dem offiziellen Teil einige Worte an die Versammelten richten zu dürfen, was er mir auch gestattete. Ich hielt also eine kurze Ansprache, erzählte von der geplanten Aktion und verlas das sog. "Längst fällige Lied" über die besten Soldaten der Welt. Davon hatte ich bei unserem Fuldaer Drucker mehrere tausend Stück drucken lassen. Auf der einen Seite das Gedicht, auf der anderen einen jungen Soldaten im Stahlhelm. Die Anwesenden waren begeistert und sagten mir entsprechende Unterstützung zu.

Als es dann soweit war, kamen tatsächlich ca. 70 Kameraden zusammen, was für die damalige Zeit ausgesprochen viel war. Und so verteilten wir unsere Flugblätter für die Kameraden der Waffen-SS. Die Reaktionen waren entsprechend: Die Zeitungen waren voll und die Fuldaer Antifa meldete zum ersten, aber nicht zum letzten Mal: "Sie marschieren wieder!" Jetzt waren wir wieder einen Schritt weiter...

Ungefähr in dieser Zeit hatte ich auch zum inhaftierten Michael Kühnen Kontakt aufgenommen und es entwickelte sich ein reger Schriftverkehr. Ich brannte darauf, diesen Mann endlich kennenzulernen. Schon seine Briefe waren mitreißend und zukunftsweisend, wie mochte er erst persönlich wirken? Nicht mehr lange und ich sollte es erfahren, Schauplatz würde einmal mehr die Gärtnerei von Müllers in Mainz sein.

Rechts Siegfried Weber aus Nagold, 1983

Eigentlich konnte ich ganz zufrieden sein, mich ärgerten aber jene, die sich nicht aus ihrer Lethargie lösen wollten und immer wieder auf Kühnens Haft hinwiesen ("Wir warten ab, bis Kühnen wieder frei ist!") und vor allem darauf, daß sie kein Geld hätten. Ich versuchte ihnen klar zu machen, daß sie Michael Kühnen den größten Dienst dadurch erweisen könnten, daß sie eben nicht auf seine Freilassung warteten, sondern schon jetzt helfen würden, etwas aufzuziehen und daß er sicher auch kein Geld aus der JVA würde mitbringen können. Einige begriffen auf was es ankam und schlossen sich uns an; in erster Linie müssen hier die jungen Kameraden aus Nagold genannt werden, deren Gruppe bald zur Stammkameradschaft 3 der ANS/NA werden sollte. Erwähnt werden sollen hier namentlich die Kameraden Jürgen Theurer und Siegfried Weber, die mir in der Folgezeit zu treuen Kampfgefährten wurden und trotz der großen Entfernung fuhr ich mit den Fuldaern so oft ich konnte in den Schwarzwald. Die Kameradschaftsabende im Sturmlokal der Nagolder, dem "Pflug", werden mir immer unvergeßlich bleiben. Der Spruch „Die Zeit vergeht wieder mal wie im Pflug“, wurde zum geflügelten Wort bei uns Fuldaern.

Th. Brehl, A.-H. Marx, P. Müller

Unsere gesamten Aktivitäten waren ja vor allem der schreibenden Zunft nicht verborgen geblieben und so hatten wir uns an diverse Artikel in den entsprechenden Zeitungen schon gewöhnt. Einigermaßen erstaunt waren wir aber, als eines Tages – das war im Spätsommer 1982 – Dr. Heribert Schwan vom Deutschlandfunk an uns herantrat, um uns für eine große Dokumentation zu filmen, die er gemeinsam mit Werner Filmer vorbereitete. Neben unseren Aktionen (hier besonders die große Handzettelaktion gegen die us-amerikanische Fernsehserie "Holocaust" auf der Frankfurter Zeil) sollten auch Interviews Verwendung finden und so sagten wir zu. In unserem Harheimer Sturmlokal, dessen griechischer Wirt Pascal uns stets mit erhobenem rechten Arm begrüßte, entstand so ein Großteil der Aufnahmen zur ARD-Produktion "Die verdrängte Gefahr.“ Jener Dokumentation also, die dann am 13. Januar 1983 im ersten Programm zur besten Sendezeit (20.15 Uhr) ausgestrahlt wurde und uns so nur zwei Tage vor der Proklamation des "Frankfurter Appells" zur Gründung der ANS/NA zu einer gewaltigen Popularität im nationalrevolutionären Lager verhalf.

