Langen, 15.08.2001
Herrn
E g o n K r e n z
JVA - Plötzensee, Friedrich-Olbricht-Damm 16
13627 Berlin
Lieber Egon Krenz,
dies ist nun schon das zweite Schreiben das ich an Sie richte, es wird sicherlich - ebenso wie das erste - unbeantwortet bleiben.
Ich schreibe Ihnen trotzdem, Hintergrund ist der Artikel "Gerechtigkeit für Egon K.?", den ich dem Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL", Ausgabe 32/2001, entnehme.
Ich bin mir mit einigen anderen Führungskameraden des KDS seit langem darüber im Klaren, daß das was heute als "friedliche Revolution" gefeiert wird, nämlich der Anschluß der sozialistischen DDR an die kapitalistische BRD - unter Aufgabe aller sozialistischen Prinzipien und Errungenschaften des Arbeiter- und Bauernstaates - nur gelingen konnte, weil die verantwortlichen Kräfte in der DDR, namentlich Sie, auf ein Blutvergießen verzichteten und die DDR kampflos ihren erklärten Feinden auslieferten. Sicher, Sie hatten schwerlich eine andere Wahl, die einzige Alternative wäre das Schreckenszenario bürgerkriegsähnlicher Zustände gewesen, daß Sie dies kraft Ihres Amtes zu verhindern wußten, bleibt Ihr historischer Verdienst, allen gegenteiligen Auffassungen zum Trotz.
Wünschenswert wäre allerdings eine Vereinbarung mit den "neuen Herren" gewesen, die sichergestellt hätte, daß man Ihr überlegtes und auf Deeskalation ausgerichtetes Handeln auch nach der sogenannten "Wende" zu Ihren Gunsten gewertet und auf jedwede Strafverfolgung der politisch und militärisch Verantwortlichen der DDR verzichtet hätte. Gerüchten zufolge ist eine solche Vereinbarung von Ihnen auch angestrebt worden, letztendlich wurde sie wohl durch Ihre Entmachtung durch die Herren Gysi und Modrow verhindert. Eine solche Vereinbarung nicht herbeigeführt zu haben, solange das möglich war, stellt ein politisches Versäumnis dar und ist für Ihre jetzige Situation (und die anderer) ursächlich verantwortlich. Möglicherweise irre ich mich hier auch, auch deshalb wäre ich sehr an einigen Zusatzinformationen aus Erster Hand (also von Ihnen) sehr interessiert.
Wie oben bereits erwähnt, rechne ich nicht mit Ihrer Rückantwort, würde mich gleichwohl trotzdem sehr darüber freuen, unabhängig davon verbleibe ich mit besten Grüßen und Wünschen für Ihre private und politische Zukunft, vorwärts im Kampf für ein nationales, sozialistisches Deutschland der Freiheit, der Ehre und des Rechts!
Stets Ihr
Thomas Brehl
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