Es waren wirklich hektische Zeiten damals und jeden Tag stand etwas anderes auf dem Programm. Rückblickend ist es kaum zu glauben, was da in kürzester Zeit alles geleistet wurde. Dabei muß bedacht werden, daß wir außerdem alle berufstätig waren. Ich arbeitete noch bis ins ANS-Jahr 1983 hinein in einer Fuldaer Papierfabrik in verschiedenen Funktionen. Zunächst im Palettenlager, dann als Leiter des Hilfsstofflagers und zuletzt auf meinen ausdrücklichen Wunsch als Stadtfahrer, ein Vertrauensposten, den mir mein Chef erst auf erheblichen Druck "wohlmeinender Mitbürger", darunter ein Pfarrer, entzog, nachdem ich nicht mehr aus den Schlagzeilen herauskam und wir vermehrt über die Bildschirme flimmerten.

Die politische Arbeit vor Ort erledigten wir nach Feierabend, da wurde plakatiert und geklebt was das Zeug hielt. Unser befreundeter Drucker arbeitete quasi zum Selbstkostenpreis für uns und so konnten wir "klotzen" statt zu "kleckern". Auch hier sei eine kleine Anekdote angeführt: Weil wir ja ständig plakatierten, hatten wir im Keller eines Kameraden stets das nötige Handwerkszeug deponiert. Dort stand immer ein Eimer mit Tapetenkleister und Bürste, dort lagen immer Plakate bereit. Als es wieder einmal besonders schnell gehen sollte, sauste der entsprechende Kamerad in den Keller und kam wenige Sekunden später wieder hervor und wir machten uns ans Werk. Wir hatten schon die halbe Fachhochschule zugekleistert, als ich bemerkte, daß sich die zuerst aufgeklebten Plakate wieder abzulösen begannen. Das war komisch, nie hatten wir Schwierigkeiten mit dem Leim gehabt. Noch während ich über die Ursache rätselte, fiel meinem Stellvertreter auf, daß ein ausgesprochen angenehmer Geruch in der Luft lag, der augenscheinlich vom Kleister seinen Ursprung nahm. Des Rätsels Lösung? Die Mutter unseres Kameraden handelte nebenher mit Kosmetikartikeln und Putzmitteln. Statt des Leimeimers hatte der wackere Aktivist einen Eimer mit Schmierseife geschnappt und wir hatten damit in der Dunkelheit plakatiert. Eine womöglich ruch- aber sicher nicht geruchlose Aktion.

Diksmuide

Wenn es unsere Zeit erlaubte, waren wir allerdings auf Achse. Es galt weitere Kontakte zu knüpfen und die reichten bald auch ins benachbarte Ausland. Eine der besten Gelegenheiten zum Kennenlernen anderer Kameraden, verband sich gleichzeitig mit einem kolossalen Gemeinschaftserlebnis. Es war dies die alljährliche "Izerbeedevaart" im belgischen Diksmuide. Hier trafen sich bis zu 50.000 Menschen, darunter Nationalsozialisten und Faschisten aus ganz Europa. Ursprünglich eine Gedenkveranstaltung für die flämischen Opfer des Ersten Weltkrieges, hatte sich das Treffen zur europäischen Heerschau rechter Kräfte entwickelt: Hier traf sich alles, was Rang und Namen hatte.

Von den bundesdeutschen Medien weitgehend totgeschwiegen, wurde mir diese Veranstaltung auch erst durch Erzählungen älterer Kameraden bekannt und so wollten wir unbedingt einmal mitfahren, um das Spektakel hautnah zu erleben. Wir hatten uns also mit einigen Kameraden aus dem Umfeld der HNG in Frankfurt getroffen und bildeten einen kleinen Konvoi, mit dem wir zunächst nach Antwerpen fuhren. Im Hotel "Scheldehof" trafen sich damals regelmäßig die Veteranen der europäischen Freiwilligen der Waffen-SS, hier tagte auch des öfteren Thies Christophersen, der Verfasser der "Auschwitzlüge", mit seinen Lesertreffen der "Bauernschaft". Die "Bauernschaft" war – im Gegensatz zu ihrem harmlos klingenden Titel – ein richtiges Kampfblatt und professionell aufgemacht. Mit Hochglanzumschlag und so weiter; Dinge, von denen wir damals noch träumten. Später, zu Zeiten der ANS/NA, sollte ich im "Scheldehof" noch ein bewegendes Erlebnis haben...

Der "Scheldehof" war aber keineswegs Antwerpens einzige Attraktion für bekennende Nationalsozialisten. Auch "Der Löwe von Flandern", ein Studentengasthaus in der Innenstadt, hatte für uns Sensationscharakter. Schließlich war es die einzige uns bekannte Kneipe, wo das Horst-Wessel-Lied in der Music-Box zu finden war.

Café Odal, Antwerpen

Und noch ein anderes gastronomisches Juwel soll nicht unerwähnt bleiben. Unweit des jüdisch dominierten und durch orthodoxe Juden geprägten "Diamantenviertels", betrieb VMO-Chef (VMO = Vlaamse Militante Orde, eine später verbotene, flämische Separatistenbewegung) Bert Eriksson eine kleine Kneipe namens "Cafe' Odal". Neben der Eingangstür ein großes Porträt von Rudolf Heß, hinter der Theke ein farbiges Führerbild (Adolf Hitler nach dem Sieg über Frankreich vor dem Eiffelturm in Paris). Auch hier trafen sich nicht nur zur "Izerbeedevaart" europäische Nationalrevolutionäre der verschiedensten Organisationen, sondern auch "Einzelkämpfer". Für mich und meine junge Mannschaft waren das unvergeßliche Erlebnisse und ich erinnere mich noch an einen feucht-fröhlichen Abend mit einer Gruppe junger Holländer, die immer wieder auf Deutschland anstießen und es hochleben ließen. Als einer dann glaubte auch den Niederländern einen Gefallen tun zu müssen und sein Glas "auf Holland!" erhob, zeigte sich einer der Holländer völlig irritiert und sagte mit ernstem Gesicht: "Es gibt keine Holland, es gibt nur das Großdeutsche Reich!"

Schon die Fahrt nach Diksmuide erwies sich als Erlebnis der besonderen Art. Wie beim legendären Sternmarsch der Hitler-Jugend zum Reichsparteitag in Nürnberg, sah man schon viele Kilometer vor Diksmuide einzelne Gruppen von uniformierten Jugendlichen hinter ihren Fahnen zum Veranstaltungsort marschieren. Vor Ort angekommen, fühlte man sich, als habe man gerade einen Zeitsprung gemacht, als sei man durch eine Dimensionsschleuse in ein Paralleluniversum geraten: Uniformen bestimmen das Straßenbild, überall ertönt Marschmusik, alles ist beflaggt. Der Gruß "Heil Hitler!" ist so allgegenwärtig wie in einer deutschen Stadt des Jahres 1938. Die belgische Polizei, die in den Folgejahren noch hart durchgreifen wird, solange, bis Diksmuide seine Bedeutung als europaweiter Treffpunkt bekennender Faschisten und Nationalsozialisten verlieren wird, ist in diesen Tagen quasi gar nicht präsent. Im vergangenen Jahr, so wird uns erzählt, haben einige Engländer vier oder fünf Polizisten in die Izer geschmissen; seit der Zeit halten die sich lieber zurück und warten bis "der Spuk" nach zwei, drei Tagen wieder vorüber ist. Wir jedenfalls genießen diese Tage, pflegen alte Kontakte und bauen neue auf. Mehrere Jahre in Folge nehmen wir an dem Spektakel teil, einmal wird mir sogar die Ehre zuteil, daß ich als Deutscher im "Flämischen Haus" sprechen darf. Es ist das erste Mal, daß ich vor fast 500 Menschen spreche, in Uniform und von Sieg-Heil-Rufen begleitet. Einfach herrlich...

Die Zeit der Isolation war nun endgültig vorbei, die Gründung der WSG-Fulda hatte sich im nachhinein als Glücksfall oder besser als richtige Entscheidung erwiesen. Desgleichen die Fortsetzung der politischen Arbeit unter der neuen Firmierung der NATIONALEN AKTIVISTEN. Wir waren wer, man kannte uns aus den Medien und so spielten wir schnell in einer ganz anderen Klasse. Durch HNG, durch Führergeburtstags- und Sonnwendfeiern, durch Izerbeedevaart und diverse Aktionen lernte ich in dieser Zeit eine Fülle hochinteressanter Leute kennen. Bei den meisten weiß ich nicht, was aus ihnen geworden ist, viele sind bereits in die Ewigkeit eingegangen, andere begegneten mir Jahre später wieder und ganz wenige begleiten mich bis heute als Kämpfer oder Akteure des Nationalen Widerstandes.

Alle Personen aufzuzählen, die damals von Bedeutung waren, ist mir gar nicht möglich, einige jedoch seien stellvertretend genannt, wobei das Datum des ersten Zusammentreffens meistens gar nicht mehr zu eruieren ist. Da ist z.B. der bereits erwähnte Thies Christophersen zu nennen, der Verfasser der "Auschwitzlüge", jenes revisionistischen Standardwerkes, dessen Verbreitung im räumlichen Geltungsbereich des Grundgesetzes strengstens verboten ist. Dieses Verbot hat ganz wesentlich zur Popularität der kleinen Schrift beigetragen. Vermutlich wurde und wird sie auch deshalb für so gefährlich gehalten, weil hier nicht ein Nachgeborener mittels wissenschaftlicher Studien eigene Theorien über das Geschehen aufstellte, sondern weil Thies Christophersen als SS-Sonderführer in Ausschwitz-Birkenau nicht nur Zeit- sondern auch Augenzeuge war. Um die Rohstoffversorgung des Reiches gerade in diesem mörderischen Krieg zu sichern, hatte man begonnen kriegswichtige Dinge aus eigenen Mitteln zu gewinnen, bzw. herzustellen. So wurde mittels der Hydrierung von Kohle Sprit produziert oder aber aus dem Saft des Löwenzahns der Grundstoff für diverse künstliche Stoffe, darunter Kunstgummi gewonnen. Mit diesem Projekt war auch Thies befaßt und so kannte er den gesamten Lagerkomplex von Auschwitz wie seine Westentasche und brachte seine eigenen Erlebnisse zu Papier. Aus strafrechtlichen Gründen beschränke ich mich darauf, lediglich festzustellen, daß das von Thies Erlebte nicht mit dem übereinstimmte, was laut gängiger Geschichtsschreibung dort stattgefunden haben soll. Thies war ein echt norddeutscher Sturkopf, aber eine Seele von Mensch. Für seine Überzeugungen ging er durch dick und dünn, nichts konnte ihn schrecken. Von einer im Krieg erlittenen schweren Kopfverletzung gezeichnet, stellte er immer wieder unter Beweis, daß man ihn zwar äußerlich verwundet, nicht aber seine Denkfähigkeit verletzt hatte. Von der bundesdeutschen Justiz wurde er wegen seiner Schriften gnadenlos verfolgt; schließlich ging er nach Belgien ins Exil, später dann nach Dänemark, wobei seine beantragte Auslieferung von den dänischen Behörden abgelehnt wurde, da "...Thies Christophersen mit hoher Wahrscheinlichkeit für das,  was er geschrieben und gesagt hatte, in Dänemark nicht hätte verurteilt werden können". Uns jungen Kämpfern von der ANS/NA bot er jedenfalls bei einem Lesertreffen seiner "Bauernschaft" ein Forum und sorgte so für einen Schulterschluß zwischen der Erlebnis- und Kriegsgeneration und uns jungen Spunden, die wir unsere ersten politischen Gehversuche machten. Unter dem Kapitel "ANS/NA" wird davon noch zu sprechen sein.

Ein weiterer Kämpfer der Feder und des Wortes war und ist Dipl. pol. Udo Walendy, dessen "Historische Tatsachen" eine wahre Fundgrube für jeden Geschichtsinteressierten sind. Sein Buch "Wahrheit für Deutschland" wurde nach jahrelangem Rechtskampf vom Index der jugendgefährdenden Schriften genommen und darf somit wieder beworben und offiziell im Handel angeboten werden. Ich, der ich ja damals von Veranstaltung zu Veranstaltung eilte, traf auch immer mal wieder auf Udo Walendy, der mir in einem persönlichen Gespräch zu meiner großen Freude berichtete, daß er meinen Großonkel - der zu diesem Zeitpunkt noch lebte - persönlich kennen würde und öfter mit ihm gesprochen habe.

Otto Riehs

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Auf vielen Veranstaltungen traf man auch damals schon einen alten Haudegen, der  bis kurz vor seinem Tod im Frühjahr 2008  im Widerstand aktiv war. Es war Ritterkreuzträger Otto Riehs, den ich wohl 1980 kennenlernte und der sich immer wieder in unseren Organisationen betätigte, um z.B. als Redner, Wahlkandidat oder Vorsitzender unseres "Freundeskreises Deutscher Politik" zur Verfügung zu stehen. Seine Gradlinigkeit war Legende und – stets beeindruckend. Immer wieder lehnte er es ab, sein Ritterkreuz in der entschärften Form – also ohne Hakenkreuz – zu tragen. "So, wie ich es von meinem Obersten Dienstherrn verliehen bekam, so trage ich es auch!" war Otto's Erklärung zu diesem Thema. Weltweit ging sein Bild durch die Medien, als er – natürlich mit Ritterkreuz – am Grab von Hans Ulrich Rudel, dem "Adler der Ostfront" unter den Worten "Wir Panzerjäger der Infantrie grüßen Dich, den fliegenden Panzerjäger der Luftwaffe!" mit dem Deutschen Gruß salutierte. Von Otto Riehs wird noch öfter zu sprechen sein, so lernte ich durch ihn z.B. auch den Kammerdiener des Führers, Karl-Wilhelm Krause kennen, als wir auf Einladung von Otto an einer NPD-Veranstaltung mit David Irving teilnahmen. Am 9. November 2003 wurde Otto Riehs jedenfalls Ehrenmitglied des "Kampfbundes Deutscher Sozialisten" und setzte damit seine nationalrevolutionäre Tradition innerhalb des Nationalen Widerstandes fort.


Die NATIONALEN AKTIVISTEN (II)

Während wir ständig auf Achse waren, spielten sich dennoch die spektakulärsten Aktivitäten immer noch in Frankfurt (am Main) ab. Frankfurt hatte eine rechte, ja sogar nationalrevolutionäre Tradition, denn einerseits hatte hier die NPD jahrelang ihre sog. Deutschlandtreffen durchgeführt, schon damals begleitet von teilweise bürgerkriegsähnlichen Zuständen, anderseits war hier auch die VSBD recht stark gewesen. Die Volkssozialistische Bewegung Deutschlands (Partei der Arbeit) also, die von einem gewissen Friedhelm Busse gegründet wurde, nachdem dieser 1971 aus der NPD ausgeschlossen worden war. Friedhelm Busse – der mich auch durch sein ganzes Auftreten immer wieder an Gregor Strasser erinnerte – stand später zeitweise Michael Kühnen und damit auch mir in ausgesprochen feindlicher, ja unversöhnlicher Haltung gegenüber.
Otto Ernst Remer

Er hatte grundlos und vor laufender Kamera gegen Kühnen gehetzt und damit auch andere – eher neutrale Kräfte – gegen sich aufgebracht. Später gab Busse im engeren Kreise wiederholt zu, daß er einen Fehler gemacht habe und auch ich bin noch heute der Meinung, daß wir gerade in den Jahren 1983-1988 aber auch darüber hinaus sehr gut und erfolgreich mit Busse hätten zusammenarbeiten können, aber zunächst mal war das Tischtuch zerschnitten. Über Friedhelm Busse wird in der Folge noch zu berichten sein, aber schon hier sei festgestellt, daß wir uns Jahre später bei einer Demonstration von Christian Worch in Dortmund (2001) wieder gesehen und versöhnt haben.

Doch zurück ins Frankfurt der 80er Jahre. Zwar waren einige Akteure der VSBD mittlerweile nicht mehr aktiv, der wildeste von allen, Frank Schubert, sogar tot, aber die Gebrüder Müller, Arndt-Heinz Marx und andere waren der Staatsmacht noch in "bester" Erinnerung. Besonders natürlich durch die Vorgänge auf der Zeil, der großen Frankfurter Einkaufsmeile, als linke Antifaschisten glaubten einen Info-Stand der VSBD stürmen zu müssen.

Jeweils links hinter Brehl und Marx: Peter und Klaus Müller

Die VSBD'ler und an der Spitze Frank Schubert, wehrten sich aber gegen eine gewaltige Übermacht ausgesprochen erfolgreich, sodaß am Ende diese in Notwehr handelnden und ihren angemeldeten Info-Stand verteidigenden Kameraden wegen "schweren Landfriedensbruchs" vor Gericht gestellt und zu hohen Strafen verurteilt wurden. Schubert war groß, kräftig und gewalttätig. Im Straßenkampf ersetzte er 5-6 andere wehrfähige Männer aber er  fuhr auch unverblümt die Gewaltschiene und machte sich schwerster Straftaten schuldig. Unvergessen ist noch die Geschichte, als Klaus Müller abends vorm Fernseher saß und die Hessenschau verfolgte, die gerade über einen bewaffneten Banküberfall berichtete. Gezeigt wurde dabei auch das von einer Überwachungskamera aufgezeichnete Bild des Täters. Ein bulliger, mit einem Flecktarnanzug bekleideter Mann mit Schußwaffe. Kurze Zeit später klingelte es bei Klaus Müller und vor der Tür stand ein bulliger, mit einem Flecktarnanzug bekleideter Mann: Frank Schubert. Später erschoß Schubert beim Versuch, Waffen nach Deutschland zu schmuggeln zwei Schweizer Zollbeamte und richtete sich anschließend selbst. Obwohl wir seine Taten schon damals um keinen Preis gutheißen konnten, war er ja doch einer von uns und so gehörte zu unseren Aufmärschen am Heldengedenktag in Frankfurt auch stets der Besuch des Grabes von Frank Schubert.


"Portion Nudelsalat gefällig?"

Die Wohnung unseres Kameraden Klaus Müller in der Bonameser Hainstraße 13 in Frankfurt war so etwas wie unsere Zentrale geworden; hier wurde – nach erfolgreichen Aktionen – auch immer wieder ausgiebig gefeiert. Hier provozierten wir aber auch eine ganze Reihe von spektakulären Polizeieinsätzen, die mit dafür verantwortlich waren, daß ich manchmal an mehreren aufeinanderfolgenden Wochenenden in Frankfurt vorläufig festgenommen wurde. Ich werde nie vergessen, wie die ständig um uns besorgten Polizeibeamten mal wieder wegen Ruhestörung angerückt waren und dabei den Fehler gemacht hatten, ihren Streifenwagen direkt unter dem Fenster des Kameraden Müller zu parken. Die waren doch nur zu zweit und wir waren viele, was wollten die denn? Uns die Stimmung vermiesen? Bestimmt nicht! Die Polizei gefiel sich damals allgemein darin, die ihnen bekannten Kameraden zu duzen und wir duzten zurück. Die wollten irgendwas und Klaus war – als Wohnungsinhaber – ihr Ansprechpartner. Was die aber auch wollten, Klaus wollte es nicht und so gab ein Wort das andere und außerdem muß der Badenweiler-Marsch schon in einer gewissen Lautstärke gespielt werden, sonst ist das nichts! Irgendwann wurde es dem Kameraden Müller zu bunt und er ergriff eine riesige Glasschüssel mit Nudelsalat, der eigentlich unsere Bäuche hätte füllen sollen und bevor ich oder ein anderer hätte eingreifen können, hatte Klaus die Schüssel aber auch schon auf das unten geparkte Polizeiauto fallen lassen – immerhin aus dem ersten Stock. Bei dieser Sauerei verstanden die Herren Ordnungshüter plötzlich keinen Spaß mehr und forderten Verstärkung an. Und die kam dann auch... Soweit das Auge reichte standen plötzlich Polizeifahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht in der Bonameser Hainstraße. Nun waren die anderen deutlich mehr als wir, dazu noch bestens ausgerüstet und stocknüchtern. Kurz, wir hatten keine Chance! Die Ordnungsmacht stürmte das Haus und ehe wir es richtig registrieren konnten, hatten wir alle die Plastikhandschellen an und standen zum Abtransport bereit. Nur der gute Klaus war weit und breit nicht zu sehen, aber im Haus war er noch, denn kurze Zeit später hörten wir seine Schreie, als die "Bullen" ihn nach Strich und Faden vermöbelten. Ähnliche Dinge passierten öfter und so kann es im nachhinein nicht verwundern, daß die Hemmschwelle gegen uns einzuschreiten stetig sank.


"Mollis am Fenster?"

Bereits eine Woche später kam es zum nächsten spektakulären Vorfall im Bereich der Bonameser Hainstraße. Zwar hatten wir es geschafft, bei Klaus ein kameradschaftliches Beisammensein abzuhalten, ohne daß es zu einem Polizeieinsatz gekommen war, aber man soll ja bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben. Irgendwann waren wir alle bier- oder auch äbbelwoiselig (Äbbelwoi = Apfelwein, das Frankfurter Nationalgetränk) eingeschlafen und dösten vor uns hin. Nach einem Geräusch am Fenster der Wohnung von Klaus Müller, löste dessen Bruder Peter einen Vollalarm aus. Er schrie aus voller Brust, weckte alle auf und meldete, die Linken hätten einen Molotow-Cocktail (Molli) an das Fenster geworfen und die Funken hätten nur so gesprüht. Auf sowas hatten unsere nicht nur schlaftrunkenen Kameraden gerade gewartet. Jeder ergriff einen Gegenstand und das war in den meisten Fällen eine der Dekorationswaffen, die bei Klaus in der Wohnung hingen und rumlagen und stürmte auf die Straße um die vermeintlichen Linken zu suchen und dingfest zu machen. Dieses plötzliche Gegröle, die Stiefeltritte auf dem Asphalt und die Parolen, weckten die benachbarten Anlieger nicht nur auf, sondern es erschien ihnen, als sei ein Bürgerkrieg ausgebrochen und bewaffnete "Nazihorden" würden marodierend durch die Stadt ziehen. Es kam, was kommen mußte: Die alarmierte Polizei rückte – da die zahlreichen Notrufe alle aus dem Bereich der Bonameser Hainstraße kamen – gleich mit einem riesigen Kontingent von Einsatzkräften an. Diesmal wirkte das Ganze noch beeindruckender als die Woche zuvor, denn diesmal war es ja Nacht und die zuckenden Blaulichtketten erweckten den Eindruck eines Katastropheneinsatzes.
Kfhr. Peter Müller

Na ja, eine Katastrophe war der Einsatz dann ja auch, allerdings für uns. Längst hatten wir uns wieder ins Haus zurückgezogen, als aus dem Lautsprecher eines der Einsatzwagen die Aufforderung an uns gerichtet wurde, wir mögen ohne Waffen, mit erhobenen Händen und natürlich umgehend das Haus verlassen und uns ergeben. Andernfalls würde in wenigen Minuten gestürmt werden. Muß ich erwähnen, daß wir uns natürlich nicht ergeben haben? Mittlerweile hatten auch die schon wieder um ihre wohlverdiente Ruhe gebrachten Spießbürger der Nachbarschaft die Atmosphäre noch angeheizt. Aus geöffneten Fenstern hörten wir Rufe wie "Verhaftet endlich die Terroristen!" und ähnliches. Na ja, man stürmte tatsächlich das Haus und unversehens fanden wir uns mit an die Wand gelehnten, erhobenen Händen und gespreizten Beinen auf der Straße wieder. Als ich den Blick schweifen ließ, ob auch alle da waren, sah ich, daß man in dem Trubel auch den Linken aus der Nachbarwohnung von Klaus verhaftet hatte. Das war so ein eher harmloser, langhaariger Spinner, der uns im großen und ganzen in Ruhe ließ. Er hatte zwar überall linke Aufkleber an seiner Tür, rauchte wohl auch gelegentlich diverse Rauschmittel, aber alles in allem litt er wahrscheinlich mehr unter uns, als wir unter ihm. Aber bei einer Massenfestnahme konnte man wohl auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen, auch die "linke Bazille" mußte mit auf's Revier. Dort hat er dann immer wieder weinerlich betont, daß er bestimmt nicht zu uns gehöre und mit all dem nichts zu tun habe. Nun sind wir ja keine Unmenschen, nach kurzer Leidenszeit haben wir den Beamten dann seine Geschichte bestätigt und er durfte gehen. Trotzdem mußte das alles zu viel für ihn gewesen sein, denn als wir am anderen Tag erstmal wieder freigelassen wurden und zurück in die Bonameser Hainstraße kamen, da war "Kamerad Schnürschuh" gerade am Packen. Er ist noch am selben Tag ausgezogen und wurde nie wieder gesehen. Aber auch noch etwas anderes konnten wir jetzt bei Tageslicht feststellen: Am Fenster von Klaus Wohnung waren nicht die geringsten Brandspuren zu entdecken, wohl aber die Reste von mehreren weichgekochten Kartoffeln, die z.T. auch auf dem Bürgersteig lagen. Es waren dies wohl die einzigen Kartoffeln, die beim Auftreffen auf einen Fensterrahmen Funken sprühen lassen konnten...

Handzettelaktion in Frankfurt, 1982

Eine Woche später fuhr ich übrigens wieder nach Frankfurt, diesmal wollten wir Handzettel auf dem Bahnhofsvorplatz verteilen. Der junge Kamerad, der mich begleiten sollte, äußerte seine Bedenken und befürchtete Ärger mit seinen Eltern, war ich doch zweimal hintereinander festgenommen worden. Ich beruhigte ihn mit den Worten: "Na ja, jetzt bin ich zweimal festgenommen worden, ein drittes Mal bestimmt nicht...!" An diese Worte mußte ich denken, als ich, auf dem Bahnhofsvorplatz stehend diese riesige Kolonne blaulichtbewehrter Einsatzfahrzeuge auf mich zukommen sah...

Diesmal wurden wir allerdings nicht Opfer unseres ungestümen Temperaments, sondern Opfer einer juristischen Kontroverse, die sich über Monate hinzog und von der Öffentlichkeit zunächst unbemerkt hinter verschlossenen Türen der Frankfurter Justizbehörde ausgetragen wurde. Freilich war auch damals schon jede NS-Propaganda verboten, aber bei der Forderung nach Aufhebung des NS-Verbots schieden sich die Geister. So wurden uns in der oben erwähnten spektakulären Aktion am Frankfurter Hauptbahnhof alle Flugblätter beschlagnahmt und ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verstoßes gegen § 86 StGB eingeleitet. Wochen später aber hatte die Staatsschutzkammer entschieden, das Hauptverfahren nicht zu eröffnen, weil zwar die NS-Propaganda, nicht aber die Forderung nach Aufhebung ihres Verbots strafbar wäre. Wir bekamen sogar unsere Unmengen von Flugblättern zurück und begannen erneut mit diversen Verteilaktionen. Zwischenzeitlich war aber das Oberlandesgericht zu der Überzeugung gelangt, daß auch die Forderung nach Aufhebung des NS-Verbots unter die einschlägigen Strafbestimmungen falle und so ging das Spielchen von vorne los. Wieder wurden uns die Blätter beschlagnahmt, wieder wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Wir kamen allerdings mit einem blauen Auge davon, da wir "Verbotsirrtum" geltend machen konnten. Schließlich hatten wir Druckwerke verteilt, die uns die Staatsanwaltschaft vorher selbst wieder ausgehändigt hatte.


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